Ein junger Mann ging mit Flöten durch Tenochtitlan und wurde von den Bewohnern verehrt. Er trug kostbaren Schmuck und bewegte sich mit einer Begleitung durch die Stadt. Nach den überlieferten Beschreibungen des Toxcatl-Festes verkörperte dieser Mann für ein Jahr Tezcatlipoca. Am Ende seiner Amtszeit wurde er getötet.
Die außerordentliche Behandlung des Gefangenen und sein gewaltsamer Tod gehörten zu demselben Ritual. Um den Zusammenhang zu verstehen, muss man verfolgen, wie Menschen ihn auf seine Aufgabe vorbereiteten und welche Stellung sie ihm während dieser Zeit zusprachen.
Ein Körper für den Gott
Priester wählten den jungen Mann aus einer Gruppe von etwa zehn Gefangenen, die bereits für die Rolle ausgesucht und unterwiesen worden waren. Die Beschreibungen nennen ausführliche Anforderungen an seinen Körper und sein Auftreten. Er lernte den sicheren Umgang mit Flöten und Blumen und sollte den Menschen mit gleichbleibender Höflichkeit begegnen. Vier Begleiter und vier Jugendmeister gingen mit ihm durch die Stadt. Die öffentliche Verehrung fand unter fortgesetzter Aufsicht statt.
Ein solcher menschlicher Träger göttlicher Gegenwart wird als Ixiptla bezeichnet. Die deutsche Übersetzung „Darsteller“ reicht nur begrenzt aus: Die Menschen begegneten ihm im Ritual als einer gegenwärtigen Verkörperung Tezcatlipocas. Seine Flöten und seine Begleiter machten seine besondere Stellung auch außerhalb eines Tempels wahrnehmbar.
Tezcatlipoca galt als Macht, die menschliche Geschicke wenden konnte. Seine Verbindung mit Herrschaft schloss die Möglichkeit des Sturzes ein. Dass ein Gefangener vorübergehend höchste Ehren erhielt, passte in eine religiöse Welt, in der Rang und Sicherheit nicht als unveränderlicher Besitz galten.

Selbst Moctezuma stattete den Mann nach der Überlieferung mit kostbaren Kleidern aus. Der Herrscher trug dadurch öffentlich zur Anerkennung der göttlichen Verkörperung bei. Aus der Abhängigkeit des Gefangenen wurde trotzdem keine freie Verfügung über seine Zukunft. Auswahl und Begleitung lagen weiterhin bei denjenigen, die das Fest organisierten.
Die letzten Wochen
Vor dem Fest änderte sich sein Erscheinungsbild. Sein Haar wurde nach Art eines ausgezeichneten Kriegers hergerichtet. Vier Frauen, die ihrerseits göttliche Rollen trugen, wurden ihm als Gefährtinnen zugeordnet. In den letzten Tagen gehörten gemeinsame Auftritte und Festlichkeiten zu seiner Aufgabe.
Die überlieferte Abfolge endete außerhalb des städtischen Zentrums. Der junge Mann fuhr mit seiner Begleitung auf dem Wasser zu einem kleineren Heiligtum. Beim Aufstieg zerbrach er seine Flöten. Priester töteten ihn durch das Herausschneiden des Herzens. Der Ablauf führte die zuvor sichtbare Verkörperung des Gottes an ein Ende, während für den nächsten Zyklus ein anderer Mann ihre Stelle einnahm.
Das wiederkehrende Fest verband damit die persönliche Vergänglichkeit seines Trägers mit dem Fortbestand der göttlichen Rolle. Für die Zuschauer waren Vorbereitung und Ende durch Gegenstände und Handlungen miteinander verknüpft. Die Flöten, an denen sie ihn im Lauf des Jahres erkannt hatten, begleiteten auch den Abschluss.
Was sich über den Gefangenen sagen lässt
Aus dem geregelten Auftreten wurde gelegentlich auf die innere Zustimmung des Opfers geschlossen. Dieser Schluss geht über die Belege hinaus. Die Beschreibungen stammen nicht aus einem erhaltenen Selbstzeugnis des Mannes. Sie zeigen, welches Verhalten erwartet wurde und wie andere Menschen es später erzählten.
Schon die Auswahl unter mehreren geschulten Gefangenen begrenzt deshalb, was sein sicherer Auftritt beweist. Die Priester bestimmten einen Mann, der die geforderte Haltung zeigen konnte, und bereiteten ihn über lange Zeit darauf vor. Wie er selbst die göttlichen Ehren und seinen bevorstehenden Tod verstand, bleibt offen. Selbst eine religiöse Überzeugung hätte den Zwang seiner Gefangenschaft nicht beseitigt.
Die ausführlichen Berichte wurden nach der Eroberung unter Beteiligung christlicher Gelehrter und indigener Auskunftgeber festgehalten. Für die christlichen Bearbeiter gehörten solche Tötungen zu den Praktiken, die sie verurteilten; die Nahua-Beschreibungen bewahrten zugleich Kenntnisse eines inzwischen unterdrückten Kultes. Ihre genaue Wiedergabe einzelner Handlungen ermöglicht Einblicke, ohne sämtliche Perspektiven der Beteiligten zu erschließen.
So bleibt der Mann hinter seiner öffentlichen Rolle nur in Umrissen sichtbar. Die Menschen hörten seine Flöten und ehrten seine Erscheinung. Über das, was er selbst beim letzten Gang empfand, verfügen wir nicht in derselben Weise wie über die Abfolge, die seine Bewacher und Verehrer für ihn vorgesehen hatten.
Zum Weiterlesen
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Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*
Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*
Bildnachweis
Titel: Toxcatl im Codex Tovar. Wikimedia Commons, Unbekannter Künstler; Juan de Tovar zugeschriebene Handschrift. Gemeinfrei.
Handschrift: Tezcatlipoca im Codex Borgia. Wikimedia Commons, Unbekannter Künstler. Gemeinfrei.



