In der Nacht zum Sonntag, dem 13. August 1961, sperrten bewaffnete Kräfte der DDR die Wege nach West-Berlin. Sie errichteten Hindernisse und zogen Stacheldraht. Verbindungen, die am Vortag zum täglichen Weg durch die Stadt gehört hatten, waren nun unterbrochen. Wer die Sektorengrenze überschreiten wollte, traf auf Posten, die ihn zurückwiesen.
Die später vertrauten Betonmauern standen noch nicht. Die Entscheidung wirkte durch das Zusammenwirken vorbereiteter Sperren mit bewaffneter Gewalt. Die Führung musste verhindern, dass Menschen die zunächst provisorischen Hindernisse einfach beseitigten oder in großer Zahl überwanden. Dafür hatte sie Einsatzkräfte zusammengezogen und deren Vorgehen mit der Sowjetunion abgestimmt.
Eine vorbereitete Schließung
Der offene Weg durch Berlin hatte es DDR-Bürgern bisher ermöglicht, in den Westen zu gelangen. Seit der weitgehenden Abriegelung der Grenze zur Bundesrepublik 1952 besaß die Stadt deshalb besondere Bedeutung. Im Sommer 1961 verließen erneut besonders viele Menschen die DDR. Noch am 15. Juni hatte SED-Parteichef Walter Ulbricht vor Journalisten erklärt: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Für ihn bedrohte diese Abwanderung den wirtschaftlichen Betrieb und die Stabilität seiner Herrschaft.
Über einen Eingriff in Berlin konnte die SED jedoch nicht allein entscheiden. Die Siegermächte besaßen weiterhin besondere Rechte in der Stadt. Ein Zusammenstoß mit westlichen Truppen konnte die Sowjetunion in einen Krieg verwickeln. Ulbricht musste daher Moskau davon überzeugen, die geplante Grenzschließung zu unterstützen, und sein Vorgehen den sowjetischen Sicherheitsüberlegungen anpassen.
Im Juli wurden die Vorbereitungen zwischen beiden Seiten abgestimmt. Anfang August folgte die Festlegung des Zeitpunkts. Auch die Führungsspitzen der übrigen Warschauer-Pakt-Staaten wurden einbezogen. Die eigentliche Durchführung auf ostdeutscher Seite lag maßgeblich bei Erich Honecker, der im SED-Politbüro für Sicherheitsfragen zuständig war.
Die Verantwortlichen rechneten auch mit Widerstand innerhalb der DDR. Seit dem Aufstand vom Juni 1953 wussten sie, wie rasch örtliche Proteste die Führung bedrohen konnten. Die militärische Absicherung sollte deshalb sowohl einen westlichen Eingriff abschrecken als auch verhindern, dass die eigene Bevölkerung die Sperren beseitigte.
Die Stadt wird unterbrochen
An der Sektorengrenze kamen Volkspolizisten und Grenzpolizisten zum Einsatz. Betriebskampfgruppen unterstützten die Sperrmaßnahmen. Diese bewaffneten Formationen setzten sich aus Beschäftigten zusammen, die unter Führung der SED organisiert waren. Die Nationale Volksarmee hielt zusätzliche Kräfte bereit; sowjetische Truppen sicherten das Vorgehen militärisch ab.

Die Einsatzplanung verwandelte die Grenze an vielen Stellen gleichzeitig. Straßen wurden für den Durchgang gesperrt. Der Nahverkehr wurde so verändert, dass die bisherigen Verbindungen zwischen den Stadthälften nicht mehr ohne Weiteres nutzbar waren. Für ein wirksames Hindernis genügte es nicht, eine Hauptstraße zu blockieren, solange Menschen über einen nahen Bahnhof oder eine Nebenstraße ausweichen konnten.
Auch unterirdische Verkehrswege mussten kontrolliert werden. Einige West-Berliner Bahnlinien führten weiterhin durch Ost-Berlin, hielten dort aber nicht mehr an den bisherigen Stationen. Die bewachten, geschlossenen Bahnhöfe wurden später als Geisterbahnhöfe bekannt. Die Teilung griff damit in ein Verkehrsnetz ein, das für eine gemeinsame Stadt gebaut worden war.
Für die Bewohner entstanden unmittelbare Trennungen. Wer in der anderen Stadthälfte arbeitete oder Angehörige besuchen wollte, wurde an den neuen Sperren zurückgewiesen. Innerhalb weniger Stunden entschied der Wohnort darüber, wer seinen Arbeitsplatz noch erreichen und wem er persönlich begegnen konnte.
Die Häuser an der Bernauer Straße
An der Bernauer Straße verlief die Sektorengrenze unmittelbar vor Wohnhäusern. Die Gebäude auf der südlichen Seite standen in Ost-Berlin, der Gehweg davor gehörte bereits zum Westteil. Eine Wohnung konnte dadurch einen direkten Weg in den Westen eröffnen: Wer aus einem entsprechenden Fenster sprang, überquerte zugleich die Grenze.
In den ersten Wochen nutzten Bewohner diese Möglichkeit. Auf der westlichen Seite versuchten Helfer, Menschen aufzufangen. Die Bilder machten sichtbar, wie die Trennung durch den vorhandenen Stadtraum verlief. Eine Hausfassade war plötzlich Teil einer bewachten Grenze, obwohl die Wohnungen darin weiterhin bewohnt waren.
Die DDR-Behörden ließen Fenster und Ausgänge versperren. Mit der späteren Räumung der Grenzhäuser verloren die Bewohner auch ihr bisheriges Zuhause. Der anschließende Abbruch ermöglichte es, anstelle der Häuser einen breiteren Sperrstreifen anzulegen. Mit den geräumten und abgebrochenen Wohnhäusern verschwand auch ein Teil des bisherigen Straßenlebens.
Wie vorläufig die ersten Hindernisse noch waren, zeigte am 15. August die Flucht des Bereitschaftspolizisten Conrad Schumann. An der Ecke zur Ruppiner Straße sprang er über den Stacheldraht nach West-Berlin. Ein Fotograf hielt den Sprung fest. Die Aufnahme zeigte einen Mann, der eigentlich die Abriegelung sichern sollte und sich selbst der Anordnung entzog.
Protest ohne Öffnung
In West-Berlin sammelten sich Menschen an den Sperren. Sie protestierten und versuchten, mit Angehörigen auf der anderen Seite Verbindung zu halten. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt verlangte eine entschiedene Reaktion des Westens. Die Empörung richtete sich auch darauf, dass die Schutzmächte das Geschehen nicht gewaltsam unterbanden.

Die westlichen Regierungen standen jedoch vor der Frage, ob sie zur Wiederöffnung der Sektorengrenze einen militärischen Zusammenstoß riskieren sollten. Ihre Truppen durften in West-Berlin bleiben, die Zugänge aus der Bundesrepublik bestanden fort. Die DDR hatte die Bevölkerung eingeschlossen, ohne unmittelbar die westlichen Garnisonen anzugreifen. Die Schutzmächte protestierten, verzichteten aber auf eine militärische Öffnung.
Der Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson und die Verstärkung der US-Garnison sollten anschließend die amerikanische Verpflichtung gegenüber West-Berlin bekräftigen. Sie boten der Stadt Rückversicherung. Für Menschen, die von Ost-Berlin aus zu ihren Angehörigen wollten, änderten sie die neue Lage nicht.
Die SED rechtfertigte die Maßnahmen mit angeblichen Angriffen und Unterwanderung aus dem Westen. Daraus entwickelte sich die Bezeichnung „antifaschistischer Schutzwall“. Der praktische Aufbau zeigte jedoch, in welche Richtung die Sperren wirkten. Bewaffnete Posten sollten vor allem Menschen daran hindern, aus der DDR nach West-Berlin zu gelangen.
Aus dem Provisorium wird eine dauerhafte Grenze
In den folgenden Tagen wurden die Hindernisse verstärkt und erste Mauern errichtet. Die verbliebenen Fluchtmöglichkeiten wurden enger. Am 24. August erschossen Angehörige der Transportpolizei Günter Litfin bei seinem Fluchtversuch im Bereich des Humboldthafens. Die Abriegelung wurde damit auch durch tödliche Schüsse auf einen Menschen durchgesetzt, der die DDR verlassen wollte.
Die weitere Sicherung folgte den Wegen, die Flüchtende noch fanden. Ein überwundenes Hindernis konnte den Ausbau des nächsten Abschnitts auslösen. Bewachung und bauliche Sperren ergänzten sich. Der Zustand des 13. August blieb deshalb nicht bestehen, sondern wurde in den folgenden Jahren zu einem immer umfangreicheren Grenzsystem verändert.
Für die getrennten Familien stellte sich nun die Frage, ob Begegnungen überhaupt wieder erlaubt würden. Erst zu Weihnachten 1963 konnten West-Berliner im Rahmen einer Passierscheinregelung in größerer Zahl Verwandte im Ostteil besuchen. Was zuvor ein alltäglicher Weg gewesen war, erforderte nun politische Verhandlungen und eine besondere Genehmigung. Der in wenigen Stunden durchgesetzte erste Zugriff hatte die Voraussetzungen persönlicher Beziehungen auf Jahre verändert.
Zum Weiterlesen
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Wentker, H. (2007): Außenpolitik in engen Grenzen. Die DDR im internationalen System 1949–1989*. Darstellung der Entscheidungen zwischen Ost-Berlin und Moskau vor dem Mauerbau.
Heydemann, G. (2003): Die Innenpolitik der DDR*. Einordnung der Abriegelung in die Herrschafts- und Gesellschaftspolitik der SED.
Bildnachweise
Titel: Bau der Berliner Mauer im August 1961. Bundesarchiv, Bild 173-1321 / Helmut J. Wolf. CC BY-SA 3.0 de. Dateiquelle.
Grenze: Lautsprecher an der Berliner Mauer, 25. Oktober 1961. Wikimedia Commons, The Central Intelligence Agency. Gemeinfrei.
Grenzsperrung: Kampfgruppen am Brandenburger Tor, 13. August 1961. Bundesarchiv, Bild 183-85458-0002 / Junge, Peter Heinz. CC BY-SA 3.0 de.




