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Plácido und das Jahr der Peitsche

Am 28. Juni 1844 führten Soldaten elf Männer zum Friedhof von Matanzas. Dort wurden sie erschossen. Einer von ihnen war Gabriel de la Concepción Valdés, auf Kuba bekannt unter seinem Dichternamen Plácido. Ein Militärgericht hatte ihn zum Anführer einer Verschwörung erklärt, die die spanische Herrschaft stürzen sollte.

Plácido war als freier Mann geboren worden. Seinen Lebensunterhalt verdiente er unter anderem mit der Herstellung von Kämmen aus Schildpatt. Seine Gedichte hatten ihm Anerkennung eingebracht, auch unter weißen Lesern. Doch als die Behörden nach den Köpfen einer angeblichen großen Erhebung suchten, geriet gerade ein bekannter Dichter afrikanischer Abstammung ins Visier.

Widerstand im Zuckerland

Matanzas lag östlich von Havanna, mitten in einer der wichtigsten Zuckerregionen Kubas. Neue Plantagen und leistungsfähigere Mühlen hatten die Produktion ausgeweitet. Die Arbeit beruhte auf der Versklavung von Menschen, von denen viele erst wenige Jahre zuvor aus Afrika verschleppt worden waren.

Die Eigentümer versuchten, ihren Alltag streng zu kontrollieren. Trotzdem entstanden Kontakte über die Grenzen der einzelnen Güter hinweg. Menschen begegneten einander bei Arbeitsaufträgen oder besuchten Angehörige auf benachbarten Plantagen. Solche Wege verbanden auch das Land mit den Städten. Darüber konnten Nachrichten weitergetragen und Vorbereitungen für einen Aufstand getroffen werden.

1843 brachen in der Region mehrere Erhebungen aus. Im März griffen Versklavte im Gebiet um Bemba ihre Unterdrücker an. Im November folgte ein weiterer Aufstand, der von der Zuckerplantage Triunvirato ausging und benachbarte Güter erfasste. Frauen beteiligten sich an der Planung und am bewaffneten Kampf. Die spanischen Truppen schlugen die Erhebungen nieder.

Für die Plantagenbesitzer waren diese Angriffe eine unmittelbare Bedrohung. Zugleich fürchteten sie, Kuba könne dem Beispiel Haitis folgen, wo ein Aufstand gegen die Sklaverei zur Unabhängigkeit geführt hatte. Auch die Abschaffung der Sklaverei in den britischen Kolonien hatte gezeigt, dass die bestehende Herrschaft der Eigentümer über ihre Arbeitskräfte enden konnte.

Die Leiter im Verhör

Unter dem spanischen Gouverneur Leopoldo O’Donnell weitete sich die Verfolgung 1844 aus. Die Behörden gingen Berichten über neue Aufstandspläne nach. Ihre Ermittlungen erfassten bald auch freie Menschen afrikanischer Abstammung in den Städten. Unter Verdacht gerieten Handwerker und andere Berufstätige, die sich eine eigene Existenz aufgebaut hatten.

Bei den Verhören wurden Beschuldigte an Leitern gebunden und ausgepeitscht. Die Ermittler verlangten Geständnisse und die Namen weiterer Beteiligter. Diese Foltermethode gab den Vorgängen ihren Namen: La Escalera, die Leiter. Das Jahr 1844 ging als Jahr der Peitsche in die kubanische Geschichte ein.

Wer unter solchen Qualen einen Namen nannte, konnte damit die nächste Verhaftung auslösen. So wuchs der Kreis der Verdächtigen. In den Akten standen tatsächliche Kontakte neben Aussagen, die unter Gewalt zustande gekommen waren.

Die Aufstände von 1843 und die Vorbereitung weiterer Erhebungen sind historisch belegt. Wie eng die verschiedenen Gruppen zusammenarbeiteten, bleibt umstritten. Die Verhörprotokolle lassen sich deshalb nur mit Vorsicht lesen: Sie dokumentieren Widerstand gegen die Sklaverei und zugleich die Methoden einer Regierung, die ihn zerschlagen wollte.

Ein Dichter als Anführer

Plácido gehörte zu den Verhafteten. Die Behörden beschuldigten ihn, Menschen für eine umfassende Verschwörung angeworben und deren Pläne geleitet zu haben. Dazu gehörte der Vorwurf, die weiße Bevölkerung der Insel vernichten zu wollen. Diese Anschuldigung knüpfte an die Angst vor einer Revolution nach haitischem Vorbild an; die unter Folter entstandenen Aussagen geben über solche Absichten nur unsicher Auskunft.

Auch seine Dichtung wurde politisch gelesen. In dem Gedicht El juramento, „Der Schwur“, erklärte ein Sprecher seine Feindschaft gegen einen Tyrannen und seine Bereitschaft, für die Befreiung zu sterben. Solche Verse machten verständlich, weshalb die Regierung den Autor für gefährlich hielt. Welche konkrete Rolle er bei den Aufstandsplänen spielte, ist damit jedoch nicht geklärt.

Mit der öffentlichen Erschießung der elf Männer setzte die Kolonialregierung ein Zeichen gegen den vermuteten Zusammenschluss freier und versklavter Menschen.

Die Verfolgung traf Tausende. Viele erhielten Gefängnisstrafen oder wurden von der Insel verbannt; Dutzende wurden hingerichtet. Weitere Inhaftierte starben während der Misshandlungen. Die Gewalt zerriss persönliche Bindungen und schwächte die freien schwarzen Gemeinschaften.

Plácidos Gedichte wurden nach seinem Tod weiterverbreitet und in andere Sprachen übersetzt. Sein Name wurde zum Symbol des Kampfes gegen Sklaverei und koloniale Herrschaft. Die Regierung hatte ihn erschießen lassen. Seine Worte erreichten weiterhin Leser.


Zuckermühle auf Kuba, 1899

Zum Weiterlesen

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Ferrer, A. (2022): Cuba: An American History.* Darstellung der Eroberung im Zusammenhang mit der frühen Geschichte der Karibik.

Bethell, L. (Hg.) (2009): Cuba: A Short History.* Der Beitrag von Hugh Thomas behandelt die Besatzung und die Entwicklung der kubanischen Zuckerwirtschaft.

Bildnachweis

Titel: Plantage Ingenio Acana, 1857.

Alle Bilder gemeinfrei.

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