Aus sieben Höhlen ziehen Menschengruppen in die Welt hinaus. So zeigen indigene Bilderhandschriften Chicomoztoc, den „Ort der sieben Höhlen“. Auch die Mexica, die später Tenochtitlan beherrschten, bezogen ihre Herkunft auf diesen Ort. In den Bildern erklärte ein gemeinsamer Ursprung, wie verschiedene Gemeinschaften miteinander verwandt waren.
Eine Herkunft für mehrere Gemeinschaften
Chicomoztoc gehörte zum Erinnerungsbestand verschiedener Nahua-Gruppen. Diese sprachen Nahuatl, bildeten aber keineswegs ein einheitliches Volk unter einer gemeinsamen Regierung. Die Vorstellung eines geteilten Ursprungs konnte ihre Verwandtschaft erklären und zugleich ihre Trennung begründen: Verschiedene Gruppen verließen denselben Ausgangsort und gelangten auf eigenen Wegen zu ihren Siedlungen.
In den Erzählungen der Mexica erscheint außerdem Aztlan. Von diesem Namen ist die spätere Bezeichnung „Azteken“ abgeleitet. Aztlan und Chicomoztoc lassen sich nicht einfach als zwei aufeinanderfolgende Stationen einer gesicherten Reiseroute behandeln. Die Überlieferungen verbanden Wege mit göttlichen Weisungen: Ein zerbrochener Baum kündigte in einer Fassung Unheil an. Die Wandernden trennten sich; Huitzilopochtli, ihr Schutzgott, wies der weiterziehenden Gruppe den Namen Mexica zu. So erklärte die Geschichte zugleich eine Abspaltung und die Entstehung einer eigenen Gemeinschaft. Sie ist eine Herkunftstradition, keine unabhängig belegte Schilderung dieser Ereignisse.
Ein historischer Zusammenhang bleibt dennoch greifbar. Nahuatl gehört zur utoaztekischen Sprachfamilie, deren Verbreitung weit nach Norden reicht. Sprachliche Verwandtschaft und die Traditionen über eine Zuwanderung in das zentrale Hochland passen zusammen. Daraus folgt aber weder ein bestimmter Ausgangsort für sämtliche Mexica noch eine einzige Wanderung, die eine geschlossene Bevölkerung innerhalb einer Generation zurückgelegt hätte.
Wer ankam, musste dazugehören
Das Tal von Mexiko war bereits besiedelt. Neuankömmlinge trafen auf Gemeinden mit bewirtschaftetem Land und Herrscherhäusern, die eigene Ansprüche verteidigten. Die Mexica-Traditionen erzählen, dass Culhuacan ihnen zeitweilig Schutz gewährte und dafür Kriegsdienste erhielt. Solche Dienste ermöglichten zunächst einen Aufenthalt. Heiraten mit örtlichen Familien konnten die Verbindung über eine Generation hinaus festigen; ein Streit mit dem Schutzherrn gefährdete dagegen auch den Wohnplatz.
Dabei war Herkunft auch ein Argument über den Rang in der Gegenwart. Wer eine lange Vergangenheit vorweisen und seine Vorfahren mit angesehenen Gemeinschaften verbinden konnte, begründete damit seinen Anspruch auf Anerkennung. Geschichten über entbehrungsreiche Wanderungen erklärten umgekehrt, weshalb eine zunächst schwache Gruppe besondere Hilfe ihrer Gottheit benötigte.
Viele ausführliche Fassungen wurden erst nach der spanischen Eroberung in alphabetischer Schrift festgehalten. Ihre Verfasser arbeiteten mit älteren Bildern und mündlicher Überlieferung, schrieben aber unter veränderten politischen Bedingungen. Die sieben Höhlen blieben deshalb mehr als ein fernes Herkunftsbild: Sie boten weiterhin eine Möglichkeit, auseinandergerissene Lebenswege zu einer gemeinsamen Vergangenheit zu verbinden.

Zum Weiterlesen
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Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*
Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*
Bildnachweis
Titel: Darstellung der gemeinsamen Herkunft aus Chicomoztoc, zwischen 1546 und 1626.
Teoculhuacan Chicomoztoc Aztlan: Wikimedia Commons, Arthur elias. CC BY-SA 4.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.



