In Dscharmo im Hügelland des heutigen Nordirak fanden Ausgräber verkohlte Körner von angebautem Weizen und Gerste. Hier, am Rand des Zagrosgebirges, konnten Menschen Felder bestellen, ohne das Wasser großer Flüsse durch ein ausgedehntes Kanalnetz heranzuführen. Dscharmo gehört zu den frühen festen Siedlungen einer Region, in der sich über viele Generationen veränderte, wie Menschen sich ernährten. Diese Geschichte begann lange vor den Städten im südlichen Zweistromland.
Nahrung anbauen, ohne die Jagd aufzugeben

Seit dem Ende der letzten Eiszeit entstanden im Vorderen Orient unterschiedliche Formen dauerhafter Besiedlung. An den Hängen des Zagros und des Taurus wuchsen wilde Vorläufer wichtiger Getreidearten. Dort lebten auch Wildschafe und Wildziegen. Weil es an den Hängen genug regnete und unterschiedliche Nahrungsquellen nahe beieinanderlagen, konnten Menschen dort länger an einem Ort bleiben und Pflanzen gezielt anbauen. Dscharmo lag in einer solchen Umgebung. Sie erklärt, weshalb frühe Landwirtschaft zunächst besonders an den Rändern Mesopotamiens fassbar wird.
Menschen ersetzten ihre bisherige Ernährung jedoch nicht in einem einzigen Schritt. Der Anbau von Getreide ergänzte zunächst das Sammeln wild wachsender Pflanzen. Auch die Haltung von Tieren machte die Jagd nicht sofort überflüssig. Diese Verbindung verschiedener Nahrungsquellen hatte einen praktischen Vorteil: Misslang eine Ernte, musste deshalb noch nicht die gesamte Versorgung zusammenbrechen. Umgekehrt konnte eingelagertes Getreide helfen, eine Zeit mit geringer Jagdbeute zu überstehen.
Mit dem Anbau änderte sich der Arbeitsrhythmus. Saatgut musste zurückbehalten werden; Vorräte sollten bis zur nächsten Ernte reichen. Die Menschen banden damit einen Teil ihrer künftigen Ernährung an bestimmte Flächen und an Arbeit, deren Ergebnis erst Monate später feststand. Sesshaftigkeit brachte also neue Möglichkeiten, aber auch Abhängigkeiten. Ein Feld konnte vertrocknen, eine Herde erkranken.
Warum die Landschaft einen Unterschied machte
Der Regenackerbau des nördlichen Hügellands unterschied sich von den Bedingungen im trockeneren Süden. Dort gewann die zusätzliche Versorgung der Felder mit Wasser besondere Bedeutung. Bewässerung konnte Erträge verbessern und Risiken verringern, erforderte aber ihrerseits regelmäßige Arbeit. Zwischen frühen bäuerlichen Siedlungen und den späteren großen Staaten lagen Jahrtausende.
Je stärker eine Siedlung von ihren Feldern lebte, desto weniger benötigte sie ein weites Gebiet für die Nahrungssuche. Die Dörfer konnten näher zusammenrücken. Damit wuchs die Möglichkeit von Streit um Boden, in den Menschen bereits Arbeit investiert hatten. Wo Nachbarn das frühere Jagd- und Sammelgebiet nutzten, wurde auch die Rückkehr zur alten Lebensweise schwieriger. Regeln für die Nutzung des Landes und für die Beilegung von Streit gewannen an Gewicht. Darin liegt eine mögliche Erklärung für neue Formen der Führung; einen zwangsläufigen Weg vom Dorf zum Staat belegt der Befund nicht.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Nissen, H. J.; Heine, P. (2009): From Mesopotamia to Iraq. A Concise History.* Überblick über die politische Entwicklung und ihre siedlungs- und wirtschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen.
Nissen, H. J. (1990): The Early History of the Ancient Near East, 9000–2000 B.C.* Archäologische Darstellung des Weges von frühen Dörfern zu Städten und regionalen Staaten.
Bildnachweis
Titelbild: Keramikfragment aus Dscharmo. Zunkir. CC BY-SA 4.0. Wikimedia Commons.
Karte: Wikimedia Commons, NordNordWest. CC BY-SA 3.0.




