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Sieben Fahnen in Regensburg – Wie Barbarossa den Streit um Bayern entschied

Anfang September 1156 wartete Heinrich Jasomirgott in einem Zeltlager vor Regensburg auf den Kaiser. Er kam nicht in die Stadt, obwohl dort ein Hoftag stattfand. Stattdessen ritt Friedrich Barbarossa mit den versammelten Fürsten zu ihm hinaus auf die Barbinger Wiesen.

Dort übergab Heinrich dem Kaiser sieben Fahnen. Sie standen für das Herzogtum Bayern, das der Babenberger seit mehr als einem Jahrzehnt beherrscht hatte. Friedrich reichte die Fahnen an Heinrich den Löwen weiter und belehnte damit den Welfen. Der neue Bayernherzog gab zwei Fahnen an den Kaiser zurück. Mit ihnen belehnte Friedrich Heinrich Jasomirgott und dessen Gemahlin Theodora mit einem neu geschaffenen Herzogtum Österreich.

Die umständliche Zeremonie beendete einen Streit, an dem bereits Friedrichs Vorgänger Konrad III. gescheitert war. Jeder Schritt war zuvor ausgehandelt worden. Heinrich der Löwe erhielt Bayern, Heinrich Jasomirgott behielt den Rang eines Herzogs und Barbarossa gewann die Unterstützung beider Männer.

Ein König nach langen Verhandlungen

Konrad III. starb am 15. Februar 1152 in Bamberg. Eigentlich hatte er die Wahl seines etwa siebenjährigen Sohnes Friedrich zum Mitkönig vorbereitet. Statt des Kindes erhoben die Fürsten am 4. März in Frankfurt jedoch Konrads gleichnamigen Neffen, den Herzog von Schwaben.

Spätere Chronisten schilderten den Übergang auffallend glatt. Bischof Otto von Freising behauptete, Konrad habe auf dem Sterbebett selbst erkannt, dass sein erwachsener Neffe besser für die Königswürde geeignet sei als der eigene Sohn. Diese Darstellung sollte Barbarossas Wahl als Wunsch des verstorbenen Königs erscheinen lassen. Wahrscheinlicher sind intensive Verhandlungen zwischen dem Schwabenherzog und den Großen des Reiches.

Otto von Freising, Stift Heiligenkreuz, Wien

Friedrich war etwa dreißig Jahre alt. Nach dem Tod seines Vaters hatte er 1147 das Herzogtum Schwaben übernommen und Konrad auf den Zweiten Kreuzzug begleitet. Seine Mutter Judith stammte aus der Familie der Welfen. Dadurch war Friedrich zugleich ein Neffe König Konrads und Welfs VI.

Zeitgenossen konnten in dieser Verwandtschaft eine Möglichkeit zur Verständigung sehen. Sie machte Friedrich jedoch nicht automatisch zum Vermittler. In den letzten Jahren Konrads hatte er seinen welfischen Onkel im Streit um Bayern unterstützt und sich damit gegen den König gestellt.

Die Namen der an der Frankfurter Wahl beteiligten Fürsten sind nicht vollständig überliefert. Heinrich der Löwe dürfte Friedrichs Erhebung jedoch unterstützt oder zumindest schon vor der Wahl akzeptiert haben. Wenige Tage später zog der neue König nach Aachen. Dort krönte ihn Erzbischof Arnold von Köln am 9. März 1152.

Zu den Erwartungen, die Friedrich nun erfüllen musste, gehörte die Entscheidung über Bayern.

Heinrich der Löwe fordert das Herzogtum seines Vaters

Heinrich der Löwe war der Sohn Heinrichs des Stolzen. Dieser hatte unter Kaiser Lothar III. Bayern und Sachsen beherrscht. Nach Lothars Tod verweigerte er Konrad III. die Huldigung, solange der neue König seine Herzogtümer nicht bestätigte. Konrad ließ ihm daraufhin beide Ämter aberkennen.

Sachsen erhielt 1142 wieder der junge Heinrich der Löwe. Bayern blieb dagegen bei den Babenbergern. Zunächst regierte dort Leopold IV., ein Halbbruder Konrads. Nach dessen Tod übernahm Heinrich Jasomirgott das Herzogtum.

Der Beiname Jasomirgott ist erst seit dem 13. Jahrhundert belegt; seine Bedeutung bleibt unklar. Heinrich selbst war ein erfahrener Fürst. Er hatte am Hof Konrads wichtige Aufgaben übernommen und dessen Herrschaft in Bayern gestützt. Seit 1142 war er mit Gertrud verheiratet, der Mutter Heinrichs des Löwen und Witwe Heinrichs des Stolzen.

Diese Ehe sollte den Streit beenden. Gertrud starb jedoch bereits 1143. Heinrich Jasomirgott behielt Bayern und heiratete später Theodora, eine Nichte des byzantinischen Kaisers Manuel I. Komnenos. Seinen wichtigsten Aufenthaltsort verlegte er zunehmend nach Wien, wo die Babenberger über eigene Güter und Gefolgsleute verfügten.

Heinrich der Löwe betrachtete Bayern weiterhin als väterliches Erbe. Mit Friedrichs Wahl eröffnete sich ihm eine neue Gelegenheit, das verlorene Herzogtum zurückzugewinnen.

Hoftage ohne Entscheidung

Barbarossa berief Heinrich den Löwen und Heinrich Jasomirgott im Herbst 1152 zu einem Hoftag nach Würzburg. Der Babenberger blieb fern. Ohne ihn wollte der König keine abschließende Entscheidung treffen.

Zu Pfingsten 1153 erschienen beide in Worms. Heinrich Jasomirgott wandte jedoch ein, er sei nicht in der vorgeschriebenen Form geladen worden. Das Verfahren musste erneut vertagt werden.

Solche Einwände waren mehr als Ausflüchte. Ein Herzog konnte sein Amt nur durch ein Urteil seiner Standesgenossen verlieren. Der König musste ihm Gelegenheit geben, sich vor dem Hof zu verteidigen. Missachtete Friedrich diese Regeln, hätten andere Fürsten die Entscheidung als willkürlich betrachten können.

Heinrich Jasomirgott gewann durch sein Fernbleiben Zeit. Barbarossa wiederum vermied einen offenen Bruch mit einem Mann, der über beträchtliche Mittel verfügte und durch seine Gemahlin mit dem byzantinischen Kaiserhaus verbunden war.

Der König stand zugleich unter dem Druck Heinrichs des Löwen. Im Oktober 1152 hatte Friedrich angekündigt, zwei Jahre später zur Kaiserkrönung nach Rom zu ziehen. Dafür benötigte er ein großes Heer. Heinrich herrschte bereits über Sachsen und konnte eines der stärksten Aufgebote im Reich stellen.

Im Juni 1154 berief Barbarossa einen weiteren Hoftag nach Goslar ein. Heinrich Jasomirgott erschien abermals nicht. Diesmal ließen die Fürsten das Verfahren nicht erneut vertagen. Sie sprachen Bayern Heinrich dem Löwen zu.

Der Welfe führte fortan den Titel eines Herzogs von Bayern. Tatsächlich konnte er das Land noch nicht übernehmen. Heinrich Jasomirgott hatte weder öffentlich verzichtet noch das Herzogtum in die Hände des Königs zurückgegeben. Das Urteil von Goslar entschied den Rechtsstreit, aber der notwendige Übergabeakt stand aus.

Heinrich der Löwe zieht mit nach Italien

Im Oktober 1154 sammelte sich Barbarossas Heer bei Augsburg. Heinrich der Löwe brachte ein besonders großes Kontingent mit. Gemeinsam überquerten sie die Alpen.

Statue Heinrichs des Löwen vom früheren Lübecker Marktbrunnen

Der Italienzug führte Friedrich zunächst in die Lombardei. Dort griff er in die Konflikte zwischen den Städten ein und ließ sich im April 1155 in Pavia zum König von Italien krönen. Anschließend zog das Heer nach Rom.

Papst Hadrian IV. setzte Friedrich am 18. Juni in der Peterskirche die Kaiserkrone auf. Noch am selben Tag griffen bewaffnete Römer das kaiserliche Lager an. Heinrich der Löwe und seine Männer beteiligten sich an den Kämpfen, mit denen das Heer den Angriff zurückschlug.

Der Einsatz des Welfen erhöhte den Druck auf Friedrich, die bayerische Frage endgültig zu seinen Gunsten zu lösen. Heinrich hatte den König auf dem Weg zur Kaiserkrone begleitet und dabei beträchtliche Kosten getragen. Nun erwartete er die Gegenleistung.

Im Oktober 1155 ließ er sich auf einem Hoftag in Regensburg von bayerischen Großen Treue schwören. Heinrich Jasomirgott hielt dennoch an seinem bisherigen Rang fest. Ein militärischer Angriff auf ihn hätte die gerade erst begonnene Herrschaft Barbarossas erneut in einen inneren Krieg gezogen.

Friedrich suchte deshalb nach einer Lösung, bei der Heinrich Jasomirgott Bayern abgeben konnte, ohne zum einfachen Markgrafen herabzusinken.

Der Kaiser reitet vor die Stadt

Am 5. Juni 1156 traf sich Barbarossa in der Nähe Regensburgs mit Heinrich Jasomirgott. Heinrich der Löwe nahm an diesem Gespräch offenbar nicht teil. Was der Kaiser und der Babenberger vereinbarten, ist nicht überliefert. Die spätere Zeremonie dürfte jedoch in ihren wesentlichen Punkten auf dieses Treffen zurückgehen.

Drei Monate später vollzogen die Beteiligten die vereinbarte Lösung vor Regensburg. Dass Barbarossa gemeinsam mit den Fürsten zu Heinrich Jasomirgott hinausritt, war ein öffentlich sichtbares Entgegenkommen. Der Babenberger musste Bayern aufgeben, wurde aber nicht wie ein verurteilter Gegner vor den Kaiser geführt.

Die wichtigste Schilderung des Fahnenrituals stammt von Otto von Freising. Der Bischof war ein Onkel Barbarossas und zugleich ein Bruder Heinrich Jasomirgotts. Sein Bericht folgt der Sicht des kaiserlichen Hofes und der Babenberger. Er präsentiert die Einigung als sorgfältig ausgehandelten Übergang, bei dem Heinrich Jasomirgott seinen herzoglichen Rang bewahrte.

Für Heinrich den Löwen war die Abtrennung Österreichs der Preis für die Rückgabe Bayerns. Sein neues Herzogtum umfasste nicht mehr das gesamte Gebiet, das sein Vater beherrscht hatte. Trotzdem vereinigte er nun Sachsen und Bayern in seiner Hand.

Heinrich Jasomirgott verlor Bayern, behielt aber seine Besitzungen an der Donau. Vor allem blieb er Herzog. Seine Gemahlin Theodora wurde ausdrücklich in die Belehnung einbezogen. Die Zeremonie verwandelte seine Niederlage in die Übernahme eines neuen, eigenständigen Herzogtums.

Das Privilegium minus

Siegel des Barbarossa

Neun Tage nach dem Fahnenritual ließ Barbarossa am 17. September 1156 eine feierliche Urkunde für Heinrich und Theodora ausstellen. Sie wird heute Privilegium minus genannt. Diese Bezeichnung entstand erst viel später, um das Dokument vom gefälschten Privilegium maius des 14. Jahrhunderts zu unterscheiden.

Das Original ist verloren. Der Text blieb in späteren Abschriften erhalten und gilt in der Forschung als echt.

Die Urkunde erhob die bisherige Mark Österreich zum Herzogtum. Die Bezeichnung Österreich war bereits gebräuchlich; Friedrich schuf also weder den Namen noch ein Land aus dem Nichts. Neu war der Rang. Der österreichische Herzog unterstand fortan unmittelbar dem König und nicht mehr dem Herzog von Bayern.

Friedrich begründete diesen Schritt ausdrücklich mit dem Ansehen Heinrich Jasomirgotts. Der Babenberger sollte durch den Verzicht auf Bayern seinen bisherigen Rang nicht verlieren. Die neue Herzogswürde machte diesen Ausgleich sichtbar.

Das Privileg enthielt ungewöhnlich günstige Bestimmungen. Heinrich und Theodora konnten das Herzogtum an Söhne oder Töchter vererben. Falls sie kinderlos starben, sollten sie einen Nachfolger bestimmen dürfen. Wie weit dieses Recht tatsächlich reichte und ob der Kaiser einer solchen Wahl zustimmen musste, blieb später umstritten.

Auch die Pflichten des österreichischen Herzogs wurden begrenzt. Er musste nur an Hoftagen teilnehmen, die der Herrscher in Bayern abhielt. Militärische Hilfe schuldete er lediglich für Feldzüge in Gebiete, die an Österreich grenzten.

Diese Zugeständnisse waren kein allgemeiner Katalog für alle späteren Fürsten. Sie entschädigten Heinrich und Theodora für den Verzicht auf Bayern und banden das Herzogspaar an Barbarossa. Zugleich verhinderten sie, dass Heinrich Jasomirgott durch die Einigung völlig hinter Heinrich den Löwen zurücktrat.

Ein Ausgleich mit Folgen

Barbarossa hatte den Konflikt nicht allein durch ein königliches Urteil beendet. Er verhandelte getrennt mit den Beteiligten, ließ die Fürsten zustimmen und übersetzte den Kompromiss in ein öffentliches Ritual. Heinrich der Löwe erhielt das Herzogtum seines Vaters. Heinrich Jasomirgott herrschte als Herzog über Österreich.

Der Kaiser gewann zunächst die Unterstützung beider Seiten. Heinrich Jasomirgott blieb bis zu seinem Tod 1177 ein verlässlicher Gefolgsmann. Heinrich der Löwe stellte Barbarossa in den folgenden Jahren wiederholt Kämpfer für dessen Feldzüge zur Verfügung.

Die Regensburger Lösung vergrößerte zugleich die Macht des Welfen. Heinrich herrschte nun über Sachsen und das verkleinerte Bayern. Im Norden baute er seine Stellung weiter aus, während Barbarossa seine Aufmerksamkeit erneut auf Italien richtete.

Dort wartete bereits der nächste Konflikt. Die Stadt Mailand hatte königliche Befehle missachtet und ihre Nachbarn bedrängt. Zwei Jahre nach dem Fahnenritual sammelte Barbarossa ein großes Heer für einen neuen Zug über die Alpen. Heinrich der Löwe gehörte wieder zu den Fürsten, auf deren Unterstützung er zählte.


Heinrich Jasomirgott starb an den Folgen eines Unfalls auf einer morschen Holzbrücke. Druck von 1862

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Görich, K. (2019): Die Staufer. Herrscher und Reich.* Überblick über den Aufstieg der frühen Staufer und ihre Königs- und Kaiserherrschaft.

Althoff, G. (2003): Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter.* Grundlegende Untersuchung zur politischen Bedeutung öffentlicher Gesten und ausgehandelter Rituale.

Görich, K. (2022): Friedrich Barbarossa.* Eine Biographie.

Bildnachweis

Titel: Friedrich Barbarossa belehnt Heinrich Jasomirgott und Heinrich den Löwen. Karl von Blaas, 1860.

Heinrich-der-Löwe-Statue: Wikimedia Commons, Jossi2. CC BY-SA 4.0.

Siegel: Wikimedia Commons, Hans Kadereit. GFDL 1.3.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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