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Der Tod im Schacht – Das Rätsel der Gefolgschaft von Ur

Staub wirbelt auf, als die schweren Schlitten und Wagen langsam die Rampe hinabgleiten. In der Tiefe des Schachtes, direkt vor der steinernen Grabkammer der Stadtfürstin Pû-abi, kommen sie zum Stehen. Es ist ein beklemmendes Szenario im alten Ur, etwa 2600 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Ochsen und Onager1 schnauben in der Hitze, während Männer sie in Position bringen. Um sie herum versammeln sich Frauen in prächtigen Gewändern, deren goldener Kopfschmuck im fahlen Licht der Fackeln glänzt. Sie tragen Harfen und Leiern, bereit für ein letztes, ewiges Bankett an der Seite ihrer Herrin.

Reichtum und Ritual in der Tiefe

Als der britische Archäologe Leonard Woolley in den 1920er Jahren den „Königsfriedhof“ von Ur freilegte, stieß er auf Funde, die die Fachwelt erschütterten. In 16 monumentalen Schachtgräbern fand er nicht nur die Hauptbestattungen – die Könige und Königinnen von Ur –, sondern auch die Überreste von Dutzenden Menschen, die ihnen gleichzeitig ins Grab gefolgt waren.

Diese sogenannten Gefolgschaftsbestattungen variierten in ihrem Ausmaß beträchtlich. Während der Fürstin Pû-abi gut zwei Dutzend Menschen in die Unterwelt folgten und in kleineren Anlagen nur vier Personen beigegeben wurden, bot das Grab PG 1237 – von Woolley treffend „The Great Death Pit“ genannt – den Anblick von 74 Toten, die in geordneten Reihen nebeneinanderlagen. Die meisten von ihnen waren Frauen, geschmückt mit Goldohrringen, Ketten aus Lapislazuli und kunstvollen Haarbändern.

Musikerinnen und Palastwachen

Goldener Bulle, TG 1237

Akribische Analysen der Fundlage zeigen: Die Bestatteten im Schacht nahmen ihre Rollen aus dem Leben direkt mit ins Jenseits. In der Nähe der prachtvollen Saiteninstrumente mit silbernen Rinderköpfen lagen die Musikerinnen. Sie trugen oft ein spezifisches Schmuckset, das Woolley als „Lady“-Ausstattung bezeichnete.

An den Eingängen der Schächte oder bei den Grabkammern fanden sich hingegen männliche Skelette, die mit Speeren und Dolchen ausgerüstet waren – eine letzte Wache für die Herrscher. Besonders auffällig sind Männer, die mit einer speziellen Stirnkette, dem „Brîm“, bestattet wurden. Diese markante Perlenkombination weist auf einen gehobenen sozialen Status hin, den diese Personen bereits zu Lebzeiten in der Palast- oder Tempelhierarchie besaßen.

Die Frage nach dem „Wie“

Über Jahrzehnte prägte Woolleys romantisierte Vorstellung das Bild: Die Diener seien freiwillig mit ihrer Herrschaft in den Tod gegangen, indem sie einen Gifttrank aus kleinen Bechern einnahmen und friedlich einschliefen. Doch moderne Untersuchungen an den Skelettresten lassen Zweifel an dieser friedlichen Szenerie aufkommen.

Röntgenaufnahmen und CT-Scans von Schädeln, die heute in Museen in London und Philadelphia aufbewahrt werden, offenbaren bei mindestens zwei Individuen Spuren schwerer Gewalteinwirkung durch stumpfe Gegenstände. Zudem gibt es chemische Hinweise darauf, dass einige Leichname durch Erhitzen konserviert wurden, bevor man sie im Schacht drapierte. Dies deutet darauf hin, dass die Zeremonie weitaus komplexer – und gewaltsamer – gewesen sein könnte, als Woolley einst glaubte.

Loyalität oder Zwang?

Hinter den goldenen Masken und edlen Steinen verbirgt sich die Frage nach der Motivation dieser Menschen. War es blinde Loyalität gegenüber einem Herrscher, dem man göttliche Qualitäten zusprach? Oder war es der massive soziale Druck einer hierarchischen Gesellschaft, in der das Individuum ohne seinen Haushalt keine Existenzgrundlage besaß?

Die gegenseitige Verpflichtung zwischen Herrscher und Gefolge war im alten Mesopotamien zentral: Der Herrscher bot Schutz und Versorgung, das Gefolge antwortete mit unbedingter Treue. In einer Welt, in der das Schicksal eines Menschen (sumerisch nam-tar) bereits bei der Geburt durch die Götter festgesetzt wurde, mochte dieses Ende an der Seite der Elite als ehrenvolle Erfüllung der eigenen Bestimmung gegolten haben.

Ob die Musikerinnen von Ur ihre letzte Melodie im Wissen um ihr Schicksal spielten oder ob sie Opfer eines brutalen Machtspektakels wurden, bleibt eine der offenen Fragen der Archäologie.


Prozession zum Grab um 2600 v.u.Z., Zeichnung von 1928

Zum Weiterlesen

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Radner, K. (2026): Mesopotamien. Die frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris.*

Fram, E. (2026): Geschichte des alten Mesopotamien.*

Bildnachweis

Titel: Ausgrabungen der Königsgräber, 1878.

  1. Persischer Halbesel. ↩︎

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