Am 27. Dezember 1929 trat Stalin in Moskau vor eine Konferenz marxistischer Agrarwissenschaftler. Wenige Monate zuvor hatte die Parteiführung noch darüber gestritten, wie sie wohlhabende Bauern begrenzen könne. Nun erklärte Stalin, die Zeit sei gekommen, die Kulaken als Klasse zu liquidieren.
Im Sprachgebrauch der Partei bezeichnete das zunächst die Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Existenz. Die Behörden sollten ihre Höfe auflösen und den Besitz einziehen. In der Praxis führte der Beschluss zu Deportationen, Lagerhaft und Erschießungen. Zugleich wollte die Führung Millionen bäuerlicher Einzelhöfe in Kolchosen zwingen. Aus dem Kampf um Getreidelieferungen wurde ein Feldzug gegen das Dorf.
Das Jahr der vollständigen Kollektivierung
Noch im Frühjahr 1929 hatte die Parteiführung vorgesehen, bis 1933 etwa 15 bis 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche zu kollektivieren. Im Herbst meldeten Funktionäre an der Wolga und im Nordkaukasus jedoch immer größere Erfolge. Manche behaupteten, die Bauern träten den Kolchosen zu Tausenden bei. Moskau belohnte hohe Zahlen und verlangte daraufhin noch ehrgeizigere Ergebnisse.
Im Dezember setzte das Politbüro eine Kommission unter dem Volkskommissar für Landwirtschaft, Jakow Jakowlew, ein. Sie sollte den Übergang zur massenhaften Kollektivierung vorbereiten. Anfang Januar 1930 bestimmte das Zentralkomitee, dass die wichtigsten Getreidegebiete den Umbau bereits innerhalb weniger Monate vollziehen sollten.

Ein Kolchos war ein landwirtschaftlicher Gemeinschaftsbetrieb. Die Bauern bewirtschafteten ihre Felder gemeinsam und übergaben Zugtiere sowie größere Geräte an den Betrieb. Arbeitsgruppen übernahmen die Aussaat und Ernte. Erst nachdem der Kolchos seine staatlichen Lieferpflichten erfüllt hatte, konnten die Mitglieder einen Anteil am verbleibenden Ertrag erhalten.
Die Parteiführung versprach sich von großen Betrieben einen leichteren Einsatz von Maschinen. Vor allem konnte der Staat die Ernten besser erfassen, weil seine Vertreter das Getreide künftig bei einer überschaubaren Zahl von Kolchosen einfordern konnten. Verhandlungen mit Millionen einzelnen Höfen sollten entfallen.
Dafür fehlten jedoch Traktoren und ausgebildete Verwalter, weshalb die neuen Betriebe in vielen Dörfern zunächst nur auf dem Papier existierten. Trotzdem verlangten Funktionäre schnelle Beitritte und meldeten jede Unterschrift als politischen Erfolg.
Wer zum Kulaken wurde
Am 15. Januar 1930 setzte das Politbüro eine weitere Kommission unter Molotows Leitung ein. Partei- und Geheimpolizeichefs aus den wichtigsten Anbaugebieten sollten festlegen, wie die sogenannten Kulaken zu behandeln seien. Bereits am 30. Januar beschloss das Politbüro die Vertreibung Hunderttausender Familien.
Die Geheimpolizei teilte die Betroffenen in mehrere Gruppen ein. Bauern, denen sie aktiven Widerstand vorwarf, kamen in Konzentrationslager; einige wurden erschossen. Wohlhabendere Familien sollten nach Sibirien oder in den Ural deportiert werden, während andere ihre Häuser verlassen und abgelegene Flächen innerhalb ihrer bisherigen Region beziehen mussten.
Wer zu diesen Gruppen gehörte, ließ sich kaum eindeutig bestimmen. Als verdächtig galten Bauern, die zeitweise Arbeitskräfte beschäftigten oder eine Mühle besaßen. Auch Handelstätigkeiten konnten zur Einstufung als Kulak führen, obwohl die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den meisten Höfen gering waren.

Hinzu kamen Vorgaben von oben. Bezirke sollten eine bestimmte Zahl von Kulaken erfassen. Wer den Eintritt in den Kolchos verweigerte oder einen Funktionär kritisierte, konnte deshalb ebenfalls auf einer Liste landen. Für Menschen, die angeblich mit Kulaken sympathisierten, entstand eine eigene Bezeichnung: Podkulatschnik, Kulakenhelfer.
Örtliche Feindschaften spielten bei der Auswahl ebenfalls eine Rolle. Nachbarn konnten einen Bauern anzeigen und anschließend von seinem Besitz profitieren. Die Brigaden beschlagnahmten Vorräte und Vieh, häufig nahmen sie auch Möbel oder Kleidung mit. Der neue Kolchos erhielt einen Teil der Beute, während Funktionäre anderes unter sich verteilten.
Arbeiter ziehen aufs Land
Moskau misstraute den Parteivertretern in den Dörfern. Viele stammten selbst aus Bauernfamilien und scheuten sich, Nachbarn zu enteignen. Andere besaßen kaum Einfluss. Die Parteiführung schickte deshalb Arbeiter aus den Industriezentren aufs Land.
Die Aktion wurde als Bewegung der Fünfundzwanzigtausender bekannt. Tatsächlich folgten mehr als fünfundzwanzigtausend Arbeiter dem Aufruf. Viele meldeten sich freiwillig, weil sie sich als Vorhut einer zweiten Revolution sahen und im Dorf wohlhabende Ausbeuter zu finden erwarteten.
Vor Ort trafen sie überwiegend auf kleine oder mittlere Bauernhöfe. Ihre Erfahrungen aus den Fabriken halfen ihnen bei der Bewirtschaftung kaum. Dennoch sollten sie Kolchosen gründen und deren Vorsitzende auswählen. Zugleich mussten sie die Ablieferung von Getreide sichern.
Dorfversammlungen dauerten oft bis tief in die Nacht. Aktivisten verlangten Unterschriften und drohten Widerstrebenden mit höheren Abgaben. Mitunter erklärten sie einen ganzen Ort zum Kolchos, obwohl nur ein Teil der Einwohner zugestimmt hatte. Die Satzungen sprachen weiterhin von einem freiwilligen Beitritt, doch in vielen Dörfern blieb den Bauern praktisch keine Wahl.
Der Kampf um das Vieh
Besonders heftig stritten Bauern und Funktionäre um die Tiere. Pferde lieferten die Zugkraft für das Pflügen. Eine Kuh sicherte einer Familie Milch und konnte in schlechten Zeiten über ihr Überleben entscheiden.
Die Vorgaben wechselten von Ort zu Ort. Manche Aktivisten verlangten nur die Übergabe der Pferde, während andere auch Kühe und Kleinvieh in gemeinschaftliche Ställe treiben wollten. Vereinzelt bezogen sie sogar Hausgärten oder Wohngebäude in den Kolchos ein.
Viele Bauern schlachteten ihre Tiere, bevor die Brigaden sie abholen konnten. In einem Dorf im Gebiet Charkow wurden innerhalb einer Nacht dreißig Schweine getötet. Anderswo ließen Bauern Pferde frei, weil sie diese weder abgeben noch weiterhin versorgen wollten. Der Rückgang der Viehbestände schwächte die Landwirtschaft über Jahre hinweg.
Auch Saatgut wurde versteckt. Manche Familien verließen ihre Höfe, ehe die Funktionäre eintrafen. Andere arbeiteten im Kolchos absichtlich langsam oder erschienen gar nicht, was die Behörden häufig als Sabotage werteten.
Frauen vor den Speichern

Im Februar und März 1930 erfassten Proteste zahlreiche Regionen. Frauen versammelten sich vor Ställen und Speichern. Sie holten beschlagnahmtes Saatgut zurück oder hinderten Aktivisten daran, Tiere wegzuführen. Kirchenglocken riefen weitere Dorfbewohner herbei.
Der Staat ging gegen Frauen zunächst vorsichtiger vor, weil viele Funktionäre ihre Proteste für unpolitische Gefühlsausbrüche hielten. Manche Männer nutzten diese Annahme und ließen Frauen bei Auseinandersetzungen in den Vordergrund treten. Doch die Bäuerinnen verteidigten auch eigene Interessen. Sie versorgten das Vieh und wussten, was der Verlust einer Kuh für ihre Familien bedeutete.
In einigen Regionen griffen Bauern Parteivertreter an. Kolchosgebäude brannten, Aktivisten wurden vertrieben. Im Frühjahr 1930 besetzte eine bewaffnete Gruppe die Stadt Kuba im heutigen Aserbaidschan. Die Aufständischen töteten Funktionäre, bevor staatliche Truppen die Stadt zurückeroberten.
Die meisten Bauern verfügten lediglich über Jagdgewehre oder landwirtschaftliche Geräte. Ihnen standen Einheiten der Geheimpolizei und der Roten Armee gegenüber. Die Entwaffnung der Dörfer während der zwanziger Jahre erschwerte jeden länger andauernden Aufstand.
Nach den Aufzeichnungen der Geheimpolizei kam es 1930 zu 13.754 größeren Unruhen mit insgesamt etwa zweieinhalb Millionen Beteiligten. Die Behörden erfassten dabei spontane Menschenansammlungen ebenso wie vorbereitete Angriffe. Die Zahlen zeigen dennoch, wie weit sich der Widerstand ausgebreitet hatte.
Gewalt in der Ukraine und im Kaukasus
Die Parteiführung antwortete mit Verhaftungen und militärischer Gewalt. Allein in der Ukraine nahm die Geheimpolizei zwischen dem 1. Februar und dem 15. März 1930 mehr als fünfundzwanzigtausend Menschen fest. Hunderte wurden unmittelbar erschossen, Tausende kamen in Lager oder gingen in die Verbannung.

Am 19. Februar suchten Soldaten des vierten Schützenregiments im aserbaidschanischen Dorf Tschai-Abassy nach acht angeblichen Banditen. Eine staatliche Untersuchung stellte später fest, dass die Soldaten etwa dreißig Dorfbewohner getötet und Gebäude niedergebrannt hatten. Unter den Toten befanden sich mehrere Kinder.
Solche Taten gingen häufig über schriftliche Anweisungen hinaus. Doch die Führung in Moskau hatte den Rahmen geschaffen, in dem sie möglich wurden. Molotow erklärte vor regionalen Parteisekretären, Widerstand müsse rücksichtslos gebrochen werden. Örtliche Täter konnten darauf vertrauen, dass Gewalt gegen vermeintliche Kulaken selten bestraft wurde.
Manche Brigaden bestanden aus hastig angeworbenen Männern, die sich am Eigentum der Verhafteten bereicherten. Berichte der ukrainischen Geheimpolizei schildern Plünderungen und Misshandlungen. Dorfbewohner flohen auf die Felder oder versteckten sich, sobald die Kommandos eintrafen.
Stalin gibt den Funktionären die Schuld
Anfang März gehörten annähernd sechzig Prozent der bäuerlichen Haushalte einem Kolchos an. Der rasche Anstieg verdeckte, dass viele der neuen Betriebe kaum arbeitsfähig waren: Bauern hatten nur unter Drohungen unterschrieben, und für die bevorstehende Frühjahrsaussaat fehlten in zahlreichen Dörfern Tiere und erfahrene Landwirte.
Am 2. März veröffentlichte die Prawda einen Artikel Stalins unter dem Titel „Vor Erfolgen von Schwindel befallen“. Darin lobte er zunächst den Fortschritt der Kollektivierung. Anschließend warf er den Funktionären in den Provinzen vor, das Prinzip der Freiwilligkeit verletzt und selbst Kleinvieh oder Wohnhäuser vergesellschaftet zu haben.
Damit schob Stalin die Verantwortung auf jene Männer ab, die seine Vorgaben umgesetzt hatten. Das hohe Tempo stammte aus Moskau. Auch die Entkulakisierung hatte das Politbüro beschlossen. Dennoch erschien Stalin nun als derjenige, der die Bauern vor übereifrigen Untergebenen schützte.
Viele Dorfbewohner verstanden den Artikel als Erlaubnis zum Austritt. Innerhalb weniger Wochen verließen Millionen Menschen die Kolchosen. Bis zum Frühsommer sank der Anteil der kollektivierten Höfe auf weniger als ein Viertel. Die Proteste gingen zunächst weiter, weil die Bauern glaubten, die Staatsführung sei vor ihrem Widerstand zurückgewichen.
Der kurze Rückzug
Stalin hatte sein Ziel jedoch nicht aufgegeben. Bereits im Frühjahr schickte er Lasar Kaganowitsch in die Ukraine und in den Nordkaukasus. Kaganowitsch sollte die Getreidelieferungen durchsetzen und den Widerstand brechen. Bald verbreitete sich in den Dörfern die Nachricht, der „Antichrist aus dem Zentrum“ sei eingetroffen.
Nach dem vorläufigen Rückzug erhöhte der Staat den wirtschaftlichen Druck. Einzelbauern mussten höhere Steuern zahlen und erhielten schlechtere Möglichkeiten, Maschinen zu nutzen. Wer außerhalb eines Kolchos blieb, konnte seinen Hof immer schwerer bewirtschaften.
Bis 1931 befand sich wieder mehr als die Hälfte der bäuerlichen Haushalte in Gemeinschaftsbetrieben. Im Verlauf der Entkulakisierung verloren mehr als zwei Millionen Menschen ihre Heimat und wurden in entfernte Gebiete der Sowjetunion verschleppt. Viele Deportierte mussten Wälder roden oder auf neuen Baustellen arbeiten. An den Zielorten fehlten Unterkünfte und Lebensmittel.
Die Bauern durften schließlich kleine Grundstücke für den eigenen Bedarf behalten. Auf den gemeinsamen Feldern bestimmten die Kolchosleitung und die Leiter der Arbeitsbrigaden den Arbeitseinsatz.
Über die Kolchosen konnte die Regierung selbst bei schlechten Ernten große Mengen Getreide aus den Dörfern holen. Im Jahr 1932 nutzten Funktionäre diese Möglichkeit, obwohl in vielen Speichern kaum noch Vorräte lagen. Staatliche Beschlagnahmungen und die gewaltsame Abriegelung hungernder Gebiete machten aus der Versorgungskrise eine Katastrophe, die 1932 und 1933 Millionen Menschen das Leben kostete.

Zum Weiterlesen
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- Figes, O. (1998): Die Tragödie eines Volkes: Die Russische Revolution 1891–1924. Eine umfassende Darstellung der sozialen und politischen Umbrüche.
- Altrichter, H. (2019): Die Russische Revolution: Vom Zarenreich zum Sowjetimperium. Ein kompakter Überblick über die Ereignisse des Jahres 1917.
- Koenen, G. (2017): Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus.
Bildnachweis
Titel: Anti-Kulaken-Propaganda, aus den 1920ern.
Alle Bilder gemeinfrei.




