
Ein König sitzt auf einem niedrigen Thron. Die weiße Krone Oberägyptens ragt hoch über seinem Kopf auf, ein eng anliegendes Festgewand umhüllt seinen Körper. Zu seinen Füßen hat der Bildhauer Männer in den Stein geritzt. Sie liegen verdreht am Boden, einige mit angewinkelten Armen, andere zusammengesunken. Eine Inschrift bezeichnet sie als Gegner aus dem Norden und nennt eine Zahl von mehr als 47.000 Getöteten.
Die kleine Statue kam in Hierakonpolis ans Licht, dem alten Nekhen in Oberägypten. Dort ließen schon Jahrhunderte zuvor mächtige Männer Gräber und Kultbauten errichten. Gegen Ende der 2. Dynastie, vermutlich im späten 28. oder frühen 27. Jahrhundert v. Chr., stellte hier ein König namens Khasekhem1 seinen Sieg zur Schau.
Die Zahl der Toten wird kaum ein zuverlässiger Bericht vom Schlachtfeld sein. Dafür verrät die Statue umso deutlicher, was der König über seinen Sieg erzählen wollte. Er sitzt ruhig auf seinem Thron. Die geschlagenen Männer bedecken den Sockel unter ihm. Der Kampf ist vorbei, der Sieger bleibt.

Kämpfe innerhalb Ägyptens
Über die letzten Jahrzehnte der 2. Dynastie wissen wir wesentlich weniger als über die Zeit der großen Pyramidenbauer, die bald darauf begann. Königsnamen stehen auf Gefäßen, Siegeln oder Steinfragmenten. Archäologen kennen Gräber und einzelne Bauwerke. Eine zusammenhängende Darstellung der Ereignisse hinterließ diese Epoche jedoch nicht.

Mehrere Funde sprechen dafür, dass es innerhalb Ägyptens zu schweren Auseinandersetzungen kam. Besonders auffällig ist König Peribsen. Frühere Könige hatten den Falkengott Horus über ihrem sogenannten Serech, der rechteckigen Einfassung des Königsnamens, abbilden lassen. Peribsen setzte dort Seth ein. Zugleich konzentrieren sich seine bekannten Zeugnisse stark auf Oberägypten.
Daraus entstand die Vermutung, das Land könne zeitweise politisch geteilt gewesen sein. Wie weit diese Teilung reichte und welche Gebiete einzelne Könige tatsächlich kontrollierten, können die erhaltenen Quellen nicht klären. Auch ein Krieg zwischen Anhängern des Horus und des Seth lässt sich aus dem Wechsel des königlichen Gotteszeichens allein nicht ableiten.
Bei Khasekhem werden die Hinweise auf Kämpfe konkreter.
Gefäße aus seiner Zeit nennen Auseinandersetzungen mit Gegnern aus dem Norden. Auf seinen Statuensockeln erscheinen erschlagene Männer. Ein weiteres Bild aus Hierakonpolis zeigt ebenfalls Getötete beziehungsweise Besiegte. Der König ließ damit mehrfach denselben Erfolg festhalten: Seine Truppen hatten gegen Menschen gekämpft, die er dem Norden zuordnete.
Wer diese Gegner waren, bleibt offen. Die Bezeichnung kann Gruppen aus dem Nildelta meinen, die sich der Herrschaft des Königs widersetzten. Sie verrät uns weder ihre politische Organisation noch die Ursache des Konflikts.
Die Herrscher der 2. Dynastie
Namen, Datierungen und historische Zeugnisse im Überblick
Herrschertabelle anzeigen
| Datierung | Namen | Historische Hinweise |
|---|---|---|
| um 2840 v. Chr. | Hotepsekhemwy Deutsch: Hetepsechemui; auch: Bedjau, Bedjatau, Baunetjer, Hetep; griechisch: Boethos, Bochos | Die Herrscher werden nun in Sakkara bestattet. Nach Manetho erfuhr Ägypten unter ihm ein schweres Erdbeben. |
| um 2830 v. Chr. | Nebra Deutsch: Neb-Re; möglicherweise Weneg; griechisch: Kaichoos, Choos | Vermutlich in Sakkara bestattet, möglicherweise erste Anzeichen für einen Sonnenkult. Eventuell mit Weneg identisch. |
| um 2810 v. Chr. | Nynetjer Deutsch: Ni-netjer; griechisch: Binothris | Grab in Sakkara. Möglicherweise Regierungs- und Wirtschaftskrisen gegen Ende seiner Herrschaft. |
| Nubnefer | Zeitgenössisch nur durch zwei Gefäßaufschriften bezeugt. Einordnung unsicher. | |
| Weneg | Zeitgenössisch durch elf Gefäßaufschriften bezeugt. Chronologische Einordnung und Identität unsicher. | |
| um 2790 v. Chr. | Wadjenes Möglicherweise Weneg; griechisch: Outlas/Tlas | Zeitgenössisch nicht belegt. Eventuell mit Weneg, Sechemib oder Peribsen identisch. |
| um 2790 v. Chr. | Senedj Deutsch: Sened; griechisch: Senthenes | Zeitgenössisch nur durch eine Gefäßaufschrift belegt. Eventuell mit Peribsen identisch. |
| Sekhemib Deutsch: Sechemib; Horusname: Sekhem-ib | Mit Peribsen identisch, dessen Nachfolger oder ein Gegenkönig während seiner Regierungszeit. | |
| Peribsen Auch: Per-ib-sen, Seth-Per-ib-sen | Grab in Abydos. Führte einen Seth-Namen anstelle eines Horusnamens. | |
| Neferkare I./Aaka Griechisch möglicherweise Nefercheres oder Chaires | Zeitgenössisch nicht belegt. | |
| Neferkasokar | Zeitgenössisch nicht belegt. | |
| „Hudjefa I.“ Griechisch möglicherweise Sesochris | Pseudonym für einen Herrscher, dessen Name verloren ging. | |
| um 2740 v. Chr. | Khasekhemwy Deutsch: Chasechemui; auch: Chasechemui-Nebuihetepimef, Cha-sechemui-nub-chet-sen, Hor-Seth-cha-sechemui; griechisch: Cheneres | Grab in Abydos. Führte Krieg in Unterägypten und feierte eine Wiedervereinigung von Ober- und Unterägypten. |
Die Zuordnung einzelner Namen bleibt unsicher. Unterschiedliche Schreibweisen können denselben Herrscher bezeichnen.
Der Sieger kehrt nach Hierakonpolis zurück
Die erwähnte Statue ist nicht die einzige: Khasekhem ließ mindestens zwei sehr ähthliche Exemplare in Hierakonpolis aufstellen. Eine besteht aus Kalkstein, die andere aus dunklerem Stein. Beide zeigen ihn mit der weißen Krone Oberägyptens.
Der Ort war dafür gut gewählt. Hierakonpolis gehörte zu den ältesten Zentren königlicher Macht im Süden. Schon aus der Zeit vor der 1. Dynastie stammen dort kostbare Gegenstände und große Grabanlagen. Auch frühe Könige hinterließen an diesem Platz ihre Spuren.
Khasekhem brachte seinen Sieg also an einen Ort, dessen Besucher königliche Herrschaft seit Generationen kannten. Auf der Statue trägt er keine Rüstung und stürmt keinem Feind entgegen. Er sitzt im Gewand des Sed-Festes, eines königlichen Erneuerungsfestes. Unter dem ruhig dargestellten Herrscher liegen die Besiegten.
Gerade diese Gegenüberstellung gibt dem Bild seine Wirkung. Die Kämpfer fehlen. Waffen spielen kaum eine Rolle. Der König braucht den Moment der Schlacht nicht zu zeigen. Die Körper unter seinen Füßen sollen beweisen, dass er sie gewonnen hat.
Die genannte Zahl von mehr als 47.000 Toten steigert diese Aussage. Der Schreiber nennt jedoch keine unbestimmte Menge. Er schreibt eine auffallend genaue Zahl hin. Der Sieg erhält dadurch den Anschein einer erfassten, abgeschlossenen Leistung.
Von Khasekhem zu Khasekhemwy

Auch der Name des Königs wirft Fragen auf. Auf frühen Denkmälern erscheint er als Khasekhem. Später begegnet die Form Khasekhemwy. In der Regel gelten beide Namen als Bezeichnungen desselben Herrschers.
Besonders auffällig ist das Zeichen über dem späteren Königsnamen. Dort stehen Horus und Seth gemeinsam. Eine zusätzliche Formel erklärt, die beiden Mächte seien in ihm zufrieden beziehungsweise zur Ruhe gekommen.
Die Veränderung passt zu den Zeugnissen über Kämpfe im Norden. Nach einer Phase militärischer Auseinandersetzungen präsentierte sich der König mit den beiden Gottheiten, die in der königlichen Symbolik unterschiedliche Kräfte verkörperten. Daraus lässt sich eine politische Botschaft erkennen: Khasekhemwy beanspruchte Herrschaft über ein Land, dessen Teile zuvor gegeneinander gestanden hatten.
Wie genau der Weg dorthin verlief, bleibt unbekannt. Wir kennen keine Abfolge von Schlachten und keine Friedensvereinbarung. Selbst die Annahme, Khasekhem habe nach seinem Sieg bewusst den Namen Khasekhemwy angenommen, lässt sich nur aus den erhaltenen Denkmälern erschließen.
Die Spuren passen jedoch zusammen. Ein König kämpft gegen Gegner aus dem Norden. Er lässt ihre Niederlage in Hierakonpolis festhalten. Später verbindet sein Königsname Horus und Seth miteinander.
Was von den Besiegten bleibt
Die Gegner erscheinen in diesen Quellen fast ausschließlich aus der Perspektive des Siegers. Ihre Namen fehlen. Wir erfahren nicht, wo sie lebten oder wer sie anführte. Der König reduziert sie auf Körper unter seinem Thron und auf eine Zahl.
Damit zeigt die Statue auch eine Grenze unserer Kenntnis der frühen ägyptischen Geschichte. Von Khasekhem kennen wir seinen Namen und einige seiner Denkmäler. Seine Gegner kennen wir nur in der Form, die er ihnen geben ließ.
Für den König erfüllte genau das einen Zweck. Jeder Besucher sah, wer den Konflikt überstanden hatte. Khasekhem saß weiterhin auf dem Thron. Seine Feinde lagen darunter.
Diese Darstellung blieb in Ägypten lange verständlich. Könige ließen Gegner später auf Tempelwänden erschlagen oder unter ihren Füßen darstellen. Namen und Schauplätze wechselten, während der Herrscher immer wieder als Sieger erschien.
Kurz nach Khasekhemwys Regierungszeit begann die 3. Dynastie. Djoser ließ in Saqqara einen königlichen Grabbezirk errichten, der alles übertraf, was ägyptische Herrscher zuvor gebaut hatten. Zwischen den kleinen Sitzstatuen aus Hierakonpolis und der Stufenpyramide liegen nur wenige Jahrzehnte. Sie zeigen zwei sehr unterschiedliche Möglichkeiten, königliche Macht sichtbar zu machen: Khasekhem setzte seine besiegten Gegner unter den Thron. Djoser ließ für sich eine Landschaft aus Stein errichten.

Zum Weiterlesen
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Steven Snape (2022): Das alte Ägypten: Die visuelle Geschichte. Hochwertiger Bildband mit 850 Fotos, 3D-Illustrationen, Karten und Zeitleisten. *
Hornung, Erik (2010): Einführung in die Ägyptologie. Stand – Methoden – Aufgaben*
Dodson, A. (2021): The First Pharaohs: Their Lives and Afterlives.*
Bestock, L. (2019):Violence and Power in Ancient Egypt: Image and Ideology Before the New Kingdom.*
Bildnachweis
Titel: Fragment eines Tempels, den Khasekhem errichtet hat, wahrscheinlich nachdem er seinen Feinden eine Niederlage beigebracht hatte und die Stadt Nechem (Hierakonpolis) dem Horus weihte. Wikimedia Commons, Juan R. Lazaro. CC BY-SA 2.0.
Khasekhem-Statue: Wikimedia Commons, Djehouty. CC BY-SA 4.0.
Seth: Wikimedia Commons, Jeff Dahl. CC BY-SA 4.0.
Horus: Wikimedia Commons, Jeff Dahl. CC BY-SA 4.0.
Alle weiteren Bildergemeinfrei.
Fußnoten
- In der deutschen Literatur wird häufig die Namensform Hor-Chasechem/Chasemui gebraucht. ↩︎




