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Cicero und die bedrohte Republik – Was ein Staatsmann der Gerechtigkeit schuldet

Am 5. Dezember 63 v. Chr. lässt der Konsul Marcus Tullius Cicero fünf Männer im Staatsgefängnis am Forum Romanum hinrichten. Zu ihnen gehört Publius Cornelius Lentulus Sura, der selbst einmal Konsul gewesen ist. Die Gefangenen haben an der Verschwörung des Senators Catilina mitgewirkt. Nun werden sie erdrosselt, ohne dass ein reguläres Gerichtsverfahren über ihr Schicksal entschieden hätte.

Zuvor hat der Senat gestritten. Caesar plädiert für Haft in italischen Städten. Cato verlangt die Todesstrafe. Cicero folgt der härteren Linie. Er sieht die Republik in unmittelbarer Gefahr und hält die Hinrichtungen für notwendig, um sie zu retten.

Die Entscheidung wird ihn jahrelang verfolgen. Denn die Männer sind römische Bürger, deren Schutz vor staatlicher Willkür Cicero selbst verteidigt. Darf ein Konsul ihre Rechte übergehen, wenn er den Staat bedroht sieht? Ciceros politische Laufbahn und seine Philosophie führen immer wieder an diese Frage heran: Was darf ein Mensch tun, der behauptet, für das Gemeinwesen zu handeln?

Ein Aufsteiger aus Arpinum – Mit Reden an die Spitze

Cicero wird 106 v. Chr. in Arpinum geboren, südöstlich von Rom. Seine Familie ist wohlhabend. Er steigt als erster ihrer Angehörigen zum Konsul auf. Die Römer bezeichnen einen solchen Aufsteiger als homo novus, als neuen Mann.

Cicero-Büste, 1. Jhdt. v. Chr.

Sein wichtigstes Mittel ist die Rede. Vor Gericht kann ein Anwalt durch einen erfolgreichen Prozess Ansehen gewinnen und einflussreiche Unterstützer an sich binden. In Volksversammlungen und im Senat muss ein Politiker Menschen überzeugen, deren Zustimmung über Gesetze oder die eigene Karriere entscheidet. Cicero lernt, wie man Argumente so vorträgt, dass andere ihnen folgen.

Die griechische Philosophie gehört früh zu dieser Ausbildung. Cicero hört in Rom Philon von Larissa, der die platonische Akademie geleitet hat. Auf einer Bildungsreise besucht er später Athen und Rhodos. Er begegnet einer Gelehrtenwelt, in der verschiedene Schulen darüber streiten, worauf Menschen ihr Urteil stützen und wie sie leben sollen.

Für einen römischen Politiker sind das praktische Fragen. Wer andere zum Handeln bewegt, muss selbst beurteilen können, welche Ziele vertretbar sind. Sprachliche Gewandtheit allein bietet dafür keinen Maßstab. Ein Redner kann schließlich auch eine schlechte Sache überzeugend vertreten.

Catilinas Verschwörung – Die Rettung und ihr Preis

Catilina auf dem Fresko von Cesare Maccari (1882–1888) im Palazzo Madama

Während Ciceros Konsulat versucht Catilina nach gescheiterten Bewerbungen um das höchste Amt, seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen. In Etrurien sammeln sich bewaffnete Anhänger. In Rom bereiten Mitverschwörer den Umsturz vor. Cicero greift Catilina im Senat öffentlich an; dieser verlässt die Stadt und schließt sich den Aufständischen an.

Die Gefahr ist real. Doch die überlieferten Berichte zeigen sie überwiegend aus der Sicht seiner Gegner. Ciceros Reden sind zugleich politische Kampfreden und die Verteidigung seiner eigenen Amtsführung. Sie sind parteiische Zeugnisse des verantwortlichen Konsuls.

Die Hinrichtungen schwächen Catilinas Rückhalt in Rom. Ihre umstrittene Rechtsgrundlage bietet Ciceros Gegnern jedoch einen Ansatzpunkt.

58 v. Chr. setzt der Volkstribun Publius Clodius ein Gesetz gegen die Tötung römischer Bürger ohne gerichtliche Verurteilung durch. Es zielt auf Cicero. Dieser verlässt Italien; sein Haus auf dem Palatin wird zerstört. Im folgenden Jahr kann er zurückkehren, doch seine politische Stellung hat Schaden genommen.

Wer Ciceros spätere Ausführungen über Recht liest, begegnet deshalb einem Autor, der staatliche Gewalt von beiden Seiten kennt. Er hat sie gegen andere eingesetzt und selbst erfahren, wie politische Gegner rechtliche Verfahren gegen ihn wenden konnten.

Prüfen statt nachsprechen – Ein Römer in der Akademie

Cicero übernimmt die Lehre keiner Schule vollständig. Besonders verbunden bleibt er der skeptischen Tradition der Akademie. Deren Vertreter bestreiten den Anspruch, Menschen könnten ihre Erkenntnisse gegen jeden möglichen Irrtum absichern.

Daraus folgt für Cicero keine Verpflichtung zur Untätigkeit. Wer über eine Anklage oder ein politisches Vorhaben entscheiden muss, kann nicht warten, bis jeder Zweifel beseitigt ist. Er muss die Gründe gegeneinander abwägen und dem folgen, was nach sorgfältiger Prüfung am überzeugendsten erscheint. Ein solches Urteil bleibt korrigierbar.

Viele seiner philosophischen Werke gestaltet Cicero deshalb als Gespräche. Einzelne Teilnehmer tragen ausführlich die Auffassung einer Schule vor, andere prüfen ihre Einwände. Der Leser soll nachvollziehen können, weshalb eine Position trägt und an welcher Stelle sie Schwierigkeiten bekommt.

Dieses Verfahren unterscheidet sich vom beliebigen Herausgreifen angenehmer Gedanken. Cicero kann stoische Argumente übernehmen, ohne deshalb jede Behauptung der Stoiker für gewiss zu halten. Seine geistige Unabhängigkeit liegt in der fortgesetzten Prüfung. Sie garantiert allerdings nicht, dass er als Politiker ebenso offen mit den Einwänden seiner Gegner umgeht.

Wem der Staat gehört – Ein Gespräch über Rom

In den 50er Jahren v. Chr. bestimmen Caesar und Pompeius zunehmend die römische Politik. Ihr Einfluss beruht auf militärischen Erfolgen und weitreichenden persönlichen Bindungen. Cicero besitzt weder ein vergleichbares Heer noch eine solche Machtstellung. In dieser Zeit arbeitet er an De re publica, seiner Schrift über das Gemeinwesen.

Das Gespräch verlegt er in das Jahr 129 v. Chr. Scipio Aemilianus, der Eroberer Karthagos, diskutiert mit Freunden über die beste Staatsverfassung. Der Rückgriff auf eine frühere Generation erlaubt Cicero, die Konflikte seiner Gegenwart durch Figuren zu behandeln, denen seine Leser besonderes Ansehen zuschreiben.

Scipio bezeichnet das Gemeinwesen als Sache des Volkes. Ein Volk entsteht dabei nicht schon dadurch, dass viele Menschen am selben Ort leben. Sie müssen durch ein gemeinsames Verständnis des Rechts und einen gemeinsamen Nutzen miteinander verbunden sein. Ein Machthaber kann den Staat daher nicht wie sein Privateigentum behandeln.

Ciceros bevorzugte Verfassung verbindet unterschiedliche Träger politischer Macht. In Rom stehen die Konsuln für die Befehlsgewalt, der Senat für die dauerhafte Beratung, die Volksversammlungen für die Mitwirkung der Bürger. Diese Verbindung soll verhindern, dass eine Seite sämtliche Entscheidungen an sich zieht.

Cicero entwirft damit ein anspruchsvolles Ideal der Republik. Im politischen Alltag verfügen reiche Familien über erheblichen Einfluss. In den Versammlungen haben die Stimmen der Bürger je nach Abstimmungsverfahren unterschiedliches Gewicht. Die Konflikte seiner eigenen Zeit zeigen zudem, wie wenig politische Einrichtungen ausrichten können, wenn mächtige Männer ihre Entscheidungen mit Soldaten erzwingen.

Forum Romanum

Recht über dem Beschluss – Der Maßstab der Vernunft

In De legibus, der Schrift über die Gesetze, lässt Cicero seinen Bruder Quintus und seinen Freund Atticus mitdiskutieren. Das Gespräch führt in die Landschaft seiner Heimat. Bevor die Teilnehmer einzelne Vorschriften behandeln, fragen sie, was ein Gesetz überhaupt gerecht macht.

Cicero verlangt, dass sich auch die Beschlüsse eines Volkes oder eines Herrschers an der Gerechtigkeit messen lassen. Wer jede beschlossene Vorschrift als gerecht anerkennt, müsste auch Raub billigen, sobald ein Gesetz ihn erlaubt. Cicero sucht deshalb einen Maßstab, an dem sich geltende Gesetze prüfen lassen.

Diesen Maßstab findet er in der vernünftigen Natur des Menschen. Menschen können Gründe verstehen und zwischen richtigem und falschem Handeln unterscheiden. Das verbindet sie über die Grenzen einzelner Städte hinaus. Ein gerechtes Gesetz soll dieser gemeinsamen Vernunft entsprechen. Später wird dieser Gedanke zu den wichtigen Grundlagen der Naturrechtslehre gehören.

Die Reichweite des Anspruchs bleibt bei Cicero begrenzt. Er fordert keine gleichen politischen Rechte für sämtliche Menschen und setzt die römische Gesellschaft mit ihren Rangunterschieden voraus. Auch die Sklaverei verwirft er nicht grundsätzlich. Die gemeinsame Vernunft begründet bei ihm Pflichten gegenüber anderen; sie hebt ihre rechtliche Ungleichheit nicht auf.

Caesars Sieg und Tullias Tod – Schreiben nach dem Verlust

Die tote Tullia, 1816

49 v. Chr. mündet der Konflikt zwischen Caesar und Pompeius in den Bürgerkrieg. Cicero zögert lange, bevor er sich Pompeius anschließt. Dessen Sache erscheint ihm eher mit der Republik vereinbar, obwohl er auch dessen Vorgehen misstraut. Nach Caesars Sieg bei Pharsalos 48 v. Chr. gibt Cicero den bewaffneten Widerstand auf. Caesar begnadigt ihn schließlich.

Die Republik, in der Cicero durch Reden Einfluss gewonnen hat, bietet ihm nun wenig selbstständigen Handlungsspielraum. Caesar entscheidet die zentralen politischen Fragen. Cicero schreibt weiter, doch die Möglichkeit, mit seinen Argumenten den Gang der öffentlichen Angelegenheiten zu bestimmen, ist stark geschrumpft.

45 v. Chr. stirbt seine Tochter Tullia. Cicero zieht sich zeitweise nach Astura an der Küste Latiums zurück. Seine Briefe an Atticus zeigen, wie schwer er den Verlust erträgt. Er liest Trostschriften und verfasst selbst eine, die nur in Resten erhalten ist. Die Arbeit beschäftigt ihn, ohne seine Trauer einfach zu beseitigen.

In den Jahren 45 und 44 entsteht ein großer Teil seines philosophischen Werks. Die Gespräche in Tusculum behandeln unter anderem die Angst vor dem Tod und den Umgang mit seelischem Schmerz. Cicero prüft, wie Urteile über ein vermeintliches Unglück die Gefühle verstärken und welchen Einfluss vernünftiges Nachdenken darauf gewinnen kann.

Die literarisch gestalteten Gespräche lassen sich vor dem Hintergrund seiner Trauer lesen. Ihr Verfasser erfährt gerade selbst, wie schwierig sich philosophische Argumente auf einen schmerzhaften Verlust anwenden lassen.

Getreide für Rhodos – Wo der eigene Vorteil endet

Nach Caesars Ermordung am 15. März 44 v. Chr. hofft Cicero erneut auf eine Republik, in der der Senat politischen Einfluss zurückgewinnt. Im selben Jahr schreibt er De officiis, gewöhnlich als Über die Pflichten übersetzt. Er richtet das Werk an seinen Sohn Marcus, der in Athen studiert. Ein Vater legt darin dar, welche Verpflichtungen ein junger Mann im privaten und öffentlichen Leben beachten soll.

Cicero folgt über weite Strecken dem stoischen Philosophen Panaitios, entwickelt dessen Überlegungen aber weiter. Besonders eingehend beschäftigt ihn der scheinbare Konflikt zwischen dem moralisch Richtigen und dem eigenen Nutzen. Eine ungerechte Handlung kann nach seiner Auffassung keinen wirklichen Vorteil bringen, weil sie die Gemeinschaft beschädigt, von der auch der Handelnde abhängt.

Wie anspruchsvoll dieser Maßstab ist, zeigt ein Gedankenexperiment. Auf Rhodos herrscht Getreidemangel. Ein Kaufmann bringt eine Ladung aus Alexandria und könnte sie teuer verkaufen. Er weiß aber, dass weitere Getreideschiffe unterwegs sind. Muss er die Käufer informieren, obwohl das den Preis drücken dürfte?

Cicero stellt zwei stoische Antworten gegenüber. Diogenes von Babylon erlaubt dem Händler zu schweigen, solange er keine falschen Angaben macht. Antipatros verlangt die Offenlegung, weil der Verkäufer die Bedürfnisse seiner Mitmenschen berücksichtigen soll. Cicero folgt der strengeren Auffassung: Wer andere zum eigenen Vorteil bewusst im Irrtum lässt, verletzt seine Verpflichtung gegenüber ihnen.

Der Kaufmann muss sein Geschäft sowohl an den örtlichen Vorschriften als auch an seiner Verantwortung gegenüber den Käufern messen. Dazu gehört die Frage, ob sein Gewinn darauf beruht, dass er die Not anderer ausnutzt.

Der letzte politische Versuch – Gegen Antonius, mit Octavian

Cicero bleibt nach Caesars Tod politisch aktiv. Er greift Marcus Antonius in den sogenannten Philippischen Reden an. Der Name erinnert an die Reden des griechischen Redners Demosthenes gegen Philipp II. von Makedonien. Cicero stellt Antonius als eine Gefahr dar, gegen die sich die Republik wehren müsse.

Dabei unterstützt er den jungen Octavian, Caesars Adoptivsohn, der eigene Truppen gesammelt hat. Cicero hofft, dessen militärische Macht gegen Antonius einsetzen und zugleich an den Senat binden zu können. Wieder vertraut er darauf, eine außergewöhnliche Machtstellung lasse sich für die Rettung der Republik nutzen.

Octavian verfolgt eigene Ziele. 43 v. Chr. verbündet er sich mit Antonius und Lepidus. Die drei lassen politische Gegner auf Todeslisten setzen und deren Vermögen einziehen. Cicero gehört zu den Verfolgten.

Am 7. Dezember 43 v. Chr. wird er auf der Flucht bei Formiae an der Küste Italiens getötet. Sein Kopf und seine Hände werden auf der Rednertribüne des Forum Romanum ausgestellt. Dort, wo Cicero politischen Einfluss ausgeübt hat, zeigen seine Gegner nun, wer über Leben und Tod entscheidet.

Mehr als vier Jahrhunderte später liest der junge Augustinus während seiner Ausbildung in Karthago Ciceros Hortensius, eine Aufforderung zur Philosophie. In seinen Bekenntnissen wird er berichten, dass ihn der Inhalt des Buches zur Suche nach Weisheit bewegt habe. Die Republik, für die Cicero gekämpft hat, ist da längst Vergangenheit. Seine Aufforderung, die eigenen Lebensziele zu prüfen, erreicht einen Leser in einer anderen Welt.


Karikatur: Cicero denunziert Catalina, um 1850

Zum Weiterlesen

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Fuhrmann, M. (1989): Cicero und die römische Republik.* Biographie, die Ciceros politische Laufbahn mit seiner schriftstellerischen Arbeit verbindet.

Schofield, M. (2021): Cicero: Political Philosophy.* Untersuchung von Ciceros Vorstellungen über politische Freiheit, Recht und die Verantwortung des Staatsmanns.

Bildnachweis

Titel: Cicero denunziert Catalina im Senat.

Cicero-Büste: Wikimedia Commons, José Luiz Bernardes Ribeiro. CC BY-SA 4.0

Forum Romanum: Wikimedia Commons, Stefan Bauer, http://www.ferras.at. CC BY-SA 2.5.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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