Peisistratos zeigt sich auf dem Markt von Athen als Opfer eines Angriffs. Seine politischen Gegner hätten ihn überfallen, behauptet er nach späterer Überlieferung. Die Athener kennen ihn als erfolgreichen Heerführer. Sie bewilligen ihm eine Leibwache, damit er sich vor seinen Feinden schützen kann.
Mit den bewaffneten Begleitern besetzt er die Akropolis, den Burgberg über der Stadt. Aus der Erlaubnis, sich zu verteidigen, wird ein Griff nach der Macht. Dieser erste Erfolg fällt in das Jahr 561/60 v. Chr. Seine Rivalen müssen entscheiden, ob sie ihn gewähren lassen.
Ein Heerführer gewinnt Anhänger
Peisistratos stammte aus einer wohlhabenden Familie, deren Besitz im Raum von Brauron an der Ostküste Attikas lag. Bekannt geworden war er im Krieg gegen die Nachbarstadt Megara. Unter seiner Führung hatten die Athener deren Hafen Nisaia erobert. Ein solcher Erfolg verschaffte ihm Ansehen auch bei Bürgern, die weder zu seiner Verwandtschaft gehörten noch auf seinen Gütern lebten.
Athen hatte damals weiterhin mit den Konflikten zu kämpfen, die Solon eine Generation zuvor einzudämmen versucht hatte. Dessen Schuldentilgung hatte verschuldete Athener aus persönlicher Abhängigkeit befreit. Die Besitzer großer Güter hatten ihren Grundbesitz behalten. Kleinbauern mussten weiterhin von knappen Erträgen leben, während einflussreiche Familien um die führenden Ämter stritten.

In diesen Auseinandersetzungen sammelten einzelne Adlige Anhänger um sich. Peisistratos konkurrierte vor allem mit Megakles aus der Familie der Alkmeoniden und mit Lykurgos. Die späteren Berichte geben ihren Gruppen Namen nach attischen Landschaften. Peisistratos führte demnach die Leute aus dem Gebiet jenseits des Gebirges im Osten Attikas.
Solche Bezeichnungen sagen allerdings wenig darüber aus, wer tatsächlich zu einem Anführer hielt. Auch im Osten gab es große Güter neben kleinen Höfen. Peisistratos brauchte zudem Stimmen in Athen selbst: Über seine Leibwache entschied die Volksversammlung. Mit dem Rückhalt auf seinen heimischen Besitzungen allein hätte er diesen Beschluss kaum erreichen können.
Die Burg genügt nicht
Auf der Akropolis hatte Peisistratos einen festen Stützpunkt. Doch seine Gegner verfügten ebenfalls über Gefolgsleute. Megakles und Lykurgos stellten ihren eigenen Streit vorübergehend zurück und gingen gemeinsam gegen ihn vor. Schon nach kurzer Zeit musste Peisistratos die Burg wieder räumen.
Seine Unterstützung in der Bevölkerung ließ sich offenbar nur begrenzt in bewaffnete Hilfe umsetzen. Wer ihm in der Volksversammlung zugestimmt hatte, stand deshalb noch lange nicht dauerhaft für Kämpfe gegen andere Athener bereit. Seine Rivalen konnten dagegen auf engere Verbindungen unter adligen Gefährten zurückgreifen.
Die Vertreibung beendete Peisistratos’ politischen Ehrgeiz nicht. Bald zerstritten sich auch seine Gegner wieder. Megakles suchte nun die Zusammenarbeit mit dem Mann, den er gerade erst bekämpft hatte. Peisistratos sollte seine Tochter heiraten; die beiden Familien verbanden damit ihren Anspruch auf Einfluss in Athen.
In den folgenden Jahren kehrte Peisistratos mit Megakles’ Unterstützung zurück. Die antike Überlieferung schildert einen feierlichen Einzug, der seinen Anspruch auf die Gunst der Stadtgöttin Athena sichtbar machen sollte. Wie genau dieser Auftritt verlief, ist schwerer zu beurteilen als der politische Handel dahinter: Ein bisheriger Gegner öffnete ihm den Weg zurück zur Macht.
Auch dieses Bündnis hielt nur kurze Zeit. Nach späterer Überlieferung wollte Peisistratos mit Megakles’ Tochter keine Kinder zeugen. Für ihren Vater war damit die Aussicht auf gemeinsame Nachkommen gescheitert, die beide Familien dauerhaft verbunden hätten. Die Einzelheiten stammen aus späteren Erzählungen; sicher ist, dass Peisistratos erneut den Rückhalt seines mächtigen Verbündeten verlor. Er musste Athen ein zweites Mal verlassen.
Die Jahreszahlen dieses zweiten Versuchs sind umstritten. Die Quellen lassen sich nicht zu einer zweifelsfreien Chronologie zusammenfügen. Deutlich erkennbar bleibt dagegen, wie abhängig Peisistratos zunächst von Absprachen mit anderen führenden Familien war.
Geld und Soldaten aus der Ferne
Nach der zweiten Vertreibung hielt er sich in Eretria auf, einer Stadt auf der Insel Euböa gegenüber der attischen Küste. Von dort aus knüpfte er Verbindungen nach Nordgriechenland. Im Umfeld des Pangaiongebirges gewann er Einnahmen aus dem Abbau von Edelmetallen.
Dieses Geld veränderte seine Möglichkeiten. Er konnte bewaffnete Männer unterhalten, die für ihren Dienst bezahlt wurden. Zugleich fand er Unterstützung bei auswärtigen Verbündeten. Zu ihnen gehörte Lygdamis von Naxos, der seinerseits nach der Herrschaft über seine Heimatinsel strebte.
Damit besaß er eine Grundlage, die ihm bei seinen früheren Versuchen gefehlt hatte. Er musste für eine Rückkehr nicht mehr darauf warten, dass ein athenischer Rivale ihn zum Partner machte. Ein bezahltes Aufgebot blieb für einen Feldzug verfügbar, während seine Anhänger in Attika ihren eigenen Lebensunterhalt sichern mussten.
Um 546/45 v. Chr. setzte Peisistratos von Eretria nach Attika über. Er landete bei Marathon an der Ostküste. Dort schlossen sich ihm weitere Anhänger aus den ländlichen Gemeinden an. Seine Gegner in Athen mobilisierten das Bürgeraufgebot. Jetzt sollte eine bewaffnete Auseinandersetzung entscheiden, ob er ein drittes Mal die Stadt betreten konnte.
Bei Pallene, auf dem Weg von der Ostküste nach Athen, trafen die beiden Seiten aufeinander. Peisistratos gewann. Über den genauen Ablauf des Gefechts berichten die späteren Quellen ausführlicher, als es sich heute überprüfen lässt. Die Folge des Sieges war eindeutig: Er zog erneut in Athen ein und blieb diesmal bis zu seinem Tod der maßgebliche Machthaber.
Ämter bleiben, Gegner weichen
Die Athener bezeichneten eine solche Alleinherrschaft als Tyrannis. Der Begriff benennt hier zunächst den Weg zur Macht und die Stellung des Herrschers. Peisistratos verdankte seine Vorrangstellung einem bewaffneten Sieg. Er übte seine Herrschaft ohne festgelegte Amtszeit aus.
Unter ihm bestanden die athenischen Ämter weiter. Auch Solons Gesetze blieben maßgeblich. Peisistratos sorgte jedoch dafür, dass die Amtsträger seinen Vorrang anerkannten. Adlige, die sich mit ihm verständigten, konnten weiterhin wichtige Aufgaben übernehmen. Andere verließen Attika oder wurden verbannt.
Angehörige mächtiger Familien kehrten später zurück; unter seinem Sohn Hippias bekleideten manche wieder das höchste Amt. Schon Peisistratos konnte sich mit früheren Gegnern einigen, solange sie seine führende Stellung hinnahmen. Hinter diesen Absprachen standen seine bewaffneten Gefolgsleute. Sie sicherten ihm die Macht, die er mit der ersten Leibwache noch nicht hatte behaupten können.
Auch für die ländliche Bevölkerung traf er Maßnahmen. Ärmere Bauern erhielten Darlehen, mit denen sie ihre Höfe weiter bewirtschaften konnten. Wie schon Solon ließ er die ungleiche Verteilung des Landbesitzes im Wesentlichen bestehen.
Zudem ließ Peisistratos Richter in den ländlichen Gemeinden tätig werden. Bauern konnten Streitfälle dadurch näher an ihrem Wohnort austragen. Welche Absicht dabei überwog, bleibt offen. Die Maßnahme dürfte zugleich den Einfluss adliger Schiedsrichter berührt haben, an die sich Landbewohner zuvor mit ihren Konflikten gewandt hatten.
Die Unterstützung der Bauern half auch dem Herrscher selbst. Peisistratos erhob eine Abgabe auf die landwirtschaftlichen Erträge. Wenn ein Hof produktiv blieb, sicherte das daher neben dem Lebensunterhalt seiner Bewohner auch Einnahmen für den Machthaber.
Feste für die Stadt
Peisistratos trat über militärische Gefolgschaft und Absprachen hinaus als Förderer öffentlicher Feste hervor. Bei den Panathenäen ehrten die Athener ihre Stadtgöttin Athena mit Wettkämpfen und gemeinsamen Feiern. Solche Veranstaltungen boten ihm Gelegenheit, sich als führender Vertreter der ganzen Stadt zu zeigen.
Auch der Kult des Dionysos gewann unter ihm in Athen an Gewicht. Am Südhang der Akropolis entstand ein Heiligtum des Gottes. Die dort gefeierten Feste wurden später zum Schauplatz dramatischer Aufführungen. Aus dieser Verbindung von Kult und Wettbewerb entwickelte sich das Theater, für das Athen im folgenden Jahrhundert berühmt werden sollte.

Während seiner Herrschaft nahm auch der Absatz attischer Keramik zu. Töpfer und Vasenmaler fanden für ihre Erzeugnisse Käufer weit über die Ägäis hinaus, besonders in Etrurien. Dieser Erfolg beruhte auf ihrer Arbeit und auf Handelsverbindungen. Er lässt sich nicht einfach Peisistratos zuschreiben. Die wachsenden Einkünfte halfen jedoch vielen Athenern, mit seiner Herrschaft zu leben.
Nach seinem Tod 528/27 v. Chr. übernahm sein Sohn Hippias die führende Stellung; dessen Bruder Hipparchos wirkte an der Führung der Stadt mit. Diesmal folgte auf den Tod des Machthabers kein neuer Kampf um die Akropolis. Die Familie konnte ihre Stellung zunächst weitergeben. Erst der Mord an Hipparchos im Jahr 514 v. Chr. brachte diese Nachfolge unter eine Belastung, die den Umgang des Hippias mit seinen Gegnern veränderte.
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Karl-Wilhelm Welwei (2013): Sparta: Aufstieg und Niedergang einer antiken Großmacht.*
Bildnachweis
Titel: Akropolis, 2025.
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