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Magnitogorsk – Hochöfen vor Wohnungen

Magnitogorsk, Aufnahme aus den 1930er-Jahren.

Im Februar 1932 liefert der erste Hochofen von Magnitogorsk Roheisen. Für die sowjetische Führung ist das ein vorzeigbarer Erfolg des ersten Fünfjahrplans. Am südlichen Ural wächst ein Stahlzentrum, das den industriellen Rückstand des Landes überwinden soll. Viele Menschen, die es bauen, leben zu dieser Zeit noch in provisorischen Unterkünften.

Der Bau folgt einer klaren Rangfolge: Das Werk hat Vorrang vor der Stadt. Der Hochofen muss zu einem politisch festgelegten Zeitpunkt produzieren; die Wohnungen können warten. Aus dieser Entscheidung entsteht eine Stadt, deren wichtigste Einrichtung lange vor einem ausreichend eingerichteten Alltag funktioniert.

Ein Erzberg ist noch kein Stahlwerk

Der Berg Magnitnaja verspricht große Mengen hochwertigen Eisenerzes. Doch aus der Lagerstätte wird erst dann ein industrieller Standort, wenn die übrigen Voraussetzungen zusammenkommen. Hochöfen brauchen Koks, und die geeignete Kohle liegt weit entfernt. Die sowjetischen Planer verbinden deshalb den Ural mit den Kohlenrevieren weiter östlich, besonders dem Kusbass in Westsibirien.

Dieser Zusammenhang verlangt eine leistungsfähige Eisenbahn. Sie muss Kohle heranbringen und das fertige Metall zu anderen Betrieben befördern. Auch während des Baus hängt fast jeder Arbeitsschritt von Transporten ab. Eine fehlende Maschine kann eine ganze Anlage aufhalten, obwohl am Erz selbst kein Mangel besteht.

Die Regierung entscheidet sich 1929 für den beschleunigten Ausbau. Stahl soll wiederum den Bau weiterer Fabriken ermöglichen und die Rüstungsproduktion stärken. Der Standort ist damit Teil einer Kette: Das neue Werk liefert Material für den weiteren industriellen Umbau, dessen Bedürfnisse seine eigenen Produktionsziele immer weiter erhöhen.

Amerikanische Technik für ein sowjetisches Vorhaben

Die Bolschewiki verbinden den Bau mit dem Anspruch, die kapitalistische Welt zu überholen. Für die praktische Umsetzung benötigen sie zugleich deren Kenntnisse. Das amerikanische Unternehmen Arthur G. McKee aus Cleveland liefert Planungsleistungen und technische Unterstützung. Ausländische Fachleute arbeiten mit sowjetischen Ingenieuren zusammen.

Zelt der ersten Bauarbeiter von Magnitogorsk.
Zelt der ersten Bauarbeiter von Magnitogorsk.

Die Übernahme eines Entwurfs überträgt allerdings nicht automatisch die Bedingungen eines amerikanischen Industrieortes an den Ural. Auf der Baustelle fehlen eingespielte Zulieferer und erfahrene Arbeitskräfte. Einzelne Anlagen müssen aufeinander abgestimmt werden, während andere noch gebaut werden. Politisch geforderte Beschleunigung kann diese Abhängigkeiten verschärfen: Ein früher Produktionsbeginn beweist noch keinen verlässlichen Dauerbetrieb.

Für die Stadtplanung kommt unter anderem der deutsche Architekt Ernst May mit seinem Team. Seine Vorstellungen von geordneten Wohngebieten treffen auf einen rasch wachsenden Bedarf, über den die Planer wenig Kontrolle besitzen. Die Zahl der Ankommenden verändert sich schneller als die baulichen Voraussetzungen. Die ersten Bauarbeiter leben in Zelten und einfachen Erdhütten. Später werden Baracken zur dauerhaften Notlösung, während das Werk die verfügbaren Mittel vorrangig für sich beansprucht.

Wer die Stadt errichtet

Nach Magnitogorsk kommen Menschen mit sehr verschiedenen Möglichkeiten. Junge Kommunisten melden sich freiwillig, weil sie am Aufbau des Sozialismus teilnehmen wollen. Andere suchen eine bezahlte Arbeit oder einen Ausweg aus der Not auf dem Land. Unter ihnen sind Bauern, die vor der Kollektivierung und ihren Folgen fliehen.

Hinzu kommen zwangsweise umgesiedelte Menschen. Als sogenannte Kulaken verfolgte Familien können ihren Aufenthaltsort nicht frei wählen. Sie sind auf behördlich zugewiesene Arbeit und Versorgung angewiesen. Ihre Unterbringung und Bewegungsfreiheit unterscheiden sich von denen angeworbener Facharbeiter. Eine Belegschaft am selben Großvorhaben ist deshalb noch keine Gemeinschaft gleicher Rechte.

Für amerikanische Ingenieure entstehen dagegen eigene Häuser in Beryozka. Auch hier wird Wohnraum gebaut, aber bevorzugt für bestimmte Beschäftigte. Ausländische Spezialisten leben deshalb unter anderen Bedingungen als viele sowjetische Bauarbeiter. Die Unterschiede erklären sich aus der Abhängigkeit von schwer ersetzbarer Fachkenntnis. Eine Regierung, die Gleichheit verspricht, gewährt genau dort besondere Bedingungen, wo sie den Verlust dringend benötigter Mitarbeiter fürchtet.

Kindergarten nach einem Entwurf von Margarete Schütte-Lihotzky in Magnitogorsk, 1930er-Jahre.
Kindergarten nach einem Entwurf von Margarete Schütte-Lihotzky in Magnitogorsk, 1930er-Jahre.

Der Betrieb als Versorger

Für die Arbeiter ist die Bindung an das Werk weitreichend. Es geht um mehr als den Lohn. Wer eine Unterkunft oder Zugang zu geregelter Verpflegung braucht, ist auf betriebliche Zuteilung angewiesen. Der Arbeitsplatz bestimmt dadurch einen großen Teil der Möglichkeiten außerhalb der Schicht.

Die ständige Suche nach Arbeitskräften eröffnet zugleich Spielräume. Menschen können schlechte Unterkünfte verlassen und zu anderen Baustellen wechseln. Manche versuchen auch, eine günstigere Einstufung zu erreichen. Die Behörden reagieren mit neuen Kontrollen. Arbeitskräfte sollen verfügbar sein und an den Ort gebunden werden, an dem der Plan sie benötigt.


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Bildnachweis

Titel: Magnitogorsk, Aufnahme aus den 1930er-Jahren. Wikimedia Commons, Неизвестный автор. Gemeinfrei.

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Text 2: Kindergarten nach einem Entwurf von Margarete Schütte-Lihotzky in Magnitogorsk, 1930er-Jahre. Wikimedia Commons, Unknown author Unknown author. Gemeinfrei.

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