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Der Tod des Augustus und Tiberius’ Weg zur Macht

Am letzten Tag seines Lebens ließ Augustus sich einen Spiegel bringen, das Haar richten und die eingefallenen Wangen zurechtrücken. Dann fragte er die Freunde, die um sein Bett standen, ob er den Mimus des Lebens passend gespielt habe, und fügte die Schlussformel hinzu, mit der griechische Schauspieler um Beifall baten. Der römische Biograf Sueton, der die Szene in seinen rund hundert Jahre später verfassten Kaiserbiografien überliefert, wusste, welchen Effekt sie hat: Der Mann, der vierzig Jahre lang die Form gewahrt hatte, wahrte sie auch im Sterben. Es geschah am 19. August 14 n. Chr. in Nola in Kampanien, in demselben Raum, in dem sein leiblicher Vater gestorben war.

Wenige Monate zuvor hatte er noch, gemeinsam mit Tiberius als Amtskollegen, am 11. Mai die Revision des Bürgerverzeichnisses abgeschlossen. Anfang August war Tiberius zum Heer nach Illyricum aufgebrochen und kehrte auf die Nachricht von der Erkrankung hin eilig um. Der Geschichtsschreiber Tacitus, dessen Annalen mit dem Tod des Augustus einsetzen, notiert das Gerücht, er habe Augustus bereits tot vorgefunden und Livia habe die Nachricht zurückgehalten, bis der Übergang gesichert war. Velleius Paterculus, der unter Tiberius als Offizier gedient hatte, und Sueton berichten dagegen, er habe den Sterbenden noch lebend angetroffen.

Der Erbe, der übrig blieb

Livia (59 v. Chr. – 29 n. Chr.)

Dass Tiberius den Platz einnahm, war das Ergebnis einer Reihe von Todesfällen. Marcellus starb 23 v. Chr., Agrippa 12 v. Chr., und die beiden Enkel, die Augustus als Söhne adoptiert hatte, Gaius und Lucius Caesar, starben 4 und 2 n. Chr. Erst danach, im Jahr 4 n. Chr., adoptierte er seinen Stiefsohn.

Das Testament, das nach der Überführung des Leichnams im Senat verlesen wurde, machte Tiberius zum Haupterben mit zwei Dritteln des Vermögens; das restliche Drittel ging an Livia. Der Eingangssatz nannte als Grund, ein grausames Geschick habe ihm die Söhne Gaius und Lucius entrissen. Manche lasen darin nach Sueton ein Eingeständnis, Augustus habe Tiberius eher aus Not als aus Überzeugung gewählt. Diese Deutung geht am Zweck vorbei: Der Satz erklärte, warum ein Mann von außerhalb der julischen Familie überhaupt adoptiert und eingesetzt worden war, und stärkte damit dessen Stellung.

Was schon geregelt war und was nicht

Tiberius besaß bereits die tribunizische Amtsgewalt und seit 13 n. Chr. ein imperium maius, das dem des Augustus gleichkam. Nach dem Tod gab er den Prätorianerkohorten die Parole wie ein Imperator und schickte Briefe an die Heere, als sei er bereits Princeps. Den Namen Augustus, der ihm als Erbteil zufiel, führte er nach Sueton nur in Briefen an Könige und Fürsten.

Der Treueid folgte rasch. Zuerst leisteten ihn die Konsuln, dann die Präfekten der Prätorianer und der Getreideversorgung; danach folgten Senat und Soldaten, zuletzt das römische Volk. Aus Zypern hat sich die Abschrift eines solchen Eides erhalten, den die dortigen Städte auf Tiberius und das gesamte Haus schworen. Er war privater Natur und begründete keine Amtsgewalt – die konnten nur Senat und Volk verleihen.

Ungeklärt blieb, ob die Aufgabe, die Augustus wahrgenommen hatte, mit ihm erloschen war. Tiberius berief den Senat deshalb kraft seiner Tribunengewalt ein, nicht kraft imperium. Bei der Bestattung ließ man einen Adler vom Scheiterhaufen aufsteigen. In der Sitzung vom 17. September bezeugte der Senator Numerius Atticus, er habe Augustus zum Himmel aufsteigen sehen; der Senat richtete den Staatskult für den neuen Gott ein. Anschließend erklärte Tiberius die Last für gewaltig und warf die Frage auf, ob sie nicht zu teilen sei. Asinius Gallus fragte, welchen Teil Tiberius übernehmen wolle, erklärte dann aber, die Herrschaft lasse sich nicht teilen. Tacitus vermerkt, Augustus habe Gallus für ehrgeizig, aber ungeeignet gehalten.

Planasia

Zwischen Todesnachricht und Senatssitzung fiel ein Ereignis, das Tacitus als erste Untat des neuen Prinzipats bezeichnet: Agrippa Postumus, der letzte lebende Enkel des Augustus, wurde auf seiner Verbannungsinsel Planasia getötet. Wer den Befehl gab, ist nicht zu klären. Denkbar ist eine Anordnung, die Augustus noch zu Lebzeiten traf oder die Livia in seinem Namen erteilte, denkbar ebenso ein Entschluss des Tiberius. Sallustius Crispus, ein Berater des Verstorbenen, übermittelte den schriftlichen Befehl an den wachhabenden Tribun; ein Zenturio tötete Postumus. Augustus hatte den Enkel Jahre zuvor verstoßen und 7 n. Chr. seine Verbannung durch Senatsbeschluss auf Dauer festschreiben lassen, sodass sein Fehlen im Testament über den Mordbefehl nichts verrät. Tiberius bestritt jede Verantwortung und kündigte an, die Sache müsse vor dem Senat verantwortet werden. Verhandelt wurde sie nie.

Bei der Bestattung standen ungewöhnlich viele Soldaten in der Stadt, und Velleius Paterculus spricht von der Furcht vor Unruhen. Noch im selben Herbst meuterten die Legionen in Pannonien und am Rhein.


Livia und Tiberius

Zum Weiterlesen

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Eck, W. (2018): Augustus und seine Zeit.*

Dahlheim, W. (2024): Augustus: Aufrührer, Herrscher, Heiland.*

Beard, M. (2024): Die Kaiser von Rom: Herrscher über Volk und Reich.*

Clauss, M. (2011): Die römischen Kaiser: 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian.*

Eich, A. (2019): Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.*

Bildnachweis

Titel: Mausoleum des Augustus. MumblerJamie – https://www.flickr.com/photos/184393744@N06/49345381576/ CC BY-SA 2.0.

Livia und Tiberius: Wikimedia Commons, Miguel Hermoso Cuesta. CC BY-SA 4.0.

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