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Augustus und die verlorenen Legionen -Die Varusschlacht 9 n. Chr.

Ein cheruskischer Adliger namens Segestes machte dem römischen Statthalter beim letzten Gastmahl vor dem Aufstand einen ungewöhnlichen Vorschlag: Er möge ihn selbst in Ketten legen lassen, zusammen mit Arminius und den übrigen Fürsten. Nach dem Bericht des Tacitus, der die Ereignisse rund hundert Jahre später in seinen Annalen schilderte, begründete Segestes den Plan nüchtern: Ohne ihre Anführer werde die Menge nichts wagen, und Varus gewinne Zeit, Schuldige von Unschuldigen zu scheiden. Publius Quinctilius Varus ging darauf nicht ein, obwohl Segestes ihn nicht zum ersten Mal gewarnt hatte. Sechs Jahre später berichtete Segestes Germanicus, wie Varus seine Warnungen übergangen hatte.

Über den Wahrheitsgehalt der Szene lässt sich streiten, denn Segestes hatte allen Grund, seine Rolle im Rückblick vorteilhaft darzustellen: Arminius hatte ihm die Tochter entführt, und er stand nach der Katastrophe auf der Verliererseite unter den Germanen. Doch die Szene beschreibt eine Konstellation, die sich auch aus anderen Zeugnissen ergibt. Die römische Führung in Germanien vertraute Männern, die sie für die Ihren hielt.

Ein Statthalter für den Frieden

Varus stammte aus einer patrizischen Familie, war durch Heirat mit dem Haus des Augustus verbunden und hatte vor seinem germanischen Kommando die Provinz Syria verwaltet, wo er nach dem Tod des Herodes in Iudaea eingriff. Velleius Paterculus, der unter Tiberius als Offizier in Germanien und Pannonien gedient hatte und sein Geschichtswerk 30 n. Chr. vorlegte, beschreibt ihn als einen Mann, der den Frieden gewohnter war als den Krieg und sich in der Verwaltung wohler fühlte als im Feld. Seit 7 n. Chr. befehligte er in Germanien, und sein Auftrag lautete offenbar, aus dem eroberten Raum eine Provinz zu machen.

Was das praktisch bedeutete, benennt der griechisch schreibende Senator Cassius Dio, der sein Werk rund zweihundert Jahre später verfasste, ohne Umschweife: Varus habe sich verhalten, als seien die Germanen bereits Untertanen. Er setzte römische Regeln durch und ließ Abgaben eintreiben, was in Germanien bis dahin nicht geschehen war; dazu sprach er Recht nach römischem Muster. Tacitus lässt die Aufständischen ihre Verachtung später an den Zeichen der römischen Macht festmachen, an den Rutenbündeln mit den Beilen, die man den Amtsträgern vorantrug, und an der Toga – und damit an der Leere, die sich hinter diesen Zeichen verbarg.

Die Bewertung des Statthalters ist quellenkritisch heikel. Velleius und Florus, der im 2. Jahrhundert einen knappen Abriss der römischen Kriege verfasste, häufen Vorwürfe von Habgier und Unfähigkeit auf ihn, doch beide folgen einer Überlieferung, in der jemand die Schuld tragen musste, und der Tote eignete sich dafür am besten. Dass die Provinzialisierung Widerstand hervorrief, ist plausibel; dass Varus persönlich unfähiger war als andere Statthalter, lässt sich nicht zeigen.

Ein Heer, das anderswo gebraucht wurde

Arminius, Sohn eines cheruskischen Fürsten, hatte im römischen Dienst das Bürgerrecht und den Ritterrang erworben und germanische Hilfstruppen befehligt. Er kannte die Marschordnung der Legionen deshalb aus eigener Anschauung und wusste, was man in Rom von einem Verbündeten erwartete.

Ein Aufstand in Pannonien verschaffte Arminius Spielraum. Er zwang Rom 6 n. Chr., einen Feldzug gegen den Markomannenkönig Maroboduus abzubrechen, und band römische Truppen bis 9 n. Chr. In Germanien blieben fünf Legionen, doch Roms Zugriff auf das Land war noch wenig gefestigt.

Herbst 9 n. Chr.

Varusschlecht, Gemälde von 1909

Über den Verlauf der Schlacht selbst geben die Quellen weniger her, als ihre Berühmtheit erwarten lässt. Die Aufständischen wiegten Varus in Sicherheit und lockten ihn dann in einen Hinterhalt; das Heer war unterwegs vom Sommerlager zu den Winterquartieren und wurde auf dem Marsch gestellt, weit auseinandergezogen und mit dem Tross in der Kolonne. Der Kampf zog sich über mehrere Tage. Drei Legionen mit den Nummern XVII bis XIX gingen unter, dazu Hilfstruppen und Reiterei; Varus nahm sich das Leben, und die Legionsadler fielen in germanische Hand. Die antiken Berichte weichen in Einzelheiten voneinander ab, und Florus verlegt den Überfall sogar in ein Lager, in dem Varus gerade Gericht hielt, womit er gegen alle übrigen steht.

Tacitus verortet das Geschehen im saltus Teutoburgiensis. Der Name „Teutoburger Wald“ für den Höhenzug bei Detmold ist erst in der Neuzeit vergeben worden, und zwar in der Annahme, dort habe die Schlacht stattgefunden – eine Benennung, die den Ort also nicht bezeugt, sondern voraussetzt.

Ein Acker bei Bramsche

Die Suche nach dem Schlachtfeld beschäftigt Gelehrte seit dem 16. Jahrhundert und hat weit über hundert Vorschläge hervorgebracht. Eine neue Grundlage entstand erst 1987, als der in Osnabrück stationierte britische Offizier Tony Clunn mit einem Metallsuchgerät auf dem Flurstück Lutterkrug bei Bramsche einen Verwahrfund von 160 römischen Silbermünzen samt zwei Spielsteinen entdeckte. Im Sommer darauf fand er drei Schleuderbleie – die ersten römischen Ausrüstungsteile der Gegend und ein Hinweis auf Hilfstruppen, denn solche Geschosse benutzten vor allem im Mittelmeerraum ausgehobene Verbände.

Reitermaske von Kalkriese

Ab 1989 wurde systematisch gegraben. Auf dem Flurstück Oberesch, am Fuß des Kalkrieser Bergs, stießen die Ausgräber auf einen langgestreckten Wall aus Sand und Rasensoden. Neben römischen Münzen und Ausrüstungsteilen kamen ab 1994 auch Gruben mit menschlichen und tierischen Knochen zutage. Der bekannteste Einzelfund ist die eiserne Gesichtsmaske eines Reiterhelms, 1990 geborgen und längst das Wahrzeichen des Museums. Den Wall deuteten die Archäologen zunächst als germanische Sperre, hinter der die Angreifer den vorbeiziehenden Römern auflauerten; später trat daneben die Annahme, die Römer hätten hier ein Marschlager errichtet, das die Germanen überrannten. Eine geoarchäologische Studie unter Leitung des Osnabrücker Geographen Joachim Härtling datierte 2024 die untersuchten Wall- und Grabenschichten ins Hochmittelalter, doch Stefan Burmeister, der Geschäftsführer des Museums, hält diesen Befund für keinen hinreichenden Grund, die älteren Deutungen aufzugeben. Wer den Wall errichtete und wozu, ist damit offen.

Viele römische Ausrüstungsteile wurden nur als Fragmente gefunden. Die Archäologin Uta Schröder, die rund 5400 Kleinobjekte aus Kalkriese ausgewertet hat, führt das nicht allein darauf zurück, dass die Sieger das Feld nach dem Kampf nach Beute absuchten: Pflug und spätere Bodenbewegungen haben die Stücke über Jahrhunderte verlagert, und manche Fundkonzentration spiegelt eher die Intensität der Grabungen wider als das antike Geschehen.

Varus oder Germanicus?

Damit ist der Ort noch nicht gesichert, und die Kontroverse hält an. Unstrittig ist, dass bei Kalkriese eine römische Armee unterging. Ob es sich um die Truppen des Varus handelt, ist es nicht: Die Funde lassen sich nicht auf wenige Jahre genau datieren, und Tacitus berichtet, dass Germanicus 15 n. Chr. Feldzüge in derselben Region führte und dabei die Gebeine der Gefallenen bestatten ließ. Kritiker halten Kalkriese deshalb für einen Schauplatz dieser Rachefeldzüge.

Ein Bochumer Forschungsprojekt hat ein neues Argument geliefert. Annika Lüttmann, die ihre ersten Ergebnisse 2022 noch unter dem Namen Diekmann vorstellte, untersuchte am Deutschen Bergbau-Museum die Spurenelemente in den Buntmetallfunden. Legionsschmieden arbeiteten ihr Altmetall vor Ort immer wieder um, wodurch sich über die Jahre ein charakteristisches Muster ausbildete; vergleicht man die Objekte aus Kalkriese mit Standorten, deren Besatzung durch Schriftquellen bekannt ist, lässt sich prüfen, aus welcher Legion die Stücke stammen. Am deutlichsten stimmten die Kalkrieser Stücke mit Buntmetall aus Dangstetten am Hochrhein überein, wo zuvor die neunzehnte Legion gestanden hatte, die 9 n. Chr. unterging. Das ist ein starkes Indiz, aber kein abschließender Beweis. Uta Schröder hält nach Auswertung der Kleinfunde zwar für sicher, dass in spätaugusteischer oder tiberischer Zeit römische Infanterie und Reiterei bei Kalkriese kämpften, vermisst aber weiterhin einen zweifelsfreien archäologischen Beleg für die Varusschlacht, zumal Spuren der Frauen und Kinder fehlen, die nach Cassius Dio mit dem Tross zogen. Widerspruch gibt es weiterhin, zuletzt Vorschläge, den Ort in Ostwestfalen zu suchen.

Die Reaktion in Rom

Augustus soll Haar und Bart monatelang wachsen gelassen und mehr als einmal ausgerufen haben, Varus möge ihm die Legionen zurückgeben. Aus diesen überlieferten Szenen hat die ältere Forschung gern den großen Bruch abgeleitet: Aufgabe des Plans, Germanien bis zur Elbe zu unterwerfen, Rückzug auf den Rhein.

Nero Claudius Germanicus

Der Befund spricht eher für Kontinuität. Öffentlich gab Augustus nichts preis. Tiberius wurde umgehend, frisch aus dem pannonischen Krieg, an den Rhein geschickt, und die dortige Armee wurde durch Verlegungen auf acht Legionen verstärkt – ein größeres Heer, als je zuvor in der Gegend gestanden hatte. Neu ausgehoben wurde dafür nichts: Reichsweit sank die Zahl der Legionen von achtundzwanzig auf fünfundzwanzig, und die Nummern XVII bis XIX wurden nie wieder vergeben. Tiberius beschränkte sich 10 und 11 n. Chr. auf vorsichtige Vorstöße, die Velleius Paterculus als energische Offensive schilderte, was vermutlich genau dem Eindruck entsprach, den Augustus erzeugen wollte. 13 n. Chr. erhielt der junge Germanicus den Oberbefehl.

Was daraufhin geschah, fügt sich in ein Muster, das schon die Jahrzehnte davor bestimmt hatte. Germanicus setzte 15 und 16 n. Chr. Flotte und Landheer ein, führte Truppen über die Weser und meldete große Siege, erreichte aber wenig. Sein Triumph nannte als besiegt die Cherusker, Chatten, Angrivarier und alle übrigen Völker westlich der Elbe, was mit dem tatsächlich Erreichten wenig zu tun hatte. Tiberius rief ihn Ende 16 n. Chr. zurück und schlug seine Bitte aus, ihm ein weiteres Jahr zu geben, um den Krieg zu Ende zu führen. Die Cherusker und die übrigen aufständischen Stämme, schrieb der Kaiser nach Tacitus, könne man nun, da der römischen Rache Genüge getan sei, ihren inneren Streitigkeiten überlassen.


Zum Weiterlesen

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Eck, W. (2018): Augustus und seine Zeit.*

Dahlheim, W. (2024): Augustus: Aufrührer, Herrscher, Heiland.*

Beard, M. (2024): Die Kaiser von Rom: Herrscher über Volk und Reich.*

Clauss, M. (2011): Die römischen Kaiser: 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian.*

Eich, A. (2019): Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.*

Bildnachweis

Titel: Die rekonstruierten Wälle auf dem Varusschlachtfeld bei Kalkriese. Wikimedia Commons, Markus Schweiß. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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