Am 7. Mai 1840 endet in einer Dresdner Wohnung ein Leben, das die deutsche Kunstwelt tief geprägt hatte. Caspar David Friedrich stirbt nach mehreren Schlaganfällen zu einem Zeitpunkt, als das öffentliche Interesse an seinem Werk merklich schwindet. Das bürgerliche Publikum begeistert sich mehr für die detailgetreue Realität und die technische Greifbarkeit der neuen Zeit. Friedrichs stille Leinwände hingegen finden in seinen letzten Jahren kaum noch Käufer.
Der Skandal um das Kreuz im Gebirge

Der Grundstein für Friedrichs Ruhm und die lebenslange Kritik an seinem Stil wird Ende 1808 gelegt. In seinem Atelier zeigt er erstmals das „Kreuz im Gebirge“, den sogenannten Tetschener Altar. Als das Werk 1809 in der Dresdner Akademie ausgestellt wird, entzündet sich eine heftige Debatte. Der Kammerherr Friedrich Wilhelm von Ramdohr greift den Maler frontal an. Er vertritt die klassische Ansicht, dass ein Landschaftsbild niemals ein Altarbild sein darf. Für Ramdohr steht fest: Nur menschliche Figuren können religiöse Geschichten erzählen; ein Berg oder ein Baum bleibt stumm.
Friedrich bricht diese alte Ordnung auf. Er rückt das Kruzifix in die Ferne einer Berggipfel-Szenerie, beleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne. Die Natur wird bei ihm zum eigentlichen Träger der religiösen Botschaft. Diese Neuausrichtung macht ihn zum wichtigsten Kopf der deutschen Romantik.
Beobachtungen zwischen Rügen und Dresden

Die Schauplätze seines Schaffens liegen fernab der Salons. Friedrich wandert über die Insel Rügen oder durch das Elbsandsteingebirge. Diese Wege nutzt er für das akribische Studium der Natur. In seinem kargen Dresdner Atelier entstehen daraus Kompositionen wie der „Wanderer über dem Nebelmeer“.
Friedrich setzt konsequent die Rückenfigur ein. Da die Person im Bild dem Betrachter den Rücken zuwendet, übernimmt sie die Rolle eines Stellvertreters. Wir sehen nicht ein fremdes Gesicht, sondern teilen den Blick in die Unendlichkeit. Diese Technik zieht das Publikum direkt in die Bildwelt hinein.
Zwischen Anerkennung und Einsamkeit

In den 1820er Jahren ändert sich das politische und kulturelle Klima. Die Gesellschaft verlangt nach Sachlichkeit, während Friedrich an seiner Innerlichkeit festhält. Zwar ernannt ihn die Dresdner Akademie 1824 zum außerordentlichen Professor, doch die Leitung der Landschaftsklasse bleibt ihm verwehrt. Friedrich hält sich von den Machtkämpfen der Institution fern und bewirbt sich nicht aktiv um einflussreiche Posten. Diese Passivität verstärkt seine Einsamkeit innerhalb der Kunstwelt.
Seine späten Motive zeigen diese Rückzugsbewegung: Er malt schneebedeckte Friedhöfe oder Ruinen im dämmrigen Licht. Der Maler, der einst Bilder an den russischen Zaren verkaufte, ist in seinen letzten Jahren auf die Hilfe enger Freunde angewiesen. Die Nachfrage nach seinen Werken ist fast vollständig versiegt.
Die Wiederentdeckung nach sechs Jahrzehnten
Rund sechzig Jahre bleibt sein Werk nahezu unbeachtet. Erst 1906 präsentiert die „Deutsche Jahrhundertausstellung“ in Berlin zweiunddreißig seiner Gemälde. Fachwelt und Publikum erkennen nun die Modernität seiner strengen Bildkompositionen.
Nach einer ideologischen Vereinnahmung während der NS-Zeit und einer daraus resultierenden Skepsis nach 1945 erlebt Friedrich seit den 1970er Jahren eine weltweite Renaissance.
Er gilt heute als der Künstler, der die Landschaft nutzte, um die Grenzbereiche der menschlichen Existenz sichtbar zu machen.

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- Grave, J. (2022): Caspar David Friedrich.*
Bildnachweis
Titel: Sonnenuntergang, 1830-1835.
Alle Bilder gemeinfrei.




