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Mailand muss sich unterwerfen – Barbarossa und der Krieg der Städte

Anfang März 1162 zog der Fahnenwagen Mailands in das kaiserliche Lager vor Lodi. Auf dem hohen Mast des Carroccio hing das Bild des heiligen Ambrosius, des Schutzpatrons der Stadt. Vor Friedrich Barbarossa neigte sich der Mast bis zum Boden.

Zuvor waren die Mailänder Konsuln barfuß vor den Kaiser getreten. Sie trugen entblößte Schwerter über dem Nacken und übergaben ihm die Schlüssel ihrer Stadt. Ritter und Fußkämpfer folgten. Einige hatten sich Stricke um den Hals gelegt.

Das Ritual zeigte eine vollständige Unterwerfung. Gut drei Jahre lang hatte Mailand Barbarossas Forderungen im offenen Konflikt zurückgewiesen. Nun hungerten die Einwohner, auf den Feldern vor den Mauern standen keine Ernten mehr und die Stadt war völlig isoliert.

Das Schicksal der besiegten Stadt blieb vorerst offen. Cremona, Pavia, Lodi und Como warteten darauf, mit ihrem mächtigen Nachbarn abzurechnen.

Zwei Kaufleute suchen den König

Der Konflikt hatte im Frühjahr 1153 am Bodensee begonnen. Während eines Hoftags in Konstanz traten zwei Kaufleute aus Lodi vor Barbarossa. Sie berichteten, Mailand habe ihre Stadt unterworfen und ihre Mitbürger gezwungen, in unbefestigten Siedlungen zu leben.

Lodi war nur eines von mehreren Opfern der Mailänder Expansion. Im Jahr 1111 hatten Mailänder Truppen die Stadt zerstört. Como war 1127 nach einem zehnjährigen Krieg besiegt worden. Mailand kontrollierte Handelswege und zwang kleinere Nachbarn, seine Vormacht anzuerkennen.

Die oberitalienischen Städte waren inzwischen weitgehend selbstverwaltete Gemeinden. Konsuln führten ihre Geschäfte und städtische Gerichte entschieden Streitfälle. Bewaffnete Bürger verteidigten die Mauern.

Formal gehörten die Städte weiterhin zum Reich. Praktisch hatte seit Jahrzehnten kein Herrscher seine Rechte dauerhaft vor Ort durchgesetzt.

Barbarossa nahm die Klage aus Lodi an. Er ließ ein Schreiben an Mailand aufsetzen und befahl der Stadt, die Bedrängung ihrer Nachbarn zu beenden.

Ein Chronist aus Lodi berichtet, die Mailänder Konsuln hätten den Brief öffentlich zerknüllt und das königliche Siegel mit Füßen getreten. Der Verfasser schrieb aus der Sicht einer Stadt, die Mailand zutiefst hasste. Ob sich die Szene genau so abspielte, bleibt daher offen. Sicher ist, dass Mailand den Befehl missachtete.

Für Barbarossa ging es nun um mehr als den Streit zweier Städte. Wer einen königlichen Schiedsspruch zurückwies, bestritt seine Fähigkeit, im italienischen Teil des Reiches Recht durchzusetzen.

Tortona bezahlt für Mailand

Im Herbst 1154 überschritt Barbarossa erstmals als König die Alpen. Sein Heer war kleiner, als er gehofft hatte. Viele Fürsten begleiteten ihn nur mit begrenzten Aufgeboten. Für einen Angriff auf das stark befestigte Mailand reichten seine Kräfte kaum aus.

Barbarossa-Relief von der Porta Romana, Mailand

Der König wandte sich deshalb gegen schwächere Verbündete der Stadt. Besonders traf es Tortona, das mit Mailand gegen Pavia stand. Pavia wiederum unterstützte Barbarossa und versorgte sein Heer.

Im Februar 1155 begann die Belagerung. Tortona lag auf einem steilen Hügel und widerstand fast zwei Monate. Angreifer und Verteidiger beschossen einander mit Pfeilen und Steinen. Schließlich brach die Wasserversorgung zusammen. Anfang April ergab sich die Stadt.

Die Einwohner durften abziehen. Männer aus Pavia zerstörten anschließend Mauern und Häuser. Barbarossa hatte demonstriert, welchen Preis die Verbündeten Mailands zahlen konnten.

Für den Angriff auf Mailand selbst fehlten ihm weiterhin die Kräfte. Er zog über Pavia nach Rom, wo ihn Papst Hadrian IV. am 18. Juni 1155 zum Kaiser krönte. Danach kehrte Friedrich über die Alpen zurück.

Mailand konnte den ersten Feldzug als überstanden betrachten. Die Stadt nutzte Barbarossas Abwesenheit, um ihren Einfluss erneut auszubauen.

Lodi entsteht ein zweites Mal

Ende April 1158 zerstörten Mailänder Truppen die verbliebenen Siedlungen der Lodigianer. Gesandte erschienen erneut bei Barbarossa und baten um Hilfe.

Diesmal sammelte der Kaiser ein wesentlich größeres Heer. Böhmische Kämpfer zogen unter Vladislav II. nach Italien, den Barbarossa im Januar 1158 zum König erhoben hatte. Der Feldzug gegen Mailand gehörte zu den Gegenleistungen, die Vladislav für diese Aufwertung zugesagt hatte.

Im Sommer zog der Kaiser durch die Lombardei. Die Bewohner Lodis erhielten am Fluss Adda einen neuen Siedlungsplatz. Barbarossa half damit nicht nur einer bedrängten Stadt. Die Neugründung schuf zugleich einen kaisertreuen Stützpunkt kaum einen Tagesmarsch von Mailand entfernt.

Anschließend schloss das Reichsheer Mailand ein. Die Angreifer verwüsteten Felder und unterbrachen Zufahrtswege. Bereits nach wenigen Wochen baten die Mailänder um Verhandlungen.

Im September unterwarf sich die Stadt. Sie zahlte eine hohe Summe und stellte Geiseln. Lodi sowie Como erhielten ihre Unabhängigkeit zurück. Die Mailänder durften ihre Mauern behalten. Auch ihre Konsuln blieben im Amt, benötigten künftig aber die Bestätigung des Kaisers.

Barbarossa hatte Mailand zu Zugeständnissen gezwungen, ohne die Stadt zu erobern. Nun wollte er festlegen, welche Rechte ihm in Italien zustanden.

Die Versammlung von Roncaglia

Im November 1158 versammelten sich Fürsten, Bischöfe und Vertreter der Städte auf den Feldern von Roncaglia bei Piacenza. Vier Rechtsgelehrte aus Bologna sollten bestimmen, welche Einkünfte und Befugnisse dem Kaiser zustanden.

Zu diesen sogenannten Regalien gehörten Zölle und Münzrechte. Hinzu kamen Einnahmen aus bestimmten Gerichten. Auch die Nutzung von Straßen und Flüssen konnte Abgaben einbringen. Viele Städte hatten solche Rechte seit Langem selbst ausgeübt.

Die Beschlüsse von Roncaglia verlangten, dass sie diese Befugnisse zurückgaben oder vom Kaiser neu übertragen ließen. Friedrich setzte Beauftragte ein, die Abgaben einziehen und seine Ansprüche in den Städten vertreten sollten.

Für kleinere Gemeinden konnte die kaiserliche Herrschaft Schutz vor mächtigen Nachbarn bieten. Mailand sah darin einen tiefen Eingriff in seine bisherige Selbstständigkeit. Die Stadt hatte sich im September zu genau festgelegten Leistungen verpflichtet. Nun verlangten Barbarossas Vertreter weit mehr.

Der mühsam ausgehandelte Frieden zerbrach.

Der Krieg beginnt von vorn

Mailand verweigerte den kaiserlichen Beauftragten den Zutritt. Bei einem Streit mussten Gesandte Barbarossas die Stadt unter Beschimpfungen und Steinwürfen verlassen. Der Kaiser erklärte die Mailänder zu Gegnern des Reiches.

Barbarossa-Büse, ca.1160

Zunächst traf seine Vergeltung erneut eine verbündete Stadt. Crema lag zwischen Mailand und Cremona und behinderte den Zugang zu wichtigen Straßen. Im Juli 1159 begann Barbarossa mit der Belagerung.

Im selben Monat traf Heinrich der Löwe mit Verstärkungen aus Sachsen und Bayern vor Crema ein. Er begleitete zugleich Kaiserin Beatrix nach Italien.

Die Kämpfe dauerten ein halbes Jahr. Belagerungsmaschinen rollten gegen die Mauern, während die Einwohner Ausfälle unternahmen und die Geräte in Brand zu setzen versuchten. Gefangene und Geiseln wurden auf beiden Seiten für Drohungen benutzt. Im Januar 1160 war Crema erschöpft. Die Bewohner verließen die Stadt, die anschließend zerstört wurde.

Während der Belagerung weitete sich der Konflikt aus. Nach dem Tod Hadrians IV. wählten die Kardinäle im September 1159 zwei Päpste. Barbarossa unterstützte Viktor IV., Mailand stellte sich hinter Alexander III. Der Krieg der Städte verband sich damit mit dem Streit um die Führung der Kirche.

Mailand blieb Barbarossas Hauptziel. Ein direkter Sturm auf die starken Mauern versprach hohe Verluste. Der Kaiser setzte daher auf Hunger.

Der Ring um Mailand

Seit 1160 verwüsteten kaiserliche Truppen systematisch das Mailänder Umland. Sie zerstörten Mühlen und verbrannten Vorräte. Auch Obstbäume und Rebstöcke fielen den Angriffen zum Opfer. Befestigte Orte in der Umgebung wurden nacheinander eingenommen.

Die Stadt hielt über Monate stand. Ihre Einwohner unternahmen Ausfälle und hofften auf Unterstützung. Doch die Verbündeten waren geschlagen oder blockiert. Zugleich sperrten Lodi, Como und Pavia die Wege, über die Lebensmittel nach Mailand gelangen konnten.

Im Winter 1161/62 wurde die Lage unerträglich. Die Vorräte schwanden, die Preise stiegen und immer mehr Menschen litten Hunger. Innerhalb der Stadt wuchs der Druck auf die Konsuln, um Frieden zu bitten.

Barbarossa verlangte eine bedingungslose Unterwerfung. Über die genauen Folgen wollte er erst entscheiden, wenn Mailand sich vollständig in seine Hand gegeben hatte.

Die Konsuln akzeptierten.

Der Fahnenwagen neigt sich

Die Unterwerfung vollzog sich über mehrere Tage im kaiserlichen Lager bei Lodi. Zuerst erschienen die Konsuln mit Schwertern über dem Nacken. Sie übergaben die Stadtschlüssel und schworen, den Befehlen des Kaisers zu folgen.

Danach kamen mehrere Hundert Ritter. Auch sie traten barfuß vor Barbarossa und legten ihre Waffen nieder. Ihnen folgten Abordnungen aus den Stadtvierteln mit Stricken um den Hals.

Den Höhepunkt bildete die Übergabe des Carroccio. Der schwere Wagen trug die Fahnen Mailands und einen Mast mit dem Bild des heiligen Ambrosius. Vor dem Kaiser wurde der Mast herabgelassen. Trompeten und die große Stadtglocke gingen in seinen Besitz über.

Barbarossa ließ die Unterworfenen lange am Boden liegen, bevor er ihnen gestattete aufzustehen. Er nahm ihre Eide an, ließ das weitere Schicksal der Stadt jedoch vorerst in der Schwebe.

Die Mailänder hofften, mit Geldzahlungen und Geiseln davonzukommen. Ihre Gegner verlangten die Zerstörung.

Die Feinde teilen die Stadt unter sich auf

Die Konsuln von Mailand bitten Friedrich Barbarossa um Gnade

Barbarossa entschied, dass die Einwohner Mailand verlassen mussten. Sie sollten künftig in mehreren offenen Siedlungen außerhalb der Mauern leben. Innerhalb weniger Tage räumten die Familien ihre Häuser und nahmen mit, was sie tragen oder auf Wagen laden konnten.

Anschließend begann die Zerstörung. Der Kaiser überließ große Teile der Arbeit den verfeindeten Städten. Cremona, Lodi, Como und Pavia erhielten jeweils ein Gebiet, in dem ihre Männer Mauern einrissen und Häuser unbewohnbar machten.

Kirchen und einzelne Gebäude blieben stehen. Dennoch verschwand Mailand als befestigte Stadt. Gräben wurden zugeschüttet und die Wehranlagen geschleift.

Für Lodi und Como war dies die Rache für Jahrzehnte der Unterwerfung. Für Barbarossa war es eine Warnung an alle Städte, die seine Befehle zurückwiesen. Im Frühjahr 1162 schien seine Herrschaft in der Lombardei gesichert.

Der Erfolg hielt fünf Jahre.

Im April 1167 führten verbündete Städte die vertriebenen Mailänder in ihre Heimat zurück. Gemeinsam begannen sie, Mauern und Häuser wiederaufzubauen. Aus der Angst vor Barbarossas Amtsträgern war inzwischen ein Städtebund entstanden. Mailands Zerstörung hatte die Gegner des Kaisers eingeschüchtert – und ihnen zugleich gezeigt, was ihnen drohte, wenn sie sich einzeln unterwarfen.


Zum Weiterlesen

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Görich, K. (2019): Die Staufer. Herrscher und Reich.* Überblick über den Aufstieg der frühen Staufer und ihre Königs- und Kaiserherrschaft.

Althoff, G. (2003): Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter.* Grundlegende Untersuchung zur politischen Bedeutung öffentlicher Gesten und ausgehandelter Rituale.

Görich, K. (2022): Friedrich Barbarossa.* Eine Biographie.

Bildnachweis

Titel: Der Mast des Carroccio vor Barbarossa, um 1890.

Goldene Barbarossa-Büste: Wikimedia Commons, Montecappio. CC BY-SA 3.0.

Barbarossa-Relief: Wikimedia Commons, Wuselig. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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