Ende September 1371 zog ein serbisches Heer durch das Tal der Mariza nach Osten. König Vukašin und sein Bruder, der Despot Jovan Uglješa, hatten ihre Truppen aus verschiedenen Teilherrschaften zusammengeführt. Ihr Vormarsch richtete sich gegen die osmanische Stellung in Thrakien. Nur wenige Tagesmärsche entfernt lag Edirne, das neue Machtzentrum Sultan Murads I.
Murad selbst führte die Verteidigung offenbar nicht. Sein genauer Aufenthaltsort ist unbekannt; vermutlich hielt er sich in Anatolien auf. Damit lag die Entscheidung bei seinen Befehlshabern in Rumelien.1 Sie konnten den serbischen Vormarsch abwarten oder versuchen, das gegnerische Heer zu treffen, bevor es Edirne erreichte.
Ein gefährdetes Erbe

Murad übernahm die Herrschaft um 1362 von seinem Vater Orhan. Sein älterer Bruder Süleyman Pascha, der die osmanische Expansion nach Europa angeführt hatte, war bereits einige Jahre zuvor bei einem Jagdunfall gestorben. Damit fiel die Aufgabe, den Besitz in Thrakien zu behaupten, an Murad.
Dieser Besitz war keineswegs gesichert. Gallipoli bot den Osmanen zwar einen Hafen und einen Übergang zwischen Anatolien und Europa. Doch die Halbinsel ließ sich von einer feindlichen Flotte abschneiden. Im Jahr 1366 nahmen Kreuzfahrer unter Amadeus VI. von Savoyen die Stadt ein und übergaben sie dem Byzantinischen Reich.
Erst 1376 erhielten die Osmanen Gallipoli zurück. Der byzantinische Prinz Andronikos IV. überließ ihnen die Stadt, nachdem Murad ihn im Kampf um den Kaiserthron unterstützt hatte. Der Verlust von 1366 hatte gezeigt, wie verwundbar die osmanische Stellung an der Meerenge blieb. Murad brauchte daher einen Stützpunkt im Landesinneren. Dort sollte sein Heer Vorräte sammeln und Feldzüge vorbereiten können, ohne von einem einzigen Hafen abzuhängen.
Die Zersplitterung seiner Gegner spielte Murad in die Hände. Das Byzantinische Reich hatte sich von seinen Bürgerkriegen nicht erholt. Nach dem Tod des serbischen Herrschers Stefan Dušan im Jahr 1355 zerfiel dessen Reich in konkurrierende Teilherrschaften. Die örtlichen Fürsten verteidigten ihre eigenen Gebiete, fanden aber kaum zu einem gemeinsamen Vorgehen.
Der Zugriff auf Edirne
Murads wichtigstes Ziel war Adrianopel, das heutige Edirne. Die Stadt lag an der Tundscha unweit ihrer Einmündung in die Mariza. Von hier führten Straßen nach Konstantinopel und nach Westen in das Innere des Balkans. Wer Edirne beherrschte, kontrollierte einen bedeutenden Verkehrsknoten in Thrakien.
Der genaue Zeitpunkt der Eroberung ist umstritten. Die osmanischen Berichte entstanden erst mehrere Generationen später und ordneten die frühen Feldzüge nicht immer zuverlässig. Häufig wird die Einnahme auf 1361 oder 1362 datiert. Andere Darstellungen setzen sie später an, teilweise erst 1369. Für keine dieser Datierungen lässt sich eine lückenlose zeitgenössische Überlieferung vorlegen.
Spätere osmanische Chroniken brachten die Eroberung mit einem Sieg über byzantinische Truppen am Flüsschen Sazlıdere in Verbindung. Eine wichtige Rolle spielte demnach Murads Heerführer Lala Şahin Pascha. Ob die Osmanen Edirne anschließend erstürmten oder nach Verhandlungen übernahmen, lässt sich nicht sicher feststellen.
Die Stadt blieb jedoch weitgehend erhalten. Murad nutzte sie als Residenz und Ausgangspunkt weiterer Unternehmungen. Bursa behielt seine Bedeutung als dynastisches Zentrum in Anatolien. Dort ließen die Sultane weiterhin repräsentative Bauten errichten und ihre Angehörigen bestatten. Das politische Gewicht der Herrschaft verlagerte sich dennoch nach Europa.
Von Edirne aus stießen osmanische Verbände weiter durch Thrakien vor. In den folgenden Jahren fiel auch Philippopel, das heutige Plowdiw. Andere Truppen bewegten sich entlang der Mariza nach Westen. Die Eroberer kontrollierten damit zunehmend die Straßen zwischen Konstantinopel und dem Inneren des Balkans.
Murad bindet die Grenzkommandeure
Murad führte diese Expansion nicht allein. Kommandeure wie Lala Şahin Pascha oder Evrenos verfügten über eigene Gefolgsleute. Sie unternahmen Feldzüge, schlossen örtliche Abmachungen und sicherten eroberte Gebiete. Solche Grenzherren besaßen beträchtliche Freiheiten, solange sie die Oberhoheit des Sultans anerkannten.
Der Erfolg dieser Männer stellte Murad zugleich vor ein Problem. Seine Dynastie verdankte ihren Aufstieg den Gefolgschaften weitgehend selbstständiger Krieger. Je weiter diese sich vom Hof entfernten, desto schwerer konnte der Sultan sie kontrollieren. Murad begann deshalb, einen Teil seiner Truppen enger an seine Person zu binden.
Wahrscheinlich entstand während seiner Regierungszeit der Kern der späteren Janitscharen. Der Name yeniçeri bedeutet neue Truppe. Zunächst rekrutierte der Sultan diese Fußsoldaten vor allem aus seinem Anteil an den Kriegsgefangenen. Sie erhielten eine Ausbildung und regelmäßigen Sold. Die später bekannte Knabenlese, bei der christliche Untertanen ihre Söhne abgeben mussten, entwickelte sich erst danach.
Daneben wies der Sultan Reiterkriegern die Einkünfte bestimmter Dörfer zu. Diese sogenannten Timare blieben unter seiner Verfügungsgewalt. Ihre Inhaber durften festgelegte Abgaben einziehen und mussten dafür mit Pferd und Waffen zum Feldzug erscheinen. Der Sultan konnte ihnen die Zuweisungen wieder entziehen. Damit erschwerte er die Entstehung einer erblichen Aristokratie, die ihre Gebiete unabhängig von ihm beherrschte.
Diese Einrichtungen befanden sich noch im Aufbau. Das osmanische Heer des 14. Jahrhunderts war keine einheitliche Staatsarmee. Neben den Truppen des Sultans kämpften die Gefolgschaften der Grenzkommandeure. Christliche Verbündete und tributpflichtige Fürsten stellten weitere Kontingente. Murad verband damit persönlich abhängige Truppen mit den militärischen Kräften seiner Vasallen.
Die Brüder von Serres

Der osmanische Vormarsch bedrohte besonders Jovan Uglješa. Er regierte von Serres aus über einen Teil des östlichen Mazedoniens. Osmanische Streifscharen erreichten bereits das Hinterland seiner Städte und bedrängten die Besitzungen der Athos-Klöster.
Uglješa bemühte sich deshalb um ein größeres Bündnis gegen Murad. Unterstützung fand er vor allem bei seinem Bruder Vukašin. Dieser trug den Königstitel und herrschte über Gebiete im westlichen Mazedonien. Andere serbische Machthaber verfolgten jedoch eigene Ziele. Auch aus Byzanz kam keine wirksame Hilfe.
Trotzdem stellten Vukašin und Uglješa ein beträchtliches Heer auf. Im Spätsommer 1371 marschierten sie nach Osten. Die osmanische Verteidigung lag bei den Befehlshabern in Rumelien. Welcher Kommandeur den entscheidenden Angriff führte, bleibt in den Quellen umstritten. Die spätere osmanische Überlieferung nennt meist Lala Şahin Pascha.
Die Brüder erreichten die Gegend von Tschernomen an der Mariza. Edirne lag nur noch wenige Dutzend Kilometer entfernt. Offenbar rechneten sie nicht damit, dass die osmanischen Truppen ihr Lager unmittelbar angreifen würden.
Der Angriff an der Mariza
In der Nacht zum 26. September gingen die Osmanen zum Angriff über. So schildern es zumindest die späteren Berichte. Einzelheiten wie die angebliche Trunkenheit der serbischen Soldaten oder gewaltige Truppenzahlen gehören wahrscheinlich zur nachträglichen Ausschmückung.

Plausibel ist, dass der überraschende Angriff die Truppen der Brüder traf, bevor diese eine geordnete Schlachtaufstellung einnehmen konnten. Im Lager brach Panik aus. Zahlreiche Männer versuchten, sich über die Mariza zu retten. Dabei ertranken viele von ihnen oder wurden während der Flucht getötet.
Vukašin und Uglješa kamen in der Schlacht oder unmittelbar danach ums Leben. Die genauen Umstände ihres Todes und das Schicksal ihrer Leichen sind nicht überliefert.
Die Niederlage beseitigte damit die beiden Herrscher und die wichtigste organisierte Gegenmacht im östlichen Mazedonien. Sie brachte die Region aber nicht an einem einzigen Tag vollständig unter osmanische Verwaltung. Viele örtliche Fürsten behielten ihre Länder. Nun mussten sie jedoch Tribut entrichten oder Soldaten für Murads Feldzüge stellen.
Auch Vukašins Sohn Marko herrschte zunächst weiter über ein verkleinertes Gebiet um Prilep. Die spätere Dichtung machte ihn als Kraljević Marko zu einem der bekanntesten Helden der südslawischen Überlieferung. Der historische Marko diente dagegen als Vasall des osmanischen Sultans. Im Jahr 1395 fiel er während eines osmanischen Feldzuges.
Herrschaft durch Unterordnung
Murad verlangte von besiegten Fürsten nicht in jedem Fall, ihre Länder aufzugeben. Häufig genügte ihm zunächst ihre Unterwerfung. Sie behielten ihre Stellung, mussten aber Abgaben leisten und dem Sultan im Krieg folgen. Auf diese Weise erweiterte Murad seine militärischen Möglichkeiten, ohne jede neue Region sofort mit eigenen Amtsträgern besetzen zu müssen.
Auch der byzantinische Kaiser Johannes V. Palaiologos erkannte schließlich Murads Oberhoheit an. Das Reich bestand weiter, doch sein Herrscher musste dem Sultan Tribut zahlen und militärische Dienste leisten. Konstantinopel war damit nicht erobert, aber sein Umland geriet zunehmend unter osmanische Kontrolle.
Muslimische Siedler ließen sich nun verstärkt entlang der eroberten Straßen nieder. Derwische gründeten Herbergen und Konvente. Osmanische Amtsträger erfassten Einkünfte, während die christliche Bevölkerung vielerorts in ihren Dörfern blieb. Eroberung führte somit nicht zwingend zur Vertreibung, veränderte aber die bestehende Ordnung. Krieg und Gefangennahmen trafen zahlreiche Bewohner. Andere arrangierten sich mit den neuen Herren.
Murad trat nun nicht mehr als einer unter mehreren anatolischen Emiren auf. Dokumente bezeichneten ihn als Sultan oder Hüdavendigâr, den großen Herrn. Edirne verkörperte diesen gewachsenen Anspruch. Von dort konnte Murad seine europäischen Vasallen einbestellen und weitere Feldzüge vorbereiten.
Serbischer Widerstand bestand jedoch fort. Fürst Lazar baute im Moravatal eine neue Machtstellung auf. Achtzehn Jahre nach der Schlacht an der Mariza trat er Murad auf dem Amselfeld entgegen. Kosovo wurde zur berühmteren Schlacht. Den Weg dorthin hatte jedoch der Sieg von 1371 geöffnet.

Zum Weiterlesen
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Faroqhi, S. (2021): Geschichte des Osmanischen Reiches.*
Inalcik, H. (1994): The Ottoman Empire: The Classical Age 1300–1600.*
Kafadar, C. (1996): Between Two Worlds: The Construction of the Ottoman State.*
Bildnachweis
Titel: Murad I., Miniatur, 1584.
Karte: Auf Basis von Wikimedia Commons, South Serbian. CC BY-SA 4.0.
Ruinen Edirne: Wikimedia Commons, Donnyhoca. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.
- Rumelien ist die historische osmanische Bezeichnung für den auf der Balkanhalbinsel gelegenen Teil des Osmanischen Reiches ↩︎




