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Kleisthenes und der Aufstand von Athen – Der König muss die Akropolis räumen

Der Rat von Athen widersetzt sich seiner Auflösung. Der spartanische König Kleomenes I. ist mit Soldaten in die Stadt gekommen, um den Adligen Isagoras zu unterstützen. Beide wollen das bestehende Gremium beseitigen und die politische Führung Anhängern des Isagoras überlassen. Doch der Rat gibt nicht nach. Athener schließen sich dem Widerstand an.

Der König und sein athenischer Verbündeter müssen sich auf die Akropolis zurückziehen. Dort werden sie belagert. Kleomenes, der 510 v. Chr. den Tyrannen Hippias zum Abzug gezwungen hatte, gerät nun selbst auf dem Burgberg in Bedrängnis. Diesmal richtet sich der Widerstand gegen seinen Versuch, den Athenern eine politische Führung aufzuzwingen.

Die Auseinandersetzung fällt in die Jahre 508/07 v. Chr. Sie entscheidet zugleich über die Rückkehr eines Mannes, der Athen zuvor verlassen hat: Kleisthenes. Seine Vorschläge haben ihm eine breite Anhängerschaft verschafft. Nach dem Rückzug der Spartaner kann er Veränderungen durchsetzen, die Bürger aus ganz Attika enger an den politischen Entscheidungen beteiligen.

Zwei Adlige streiten um Einfluss

Nach der Vertreibung des Hippias 510 v. Chr. hatten führende athenische Familien wieder offen um die wichtigsten Ämter konkurriert. Kleisthenes stammte aus der Familie der Alkmeoniden, die gegen Hippias gekämpft und die spartanische Hilfe betrieben hatte. Sein Gegner Isagoras verfügte ebenfalls über Verbindungen zu einflussreichen Athenern.

Beide stützten sich zunächst auf persönliche Gefolgschaften. Adlige Freunde konnten bei Wahlen für einen Bewerber werben und ihre Beziehungen zu anderen Bürgern nutzen. Über die Ämter wurde zwar abgestimmt, doch kleine Gruppen aus der Oberschicht bestimmten maßgeblich, welche Kandidaten Unterstützung erhielten.

Isagoras setzte sich durch. Für das Amtsjahr 508/07 v. Chr. wurde er zum Archon gewählt, einem der führenden Amtsträger Athens. Kleisthenes war im Streit um die Gefolgschaften unterlegen.

Nach dieser Niederlage wandte er sich an einen größeren Kreis von Bürgern. Der Geschichtsschreiber Herodot beschreibt den Schritt später so, dass Kleisthenes das Volk in seine Gefolgschaft aufgenommen habe. Hinter dieser Formulierung steht ein Wechsel seiner politischen Strategie: Er versprach den Athenern mehr Einfluss auf die öffentlichen Entscheidungen.

Welche Einzelheiten seines späteren Reformwerks er damals bereits vorlegte, lässt sich nicht sicher bestimmen. Die Reaktion seines Rivalen zeigt jedoch, dass Kleisthenes rasch Unterstützung gewann. Sein Gegner suchte Hilfe außerhalb Athens.

Ein alter Frevel als Waffe

Isagoras wandte sich an seinen spartanischen Gastfreund Kleomenes. Solche persönlichen Beziehungen verbanden Angehörige führender Familien über die Grenzen ihrer Heimatstädte hinweg. Die Verbindung zum König bot ihm die Aussicht, seine schwindende Überlegenheit mit bewaffneter Unterstützung wiederherzustellen.

Der König verlangte von den Athenern, Kleisthenes und weitere Bürger auszuweisen. Zur Begründung griff er auf eine religiöse Anschuldigung zurück, die mehr als ein Jahrhundert alte Ereignisse betraf.

Um 630 v. Chr. hatte der Athener Kylon versucht, die Alleinherrschaft zu erringen. Nach dem Scheitern seines Unternehmens suchten Anhänger Schutz an Heiligtümern. Trotzdem wurden sie getötet. Ein Vorfahr des Kleisthenes aus der Familie der Alkmeoniden wurde dafür verantwortlich gemacht. Der Vorwurf, heiligen Schutz verletzt zu haben, haftete der Familie noch Generationen später an.

Nun nutzten Isagoras und Kleomenes diese Anschuldigung gegen ihre politischen Gegner. Kleisthenes beugte sich dem spartanischen Druck und verließ Attika. Der König kam mit einer kleinen spartanischen Truppe nach Athen und ließ weitere Familien vertreiben. Die Überlieferung nennt rund siebenhundert betroffene Haushalte; die genaue Zahl lässt sich nicht überprüfen.

Zunächst schien Isagoras damit die Oberhand gewonnen zu haben. Sein wichtigster Rivale war fort, und spartanische Soldaten standen in der Stadt. Doch als er gemeinsam mit dem König den Rat beseitigen wollte, griff er über den Kampf gegen Kleisthenes hinaus in die politischen Einrichtungen Athens ein.

Die Athener belagern den König

Die Verteidigung des Rates brachte zahlreiche Athener zum gemeinsamen Handeln. Sie erhoben sich, während Kleisthenes selbst außerhalb Attikas war.

Auf der Akropolis fanden der König und sein Verbündeter Schutz. Doch diesmal fehlten die Vorbereitungen, mit denen Hippias dort zwei Jahre zuvor eine Belagerung hatte durchstehen wollen. Nach wenigen Tagen mussten die Eingeschlossenen verhandeln.

Der König erhielt für sich und seine Soldaten freien Abzug. Isagoras konnte offenbar mit ihnen entkommen. Ein Teil seiner Anhänger blieb zurück und wurde getötet. Die Gewalttaten zeigen, wie scharf sich der Konflikt zugespitzt hatte. Die Auseinandersetzung um Ämter war in Kämpfe umgeschlagen, in denen auch die Unterlegenen nach dem Abzug der Spartaner um ihr Leben fürchten mussten.

Die Athener riefen Kleisthenes und die Vertriebenen zurück. Er konnte seine Vorschläge nun verwirklichen. Den Weg dazu hatten der Widerstand des Rates und die Bürger geöffnet, die den König auf der Akropolis eingeschlossen hatten.

Wie sich die einzelnen Schritte seines Reformwerks zeitlich zueinander verhielten, bleibt umstritten. Manche Maßnahmen dürften schon vor dem spartanischen Eingreifen beraten worden sein. Die grundlegenden Veränderungen gehören jedoch in die Zeit um 508/07 v. Chr.

Bürgerlisten in den Gemeinden

Kleisthenes setzte bei den Orten an, an denen die Athener lebten. Attika bestand aus der Stadt Athen und zahlreichen Siedlungen auf dem Land. Diese örtlichen Gemeinschaften erhielten als Demen eine zentrale politische Aufgabe. Ein Demos war eine Gemeinde; auch Stadtviertel Athens bildeten solche Einheiten.

Die Gemeinden führten Listen ihrer Bürger. Wer politische Rechte ausüben wollte, musste zu einem Demos gehören und dort als Bürger eingetragen sein. Damit wurde die örtliche Gemeinschaft zu einer entscheidenden Stelle für die Anerkennung der Zugehörigkeit zur athenischen Bürgerschaft.

Die Gemeindemitglieder bestimmten jährlich einen Vorsteher, den Demarchen. Sie regelten lokale Angelegenheiten und verwalteten gemeinschaftliche Mittel. Wohlhabende Grundbesitzer behielten vor Ort großen Einfluss. Über die Besetzung des Vorsteheramtes entschied nun jedoch die Gemeinde.

Die einmal festgelegte Zugehörigkeit blieb auch bei einem Umzug erhalten und ging auf die Nachkommen über. Ein Bürger konnte seinen Wohnort wechseln und trotzdem Mitglied seines bisherigen Demos bleiben. Die Gemeinden waren deshalb mehr als Bezirke auf einer Karte: Zu ihnen gehörten festgelegte Gruppen von Bürgern.

Für einen Landbewohner bekam die Verbindung nach Athen dadurch einen konkreten Weg. Seine Gemeinde führte die Bürgerliste und stellte Mitglieder für den neuen Rat. Angelegenheiten der gesamten Stadt betrafen damit Männer, die auch außerhalb Athens wohnten und dort ihre örtlichen Aufgaben wahrnahmen.

Zehn Verbände für ganz Attika

Über die Gemeinden legte Kleisthenes eine weitere Gliederung. Er schuf zehn neue Phylen. Eine Phyle war ein Bürgerverband, dessen Mitglieder gemeinsam politische und militärische Aufgaben erfüllten. Die älteren vier Phylen verloren ihre bisherige Bedeutung für diese Aufgaben, bestanden aber in anderen Zusammenhängen weiter.

Die neuen Verbände sollten Bürger aus verschiedenen Teilen Attikas zusammenführen. Dazu wurden Gruppen von Gemeinden gebildet, die man Trittyen, „Drittel“, nannte. Nach der späteren Darstellung setzte sich jede Phyle aus einem Drittel des Stadtgebietes, einem weiteren aus dem Binnenland und einem aus der Küstenzone zusammen.

Die tatsächliche Verteilung wich jedoch von diesem Schema ab. Manche Gemeindegruppen lagen räumlich auseinander. Auch die genauen Gründe für einzelne Verbindungen lassen sich nicht mehr bestimmen. Erkennbar bleibt das Ergebnis: Die Mitglieder einer Phyle lebten in unterschiedlichen Regionen Attikas.

Ein einzelner Adliger konnte damit schwerer allein über seine örtlichen Verbindungen einen ganzen Verband beherrschen. Zugleich mussten Bürger zusammenarbeiten, die nicht aus derselben Nachbarschaft stammten. Für den Kriegsdienst stellte jede Phyle ein eigenes Aufgebot. Auch militärisch wurden Landbewohner und Bürger aus dem städtischen Umfeld auf neue Weise verbunden.

Fünfhundert Männer im Rat

Jede der zehn Phylen stellte jährlich fünfzig Mitglieder für den neuen Rat der Fünfhundert. Die einzelnen Gemeinden entsandten dabei je nach ihrer Größe eine bestimmte Zahl von Männern. So erhielt die örtliche Gliederung einen festen Platz im politischen Zentrum Athens.

Der Rat bereitete Entscheidungen der Volksversammlung vor. Er konnte Anträge beraten und Vorschläge vorlegen, über die anschließend die versammelten Bürger abstimmten. Für die Behandlung öffentlicher Angelegenheiten stand damit ein Gremium zur Verfügung, dessen Mitglieder aus Gemeinden ganz Attikas kamen.

Wie genau die Ratsmitglieder in den ersten Jahren ausgewählt wurden, ist nicht sicher überliefert. Die später bekannte Auslosung darf nicht ohne Weiteres auf die Zeit des Kleisthenes übertragen werden. Auch über die täglichen Abläufe im frühen Rat wissen wir erheblich weniger als über seine Tätigkeit im späteren 5. Jahrhundert v. Chr.

Die Veränderungen erweiterten die Möglichkeiten politischer Mitwirkung. Besitzunterschiede blieben jedoch bestehen. Für hohe Ämter galten weiterhin Besitzanforderungen. Wer längere Zeit für öffentliche Aufgaben in Athen verfügbar sein sollte, musste zudem seinen Lebensunterhalt sichern können. Eine Bezahlung für die Ratstätigkeit gab es damals noch nicht.

Politische Rechte standen ausschließlich männlichen athenischen Bürgern zu. Innerhalb der Bürgerschaft erhielten jedoch mehr Männer einen festen Zugang zu Aufgaben, die zuvor stärker von den Verbindungen führender Familien geprägt gewesen waren.

Kleomenes nahm seinen Rückzug nicht als endgültige Niederlage hin. Er bereitete einen neuen Feldzug vor, diesmal mit einem größeren Heer und spartanischen Bundesgenossen. Die Athener hatten den König aus ihrer Stadt gedrängt. Nun mussten die Bürger, die in den neuen Phylen gemeinsam aufgeboten werden konnten, mit einem weiteren Angriff rechnen.


Zum Weiterlesen

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Karl-Wilhelm Welwei (2013): Sparta: Aufstieg und Niedergang einer antiken Großmacht.*

Bildnachweis

Titel: Kleisthenes-Statue in Aigaleo.

Alle Bilder gemeinfrei.

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