
Ein alter Mann kam den Strand entlang zu den Schiffen der Achaier, in der Hand den goldenen Stab des Apollon, um den die wollenen Binden des Gottes geschlungen waren, und er brachte Lösegeld für eine Gefangene mit. Chryses, Priester des Apollon in der Küstenstadt Chryse, wollte seine Tochter zurückkaufen, die bei der Plünderung einer Nachbarstadt in die Hände der Angreifer gefallen und bei der Verteilung der Beute Agamemnon zugesprochen worden war. Die Krieger riefen ihre Zustimmung, denn das Angebot war reichlich, und der Bittsteller stand sichtbar unter dem Schutz eines Gottes. Agamemnon aber, der das Unternehmen anführte, wies ihn schroff ab und drohte ihm, ihn nicht zu verschonen, falls er ein zweites Mal komme.
Der Priester entfernte sich, ohne zu widersprechen. Erst abseits, am Rand des rauschenden Meeres, rief er jenen Gott an, dessen Zeichen er trug. Apollon stieg vom Olymp herab und schoss in das Lager hinein, zuerst auf die Maultiere und die Hunde, dann auf die Männer. Neun Tage lang brannten die Scheiterhaufen zwischen den Schiffen.
Die Versammlung am zehnten Tag
Am zehnten Tag berief nicht der Oberbefehlshaber, sondern Achilles die Versammlung des Kriegsvolks ein, die agorē: den Platz, an dem die Fürsten vor den versammelten Kriegern sprachen und an dem die Zuhörer ihre Zustimmung oder ihren Unmut hörbar werden ließen. Abgestimmt wurde dort nicht. Wer hier redete, hielt das Zepter in der Hand, das ihm ein Herold gereicht hatte; wer hier gedemütigt wurde, war es vor dem gesamten Heer.
Der Seher Kalchas, der die Ursache der Seuche kannte, verlangte eine Sicherheitszusage, bevor er sprach, weil er den Groll eines mächtigen Mannes fürchtete, der eine Kränkung jahrelang aufbewahre. Achilles sicherte ihm Schutz zu. Erst dann nannte Kalchas den Grund: Apollon zürne wegen des abgewiesenen Priesters, und die Seuche werde erst enden, wenn die Tochter ohne Lösegeld zurückgegeben werde.
Agamemnon fuhr auf und warf dem Seher vor, ihm nie etwas Günstiges zu weissagen. Das Mädchen wollte er dennoch ziehen lassen, wenn dies das Heer rette, verlangte dafür aber sofortigen Ersatz, denn er wollte nicht als einziger unter den Fürsten ohne Ehrgeschenk dastehen. Achilles hielt ihm entgegen, dass die Beute längst verteilt sei und kein gemeinsamer Vorrat existiere, aus dem sich nachträglich schöpfen ließe; er stellte drei- oder vierfachen Ersatz in Aussicht, sobald Troja gefallen sei. Agamemnon drohte daraufhin, sich bei einem der anderen Fürsten zu bedienen, und nannte dabei ausdrücklich Achilles.
Was ein Ehrgeschenk bedeutete

Der Streit wirkt auf den ersten Blick wie ein Zank um Beutestücke, und um Beute geht es auch, allerdings nicht um ihren Warenwert. Das Wort, um das gestritten wird, lautet geras: ein aus der Beute ausgesonderter Anteil, den das Heer dem Anführer über seinen regulären Los-Anteil hinaus zuerkennt. Das geras zeigt an, welche Geltung – timē – ein Mann in der Kriegergemeinschaft besitzt, und es zeigt sie allen an, weil die Verteilung vor dem versammelten Heer geschieht.
Für Agamemnon folgt daraus, dass er auf Ersatz nicht warten kann. Die Stellung eines basileus der homerischen Welt ruht auf Gaben, die er empfängt, und auf Gaben, die er weitergibt; Steuern oder eine besoldete Truppe, die ihn vom Wohlwollen seiner Umgebung unabhängig machen würden, kennt diese Welt nicht. Wer mit eigenen Schiffen und eigener Gefolgschaft vor Troja liegt, bleibt, solange es sich für ihn lohnt. Verliert ein Anführer sein Ehrgeschenk vor den Augen des Heeres, ohne es ersetzen zu können, verliert er den einzigen Ausweis seines Vorrangs. Agamemnon führt eine Koalition an, keinen Staat, und sein Titel anax andrōn, Herr der Männer, benennt einen Rang, den er in jeder Versammlung neu behaupten muss.
Wie genau sich diese Gesellschaft historisch einordnen lässt, ist umstritten. Moses I. Finley hat in seiner 1954 erschienenen Studie argumentiert, die in den Epen geschilderte Ordnung passe nicht zur mykenischen Palastwirtschaft des zweiten Jahrtausends mit ihren Schreibern und Vorratslisten, sondern spiegele eine deutlich spätere, ärmere Welt des zehnten und neunten Jahrhunderts. Andere Forscher rechnen mit einer literarischen Mischung aus Elementen unterschiedlicher Zeitschichten, die nie so nebeneinander bestanden haben. Unstrittig bleibt, dass im Text schon eine einzige Demütigung vor dem Heer die Autorität eines basileus erschüttern und die Handlungsfähigkeit des Heeres lähmen kann.
Die Hand am Schwert
Agamemnons Ankündigung, sich am Ehrgeschenk eines anderen zu bedienen, beantwortete Achilles in der Versammlung mit dem Griff zum Schwert. Athena, für die übrigen Anwesenden unsichtbar, fasste ihn von hinten beim Haar und hielt ihn zurück; er stieß die Klinge in die Scheide und setzte den Angriff mit Worten fort. Er nannte Agamemnon hundsäugig und hirschherzig und warf ihm vor, sich am Ertrag seines Volkes zu mästen. Beim Zepter, das nie wieder Laub tragen werde, schwor er, dass die Achaier ihn noch vermissen würden, wenn Hektor sie reihenweise niederstrecke; für diesen Anführer werde seine Hand nicht mehr kämpfen. Dann warf er das Zepter zu Boden und setzte sich.
Nestor aus Pylos, der bereits zwei Generationen hatte kommen und gehen sehen und sich auf seine Kampfjahre an der Seite der Lapithen berief, mahnte Agamemnon, nicht auf das Mädchen zuzugreifen, und mahnte zugleich Achilles, nicht mit einem Mann zu streiten, der über mehr Menschen gebiete als jeder andere im Lager – womit er benannte, worauf der Vorrang des Oberbefehlshabers tatsächlich beruhte. Er drang bei keinem der beiden durch, und die Versammlung löste sich auf, ohne dass jemand eine Entscheidung gefällt hätte, die den anderen band.
Odysseus brachte das Mädchen samt einer Ladung Opferrinder nach Chryse zurück. Agamemnon aber schickte zwei Herolde, Talthybios und Eurybates, zu den Hütten der Myrmidonen, um Briseis zu holen, jene Frau, die Achilles bei der Eroberung von Lyrnessos als Ehrgeschenk erhalten hatte. Die Herolde blieben stumm stehen, weil sie sich fürchteten. Achilles sprach sie an und nahm sie ausdrücklich von jedem Vorwurf aus; Patroklos führte die Frau heraus. Sie ging mit, wie es im Text heißt, gegen ihren Willen – eine der wenigen Angaben, die das erste Buch über sie macht. Der Streit wurde über ihren Kopf hinweg geführt, und das Epos gibt ihr erst viel später eine Stimme, in ihrer Klage um den toten Patroklos.
Der Rückzug und seine Folgen

Achilles setzte sich abseits an den Strand und rief seine Mutter Thetis an, die aus dem Meer aufstieg. Er bat sie, bei Zeus zu erwirken, dass die Trojaner siegten, solange er selbst nicht kämpfe, damit Agamemnon begreife, was er verspielt habe. Thetis erinnerte Zeus an einen früheren Dienst und erhielt sein Nicken, bei dem nach der Schilderung des Textes der Olymp erbebte. Von da an trug der Rückzug des besten Kämpfers das Gewicht einer göttlichen Zusage, und der weitere Verlauf des Krieges hing daran.
Wie weit die Kränkung reichte, zeigte sich im neunten Buch. Agamemnon, inzwischen an den Rand der Niederlage gedrängt, schickte eine Gesandtschaft zu Achilles und bot ihm ein Vermögen an, dazu Land, eine seiner Töchter und die Rückgabe der Briseis, verbunden mit dem Eid, sie nicht berührt zu haben. Achilles lehnte ab. Er begründete die Absage damit, dass Güter eine vor dem Heer zerstörte Geltung nicht zurückkaufen könnten, solange derselbe Mann, der sie ihm genommen habe, weiter über ihre Verteilung gebiete. In den Kampf kehrte er erst zurück, als Patroklos gefallen war. Die Gaben, die er ausgeschlagen hatte, ließ Agamemnon im neunzehnten Buch vor der Versammlung auftragen und schwor dazu den Eid auf Briseis; Achilles ließ sie in seine Hütte bringen, ohne sich um sie zu kümmern, und drängte auf den sofortigen Auszug.
Zum Weiterlesen
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Ulf, C. (1990): Die homerische Gesellschaft.*
Homer: Ilias: Cabra-Leder-Ausgabe.*
Bildnachweis
Titel: Übergabe der Briseis, Wandgemälde in Pompeji, 1 Jhdt. n. Chr. Wikimedia Commons, ArchaiOptix. CC BY-SA 4.0.
Thetis: Wikimedia Commons, Jonathan Cardy. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




