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Wie Europa seine Fronten fand – Bündnisse und Krisen vor dem Ersten Weltkrieg

Am 1. Januar 1907 entwarf Eyre Crowe im Londoner Foreign Office ein düsteres Bild der deutschen Außenpolitik. Crowe leitete die Westabteilung des Ministeriums. Er war in Leipzig geboren, seine Mutter und seine Frau waren Deutsche, und er sprach Englisch mit einem hörbaren deutschen Akzent. Dennoch gehörte er zu den entschiedensten Gegnern einer Annäherung an Berlin.

Eyre Crowe, 1925

In seinem Memorandum stellte Crowe zwei Deutungen der deutschen Politik nebeneinander: ein bewusstes Streben nach Vorherrschaft oder eine sprunghafte, unklare Politik ohne festen Plan. Für Großbritannien liefen beide nach seiner Einschätzung auf dieselbe Gefahr hinaus.

Außenminister Edward Grey hielt den Text für so wichtig, dass er ihn Premierminister Henry Campbell-Bannerman und weiteren Mitgliedern der Regierung zukommen ließ. Das Memorandum zeigt, wie sich der Blick eines einflussreichen Kreises im Foreign Office verändert hatte. Noch wenige Jahre zuvor hatte London vor allem Russland als Gefahr für das britische Weltreich betrachtet. Nun rückte Deutschland an dessen Stelle. Gleichzeitig trafen britische Diplomaten Vereinbarungen mit Frankreich und Russland, die Berlin immer weniger Spielraum ließen.

Bismarcks Netz

Zwanzig Jahre vor Crowes Memorandum hatte die europäische Politik noch anders ausgesehen. Deutschland war 1887 durch verschiedene Abkommen mit fast allen kontinentalen Großmächten verbunden. Der Dreibund vereinte das Deutsche Reich mit Österreich-Ungarn und Italien. Der Rückversicherungsvertrag verpflichtete Deutschland und Russland zur Neutralität, falls einer der beiden Staaten in einen Krieg mit einer dritten Macht geriet. Ausgenommen blieben ein deutscher Angriff auf Frankreich und ein russischer Angriff auf Österreich-Ungarn.

Hinzu kam das Mittelmeerabkommen zwischen Großbritannien, Italien und Österreich-Ungarn. Über seine Verbündeten in Wien und Rom war Berlin damit indirekt auch mit London verbunden. Frankreich blieb isoliert.

Otto von Bismarck nutzte die Gegensätze zwischen den Mächten gezielt für sich aus. Russland und Österreich-Ungarn konkurrierten auf dem Balkan, Großbritannien und Russland rangen um Einfluss in Asien. Frankreich und Großbritannien stritten über ihre Kolonialreiche. Solange diese Konflikte nebeneinander bestanden, ließ sich nur schwer eine gemeinsame Front gegen Deutschland bilden.

Bismarcks Nachfolger Leo von Caprivi ließ den Rückversicherungsvertrag im Frühjahr 1890 auslaufen. In Berlin erschienen die Verpflichtungen gegenüber Wien und St. Petersburg zunehmend widersprüchlich. Dadurch erhielt Frankreich die Gelegenheit, sich Russland anzunähern. Ein Konsultativpakt folgte 1891, eine Militärkonvention im August 1892. Zwei Jahre später schlossen beide Mächte ein förmliches Bündnis.

Für Frankreich sollte die Verbindung vor allem Deutschland eindämmen. Die russische Regierung verfolgte zunächst andere Ziele. Sie wollte Österreich-Ungarn auf dem Balkan in Schach halten und fürchtete zugleich ein britisches Vorgehen in Asien. Noch in den 1890er Jahren betrachteten viele russische Entscheidungsträger Großbritannien als ihren gefährlichsten Rivalen. Gute Beziehungen zu Berlin blieben für sie wertvoll.

Das französisch-russische Bündnis war daher noch kein Beleg für eine geschlossene antideutsche Front. Russische Politiker hofften sogar, mit französischer Rückendeckung unabhängiger auftreten und zugleich das Verhältnis zu Deutschland pflegen zu können. Paris wiederum wusste, dass der Zar nicht wegen Elsass-Lothringens in einen Krieg ziehen würde.

London sichert die Grenzen des Empire

Auch die britische Regierung dachte zunächst kaum an einen europäischen Krieg gegen Deutschland. Ihre Sorgen lagen weit entfernt von der Nordsee. Russische Eisenbahnen näherten sich der afghanischen Grenze. Russische Truppen drangen in die Mandschurei vor. In London fürchteten Politiker, das Zarenreich könne Indien bedrohen oder den britischen Einfluss in China zurückdrängen.

Die Regierung reagierte auf zwei Wegen. Im Januar 1902 schloss Großbritannien ein Bündnis mit Japan, das die russische Expansion in Ostasien begrenzen sollte. Im April 1904 räumten London und Paris ihre wichtigsten kolonialen Streitfragen aus. Großbritannien erkannte den französischen Vorrang in Marokko an, während Frankreich die britische Stellung in Ägypten akzeptierte. Die Entente Cordiale diente aus britischer Sicht zunächst vor allem der Absicherung des Empires.

Der russisch-japanische Krieg veränderte die Lage. Japan zerstörte einen großen Teil der russischen Flotte und schlug die Armee des Zaren in der Mandschurei. Gleichzeitig erschütterten Streiks und Aufstände das Russische Reich. Nach der Niederlage von 1905 brauchte die Regierung in St. Petersburg Zeit, um Armee und Staat wieder handlungsfähig zu machen.

Der neue britische Außenminister Edward Grey erkannte darin eine Gelegenheit. Eine Verständigung mit Russland konnte die kostspielige Verteidigung Indiens erleichtern. Am 31. August 1907 unterzeichneten der russische Außenminister Alexander Iswolski und der britische Botschafter Sir Arthur Nicolson ein Abkommen, das ihre Streitfragen in Persien sowie in Afghanistan und Tibet regelte.

Damit entstand noch keine Triple Entente im späteren militärischen Sinn. Die britische Regierung wollte mit dem Abkommen primär ihre asiatischen Besitzungen absichern, während Russland eine Atempause für den Wiederaufbau suchte.

Dennoch veränderte die Vereinbarung die europäischen Beziehungen. Großbritannien hatte nun seine wichtigsten Konflikte mit Frankreich und Russland entschärft. Berlin konnte die Rivalität dieser Mächte immer weniger zu seinem Vorteil nutzen.

Der gescheiterte Ausweg von Björkö

Wilhelm II. und Nikolaus II., 1905

Die deutsche Führung hatte versucht, diese Entwicklung aufzuhalten. Am 23. Juli 1905 lagen die kaiserliche Jacht Hohenzollern und die russische Polarstern vor Björkö im Finnischen Meerbusen längsseits. Wilhelm II. empfing Nikolaus II. zum Abendessen. Der deutsche Kaiser sprach die Furcht seines Cousins vor Großbritannien an und bezweifelte die Zuverlässigkeit Frankreichs. Nikolaus war nach den militärischen Niederlagen und den Unruhen in seinem Reich erschöpft.

Am folgenden Tag umarmte Nikolaus seinen Cousin und unterschrieb an Bord der Hohenzollern den von diesem vorgelegten Bündnisvertrag. Für einen kurzen Moment schien eine deutsch-russische Verständigung möglich.

Doch die russischen Minister verweigerten dem Vertrag ihre Zustimmung. Eine Bindung an Deutschland ließ sich aus ihrer Sicht mit dem französischen Bündnis kaum vereinbaren. Auch Paris würde keiner Änderung zustimmen. Unter dem Druck seiner Berater gab der Zar nach. Die persönliche Absprache der beiden Monarchen blieb folgenlos.

Fast gleichzeitig versuchte Berlin, die britisch-französische Entente in Marokko zu sprengen. Der Auftritt Wilhelms II. in Tanger führte jedoch zum Gegenteil. Auf der Konferenz von Algeciras unterstützten fast alle beteiligten Mächte Frankreich. Die Entente bestand ihre erste Belastungsprobe, während Deutschland weitgehend isoliert blieb.

Im Foreign Office stärkten diese Ereignisse jene Beamten, die Deutschland für die künftige Hauptgefahr hielten. Grey umgab sich mit Männern wie Crowe, Charles Hardinge und Francis Bertie. Berichte britischer Botschafter, die für einen gemäßigten Umgang mit Berlin warben, versahen sie mit skeptischen Randbemerkungen. Warnungen vor deutschen Absichten fanden dagegen bereitwillige Zustimmung.

Diese Beamten hatten die Verständigung mit Russland nicht geschaffen, um Deutschland einzukreisen. Doch nachdem London seine Konflikte mit Paris und St. Petersburg entschärft hatte, konnten sie die deutsche Politik als zusammenhängende Folge von Provokationen deuten. Aus wechselnden Rivalitäten entstand allmählich ein europäisches Gegenüber.

Das Geschäft von Buchlau

Den entscheidenden Stoß erhielt das deutsch-russische Verhältnis auf dem Balkan. Am 16. September 1908 trafen sich Iswolski und der österreichisch-ungarische Außenminister Alois von Aehrenthal auf Schloss Buchlau in Mähren. Das Anwesen gehörte Leopold Graf Berchtold, damals Botschafter Österreich-Ungarns in St. Petersburg.

Iswolski war grundsätzlich bereit, die Annexion hinzunehmen. Dafür sollte Wien Russland dabei unterstützen, den Zugang seiner Kriegsschiffe durch die türkischen Meerengen zu erleichtern. Beide Minister hofften, ihre Ziele durch eine vertrauliche Absprache auf Kosten des Osmanischen Reiches zu erreichen. Ein schriftliches Protokoll ihrer Unterredung legten sie nicht an.

Aehrenthal wollte Bosnien und die Herzegowina endgültig annektieren. Österreich-Ungarn verwaltete die beiden formal weiterhin zum Osmanischen Reich gehörenden Provinzen bereits seit 1878. Die jungtürkische Revolution hatte jedoch die Frage aufgeworfen, ob die neue Regierung in Konstantinopel ihre Rechte dort wieder geltend machen könnte. Aehrenthal wollte handeln, bevor osmanische Wahlen oder Forderungen nach Autonomie die österreichische Stellung gefährdeten.

Am 6. Oktober 1908 verkündete Wien die Annexion. Nun zeigte sich, wie unterschiedlich die beiden Minister ihre Abmachung verstanden oder öffentlich darstellen wollten.

Iswolski hatte die Reaktion in Russland unterschätzt. Nationalisten und Panslawisten empörten sich über die Eingliederung eines Landes mit einer großen serbischen Bevölkerung in die Habsburgermonarchie. Zugleich verweigerte die britische Regierung die erhoffte Unterstützung bei der Öffnung der Meerengen.

Iswolski geriet unter Druck. Er bestritt seine Zustimmung und behauptete schließlich, Aehrenthal habe ihn getäuscht. Außerdem forderte er eine internationale Konferenz. Aehrenthal lehnte ab. Serbien mobilisierte, Russland traf militärische Vorbereitungen, und auch Österreich-Ungarn setzte Truppen in Bewegung.

Die Demütigung von 1909

Am 21. März 1909 stellte die deutsche Regierung der russischen Führung eine scharfe diplomatische Forderung. Kanzler Bernhard von Bülow verlangte, Russland müsse die Annexion anerkennen. Andernfalls würden die Dinge ihren Lauf nehmen. Dahinter stand die Drohung, Österreich-Ungarn bei einem Vorgehen gegen Serbien zu unterstützen. Berlin konnte zudem Unterlagen veröffentlichen, die Iswolskis Beteiligung an der Absprache von Buchlau belegten.

Alexander Petrowitsch Iswolski, 1894

Iswolski wich zurück. Russland war militärisch noch zu geschwächt, um einen Krieg mit den Mittelmächten zu riskieren. Frankreich und Großbritannien zeigten wenig Bereitschaft, wegen Bosniens einzugreifen. Auch Serbien musste die Annexion schließlich hinnehmen.

Kurzfristig hatte die deutsche Unterstützung für Wien einen Krieg verhindert. Langfristig prägte sie die russische Erinnerung an die Krise. Iswolskis eigene Rolle geriet in den Hintergrund. In der russischen Öffentlichkeit erschien die Annexion nun als österreichischer Verrat, den Deutschland durch eine demütigende Drohung abgesichert hatte.

Damit endete die Bereitschaft Russlands und Österreich-Ungarns, bei Konflikten auf dem Balkan zusammenzuarbeiten. Zugleich setzte sich in St. Petersburg der Eindruck fest, dass hinter Wien stets Berlin stand. Deutschland wiederum sah sich gezwungen, den einzigen verlässlichen Bündnispartner zu schützen, dessen Auseinandersetzungen mit Russland und Serbien immer gefährlicher wurden.

Nach der Niederlage gegen Japan und dem Abkommen mit Großbritannien blieben Russland nur wenige Gebiete, in denen es seinen Einfluss noch ausweiten konnte. Der Balkan gewann dadurch zusätzliches Gewicht. Die Regierung betonte nun stärker ihre Rolle als Schutzmacht der slawischen Staaten. Sie begann ein umfangreiches militärisches Investitionsprogramm.

Im Herbst 1909 entsandte das Außenministerium mit Nikolai Hartwig einen überzeugten Panslawisten als Gesandten nach Belgrad. Hartwig bestärkte die serbische Regierung in ihrem Widerstand gegen Wien und ging dabei mitunter weiter, als seine Vorgesetzten in St. Petersburg wünschten.

Durchlässige Fronten

Trotzdem waren die europäischen Lager noch nicht vollständig erstarrt. Frankreich schloss 1909 ein Abkommen mit Deutschland über Marokko. Russische und deutsche Politiker verhandelten 1910 in Potsdam über ihre Interessen im Osmanischen Reich und in Persien. Beim Treffen von Zar und Kaiser im estnischen Baltischport im Sommer 1912 sprachen die Regierungsvertreter ausgesprochen freundlich miteinander.

Solche Gespräche konnten die Bündnisse nicht auflösen. Sie zeigen jedoch, dass der Krieg auch nach der Annexionskrise keineswegs feststand. Die Triple Entente war kein einheitlicher Pakt mit einer gemeinsamen politischen Führung. Selbst im Foreign Office warnten Beamte bis 1914 weiterhin vor russischen Absichten in Asien.

Verändert hatte sich vor allem der Rahmen, in dem die Regierungen künftige Krisen deuteten. Russland erinnerte sich an die erzwungene Nachgiebigkeit von 1909. Österreich-Ungarn rechnete mit deutscher Unterstützung. Frankreich war militärisch an Russland gebunden, während ein einflussreicher Kreis in London die deutsche Macht als Gefahr für Großbritannien betrachtete.

Ein neuer Streit zwischen Wien und Belgrad konnte dadurch leichter Mächte einbeziehen, deren ursprüngliche Bündnisse an ganz anderen Schauplätzen entstanden waren.

Knapp sechs Jahre nach dem Treffen von Buchlau traf die Nachricht vom Attentat in Sarajevo in den europäischen Hauptstädten ein. Nun musste sich zeigen, ob die Regierungen die noch vorhandenen Verbindungen über die Lager hinweg nutzen würden – oder ob sie jede Entscheidung durch die Erinnerung an frühere Drohungen und Demütigungen betrachteten.


Prinz Ferdinand in Sarajewo, 1914

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Christopher Clark (2015): Die Schlafwandler: Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog.*

Herfried Münkler (2013): Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918.*

Jörn Leonhard (2018): Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkriegs.*

Bildnachweis

Titel: Mit der SMY Hohenzollern fuhr Wilhelm II. zum Treffen nach Björkö.

Wilhelm II., Nikolaus II.: Bundesarchiv, Bild 183-R43302 / CC-BY-SA 3.0.

Karte: Wikimedia Commons, Furfur. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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