Am Morgen des 21. Januar 1793 fährt eine geschlossene Kutsche durch Paris. Nationalgardisten sichern die Straßen. Geschäfte bleiben geschlossen, an wichtigen Kreuzungen stehen Kanonen. In der Kutsche sitzt Ludwig XVI., der seit der Abschaffung der Monarchie nur noch Louis Capet genannt wird. Sein Weg führt zum Place de la Révolution.
Wenige Monate zuvor war er noch König von Frankreich gewesen. Nun hat ihn der Nationalkonvent wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Zwischen dem Sturm auf die Tuilerien im August 1792 und diesem Januarmorgen hat Frankreich die Monarchie abgeschafft, eine Republik gegründet und seinen ehemaligen König vor Gericht gestellt.
Angst in Paris
Nach dem 10. August bleibt die Lage angespannt. Preußische und österreichische Truppen rücken nach Frankreich vor. Ende August fällt Longwy, Anfang September kapituliert Verdun. In Paris verbreitet sich die Nachricht, der Weg zur Hauptstadt könne bald offenstehen.
Gleichzeitig sind die Gefängnisse gefüllt. Unter den Gefangenen befinden sich Priester, die den Eid auf die von der Revolution beschlossene Kirchenordnung verweigert haben, sowie politische Gegner der Revolution. Viele Pariser fürchten, diese Männer könnten bei einem Vormarsch der feindlichen Armeen freikommen und sich gegen die Hauptstadt wenden.
Am 2. September beginnt die Gewalt. Bewaffnete Gruppen dringen in Gefängnisse ein und töten Gefangene. In den folgenden Tagen entstehen improvisierte Verfahren, bei denen einzelne Gefangene freigesprochen, andere sofort getötet werden.
Bis zum 6. September sterben in Paris mehr als tausend Menschen. Die Mehrheit der Opfer sind Gefangene, denen keine Beteiligung an einer konkreten Verschwörung nachgewiesen worden ist.
Die Septembermorde werden zu einer schweren Belastung für die Revolution. Einige führende Politiker versuchen, die Gewalt zu erklären oder als Reaktion auf die Kriegsgefahr darzustellen. Andere verurteilen sie. Vor allem im Ausland prägen die Massaker das Bild einer Revolution, deren politische Konflikte zunehmend mit Gewalt ausgetragen werden.
Valmy
Während in Paris Gefangene getötet werden, rücken die preußischen Truppen weiter vor. Am 20. September treffen französische und preußische Verbände bei Valmy aufeinander.
Die Schlacht ist militärisch ungewöhnlich: Statt eines großen Angriffs kommt es vor allem zu einem Artillerieduell, nach dem sich die Preußen schließlich zurückziehen.
Für Frankreich ist das Ergebnis dennoch von großer Bedeutung. Die revolutionären Armeen haben gezeigt, dass sie einem erfahrenen europäischen Heer standhalten können. Die unmittelbare Gefahr eines schnellen Vormarsches auf Paris nimmt ab.
Am selben Tag tritt in Paris der neu gewählte Nationalkonvent zusammen.

Die Republik
Am 21. September 1792 beschließt der Nationalkonvent die Abschaffung des Königtums. Einen Tag später wird die Republik zum Ausgangspunkt einer neuen Zeitrechnung erklärt.
Frankreich hat damit erstmals seit Jahrhunderten keinen König mehr. Die Abgeordneten müssen nun entscheiden, wie die neue Staatsordnung aussehen soll. Zugleich führen sie weiterhin Krieg und stehen unter dem Druck einer politisch mobilisierten Hauptstadt.
Im Konvent bilden sich bald unterschiedliche Lager heraus. Abgeordnete der Gironde verfügen zunächst über erheblichen Einfluss. Ihnen gegenüber sitzen die Montagnards, die auf den höheren Bänken des Sitzungssaals Platz nehmen und engere Beziehungen zu den Sansculotten – vor allem Handwerkern und Kleinbürgern aus den Pariser Stadtvierteln – haben.
Zwischen beiden Gruppen gibt es zahlreiche Konflikte. Besonders scharf wird der Streit bei der Frage, was mit dem abgesetzten König geschehen soll.
Die Papiere des Königs
Seit August lebt Ludwig mit seiner Familie im Temple. Zunächst ist noch offen, ob gegen ihn überhaupt ein förmlicher Prozess geführt werden soll.
Im November verändert ein Fund die Lage. Im Tuilerienpalast wird ein verborgenes Fach entdeckt, der sogenannte eiserne Schrank. Darin befinden sich Dokumente, die Kontakte des Hofes zu verschiedenen Politikern und Vermittlern belegen.
Die Papiere verstärken den Verdacht, dass Ludwig während der Revolution hinter den Kulissen gegen deren Beschlüsse gearbeitet hat. Seine Flucht nach Varennes und seine Kontakte zu ausländischen Höfen sind ohnehin bekannt. Für seine Gegner bestätigt sich nun das Bild eines Königs, der öffentlich Gesetze akzeptiert und zugleich versucht hat, die Revolution zu schwächen.
Der Konvent beschließt, Ludwig vor Gericht zu stellen.
Louis Capet vor dem Konvent
Am 11. Dezember 1792 wird Ludwig in den Sitzungssaal des Nationalkonvents gebracht. Die Abgeordneten sprechen ihn als Louis Capet an und lassen den Königstitel weg.
Man legt ihm zahlreiche Anklagepunkte vor. Sie betreffen seine Haltung gegenüber der Revolution und die Flucht nach Varennes. Auch seine Kontakte zu ausländischen Mächten spielen eine Rolle.
Ludwig weist viele Vorwürfe zurück. Er erklärt, manche Entscheidungen seien durch die damalige Verfassung gedeckt gewesen. Für andere Handlungen macht er seine Minister verantwortlich oder bestreitet, die vorgelegten Dokumente zu kennen.
Seine Verteidiger versuchen, die einzelnen Vorwürfe juristisch zu entkräften. Doch für viele Abgeordnete geht es um mehr als einzelne Gesetzesverstöße. Sie sehen den ehemaligen König als politische Gefahr für die junge Republik.
Die Abstimmungen
Im Januar 1793 stimmt der Konvent über Ludwigs Schicksal ab. Zunächst entscheiden die Abgeordneten über seine Schuld. Das Ergebnis ist eindeutig: Ludwig wird schuldig gesprochen.
Umstrittener ist die Strafe. Einige Abgeordnete wollen die Entscheidung durch eine Volksabstimmung bestätigen lassen. Dieser Vorschlag findet nicht genug Anhänger.
Bei der entscheidenden Abstimmung über die Strafe spricht sich eine knappe Mehrheit für den Tod aus. Versuche, die Hinrichtung aufzuschieben, scheitern ebenfalls.
Die Entscheidung zeigt, wie tief die Revolution inzwischen in die alte politische Ordnung eingegriffen hat. Ein König, dessen Person wenige Jahre zuvor rechtlich kaum antastbar erschien, wird nun von einer gewählten Versammlung verurteilt.
Der 21. Januar
Am Morgen des 21. Januar wird Ludwig aus dem Temple abgeholt. Der ehemalige König erhält geistlichen Beistand durch den Priester Henry Essex Edgeworth de Firmont, der den Eid auf die neue Kirchenordnung verweigert hat. Anschließend fährt die Kutsche durch ein militärisch gesichertes Paris zum Place de la Révolution. Dort steht die Guillotine.
Ludwig versucht auf dem Schafott, zur Menge zu sprechen. Trommeln übertönen seine Worte. Kurz darauf wird er hingerichtet.
Der Tod des Königs verändert die außenpolitische Lage. Für die europäischen Monarchien erhält der Konflikt mit Frankreich eine neue Bedeutung. Großbritannien und weitere Staaten treten bald in den Krieg gegen die Republik ein.
Auch innerhalb Frankreichs verschärft sich der Streit. Die Girondisten und die Montagnards geben sich gegenseitig die Schuld an politischen Krisen. In Paris verlangen Sansculotten schärfere Maßnahmen gegen vermeintliche Feinde der Revolution.
Die Republik hat ihren König beseitigt. Doch sie steht nun vor einem Krieg, der sich ausweitet, und vor Konflikten im eigenen Land, die immer gewaltsamer werden.
Wenige Wochen nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. beginnt in der Vendée ein Aufstand gegen die revolutionäre Regierung. Gleichzeitig verliert Frankreich an den Grenzen erneut militärisch an Boden. Aus dem Streit um die Republik entwickelt sich im Frühjahr 1793 eine Krise, in der Krieg und politische Gewalt immer enger zusammenrücken.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
- Thamer, H. U. (2023): Die Französische Revolution. C.H. BECK Wissen.*
- Willms, J. (2025): Tugend und Terror: Geschichte der Französischen Revolution.*
Bildnachweis
Titel: Hinrichtung des Ludwig des XVI., Kupferstich aus dem Jahr 1793
Alle Bilder gemeinfrei.




