Buonaccorso Pitti blickte im Frühjahr 1402 mit Sorge auf seine Heimatstadt. Der Florentiner Kaufmann hielt in seiner Chronik fest, wie tief die reichen und mächtigen Bürger untereinander zerstritten waren. Nach seiner Einschätzung schwächten Parteihass und Eigennutz die Fähigkeit der Stadt, sich gegen einen mächtigen Angreifer zu behaupten. Die führenden Männer opferten den persönlichen Feindschaften das Wohl der Kommune.
Pitti kannte diese Männer. Er war selbst Kaufmann und gehörte zu der Schicht, aus der die Republik ihre Amtsträger nahm. Für die Stadt übernahm er auch diplomatische Aufgaben. Seine Klage war deshalb auch die Beobachtung eines Beteiligten. Die Stadt besaß Verfahren gegen die dauerhafte Herrschaft eines Einzelnen. Sie konnte ihre führenden Bürger jedoch kaum dazu bringen, familiäre Interessen hinter das Gemeinwohl zurückzustellen.
Zwei Monate im Regierungspalast
Der Palazzo della Signoria bildete das sichtbare Zentrum der politischen Ordnung. Dort amtierte die Signoria, die Stadtregierung aus acht Prioren und dem Gonfaloniere di giustizia, dem Bannerträger der Gerechtigkeit. Nach zwei Monaten räumten die Männer ihre Plätze. Während ihrer Amtszeit wohnten sie im Palast; anschließend kehrten sie in ihre Haushalte und Geschäfte zurück.
Kurze Amtszeiten sollten verhindern, dass ein Bürger den Regierungsapparat auf Dauer an sich band. Sperrfristen begrenzten die Wiederwahl. Auch nahe Verwandte durften die führenden Positionen nicht beliebig gleichzeitig besetzen. Die Republik verteilte damit hohe Ehren, ohne ihren Trägern eine ununterbrochene Regierungsgewalt zu überlassen.
Wer nachrückte, entschied ein Losverfahren. Die Namen lagen in Lederbeuteln, nach politischen und sozialen Zuordnungen verteilt. Aus ihnen wurden die künftigen Amtsträger gezogen. Der Zufall wirkte allerdings erst, nachdem andere Bürger bestimmt hatten, wessen Name überhaupt zur Auswahl stand.
In einem gewöhnlich für Abstände von fünf Jahren vorgesehenen Prüfverfahren, dem squittinio, wurden Bewerber für politische Ämter zugelassen. Ohne diese Bestätigung half auch ein glücklicher Griff in den Beutel nichts. Bereits Berechtigte entschieden darüber, wer künftig zu ihrem Kreis gehören durfte.
Das Bürgerrecht hatte Grenzen

Die Teilhabe war eng begrenzt. Frauen besaßen keine politischen Ämterrechte. Auch ein großer Teil der erwachsenen Männer blieb von der Regierung ausgeschlossen. Für 1425 lässt sich der Kreis der Männer mit grundlegenden politischen Rechten auf ungefähr ein Fünftel der volljährigen männlichen Stadtbevölkerung veranschlagen.
Eine Zunftmitgliedschaft bildete eine wichtige Voraussetzung für die höchsten Ämter. Die großen Korporationen der Kaufleute und Bankiers standen dabei weit über den kleineren Handwerkerzünften. In der Signoria entfielen sechs der acht Priorenstellen auf die großen Zünfte; auch der Gonfaloniere kam aus ihrem Kreis. Den kleineren Zünften blieben zwei Prioren.
Die Wollarbeiter, deren Arbeit einen wesentlichen Teil des Florentiner Wohlstands schuf, konnten deshalb nicht wie ihre Arbeitgeber über die Geschicke der Stadt entscheiden. Ihr Aufstand von 1378 hatte die politische Ordnung vorübergehend geöffnet. Die Gegenbewegung der etablierten Gruppen beseitigte diese Gewinne wieder. Um 1400 blieb die Erinnerung an den Aufstand lebendig, während die Unternehmer ihre führende Stellung behaupteten.
Innerhalb der politisch berechtigten Bevölkerung bestanden weitere Unterschiede. Alte Familien verwiesen auf die Ämter ihrer Vorfahren. Wer erst vor Kurzem zu Vermögen gekommen war, musste seine Anerkennung gegen den Argwohn der bereits Etablierten durchsetzen. Ein Geschäftserfolg öffnete Möglichkeiten; er verschaffte noch keinen festen Platz unter den Männern, deren Urteil die Stadt regelmäßig einholte.
Die Regierung fragte bekannte Männer
Bei schwierigen Entscheidungen ließ die Signoria erfahrene Bürger zu Beratungen zusammenrufen, den pratiche. Hier wirkten führende Bürger auch zwischen ihren eigenen Amtszeiten auf Entscheidungen ein. Die Regierung wechselte, doch unter ihren Beratern kehrten dieselben angesehenen Patrizier wieder.
Ein innerer Kreis von rund siebzig Männern konnte auf diese Weise über Jahre hinweg an den Staatsgeschäften mitwirken. Ihre Erfahrung war für eine Regierung wichtig, deren Amtszeit kaum begonnen hatte, bevor sie wieder endete. Zugleich erhielten sie Gelegenheit, anstehende Entscheidungen im Sinne ihrer Verbindungen vorzubereiten.
Die Beratungen ersetzten die übrigen Institutionen nicht. Gesetze mussten die zuständigen Räte durchlaufen. Dort konnten Vorhaben scheitern, gerade wenn sie neue Belastungen oder eine Veränderung politischer Rechte bedeuteten. Doch wer Zugang zu den Beratungen besaß, wirkte bereits an der Formulierung dessen mit, worüber andere später abstimmten.
Für einen Mann wie Pitti gehörten die Beziehungen zu anderen führenden Bürgern deshalb unmittelbar zur politischen Arbeit.
Das Viertel als politische Nachbarschaft
Die Familien lebten über die Stadt verteilt, häufig mit mehreren verwandten Haushalten in enger Nachbarschaft. Florenz gliederte sich in vier große Viertel und darunter in kleinere Bezirke. In einem solchen Bezirk begegneten sich Bewohner beim Geschäft und in religiösen Gemeinschaften; auch politische Zugehörigkeiten hatten hier einen räumlichen Bezug.
Wie wichtig solche Bindungen waren, hielten Bürger in Aufzeichnungen für ihre Familien fest. Der Kaufmann Giovanni di Pagolo Morelli mahnte, am Besitz und am eigenen Rang festzuhalten und die Menschen nicht preiszugeben, auf deren Hilfe man vertraute. Der Patrizier Neri Capponi empfahl Bündnisse mit Nachbarn und Verwandten; Freunden solle man innerhalb wie außerhalb der Stadt beistehen.
Nähe konnte in einer Krise Schutz bieten. Verwandte ließen sich rasch verständigen, wenn ein Konflikt gewaltsam wurde. Im Alltag half dieselbe Nähe dabei, jemanden zu empfehlen oder eine Bitte an einen einflussreichen Nachbarn heranzutragen. Ein Palast stand deshalb in einem bewohnten Geflecht aus Verpflichtungen. Seine Besitzer trafen ihre politischen Verbündeten nicht erst im Ratssaal.
Dabei bildete eine große Familie keineswegs immer eine geschlossene Partei. Zwischen ihren Zweigen unterschieden sich Vermögen und Ansehen erheblich. Einzelne Angehörige konnten miteinander zerstritten sein. Wer von den Interessen eines Familiennamens sprach, musste deshalb genau wissen, welcher Haushalt gerade gemeint war und wer tatsächlich für andere sprechen konnte.
Wer half, durfte Unterstützung erwarten
Ein gut verbundener Bürger konnte einem weniger einflussreichen Mann den Weg in ein besoldetes Amt erleichtern. Solche Stellen gab es auch außerhalb der Stadt, in den von Florenz beherrschten Gebieten. Für einen Haushalt mit begrenzten Einkünften bedeutete eine Empfehlung daher mehr als eine ehrenvolle Geste: Sie konnte ein Einkommen eröffnen.
Der Förderer erwartete dafür Unterstützung. Wer mit seiner Hilfe ein Amt erhielt, sollte ihn bei politischen Auseinandersetzungen nicht im Stich lassen. Die Zeitgenossen bezeichneten solche Bindungen häufig als Freundschaft. Persönliche Zuneigung konnte dazugehören; ebenso wichtig waren die Leistungen, die beide Seiten voneinander erwarteten.
Vermögen verlieh diesen Beziehungen besonderes Gewicht. Ein Kredit konnte einen Bürger aus einer Bedrängnis lösen, die zugleich seine politische Handlungsfähigkeit bedrohte. Wer Steuerrückstände hatte, riskierte den Ausschluss von Ämtern. Der Mann, der ihm zur Zahlung verhalf, stärkte damit einen möglichen Unterstützer innerhalb der Republik.
Aus dieser Praxis erwuchs ein schwieriger Zusammenhang. Die Vorschriften gegen dauerhafte Amtsgewalt konnten einen Patron nicht daran hindern, mehrere aufeinanderfolgende Amtsträger zu fördern. Er musste nicht selbst zwei Jahre lang im Palazzo sitzen, wenn dort währenddessen immer wieder Männer eintraten, die ihm verpflichtet waren.
Pittis Sorge von 1402 richtete sich auf eine Stadt, deren Bürger diese Verbindungen zugleich benötigten und fürchteten. Ohne erfahrene Berater und verlässliche Helfer ließ sich kaum Politik betreiben. Sobald aber ein Konflikt die führenden Haushalte spaltete, gelangte er über ihre Freunde in die Ämter hinein.
Zum Weiterlesen
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Reinhardt, V. (2009): Geld und Freunde. Wie die Medici die Macht in Florenz eroberten.* Darstellung der politischen Verfahren und persönlichen Verbindungen im Florenz des frühen 15. Jahrhunderts.
Reinhardt, V. (2022): Die Medici. Florenz im Zeitalter der Renaissance.* Überblick über die Familie und die politische Gesellschaft der Stadt.
Bildnachweise
Titel: Palazzo della Signoria, Regierungspalast; spätere Veränderungen und Platzskulpturen beachten. Yair Haklai. CC BY-SA 4.0.
Orsanmichele und die Zünfte: Wikimedia Commons, Yair Haklai. CC BY-SA 4.0.

