Gegen Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. erreichten Siedler aus Tyros die Küste am Golf des heutigen Tunis. Wahrscheinlich gingen sie in der geschützten Baie du Kram an Land. Vor ihnen erhob sich eine leicht zu verteidigende Halbinsel, während sich hinter der Küste fruchtbares Land erstreckte. Wer von hier nach Norden segelte, erreichte Sizilien und Sardinien; wer der nordafrikanischen Küste nach Westen folgte, gelangte bis zur Straße von Gibraltar.
Libysche Gruppen lebten im Umland und verfügten über den Boden. Phönizische Händler kannten diese Gegend bereits. Wenige Kilometer entfernt bestand schon Utica, eine ältere Niederlassung. Trotzdem gründeten die Menschen aus Tyros einen weiteren Ort. Sie nannten ihn Qart Hadascht, die „neue Stadt“: Karthago.
Wer die Gruppe anführte und weshalb sie Tyros verließ, lässt sich nicht mehr zuverlässig rekonstruieren. Unklar ist auch, wie sie ihr Verhältnis zu den libyschen Nachbarn regelte. Antike Autoren gaben darauf eine berühmte Antwort. Im Mittelpunkt ihrer Erzählung steht eine Frau: Elissa, die später vor allem unter dem Namen Dido bekannt wurde.
Die Flucht aus Tyros
Die ausführlichste erhaltene Fassung der Gründungsgeschichte steht in der Weltgeschichte des Pompeius Trogus, die nur in einer späteren Kurzfassung des Justinus überliefert ist. Danach stammte Elissa aus dem Königshaus von Tyros. Ihr Bruder Pygmalion ließ ihren Ehemann Acherbas ermorden, weil er dessen Reichtum an sich bringen wollte. Elissa täuschte ihren Bruder, brachte Anhänger auf ihre Seite und floh mit ihnen über das Meer.
An der nordafrikanischen Küste bat sie die Bewohner um so viel Boden, wie sie mit einer einzigen Rinderhaut umschließen könne. Die Bitte schien bescheiden. Elissa ließ die Haut jedoch in schmale Streifen schneiden und umgrenzte damit ein weitaus größeres Grundstück. Dort verortet die Erzählung die Burg der neuen Stadt, die Byrsa. Der Name klang für griechische Autoren wie ihr eigenes Wort für Rinderhaut. Diese Ähnlichkeit verbanden sie mit der Gründungslegende.
Die List erklärt den Beginn Karthagos mit einem Vertrag, der durch Täuschung zustande kommt. Darin steckt vielleicht eine ferne Erinnerung an eine Vereinbarung mit den Bewohnern des Umlands. Noch Jahrhunderte später kannten antike Autoren eine Abgabe, welche die Karthager für die Erlaubnis zur Stadtgründung an libysche Nachbarn gezahlt haben sollen. Erst als Karthago im 5. Jahrhundert v. Chr. seine Macht im Hinterland ausdehnte, zwang es die Empfänger zum Verzicht auf diesen Pachtzins.
Damit endet die Elissa-Erzählung jedoch nicht. Ein einheimischer Herrscher verlangte nach Justinus die Hand der Gründerin und drohte mit Krieg. Elissa entzog sich der Ehe durch den Tod. Ihre Gestalt wurde danach als Stadtgründerin verehrt. Viele Jahrhunderte später veränderte der römische Dichter Vergil die Geschichte für sein Epos über Aeneas: Bei ihm verliebt sich Dido in den Flüchtling aus Troja und tötet sich, nachdem er Karthago verlassen hat. Die Begegnung zwischen Dido und Aeneas gehört zu Vergils dichterischer Gestaltung. Zwischen der herkömmlichen Datierung des Trojanischen Krieges und der Gründung der Stadt liegen mehrere Jahrhunderte.

Ein Datum aus verlorenen Überlieferungen
Die Legende bewahrt Namen und politische Konflikte, erhielt ihre überlieferte Gestalt jedoch erst Jahrhunderte nach der Gründung. Auch die antiken Angaben zum Gründungsjahr wurden erst mit großem zeitlichem Abstand niedergeschrieben. Dennoch führen zwei voneinander unabhängige Überlieferungen auffällig nahe an dieselbe Zeit heran.
Der griechische Geschichtsschreiber Timaios setzte die Gründung 38 Jahre vor der ersten Olympiade an. Je nach Zählweise ergibt sich daraus 814/13 oder 813/12 v. Chr. Menandros von Ephesos verband Karthago dagegen mit der Königsliste von Tyros: Die Stadt sei im siebten Regierungsjahr Pygmalions gegründet worden. Werden seine Angaben mit assyrischen Daten verglichen, führt diese Rechnung ungefähr in die Jahre zwischen 825 und 820 v. Chr.
Keine der beiden Angaben beweist ein exaktes Jahr. Sie sprechen aber dafür, die Gründung gegen Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. anzusetzen. Die ältesten archäologischen Funde widersprechen diesem zeitlichen Rahmen nicht. Die ursprüngliche Siedlung selbst ist bislang nicht entdeckt worden. Römische Bauarbeiten haben auf der Byrsa ältere Schichten abgetragen; an anderen Stellen liegen frühe Reste unter späteren Stadtvierteln.
Deshalb lässt sich der erste Tag Karthagos nicht ausgraben. Die Forschung kann nur Fundorte vergleichen und die Gestalt der Küste berücksichtigen. Der Strand bei Bordj Djedid war den Nordostwinden stark ausgesetzt. Die Baie du Kram bot Schiffen besseren Schutz. In ihrer Nähe lag zudem der alte Kultbezirk, den die Forschung als Tofet bezeichnet. Von dort zog sich die frühe Besiedlung wahrscheinlich bis an die Hänge der Byrsa.
Warum noch eine phönizische Stadt?
Karthago war Teil einer Bewegung, die lange vor seiner Gründung begonnen hatte. Kaufleute aus den phönizischen Städten an der Küste des heutigen Libanon fuhren seit Jahrhunderten über das Mittelmeer. Zunächst errichteten sie Handelsplätze in fremden Häfen. Später entstanden dauerhafte Niederlassungen auf Inseln und an den Küsten des Westens.
Tyros suchte dort vor allem Metalle und sichere Anlaufstellen für seine Schiffe. Karthagos Lage wirft dennoch eine Frage auf. Im unmittelbaren Hinterland gab es keine reichen Metallvorkommen, und mit Utica lag bereits ein phönizischer Ort in der Nähe. Die „neue Stadt“ muss also eine andere Aufgabe erfüllt haben.
Der Golf von Tunis bot einen günstigen Halt auf dem Weg zwischen Tyros und den phönizischen Niederlassungen im fernen Westen. Von Karthago aus ließ sich außerdem der Austausch mit dem nordafrikanischen Hinterland ausbauen. Die Halbinsel erleichterte den Schutz der Siedlung. Später entstanden hier Hafenanlagen, doch deren bekannte Gestalt gehört einer viel jüngeren Zeit an. Für die Gründer genügte zunächst eine geschützte Bucht, in der sie Schiffe an Land ziehen und Waren umladen konnten.
Im Lauf der archaischen Zeit wuchs Karthago weit über ein kleines Kontor mit einigen Speichern hinaus. Bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. dehnte sich das besiedelte Areal nach dem Befund der Gräber auf mindestens 55 Hektar aus. Ob Tyros von Anfang an ein neues Zentrum für den Westen schaffen wollte, wissen wir trotzdem nicht. Die ersten Generationen hinterließen keine Texte, die ihre Absichten erklären.

Tochterstadt und neuer Nachbar
Karthago blieb zunächst mit Tyros verbunden. Phönizische Kolonien waren ihren Mutterstädten vermutlich stärker untergeordnet als viele griechische Gründungen. Für Karthago ist eine jährliche Abgabe an Tyros überliefert, die auch eine religiöse Bedeutung hatte. Die Stadt hielt besonders am Kult des tyrischen Gottes Melkart fest.
Wie weit die politische Abhängigkeit reichte, bleibt offen. Für die Frühzeit kennen wir keinen karthagischen König. Ebenso wenig können wir feststellen, wer die Siedler auswählte oder wer nach der Ankunft Entscheidungen traf. Die Geschichte von Elissa könnte eine dynastische Auseinandersetzung in Tyros spiegeln. Sie könnte der späteren Stadt aber auch eine Gründerin gegeben haben, deren Mut und Klugheit den eigenen Aufstieg erklärten.
Karthagos Entwicklung war von Beginn an eng mit seiner Umgebung verknüpft: Die Siedler kauften Lebensmittel von den libyschen Bewohnern des Umlands und waren auf Beziehungen zu ihnen angewiesen. Wahrscheinlich entstanden früh familiäre Verbindungen. In späterer Zeit begegnen in Karthago zahlreiche libysche Personennamen; Angehörige punischer und libyscher Oberschichten heirateten untereinander.
Aus diesen dauernden Beziehungen entwickelte sich eine eigene punische Gesellschaft. Karthago blieb seiner phönizischen Herkunft verbunden und wurde zugleich Teil des nordafrikanischen Raums.
Aus der neuen Stadt wird Karthago
Über das erste Jahrhundert der Stadt ist fast nichts überliefert. Erst im 7. Jahrhundert v. Chr. wird eine eigenständige Entwicklung deutlicher. Karthago gründete nun selbst Niederlassungen und knüpfte die westphönizischen Orte enger an sich. Der wachsende Druck assyrischer Könige auf Tyros begünstigte diesen Aufstieg, erklärt ihn aber nicht allein. Die neue Macht erwuchs aus den Verbindungen, die Karthago im westlichen Mittelmeer aufgebaut hatte.
Damit reichte Karthagos Einfluss über die nordafrikanische Küste hinaus. Der erste große Gegner lag auf dem nahen Sizilien: Dort trafen Karthager auf griechische Städte, die ebenfalls Häfen und Handelswege kontrollieren wollten.

Zum Weiterlesen
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Huß, W. (1995): Karthago. Knappes, quellenorientiertes Gesamtbild von den phönizischen Anfängen bis zur Zerstörung der Stadt.
Zimmermann, K. (2013): Rom und Karthago. Darstellung der Beziehungen und Kriege beider Mächte mit besonderem Augenmerk auf die antike Überlieferung.
Bildnachweis
Titel: Byrsa. Wikimedia Commons, Noomen9. CC BY-SA 4.0.
Tophet: Wikimedia Commons, IssamBarhoumi. CC BY-SA 4.0.
Punische Häfen: Wikimedia Commons, Noomen9. CC BY-SA 4.0.




