Wikinger · Folge 3
808 griff der dänische König Godfrid den Handelsplatz Reric an. Nach den fränkischen Reichsannalen ließ er Kaufleute von dort fortbringen und in seinem eigenen Machtbereich ansiedeln. Der Vorgang verbindet einen militärischen Angriff mit dem Aufbau des Handels bei Haithabu am Ende der Schlei.
Reric lag an der südlichen Ostseeküste. Seine Gleichsetzung mit einem bestimmten archäologischen Fundort blieb Gegenstand der Forschung. Für die schriftliche Nachricht ist zunächst entscheidend, dass Godfrid Menschen versetzte, deren Geschäfte Einnahmen einbrachten. Die Kaufleute besaßen Wissen und Kontakte, die sich ein Herrscher zunutze machen konnte.
Ein König vor der fränkischen Grenze
Godfrids Gegenspieler war Karl der Große. Die fränkischen Kriege hatten Sachsen unterworfen und die Machtverhältnisse südlich Jütlands verändert. Slawische Gruppen an der Ostsee waren dabei eigenständige Akteure. Besonders die mit Karl verbundenen Abodriten standen Godfrids Ausdehnung im Weg.
Ein Angriff auf ihren Einflussbereich war damit zugleich eine Herausforderung an den Kaiser. Die Reichsannalen stellen die Ereignisse aus der Sicht seines Hofes dar. Sie geben keine neutrale Beschreibung dänischer Absichten. Trotzdem lässt ihre Nachricht erkennen, dass Krieg und die Kontrolle von Handelswegen zusammenwirkten.
Für Godfrid lag ein Vorteil darin, den Austausch näher an einen von ihm beherrschten Ort zu ziehen. Kaufleute mussten Abgaben leisten und benötigten Schutz. Ein Herrscher, der ihre Anwesenheit fördern oder erzwingen konnte, gewann beides: Einnahmen und einen Grund für fremde Händler, mit ihm zu verhandeln.
Eine Vertreibung von Kaufleuten konnte den angegriffenen Platz über den unmittelbaren Warenverlust hinaus schwächen. Mit den Menschen verschwanden mögliche Abgabenzahler. Ihre bisherigen Partner mussten überlegen, ob sie den alten Ort weiterhin anliefen oder ihren Bekannten folgten. Godfrid griff damit in Erwartungen über künftige Geschäfte ein.
Der Vorgang unterschied sich von einer völlig neuen Marktgründung an einem bis dahin ungenutzten Ort. Versetzte Händler brachten erprobte Verbindungen mit. Der neue Machthaber konnte diese Beziehungen nutzen, musste aber den weiteren Aufenthalt ermöglichen. Zwang brachte einen Kaufmann an die Schlei; für seine späteren auswärtigen Partner blieben Erreichbarkeit und erwarteter Gewinn entscheidend.

Warum die Schlei wichtig war
Haithabu lag an einer geschützten Bucht nahe der schmalen Landverbindung zwischen Nord- und Ostsee. Wer Waren über Jütland transportierte, konnte eine weite Fahrt um dessen Nordspitze vermeiden. Dazu mussten Güter zwischen verschiedenen Fahrzeugen umgeladen und ein Stück über Land geschafft werden. Die Lage versprach Vorteile, machte den Transport aber nicht mühelos.
Am Platz entstanden Werkstätten, und Händler aus unterschiedlichen Richtungen trafen aufeinander. Das Hinterland musste Nahrung liefern. Mit jedem wiederkehrenden Aufenthalt wuchs der Wert verlässlicher Wege und festgelegter Ansprüche. Godfrids Eingriff war deshalb mehr als eine Plünderung, bei der die Sieger anschließend mit ihrer Beute verschwanden.
Auch die Grenzbefestigungen des Danewerks gehören in diesen Raum. Sie entstanden in mehreren Bauphasen und dürfen nicht insgesamt einem einzigen Befehl von 808 zugeschrieben werden. Die Annalen verbinden Godfrid mit Befestigungsarbeiten; die Archäologie zeigt eine längere Geschichte der Sicherung wichtiger Übergänge.
Was ein Angriff nicht festlegte
Godfrid wurde 810 getötet. Seine Nachfolger mussten sich sowohl untereinander als auch mit dem Frankenreich verständigen. Der Fortbestand Haithabus lässt sich daher nicht allein aus dem Willen eines Königs erklären. Kaufleute kehrten nur zurück, wenn der Standort auch unter veränderten Herren brauchbar blieb.
Die Annalen erzählen diesen Vorgang, weil er die fränkische Politik berührte. Über die betroffenen Familien berichten sie kaum. Ob ein Kaufmann seine Werkzeuge retten konnte oder wie er neue Kunden fand, ist nicht überliefert. In der späteren Größe Haithabus verschwindet leicht, dass ein Teil dieser Entwicklung mit erzwungener Ortsveränderung begann.
Zum Weiterlesen
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Michael Engelbrecht: Eine kurze Geschichte der nordischen Welt: von der Eiszeit bis heute*. Regionalgeschichte im GMEINER-Verlag.
Rudolf Simek: Die Wikinger*. C.H.Beck Wissen.
Anders Winroth: Die Wikinger: Das Zeitalter des Nordens. Übersetzt von Susanne Held.
Bildnachweis
Titel: Rekonstruierte Häuser von Haithabu. Wikimedia Commons, Matthias Süßen. CC BY-SA 4.0.
Abbildung: Ringwall von Haithabu am Haddebyer Noor. Wikimedia Commons, WikiTour. CC BY-SA 3.0.




