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Leben unter deutscher Besatzung

Abtransport zur Zwangsarbeit in Kyjiw, 1942.

Mit dem deutschen Vormarsch von 1941 geraten Millionen sowjetischer Zivilisten unter eine neue Herrschaft. Sie müssen Lebensmittel finden und ihre Familien versorgen, während die Besatzungsbehörden Nahrung und Arbeitskräfte für den eigenen Krieg beanspruchen. Das bloße Weiterleben verlangt nun Beziehungen zu Einrichtungen, denen die Bewohner kaum widersprechen können.

Für jüdische Menschen entsteht zugleich eine grundsätzlich andere Gefahr. Die deutschen Behörden verfolgen sie als Gruppe und organisieren ihre Ermordung. Eine Arbeit oder ein Nachweis bisheriger politischer Unauffälligkeit bietet dagegen keinen verlässlichen Schutz. Der Alltag der Besatzung lässt sich deshalb nicht als für alle gleicher Mangel beschreiben.

Hoffnungen auf einen Wechsel

In einigen Orten begrüßen Bewohner die ankommenden deutschen Truppen. Unter ihnen sind Menschen, die die sowjetische Verfolgung oder Zwangskollektivierung erlebt haben. Andere hoffen auf nationale Selbstständigkeit. Solche Erwartungen bedeuten keine Zustimmung der gesamten Bevölkerung und bleiben häufig mit Unsicherheit verbunden.

Die deutschen Ziele sind mit einer selbstbestimmten Zukunft der besetzten Gesellschaften nicht vereinbar. Die Bevölkerung soll Arbeitskraft und Erträge liefern. Eine eigenständige politische Vertretung wird nur dort geduldet, wo sie den Bedürfnissen der Besatzer dient, und kann jederzeit begrenzt werden.

Auch auf dem Land bleiben erhoffte Veränderungen aus. Viele Kollektivwirtschaften werden nicht sofort aufgelöst. Die Besatzungsmacht kann vorhandene Einrichtungen benutzen, um Getreide zu erfassen und Abgaben einzuziehen. Was bisher als sowjetischer Zwang erfahren wurde, erhält damit teilweise andere Vorgesetzte, ohne für die Bauern einfach zu verschwinden.

Wer arbeiten darf, soll auch liefern

Die Besatzungsverwaltung ist auf örtliche Mitarbeiter angewiesen. Sie benötigt Menschen, die Sprache und Verhältnisse kennen. Einheimische übernehmen Aufgaben bei der Verteilung oder in Verwaltungsstellen; andere treten in Hilfspolizeieinheiten ein. Die Tätigkeiten unterscheiden sich erheblich. Eine Beschäftigung zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts ist nicht mit der Beteiligung an Verhaftung und Mord gleichzusetzen.

Zugleich kann die Abhängigkeit von einer Stelle Menschen in weitere Handlungen hineinziehen. Arbeitsnachweise und eine amtliche Registrierung bestimmen vielerorts, welchen Zugang jemand zu Nahrung besitzt und ob er sich bewegen darf. Wer keine Papiere erhält, muss andere Wege finden oder lebt unter zusätzlicher Gefahr einer Kontrolle.

Die deutsche Entnahme von Lebensmitteln schwächt besonders die städtische Versorgung. Auf dem Land können Menschen eher versuchen, etwas selbst anzubauen oder einzutauschen. Doch auch dort beanspruchen Besatzer einen Teil der Ernte. Die Möglichkeiten hängen vom Ort und von den eigenen Beziehungen ab, nicht allein von der Bereitschaft zu arbeiten.

Mord als Teil der Besatzung

Deutsche SS- und Polizeieinheiten erschießen jüdische Bewohner, unterstützt von weiteren deutschen Stellen und vielfach von örtlichen Helfern. Im Laufe des Jahres 1941 weitet sich die Ermordung auf ganze Familien aus. Menschen werden gesammelt und zu den Erschießungsorten geführt. Andere werden zunächst in Ghettos eingesperrt, deren Bewohner später ebenfalls der Vernichtung ausgeliefert sind.

In Kiew lässt eine deutsche Propagandaeinheit im September 1941 Plakate drucken, die Juden unter Todesdrohung zum Erscheinen an einem Sammelpunkt auffordern. Sie sollen ihre Dokumente und Wertsachen mitbringen; die angebliche Umsiedlung lässt die Anordnung wie die Vorbereitung einer Reise erscheinen. Auf dem Weg zum Erschießungsort trennen deutsche Stellen Juden von anderen Menschen. Die Aufforderung führt zu den Erschießungen in Babyn Jar am 29. und 30. September. Die Täuschung durch eine amtliche Anordnung ist hier ein Mittel, die Opfer zusammenzuführen.

Die Schlucht von Babyn Jar, 1943.
Die Schlucht von Babyn Jar, 1943.

Auch Verwaltungsstellen wirken durch Erfassung und Absperrung an den Morden mit. Beteiligte Behörden verfügen außerdem über den Besitz der Getöteten. Die Verfolgung kann vor den Augen der Nachbarn geschehen. Manche können von der Enteignung profitieren, während andere versuchen, Verfolgten zu helfen.

Hilfe erfordert oft einen Zugang zu Nahrung und einem Versteck. Sie kann die Helfenden selbst gefährden. Daraus folgt keine Gleichheit aller Entscheidungen: Wer aus eigener Initiative Menschen ausliefert, handelt anders als jemand, der unter Gewalt zu einer Dienstleistung gezwungen wird. Eine nachträgliche Bewertung muss diese Unterschiede ebenso beachten wie die tatsächlichen Folgen des Handelns.

Verschleppung zur Arbeit

Mit dem weiteren Kriegsverlauf verschärft die deutsche Führung die Anwerbung und Verschleppung von Arbeitskräften. Gerade junge Menschen werden aus den besetzten Gebieten ins Reich gebracht. Anfängliche Versprechen einer bezahlten Beschäftigung gehen immer stärker in offenen Zwang über.

Befreite Zwangsarbeiterinnen mit OST-Abzeichen, 1945.
Befreite Zwangsarbeiterinnen mit OST-Abzeichen, 1945.

Für die Verschleppten bedeutet die Arbeit keine gewöhnliche Auswanderung. Sie werden in ihrer Bewegung beschränkt und nach der ihnen zugeschriebenen Herkunft ungleich behandelt. Familien verlieren Arbeitskräfte und wissen oft wenig über den Aufenthaltsort ihrer Angehörigen. Die Entscheidung, sich bei einer Erfassung zu verstecken, kann wiederum Bestrafungen nach sich ziehen.

Zwischen bewaffneten Gegnern

In mehreren Regionen entwickeln sich Partisanenbewegungen. Sie greifen deutsche Verbindungen und Einrichtungen an, benötigen aber zugleich Unterkunft und Lebensmittel. Die Unterstützung durch Dorfbewohner kann aus Überzeugung erfolgen oder unter Druck zustande kommen.

Deutsche Karte zur Partisanentätigkeit in Belarus, 1944.
Deutsche Karte zur Partisanentätigkeit in Belarus, 1944.

Die Besatzungsmacht reagiert mit sogenannten Vergeltungsaktionen, die ganze Ortschaften treffen. Der Vorwurf der Partisanenhilfe dient dabei auch als Vorwand für Massenmord. Zivilisten können sich der Gefahr nicht zuverlässig dadurch entziehen, dass sie selbst keine Waffe tragen.

Mit der Rückkehr der Roten Armee endet die deutsche Herrschaft. Doch die sowjetischen Behörden prüfen nun, wie sich die Zurückgebliebenen unter Besatzung verhalten haben. Ein Arbeitsverhältnis, das zum Überleben notwendig gewesen ist, kann erneut erklärungsbedürftig werden. Die Geschichte der Besatzung bleibt damit auch nach dem Abzug der Deutschen Teil der persönlichen Akten und der Möglichkeiten ihrer Bewohner.


Zum Weiterlesen

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Bildnachweis

Titel: Abtransport zur Zwangsarbeit in Kyjiw, 1942. Wikimedia Commons, Unknown author Unknown author. Gemeinfrei.

Text 1: Befreite Zwangsarbeiterinnen mit OST-Abzeichen, 1945. Wikimedia Commons, courtesy of Unknown Russian archive. Gemeinfrei.

Text 2: Deutsche Karte zur Partisanentätigkeit in Belarus, 1944. Wikimedia Commons, Unknown author Unknown author (Reichsführer-SS staff / Chef der Bandenkampfverbände). Gemeinfrei.

Text 3: Die Schlucht von Babyn Jar, 1943. Wikimedia Commons, Автор невідомий. CC0.

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