In einer Grotte bei Sperlonga, wo die Küstenstraße zwischen Terracina und Gaeta dicht am Meer verläuft, brach im Jahr 26 n. Chr. während eines Gastmahls ein Teil der Decke ein. Herabstürzende Steine erschlugen mehrere Diener, und im Staub warf sich der Prätorianerpräfekt Lucius Aelius Seianus über den Kaiser und deckte ihn mit dem eigenen Körper. So fanden ihn die herbeieilenden Soldaten. Tiberius, der sich auf einer Reise nach Kampanien befand, von der aus er sich bald auf die Insel Capri zurückziehen sollte, nahm den Vorfall als Beweis: Dieser Mann war bereit, für ihn zu sterben.
Ein Jahr zuvor hatte er demselben Mann etwas verweigert. Seianus hatte um die Hand der Livilla gebeten, der Witwe von Tiberius‘ Sohn Drusus, und damit um den Eintritt in das Haus des Kaisers. Tiberius lehnte ab, obwohl Seianus vorgebaut und daran erinnert hatte, dass selbst Augustus bei der Verheiratung seiner Tochter an römische Ritter gedacht habe. Nach Tacitus fürchtete der Kaiser vor allem, eine solche Ehe werde Agrippinas Feindschaft anfachen und das Kaiserhaus in Parteiungen zerreißen; hinzu kam das Gerede, das der Aufstieg eines Ritters in die kaiserliche Familie in Rom auslösen musste.
Rom verlassen
Nach Rom kehrte Tiberius nach dieser Reise nicht mehr zurück. Er richtete sich auf Capri ein und regierte von dort rund ein Jahrzehnt lang. Selbst zur Bestattung seiner Mutter Livia im Jahr 29 kam er nicht; die Leichenrede hielt der junge Gaius, den man später Caligula nannte und den Livia in ihr Haus aufgenommen hatte.

Trotz seiner Abwesenheit regierte Tiberius weiter, doch für die Beteiligten hatte der Rückzug weitreichende Folgen: Seianus gewann fortan erheblichen Einfluss darauf, welche Nachrichten und welche Ratschläge aus der Hauptstadt nach Capri gelangten. Entschieden wurde weiterhin auf der Insel, doch oft auf einer Grundlage, die der Präfekt vorsortiert hatte.
Warum Tiberius ging, lässt sich nicht sicher sagen. Der Geschichtsschreiber Tacitus unterstellt, er habe seiner Mutter ausweichen wollen, doch nach ihrem Tod kehrte er ebenso wenig zurück. Näher liegt, dass ein Mann, der in einem Alter stand, in dem andere Senatoren sich aus dem öffentlichen Leben zurückzogen, keinen Ausweg aus einer Aufgabe sah, die er von Augustus geerbt hatte.
Germanicus und Piso
Die Belastung dieser Aufgabe hatte sich früh gezeigt. Tiberius hatte seinen Adoptivsohn Germanicus 17 n. Chr. mit außerordentlichen Vollmachten in den Osten geschickt und ihm Gnaeus Calpurnius Piso als Statthalter Syriens zur Seite gestellt, förmlich als Gehilfen. In Syrien standen vier Legionen, und der Vorgänger im Amt hatte seine Tochter mit Germanicus‘ ältestem Sohn verlobt – Gründe genug, den Posten neu zu besetzen.
Die beiden Männer zerstritten sich. Germanicus reiste nach Ägypten, was Tiberius missfiel, weil Senatoren die Provinz nicht ohne kaiserliche Erlaubnis betreten durften; Piso deutete dieses Missfallen als Freibrief. Am Ende kündigte Germanicus ihm förmlich die Freundschaft auf, worauf Piso Syrien verlassen musste. Kurz darauf, am 10. Oktober 19 n. Chr., starb Germanicus. Piso hielt den Zeitpunkt für günstig, seine Provinz zurückzugewinnen, und griff zu den Waffen. Damit brachte er sich selbst zu Fall: Der Versuch scheiterte, und Piso musste sich in Rom vor dem Senat unter anderem dafür verantworten, einen Bürgerkrieg zu entfesseln versucht zu haben.
Agrippina brachte die Asche ihres Mannes nach Rom. Im Prozess erhoben Germanicus‘ frühere Begleiter zusätzlich den Vorwurf der Vergiftung; vorgetragen hat ihn vor allem Publius Vitellius, einer von Germanicus‘ Generälen aus Germanien. Beweise gab es keine. Piso nahm sich während des Verfahrens das Leben, und dieser Schritt wurde später als Eingeständnis gelesen – und weitergedeutet zu dem Verdacht, er habe auf Weisung des Kaisers gehandelt.
Eine Bronzetafel aus Andalusien
Wie der Senat den Fall abschloss, war bis vor wenigen Jahrzehnten nur aus Tacitus bekannt. Ende der 1980er-Jahre tauchten dann in der Gegend von Sevilla, im Gebiet der römischen Provinz Baetica, Bronzefragmente aus Raubgrabungen auf, die sich zu mehreren Abschriften desselben Senatsbeschlusses zusammensetzen ließen. Die Althistoriker Werner Eck, Antonio Caballos und Fernando Fernández legten den Text 1996 vor; eine englische Ausgabe mit Kommentar erschien 2023.
Das senatus consultum de Cn. Pisone patre umfasst 176 Zeilen und trägt das Datum des 10. Dezember 20 n. Chr. Es begründet die Strafen gegen Piso und seine Helfer und regelt, was mit dem Namen und dem Vermögen des Verurteilten zu geschehen habe. Aufschlussreich ist weniger das Urteil als der Aufwand: Der Beschluss wurde in den Provinzen auf Bronze veröffentlicht, und die Häufung der Abschriften ausgerechnet in Baetica dürfte am Eifer des dortigen Statthalters gelegen haben. Der Senat schrieb hier eine verbindliche Fassung der Ereignisse fest und verbreitete sie im Reich. Was bei Tacitus als Vertuschung erscheint, war zugleich ein sorgfältig inszeniertes Gemeinschaftswerk zur Beruhigung der Lage.
Der einzige leibliche Sohn

Nach Germanicus‘ Tod rückte Tiberius‘ leiblicher Sohn Drusus nach. Münzen feierten die Geburt seiner Zwillinge, von denen nur einer überlebte, der als Tiberius Gemellus bekannte Enkel des Kaisers. Tiberius teilte 21 n. Chr. sein viertes Konsulat mit Drusus, und im Jahr 22 erhielt dieser die tribunizische Amtsgewalt – die eindeutigste Bezeichnung eines Nachfolgers, die der Prinzipat kannte. Ein Jahr später war Drusus tot. Dass Seianus ihn gemeinsam mit Livilla vergiftet habe, wurde erst nach dem Sturz des Präfekten behauptet, acht Jahre nach dem Sterbefall.
Seianus, der die Prätorianer schon seit Jahren allein befehligte, baute unterdessen seinen Zugriff auf die Hauptstadt aus. Nach dem Tod Livias betrieb er den Sturz Agrippinas und ihrer älteren Söhne: Agrippina und Nero wurden 29 verbannt, Drusus kam ein Jahr später in Haft. Der jüngste, Caligula, hatte die Männertoga noch nicht angelegt und galt deshalb als politisch ungefährlich; er kam in das Haus seiner Großmutter Antonia.
Wie weit Tiberius den Präfekten gehen ließ, zeigte das Jahr 31. Er machte Seianus, einen Ritter, der nie ein senatorisches Amt bekleidet hatte, zum ordentlichen Konsul und übernahm selbst sein fünftes Konsulat als dessen Amtskollege. Genau so hatte er zuvor Germanicus und dann Drusus ausgezeichnet.
Der 18. Oktober 31
Die Warnung kam aus der eigenen Familie. Antonia, die Mutter des Germanicus, ließ Tiberius durch Pallas, damals noch ihr Sklave und später als Freigelassener Marcus Antonius Pallas einflussreich, einen Brief persönlich überbringen. Den Wortlaut überliefert der jüdische Geschichtsschreiber Josephus nicht; er berichtet nur, Antonia habe den Kaiser über die Pläne des Präfekten unterrichtet. Das Argument, das sich dahinter vermuten lässt, war schlicht: Wenn Seianus Agrippina und deren Kinder beseitigt habe und niemand außer dem Enkel des Kaisers übrig sei, den der Präfekt zu beschützen vorgebe, dann bestehe für ihn kein Interesse mehr daran, dass Tiberius weiterlebe – zumal Seianus für die persönliche Sicherheit des Kaisers zuständig war. Tiberius holte Caligula zu sich nach Capri. Dessen älteren Brüdern half das nicht mehr: Nero kam noch 31 in der Verbannung auf der Insel Pontia um, Drusus verhungerte zwei Jahre später in seiner Haft im Palast.

Sein Werkzeug wurde ein weiterer Ritter, Sutorius Macro, einst Befehlshaber der städtischen Feuerwache, den Tiberius insgeheim bereits zum Präfekten der Prätorianer ernannt hatte. Macro brachte ein Schreiben nach Rom, das in Anwesenheit des Seianus im Senat verlesen wurde und, wie der römische Dichter Juvenal es später formulierte, umfangreich und weitschweifig war; erst nach langem Herumreden kam es zur Sache und verlangte, den Präfekten unter Bewachung zu stellen. Macro hatte die Prätorianer vor dem Sitzungsort bereits in ihr Lager geschickt und durch Männer der Feuerwache ersetzt. Seianus, der mit der Verleihung der tribunizischen Amtsgewalt gerechnet hatte, wurde abgeführt; noch am selben Tag verurteilte ihn der Senat zum Tod und ließ ihn hinrichten. Sein ältester Sohn wurde wenige Tage später getötet, worauf sich Seianus‘ geschiedene Frau Apicata das Leben nahm; die beiden jüngeren Kinder folgten im Dezember.
Der Schlag traf Rom mit voller Wucht. In den folgenden Jahren rissen Majestätsprozesse zahlreiche wirkliche und vermeintliche Anhänger des Präfekten mit sich, unter ihnen viele Senatoren. Tiberius blieb der Hauptstadt auch weiterhin fern. Ein letztes Mal näherte er sich ihr auf der Via Appia und kehrte wieder um; auf dem Rückweg erkrankte er, und als er von Misenum aus nach Capri übersetzen wollte, hielten ihn Unwetter und die fortschreitende Krankheit fest. Er starb dort am 16. März 37 n. Chr. Die Prätorianer befehligte inzwischen Macro, und der junge Mann, den Antonias Brief nach Capri gebracht hatte, war vierundzwanzig Jahre alt.

Zum Weiterlesen
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Eck, W. (2018): Augustus und seine Zeit.*
Dahlheim, W. (2024): Augustus: Aufrührer, Herrscher, Heiland.*
Beard, M. (2024): Die Kaiser von Rom: Herrscher über Volk und Reich.*
Clauss, M. (2011): Die römischen Kaiser: 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian.*
Eich, A. (2019): Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.*
Bildnachweis
Titel: Die Grotte mit Becken und Speisezimmer. Wikimedia Commons, steveilot. CC BY-SA 2.0.
Tiberius-Büste: Wikimedia Commons, Clay Gilliland – Roman-Germanic Museum. CC BY-SA 2.0.
Drusus: Wikimedia Commons, Robur.q. CC BY-SA 4.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




