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Claudius und die Eroberung Britanniens

Ein Goldstück aus den ersten Regierungsjahren des neuen Kaisers zeigt etwas, das auf römischen Münzen bis dahin kaum vorkam: ein Lager mit Zinnenmauer und Torbogen, davor eine Säulenfront und ein Prätorianer auf Posten. Die Umschrift meldet, der Imperator sei aufgenommen worden. Ein Silberdenar derselben Jahre zeigt Claudius in der Toga, wie er einem Soldaten die Hand reicht, und teilt spiegelbildlich mit, die Prätorianer seien aufgenommen worden.

Diese Prägungen waren für die Augen der Garde bestimmt, und mit ihnen wurde vermutlich ausgezahlt, was Claudius bei seiner Erhebung versprochen hatte: 15.000 Sesterzen pro Mann, eine bis dahin beispiellose Summe. Jährlich kamen weitere 100 Sesterzen hinzu, die ganze Regierungszeit hindurch. Der Senat hatte nach der Ermordung Caligulas beraten, wie es weitergehen solle, und schließlich Claudius zu sich gerufen. Der ließ höflich mitteilen, die Prätorianer hielten ihn gegen seinen Willen fest. Konsuln und Senatoren mussten hinnehmen, dass ihnen die Entscheidung längst abgenommen war.

Ein Kaiser ohne Feldzug

Claudius war neunundvierzig Jahre alt und hatte nie ein Kommando geführt. Augustus hatte ihn für öffentliche Ämter ungeeignet gehalten, und seine Großmutter Livia teilte dieses Urteil ebenso wie seine Mutter Antonia; so war er Ritter geblieben, bis Caligula ihn 37 als Amtskollegen in sein erstes Konsulat holte. Wer in Rom herrschen wollte, brauchte jedoch militärische virtus, und deren Fehlen erklärt einen auffälligen Befund: Claudius nahm siebenundzwanzig Kaiserakklamationen an, mehr als jeder seiner Vorgänger.

Im zweiten Jahr seiner Herrschaft ließ Claudius Gaius Appius Iunius Silanus töten, einen Senator aus altem Adel, den er selbst aus Spanien zurückgerufen und mit Messalinas Mutter verheiratet hatte. Ein Verfahren gab es nicht. Nach dem Geschichtsschreiber Cassius Dio hatte Silanus die Annäherung Messalinas zurückgewiesen, worauf sie und der Freigelassene Narcissus den Kaiser mit einem erfundenen Traum davon überzeugten, dass Silanus ihm nach dem Leben trachte.

Unter den Senatoren zerstörte dieser Mord die Hoffnung, der neue Herrscher werde anders regieren als Caligula. Annius Vinicianus, der nach Caligulas Tod selbst als Nachfolger im Gespräch gewesen war, begann eine Verschwörung. Da ihm Truppen fehlten, gewann er den Statthalter Dalmatiens, Lucius Arruntius Furius Camillus Scribonianus, der zwei Legionen befehligte. Claudius erschrak so sehr, dass er nach Dio bereit war, Scribonianus die Herrschaft zu überlassen. Doch Scribonianus versprach seinen Soldaten die Wiederherstellung der Republik, und die Legionen, die darin neue Bürgerkriege heraufziehen sahen, verweigerten ihm nach wenigen Tagen den Gehorsam; später hieß es, die Feldzeichen hätten sich nicht aus dem Boden ziehen lassen, ein Zeichen göttlichen Zorns. Scribonianus floh auf die Insel Issa und kam dort um. In Rom folgten Prozesse gegen seine Anhänger, denen zahlreiche Senatoren und Ritter zum Opfer fielen; Vinicianus nahm sich das Leben.

Der Aufstand hatte Claudius vor Augen geführt, wovon seine Herrschaft abhing: von der Treue der Legionen und vom Stillhalten des Senats. Beides, so dürfte er gerechnet haben, ließ sich am sichersten durch einen Sieg gewinnen, den er selbst anführte. Den Anlass lieferte Verica, ein König aus dem Süden Britanniens, der nach inneren Kämpfen von der Insel vertrieben worden war und in Rom um Hilfe bat. Im Jahr 43 setzten vier Legionen über den Kanal.

Warum die Insel

Britannien besaß für Römer eine Bedeutung, die über den militärischen Nutzen weit hinausging. Seit Caesars Vorstößen galt die Insel als Land jenseits des Ozeans, also jenseits der Grenze der bekannten Welt; wer sie unterwarf, unterwarf mehr als den Erdkreis.

Dazu kam ein handfester Grund. Caligulas neue Legionen hatten die beiden germanischen Heere auf je fünf Verbände gebracht, was ihre Befehlshaber in gefährliche Nähe zu eigenen Ansprüchen rückte. Ein Feldzug über den Kanal zog Truppen aus dieser Zone ab.

Den Oberbefehl erhielt Aulus Plautius, der Statthalter Pannoniens, ein Mann mit den richtigen Bindungen: Er war während der Erhebung des Scribonianus loyal geblieben und überdies mit Claudius‘ erster Frau Plautia Urgulanilla verwandt. Die Hauptstadt übergab der Kaiser für die Dauer der Abwesenheit Lucius Vitellius, dem Konsul von 34, der 43 sein zweites Konsulat antrat.

Wer mitfahren musste

Claudius als Jupiter, 1. Jhdt.

Die Zusammensetzung des kaiserlichen Gefolges verrät mehr über die Lage in Rom als jede Schlachtbeschreibung. Claudius nahm eine große Zahl von Senatoren mit, vermutlich weil er ihnen nicht zutraute, in seiner Abwesenheit stillzuhalten. Den Konsular Galba schätzte er so sehr, dass er nach dem römischen Biographen Sueton den Aufbruch verschob, weil Galba erkrankt war. Auch Valerius Asiaticus und Marcus Vinicius reisten mit.

Die schweren Kämpfe hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Plautius ausgefochten. Er hatte die Britannier an einem Fluss in einer zweitägigen Schlacht geschlagen, war nach verlustreichen Gefechten an der Themse aber stehen geblieben und hatte den Kaiser zu sich gerufen. Claudius blieb nur sechzehn Tage auf der Insel, führte die Legionen über den Fluss und zog in Camulodunum ein. Der Triumph erlaubte es ihm, allen Senatoren, die ihn begleitet hatten, die ornamenta triumphalia zuzuteilen, auch denen, die noch nicht Konsul gewesen waren – Triumphabzeichen ohne eigenen Umzug, die den Empfänger auszeichneten und zugleich verpflichteten. Man kann die Expedition also von zwei Seiten lesen: als Eroberung und als Maßnahme zur Bindung der römischen Führungsschicht.

Elf Könige

Rekonstruktion des Triumphbogens des Claudius

Anschließend sorgte Claudius dafür, dass niemand den Erfolg vergaß. Münzen warben mit Trophäen, die den Britannern abgenommen worden seien. Eine Inschrift aus der Zeit um 51/52, die vermutlich von seinem Triumphbogen stammt, spricht von der Unterwerfung von elf britannischen Königen ohne eigene Verluste und behauptet, er sei der Erste gewesen, der barbarische Stämme jenseits des Ozeans unter die Herrschaft des römischen Volkes gebracht habe. Im Jahr 49 erweiterte er das pomerium, die sakrale Stadtgrenze Roms – ein Recht, das dem zustand, der das Reichsgebiet vergrößert hatte.

Am Rhein hielt Claudius dagegen an der bestehenden Grenze fest. Als der Legat Niedergermaniens, Cnaeus Domitius Corbulo, 47 gegen Einfälle des Chaukenführers Gannascus vorging und anschließend weiter gegen die Chauken vorrücken wollte, befahl Claudius ihn hinter den Rhein zurück. Ruhm im Feld durfte sich mehren, wer im Palast saß.

Bauen statt kämpfen

Hafenstadt Ostia, 2010

Neben dem Feldzug lief ein Bauprogramm, das der Stadtbevölkerung zugutekommen sollte. Claudius ließ die beiden unter Caligula begonnenen Wasserleitungen fertigstellen und bei Ostia einen Hafen anlegen, in dem die Getreideschiffe auch im Winter sicher landen konnten. Den Hafenbau hatte eine schwere Hungersnot gleich zu Beginn seiner Herrschaft angestoßen, die deutlich machte, dass die Getreideversorgung seit Augustus zu den Kernaufgaben des Herrschers zählte. Weniger Erfolg hatte die teilweise Entwässerung des Fuciner Sees, die Ackerland erschließen sollte; nach Cassius Dio war das Geld dafür vergeblich ausgegeben.

Die zweite dieser Kernaufgaben war die Rechtsprechung, und gerade während seiner Konsulate zeigte Claudius sich in den Gerichtshöfen. Selbst feindselige Quellen, die ihm vorwerfen, er habe sich über das Recht hinweggesetzt und nach Billigkeit entschieden, mussten einräumen, dass er als Richter arbeitete und gesehen werden wollte.

Was ihm blieb, war die Nachfolgefrage. Britannicus, sein Sohn mit Messalina, sollte mit seinem vierzehnten Geburtstag am 12. Februar 55 die Männertoga anlegen. Sueton überliefert die Aufforderung des Vaters an den Jungen, rasch erwachsen zu werden. Claudius starb im Oktober 54, und der Thron ging an Nero, den Sohn Agrippinas, den Claudius vier Jahre zuvor adoptiert hatte.


Zum Weiterlesen

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Beard, M. (2024): Die Kaiser von Rom: Herrscher über Volk und Reich.*

Clauss, M. (2011): Die römischen Kaiser: 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian.*

Eich, A. (2019): Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.*

Bildnachweis

Titel: Kaiserproklamation des Claudius, 1867.

Aureus-Münze: Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com. CC BY-SA 2.5.

Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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