Im September 1519 kämpften tlaxcaltekische Truppen gegen die Spanier und deren totonakische Begleiter. Wenig später versorgten Gemeinden Tlaxcalas dieselben Fremden und wurden zu ihren wichtigsten Verbündeten. Der Wechsel entstand aus einer Entscheidung unter Druck, deren Nutzen innerhalb Tlaxcalas unterschiedlich beurteilt wurde.
Mehrere Herrscher entscheiden
Tlaxcala lag östlich des Tals von Mexiko. Seine maßgeblichen Teilherrschaften waren politisch miteinander verbunden, besaßen aber eigene Anführer. Es gab keinen einzelnen König, dessen Entschluss alle Interessen mühelos zusammenfasste.
Die Ausweitung der mexikanischen Vorherrschaft hatte ihre Möglichkeiten begrenzt. Kriege belasteten die Bevölkerung; der Zugang zu Handelswegen konnte erschwert werden. Tlaxcala blieb dennoch außerhalb der Tributordnung Tenochtitlans. Seine führenden Familien verteidigten eine Selbstständigkeit, die ihnen erhebliche eigene Macht verlieh.
Die Fremden brachten daher ein Angebot und eine Gefahr zugleich. Ihre Waffen konnten gegen die Mexica nützlich sein. Ob sich die Spanier nach einem Sieg mit einer begrenzten Rolle zufriedengeben würden, konnten die tlaxcaltekischen Machthaber nicht wissen. Außerdem kamen sie mit Totonaken, deren Beziehungen zu Tenochtitlan zuvor anders ausgesehen hatten als die eigenen.
Was die Kämpfe veränderten
Der jüngere Xicotencatl, ein militärischer Anführer, befürwortete den Kampf. Maxixcatzin, der Herrscher von Ocotelulco, wollte dagegen verhandeln. Eine überlieferte Beratung schreibt Tlehuexolotzin von Tepeticpac einen weiteren Vorschlag zu: Zunächst sollten die Otomí an der Grenze kämpfen. Bei deren Niederlage könnten die übrigen Herrschaften noch Frieden schließen und die Verantwortung für den Angriff von sich weisen. Der Wortlaut solcher Beratungen ist nicht gesichert. Die Darstellung erklärt aber, weshalb ein erster Kampf für die Beteiligten noch nicht dieselbe endgültige Festlegung auf Krieg bedeutete.

Die Kämpfe zeigten die Gefährlichkeit der spanischen Waffen, aber auch die Verwundbarkeit der Expedition. Verwundete mussten versorgt werden, Vorräte gingen zurück. Der spanische Anführer Hernán Cortés konnte eine feindliche Umgebung nicht unbegrenzt aus eigenen Mitteln durchqueren. Seine Truppe war auf Menschen angewiesen, die Nahrung bereitstellten und Wege kannten.
Auf tlaxcaltekischer Seite mussten Verluste gegen die Aussicht abgewogen werden, die Fremden als Verbündete zu gewinnen. Die Fortsetzung des Kampfes war eine mögliche Entscheidung; sie wurde nicht von allen mit derselben Entschlossenheit vertreten. Dass die unterschiedlichen Truppenverbände eigene Führungen hatten, erschwerte ein einheitliches Vorgehen zusätzlich.
Die Verständigung erlaubte schließlich beiden Seiten, einen unmittelbar kostspieligen Konflikt zu beenden. Cortés erhielt einen Ort zur Erholung und Versorgung. Diejenigen, die das Bündnis in Tlaxcala unterstützten, gewannen Zugang zu einem neuen militärischen Partner gegen ihren mächtigen Nachbarn.
Versorgung macht den Vorstoß möglich
Die Gemeinden stellten Nahrung und Träger für den Weitermarsch bereit. Besonders die Geschütze banden Menschen, die sie über schwierige Wege bewegen mussten. Verwundete blieben auf Betreuung angewiesen; ohne örtliche Unterstützung hätte Cortés seine Truppe nach den verlustreichen Kämpfen kaum für einen weiteren Vorstoß einsatzfähig machen können.
Damit besaßen die Gemeinden Tlaxcalas ein Gewicht, das in einer ausschließlich auf Cortés gerichteten Erzählung leicht verschwindet. Die Spanier brachten besondere Waffen und eigene Ziele mit. Die dauerhafte Fortsetzung des Unternehmens hing jedoch von Leistungen ab, die örtliche Machthaber organisierten und viele weitere Menschen erbrachten.
Nach dem Rückzug aus Tenochtitlan 1520 handelten tlaxcaltekische Anführer ihre weitere Hilfe erneut aus. Zu ihren überlieferten Forderungen gehörten ein eigener befestigter Stützpunkt in Tenochtitlan und ein Anteil an der Beute. Außerdem beanspruchten sie Einfluss auf Cholula sowie Abgaben benachbarter Gegner. Cortés sagte Zugeständnisse zu, weil er ihre Unterstützung für einen zweiten Angriff brauchte. Die Zusagen beschreiben Verhandlungsziele; sie beweisen nicht, dass jeder Anspruch später erfüllt wurde.
Wie das Bündnis später erzählt wurde
In der Kolonialzeit nutzten Vertreter Tlaxcalas ihre Beteiligung an der Eroberung, um besondere Rechte zu beanspruchen. Darstellungen rückten deshalb die frühe Freundschaft und den geleisteten Kriegsdienst in den Vordergrund. Die vorausgegangenen Kämpfe und inneren Gegensätze passten weniger gut zu diesem Anspruch.
Diese spätere Erinnerung verweist auf die Erwartungen, die mit dem Bündnis verbunden waren. Tlaxcaltekische Anführer wollten sich nach einem Sieg als verdiente Partner wiederfinden. Ihr Einsatz half, Tenochtitlan zu besiegen; welche Selbstständigkeit daraus unter spanischer Herrschaft folgen würde, blieb anschließend Gegenstand neuer Auseinandersetzungen.
Zum Weiterlesen
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Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*
Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*
Bildnachweis
Titel: Digitale Gesamtansicht des Lienzo de Tlaxcala nach Lithografien von 1892. Wikimedia Commons, Unbekannte Künstler; digitale Zusammenstellung: Byron Ellsworth Hamann / The Mesolore Project. Gemeinfrei.
Herrscherbild: Historisches Gemälde Maxixcatzins im Regionalmuseum von Tlaxcala. Wikimedia Commons, Thelmadatter. CC BY-SA 3.0.



