Perikles, der einflussreichste Staatsmann Athens, vertraut einem Fremden aus Abdera eine monumentale Aufgabe an: Protagoras soll die Verfassung für die neue panhellenische Kolonie Thurioi im Süden Italiens entwerfen. Es ist das Jahr 443 v. Chr., und die Wahl fällt gezielt auf den Mann, der verspricht, Tugend und politisches Handeln lehren zu können. Protagoras agiert als gefragter Berater im Zentrum der intellektuellen Elite Athens; er hebt sich bewusst von der Figur des einsamen Grüblers ab. Für seine Unterweisungen verlangt er horrende Summen. Sein Honorar übersteigt nach zeitgenössischen Berichten das Einkommen des berühmten Bildhauers Phidias und das von zehn weiteren Bildhauern zusammen. Protagoras ist auf dem Höhepunkt seines Wirkens.
Der Mensch als Maßstab
Im Mittelpunkt des protagoreischen Denkens steht ein radikaler Bruch mit der Tradition. In einer Zeit, in der das Schicksal des Einzelnen oft als Spielball göttlicher Mächte verstanden wird, formuliert Protagoras seinen berühmten Homo-Mensura-Satz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Für die politische Praxis in Athen bedeutet dies eine enorme Aufwertung des Individuums. Da es keine objektive, gottgegebene Wahrheit gibt, die für alle gleichermaßen erkennbar ist, muss die beste Entscheidung im öffentlichen Raum durch das stärkere Argument gefunden werden.
Protagoras versteht sich als Lehrer der Arete, der politischen Tüchtigkeit. Er vermittelt seinen Schülern die Fähigkeit, in der Volksversammlung und vor Gericht erfolgreich zu bestehen. Sein Ziel ist die Ausbildung des mündigen Bürgers, die weit über das Erlernen bloßer Rhetorik hinausgeht. In der neugegründeten Stadt Thurioi setzt er dieses Konzept um: Er führt die staatliche Besoldung von Lehrern ein – eine für die Antike revolutionäre Maßnahme, die darauf abzielt, die Teilhabe am Staat durch den Zugang zu Bildung für alle Bürger zu ermöglichen.
Zweifel an den Göttern
Die Offenheit, mit der Protagoras die Grenzen menschlichen Wissens benennt, führt ihn Berichten zufolge schließlich in Konflikt mit den Priesterschaften Athens. In seiner Schrift „Über die Götter“ äußert er sich skeptisch: Über die Götter könne er weder wissen, dass sie sind, noch, dass sie nicht sind. Die Kürze des menschlichen Lebens und die Undurchschaubarkeit der Götterwelt stünden einer klaren Erkenntnis im Weg.
Dieser Agnostizismus ist im Athen des ausgehenden 5. Jahrhunderts v. Chr. gefährlich. Während des Peloponnesischen Krieges wächst die Nervosität in der Stadt; religiöse Abweichler geraten zunehmend unter Druck. Spätere Quellen berichten, Protagoras sei wegen Gottlosigkeit angeklagt und seine Schriften auf dem Marktplatz öffentlich verbrannt worden. Ob diese Prozesse tatsächlich so stattfanden oder eine spätere Legendenbildung darstellen, bleibt in der Forschung jedoch umstritten.
Flucht und Ende

Um einer möglichen Verurteilung zu entgehen, bricht der Philosoph – folgt man der Tradition – um das Jahr 411 v. Chr. nach Sizilien auf. Doch die Flucht endet tragisch. Das Schiff, auf dem er sich befindet, gerät in Seenot und sinkt. Protagoras ertrinkt im Mittelmeer.
Sein Werk ist heute nur noch in Trümmern und Zitaten bei antiken Schriftstellern wie Platon oder Diogenes Laertios erhalten. Dennoch bleibt sein Einfluss auf das Verständnis von Macht und Mitbestimmung bestehen: Die Idee, dass staatliche Ordnung auf menschlicher Übereinkunft und Erziehung basiert, prägt das politische Denken bis in die Gegenwart. Ob Protagoras’ Scheitern am Ende der mangelnden Gunst der Götter oder schlicht der unberechenbaren Natur des Meeres geschuldet war, blieb für seine Zeitgenossen eine Frage des Standpunkts – ganz im Sinne seines eigenen Denkens.
Zum Weiterlesen
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Nennen, H.-U. (2017): Der Mensch als Maß aller Dinge?: Über Protagoras, Prometheus und Pandora.*
Sinn, U. (2004): Athen: Geschichte und Archäologie.*
Schulz, R. (2015): Athen und Sparta.*
Bildnachweis
Titel: Archäologischer Park Sybaris/Thurioi, Wikimedia Commons, Peter Stewart. CC BY-SA 2.0.
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