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Besatzungspolitik in Europa – Herrschaft und Ausbeutung

Mitten im Winter 1939/40 bekamen polnische Familien oft nur wenige Minuten Zeit, ihre Sachen zu packen. Dann trieben deutsche Behörden sie zu Bahnhöfen und verluden sie in ungeheizte Waggons. Mehr als 100.000 christliche und jüdische Polen wurden allein in dieser ersten Phase aus den annektierten westpolnischen Gebieten in das sogenannte Generalgouvernement deportiert.

Ihre Häuser und Höfe sollten für andere frei werden. Das Deutsche Reich wollte die eroberten Gebiete nicht einfach militärisch kontrollieren. Es wollte sie verändern.

Damit zeigte sich bereits wenige Monate nach Kriegsbeginn ein Grundprinzip deutscher Besatzungspolitik: Nicht jedes eroberte Land wurde gleich behandelt. In Polen ging es von Beginn an um Vertreibung und rassistische Neuordnung. Im Westen suchten die Deutschen zunächst stärker nach Ruhe und Zusammenarbeit.

Polen wird geteilt

Nach dem Sieg über Polen beendete Hitler am 26. Oktober 1939 die Militärverwaltung des besetzten Gebietes.

Große Teile Westpolens wurden unmittelbar dem Deutschen Reich einverleibt. Arthur Greiser übernahm den später so genannten Reichsgau Wartheland. Andere Gebiete kamen zu Danzig-Westpreußen oder bestehenden deutschen Provinzen.

Hans Frank in Krakau, 1939

Das mittlere und südliche Polen bildete fortan das Generalgouvernement. Dort regierte Hans Frank.

Diese Aufteilung bestimmte das Leben von Millionen Menschen.

In den annektierten Gebieten sollte die polnische Bevölkerung schrittweise zurückgedrängt werden. Die Nationalsozialisten wollten dort einen Raum schaffen, der dauerhaft als deutsch gelten sollte. Dafür sollten sogenannte Volksdeutsche angesiedelt werden.

Polnische und jüdische Bewohner standen diesem Plan im Weg.

Bis März 1941 waren mehr als 400.000 Menschen aus den eingegliederten Gebieten deportiert worden. Etwa ebenso viele waren zu diesem Zeitpunkt bereits zur Arbeit nach Deutschland gebracht worden.

Der Warthegau soll deutsch werden

Arthur Greiser betrachtete den Warthegau als Gebiet, in dem nationalsozialistische Rassenpolitik besonders konsequent verwirklicht werden sollte.

Deutsche Behörden beschlagnahmten polnischen Besitz und wiesen Wohnungen neuen Bewohnern zu. Menschen wurden nach ihrer angeblichen rassischen Eignung erfasst. Wer den nationalsozialistischen Kriterien entsprach, konnte für eine Germanisierung vorgesehen werden. Andere sollten verschwinden.

Die Vertreibungen verliefen häufig brutal. Familien verloren Wohnung und Eigentum innerhalb weniger Stunden.

Auch Ortsnamen und Verwaltungsstrukturen wurden verändert. Die deutsche Führung wollte sichtbar machen, dass dieses Gebiet fortan Teil des Reiches sein sollte.

Für die polnische Bevölkerung ging es deshalb um mehr als die Herrschaft einer fremden Armee. Ihre langfristige Stellung im eigenen Land stand infrage.

Im Generalgouvernement war die Zielsetzung anders. Dieses Gebiet sollte vor allem als Reservoir billiger Arbeitskräfte dienen und zugleich Menschen aufnehmen, die aus den annektierten Gebieten verdrängt wurden.

Hans Frank regiert das Generalgouvernement

Hans Frank residierte in Krakau und herrschte über mehrere Millionen Menschen.

Polen sollten dort nur begrenzte Bildungschancen erhalten. Ihre Arbeitskraft war erwünscht, eine selbstständige politische oder kulturelle Entwicklung dagegen unerwünscht.

Die Besatzungsmacht ging besonders hart gegen mögliche Träger polnischer Eigenständigkeit vor. Angehörige der politischen und gesellschaftlichen Eliten wurden verhaftet oder ermordet.

Der Terror sollte verhindern, dass sich erneut ein unabhängiger polnischer Staat bilden konnte.

Zugleich nahm Deutschland dem besetzten Gebiet Lebensmittel und Arbeitskräfte. Razzien gehörten zunehmend zum Alltag. Wer auf der Straße kontrolliert wurde, musste damit rechnen, zur Arbeit nach Deutschland geschickt zu werden.

1943 arbeiteten etwa eine Million Polen für die deutsche Kriegswirtschaft.

Für ihre Familien blieb häufig unklar, wohin Angehörige gebracht worden waren und wann sie zurückkehren würden.

Gewalt als Antwort auf Widerstand

Die deutsche Besatzung beseitigte den polnischen Widerstand trotzdem nicht.

Untergrundorganisationen entstanden schon früh. Nachrichten wurden weitergegeben, illegale Schriften verbreitet. Später wurden auch bewaffnete Aktionen häufiger.

Die Besatzungsmacht reagierte mit kollektiver Vergeltung.

Für Angriffe auf Deutsche konnten Menschen erschossen werden, die mit der eigentlichen Tat nichts zu tun hatten. Dörfer wurden zerstört und Bewohner deportiert.

Die Unsicherheit erfasste dadurch den gesamten Alltag. Wer morgens das Haus verließ, wusste nicht sicher, ob er am Abend zurückkehren würde.

Polen wurde damit schon vor dem Angriff auf die Sowjetunion zum wichtigsten Experimentierfeld einer Besatzungspolitik, die militärische Herrschaft mit rassistischer Neuordnung verband.

Im Westen gingen die Deutschen zunächst anders vor.

Frankreich bleibt teilweise französisch verwaltet

Deutsche Soldaten am Arc de Triomphe, 1940

Nach dem Waffenstillstand vom Juni 1940 wurde Frankreich geteilt.

Der Norden mit Paris und ein breiter Streifen entlang der Atlantikküste standen unter direkter deutscher Besatzung. Im Süden regierte zunächst weiterhin eine französische Regierung unter Marschall Philippe Pétain von Vichy aus.

Diese Konstruktion war für Deutschland praktisch.

Die Besatzer konnten große Teile der französischen Verwaltung weiterarbeiten lassen. Französische Beamte und Polizisten erledigten viele Aufgaben, für die Deutschland sonst eigenes Personal hätte bereitstellen müssen.

Deutschland behielt dennoch die entscheidende Kontrolle und belastete das Land mit hohen Besatzungskosten.

Für die meisten Franzosen bestand der Alltag zunächst vor allem aus Anpassung. Nur eine Minderheit entschied sich früh für aktive Kollaboration oder offenen Widerstand.

Viele warteten ab.

Vichy arbeitet mit

Pétain präsentierte seine Regierung als Beginn einer nationalen Erneuerung nach der Niederlage.

Das Vichy-Regime beseitigte demokratische Strukturen und verfolgte politische Gegner. Es erließ aus eigener Initiative antijüdische Vorschriften und beteiligte sich später an der Verfolgung jüdischer Menschen.

Pierre Laval wurde zu einem der bekanntesten Vertreter einer weitgehenden Zusammenarbeit mit Deutschland.

Diese Kollaboration erleichterte den Deutschen die Herrschaft. Französische Behörden kannten die Bevölkerung und verfügten über Polizei sowie Verwaltungsakten.

Auch wirtschaftlich wurde Frankreich intensiv genutzt. Ein erheblicher Teil der Industrieproduktion arbeitete für deutsche Bedürfnisse. Lebensmittel gelangten nach Deutschland, während die Versorgung in französischen Städten schwieriger wurde.

Später kamen französische Arbeitskräfte hinzu, die für deutsche Betriebe eingesetzt wurden.

Die Besatzung blieb damit im Westen weniger offen zerstörerisch als in Polen. Sie bedeutete dennoch eine stetige Umleitung französischer Ressourcen zugunsten des Deutschen Reiches.

In den Niederlanden regiert Seyß-Inquart

Auch die Niederlande galten aus nationalsozialistischer Sicht anders als Polen.

Hitlers Führung betrachtete die Niederländer als Angehörige eines angeblich verwandten germanischen Volkes. Die Besatzer wollten ihre Gesellschaft deshalb zunächst weitgehend weiterarbeiten lassen.

Arthur Seyß-Inquart, 1940

Arthur Seyß-Inquart wurde als Reichskommissar eingesetzt. Die bestehende Verwaltung arbeitete unter deutscher Aufsicht weitgehend weiter.

Gerade diese Kontinuität erleichterte die Kontrolle.

Deutsche Behörden konnten auf vorhandene Melderegister und lokale Verwaltungen zurückgreifen. Polizisten und Beamte mussten entscheiden, wie weit sie Anweisungen der Besatzer ausführten.

Anfangs hofften die Deutschen vor allem auf Ruhe.

Mit zunehmender Kriegsdauer stiegen jedoch ihre Forderungen. Lebensmittel wurden knapper und immer mehr Männer sollten für die deutsche Wirtschaft arbeiten.

Gleichzeitig verschärfte sich die Judenverfolgung. Die erhaltene staatliche Verwaltung, die das tägliche Leben zunächst stabilisiert hatte, konnte nun auch zur Durchführung deutscher Maßnahmen benutzt werden.

Dänemark bleibt zunächst ein Sonderfall

Noch weiter ging die deutsche Zurückhaltung zunächst in Dänemark.

Nach dem Einmarsch vom April 1940 blieben Regierung und Parlament zunächst bestehen. Auch der dänische König blieb im Land.

Deutschland hatte ein Interesse daran, den kleinen Staat möglichst störungsfrei zu kontrollieren. Die Landwirtschaft lieferte wichtige Nahrungsmittel, und eine kooperative Regierung ersparte den Deutschen hohen Verwaltungsaufwand.

Für viele Dänen bedeutete dies zunächst einen Alltag, der stärker als in anderen besetzten Ländern an die Vorkriegszeit erinnerte.

Doch auch dieses Modell hatte Grenzen.

Je länger der Krieg dauerte und je deutlicher die deutsche Niederlage möglich erschien, desto mehr wuchs der Widerstand. Streiks und Sabotage nahmen zu.

Im August 1943 zerbrach schließlich die Zusammenarbeit zwischen deutscher Besatzungsmacht und dänischer Regierung.

Die zunächst vergleichsweise schonende Behandlung hing damit weniger an deutschen Grundsätzen als an der Frage, ob Kooperation funktionierte.

Besatzung sollte sich selbst tragen

Hinter den unterschiedlichen Modellen stand ein gemeinsames Ziel: Die eroberten Länder sollten den deutschen Krieg finanzieren und versorgen.

Die Besatzungsmacht griff deshalb auf die Wirtschaftsleistung der unterworfenen Länder zu. Wie stark sie dabei in bestehende Verwaltungen und Gesellschaften eingriff, unterschied sich erheblich.

Im Westen konnte Deutschland vielfach vorhandene Behörden nutzen. Im Osten verband sich die wirtschaftliche Ausbeutung von Beginn an mit Vertreibung und einer geplanten Neuordnung der Bevölkerung.

Mit zunehmender Kriegsdauer verschärfte sich der Zugriff jedoch fast überall. Dadurch schrumpfte auch dort die Bereitschaft zur Anpassung, wo sie anfangs noch groß gewesen war.

Zusammenarbeit war nicht immer Überzeugung

Deutsche Herrschaft war auf Menschen angewiesen, die Befehle ausführten.

Ein Teil der Kollaborateure teilte nationalsozialistische oder faschistische Vorstellungen. Andere sahen in Deutschland den Sieger und hofften auf persönliche Vorteile.

Viel häufiger waren jedoch alltägliche Formen der Zusammenarbeit.

Ein Bürgermeister blieb im Amt. Ein Beamter bearbeitete weiter die Anweisungen der Besatzungsmacht.

Daraus lässt sich nicht automatisch politische Zustimmung ableiten. Gleichzeitig konnte diese Mitarbeit die deutsche Besatzung äußerst wirksam machen.

Auch Widerstand entwickelte sich meist langsam.

Viele Menschen versuchten zunächst, ihren Alltag zu bewältigen. Erst härtere Repressionen und Arbeitszwang oder die Aussicht auf eine deutsche Niederlage brachten größere Teile der Bevölkerung dazu, Widerstandsgruppen zu unterstützen.

Zwischen überzeugter Kollaboration und aktivem Widerstand lag deshalb eine breite Zone der Anpassung.

Deutsche Besatzer in Frankreich

Im Osten gelten andere Maßstäbe

Der entscheidende Unterschied zwischen West- und Osteuropa lag tiefer als in der Härte einzelner Maßnahmen.

Frankreich oder die Niederlande sollten ausgebeutet und kontrolliert werden. Ihre Bevölkerung blieb für die deutsche Führung grundsätzlich als bestehende Gesellschaft erhalten.

Für Polen sah die Zukunft anders aus.

Die nationalsozialistische Führung wollte Deutsche ansiedeln und große Teile der polnischen Bevölkerung verdrängen. Jüdische Menschen sollten vollständig aus der vorgesehenen Gesellschaft verschwinden.

Militärische Eroberung war dort deshalb nur der Anfang.

Was Polen seit Herbst 1939 erlebte, gab bereits einen Vorgeschmack auf die nächste Stufe des Krieges. Hitler hatte den Feldzug gegen die Sowjetunion von Beginn an als einen Konflikt anderer Art geplant. Dort sollte es keine auch nur vorläufige Rücksicht auf bestehende Staaten oder Gesellschaften geben.

Am 22. Juni 1941 überschritten mehr als drei Millionen deutsche Soldaten und ihre Verbündeten die sowjetische Grenze. Mit ihnen kamen SS- und Polizeieinheiten, deren Aufgabe weit über den militärischen Kampf hinausging.


Zum Weiterlesen

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Bildnachweis

Titel: Hitler in Paris, 1940. Bundesarchiv, Bild 183-H28708 / Hoffmann, Heinrich / CC-BY-SA 3.0.

Karte Westfeldzug: Wikimedia Commons, Bennet Schulte. CC-BY-SA 3.0.

Karte Frankreich: Wikimedia Commons, Eric Gaba. CC BY-SA 4.0.

Hans Frank: Bundesarchiv, Bild 121-0270 / CC-BY-SA 3.0.

Soldaten am Arc de Triomphe: Bundesarchiv, Bild 101I-751-0067-34 / Kropf / CC-BY-SA 3.0.

Besatzer in Frankreich: Bundesarchiv, Bild 101I-247-0775-38 / Langhaus / CC-BY-SA 3.0.

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