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Barfuß im Schnee – Das Drama von Canossa

Mit scharfen Worten griff Heinrich IV. im Januar 1076 nach der höchsten Autorität in der christlichen Weltordnung, als die königliche Kanzlei auf dem Hoftag in Worms ein provokantes Schreiben an Gregor VII. verfasste, das dem Pontifex den Papsttitel verweigerte. Der Text, der den Papst schlicht als „Hildebrand“ adressierte, forderte diesen unmissverständlich auf, den Stuhl Petri zu räumen. Dieser offene Angriff bildete den vorläufigen Höhepunkt einer dramatischen Eskalation, die zuvor mit einem regionalen Aufstand im Norden des Reiches begonnen hatte.

Die Burgen im Harz

Heinrich versuchte, seine Autorität in Sachsen durch ein dichtes Netz steinerner Burgen abzusichern, von denen aus königstreue Ministerialen die Region kontrollierten und rücksichtslos Abgaben eintrieben. Diese herrschaftliche Präsenz provozierte den bewaffneten Widerstand der sächsischen Großen unter Führung Ottos von Northeim, die im Sommer 1073 den Herrscher in seiner Festung auf der Harzburg belagerten. Nachdem der Salier nur knapp durch eine nächtliche Flucht in den Wald entkommen war, zwang er die Aufständischen nach wechselvollen Kämpfen schließlich im Juni 1075 in der Schlacht an der Unstrut militärisch in die Knie.

Der Konflikt um Mailand

Dieser Sieg stärkte das Selbstbewusstsein des Königs enorm, der unmittelbar nach dem militärischen Erfolg in die Besetzung des wichtigen Mailänder Erzbischofsstuhls eingriff und dabei bewusst die ausdrücklichen Anweisungen aus Rom überging. Papst Gregor VII., der in seinem internen Leitsatz-Katalog, dem Dictatus Papae, ein radikal neues Verständnis der päpstlichen Macht vertrat und das Recht beanspruchte, Kaiser abzusetzen sowie Untertanen von ihrem Treueid zu entbinden, beantwortete die Mailänder Provokation mit einer scharfen Zurechtweisung. Als der römische Pontifex offen mit der Exkommunikation drohte, reagierte Heinrich umgehend mit dem Absetzungsschreiben von Worms.

Die geistliche Waffe

Auf der römischen Fastensynode im Februar 1076 beantwortete der Pontifex den Wormser Affront mit einer beispiellosen geistlichen Maßnahme, indem er den Kirchenbann über den deutschen König aussprach, ihn aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausstieß und alle Untertanen von ihrem Treueid entband. Diese Exkommunikation lieferte den oppositionellen Fürsten im Reich eine wirkmächtige Legitimation für den Widerstand, der auf einem Fürstentag im hessischen Trebur im Oktober 1076 in ein unerbittliches Ultimatum mündete. Falls Heinrich länger als ein Jahr im Bann bliebe, wollten die Großen ihm die Anerkennung entziehen und einen neuen König wählen, weshalb sie den Papst zur endgültigen Entscheidung des Konflikts für Anfang Februar 1077 zu einer gemeinsamen Versammlung nach Augsburg einluden.

Barfuß im Schnee

Heinrich IV. in Canossa, Gemälde von 1872

Die drohende Allianz zwischen dem Papst und der fürstlichen Opposition zwang Heinrich zu einer verzweifelten politischen Kehrtwende, da er dem Zusammentreffen in Augsburg zwingend zuvorkommen und den Bann vor Ablauf der Jahresfrist lösen lassen musste. Im tiefsten Winter überquerte er mit seiner Familie unter lebensgefährlichen Bedingungen den verschneiten Mont Cenis, um die norditalienische Burg Canossa zu erreichen, wohin sich der Papst auf dem Weg nach Deutschland zurückgezogen hatte. Ende Januar 1077 stand der König drei Tage lang barfuß und in wollenen Bußkleidern vor den Toren der Festung, um göttliches Erbarmen zu erflehen, was Gregor angesichts dieser öffentlichen Inszenierung zunächst zögern ließ. Der Pontifex gab dem Druck der anwesenden Vermittler – darunter Mathilde von Tuszien – schließlich nach und löste den Salier aus dem Bann. Heinrich rettete durch diese rituelle Unterwerfung zwar seinen Thron, doch der offene Bürgerkrieg um die Krone stand im Reich erst noch bevor.


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Laudage, J. (2024): Die Salier. Das erste deutsche Königshaus.*

Weinfurter, S. (2008): Das Jahrhundert der Salier 1024–1125: Kaiser oder Papst?*

Bildnachweis

Titel: Ruine von Canossa. Wikimedia Commons, Franz Xaver. CC BY-SA 3.0.

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