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Köln 716 – Karl kämpft um Pippins Erbe

Das neustrische Heer war bereits auf dem Rückweg. König Chilperich II. und sein Hausmeier Raganfrid hatten Köln erreicht und Plektrud zur Herausgabe eines beträchtlichen Schatzes gezwungen. Nun zogen ihre Kämpfer wieder nach Westen.

Noch ehe sie Neustrien erreichten, stellte sich ihnen Karl entgegen, ein Sohn Pippins des Mittleren. Kurze Zeit zuvor hatte Plektrud ihn gefangen gehalten. Pippins Nachfolge war ohne ihn geregelt worden. Nun führte Karl eigene Anhänger gegen die Männer, die eben noch bis Köln vorgedrungen waren.

Karl musste sich gegen Plektrud, die Neustrier und den friesischen Herrscher Radbod behaupten. Zugleich brauchte er einen merowingischen König, der seine Stellung als Hausmeier anerkannte.

Der spätere Sieger von Tours und Poitiers begann seine Laufbahn als Gefangener innerhalb der eigenen Familie.

Pippins Nachfolge zerbricht

Pippin der Mittlere hatte nach seinem Sieg bei Tertry mehr als ein Vierteljahrhundert lang die Politik des Frankenreichs bestimmt. Seine Macht beruhte auf seiner austrasischen Herkunft, dem Zugang zum merowingischen König und den Verbindungen seiner Familie. Doch als er im Dezember 714 starb, lebte keiner seiner beiden Söhne aus der Ehe mit Plektrud mehr.

Drogo war bereits 708 gestorben. Grimoald, der in Neustrien als Hausmeier gewirkt hatte, wurde 714 in Lüttich ermordet. Damit fehlte kurz vor Pippins Tod ein erwachsener Sohn, der seine Aufgaben unmittelbar übernehmen konnte.

Pippin setzte schließlich auf die nächste Generation. Grimoalds Sohn Theudoald sollte Hausmeier werden, obwohl er wahrscheinlich noch ein Kind war. Ein weiterer Enkel, Arnulf, erhielt eine führende Stellung in Austrasien. Plektrud wollte für beide die politische und materielle Grundlage der Familie bewahren.

Dazu war sie durchaus in der Lage. Sie stammte aus einer einflussreichen Familie des Eifel-Mosel-Raums und verfügte über eigenen Besitz. In Pippins Urkunden war sie regelmäßig an seiner Seite aufgetreten. Die Verbindungen ihrer Familie hatten wesentlich zu seinem Aufstieg beigetragen.

Nach seinem Tod handelte Plektrud wie die führende Vertreterin des Hauses. Sie nahm ihren Sitz in Köln, behielt den Zugriff auf Pippins Schätze und versuchte, im Namen ihrer Enkel die Herrschaft weiterzuführen. Ihr Vorgehen war mehr als der verzweifelte Versuch einer Witwe, die Macht festzuhalten. Dahinter stand ein nachvollziehbarer Plan: Pippins Stellung sollte innerhalb der Nachkommenschaft aus seiner Ehe mit Plektrud bleiben.

Karl war in diesem Plan nicht vorgesehen.

Der ausgeschlossene Sohn

Karl Martell, 16 Jhdt.

Karl war um 688 oder 689 geboren worden. Seine Mutter Alpaida gehörte wahrscheinlich ebenfalls einer angesehenen Familie an. Über die genaue Stellung ihrer Verbindung mit Pippin geben die Quellen keine verlässliche Auskunft. Karl wird deshalb häufig als „unehelicher Sohn“ bezeichnet. Diese Formulierung folgt späteren Vorstellungen von Ehe und Erbrecht und erfasst seine Stellung nur unvollkommen.

Entscheidend war, dass Pippin Karl bei seiner Nachfolgeregelung überging. Plektrud musste trotzdem mit seinem Widerstand rechnen. Karl war erwachsen, besaß offenbar eigene Anhänger und konnte als Sohn Pippins Ansprüche auf Teile des Familienbesitzes oder das Hausmeieramt erheben.

Plektrud ließ ihn deshalb nach Pippins Tod festsetzen. Wo Karl gefangen gehalten wurde und wie ihm die Flucht gelang, ist unbekannt. Die erzählenden Quellen berichten lediglich, dass er sich befreien konnte.

Diese Berichte entstanden aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Besonders die späteren, der Familie Karls nahestehenden Texte schildern Plektrud als grausame und verschlagene Gegnerin. Andere Quellen bezeichnen sie dagegen als klug und hoch angesehen. Sicher ist nur, dass beide um dieselben Machtmittel kämpften: um Besitz, Gefolgsleute und den Zugriff auf die Ämter, die Pippins Familie beherrscht hatte.

Während Plektrud Karl festhalten ließ, brach ihre Stellung im Westen zusammen.

Die Neustrier schlagen zurück

Pippins Herrschaft über Neustrien war nach Tertry durch einheimische Adelige und Angehörige seiner Familie abgesichert worden. Viele Neustrier hatten seine Vorherrschaft jedoch nur widerwillig hingenommen. Der Tod des Hausmeiers bot ihnen die Gelegenheit, sich aus der austrasischen Abhängigkeit zu lösen.

Am 26. September 715 trafen ihre Kämpfer im Wald von Compiègne auf Theudoald und dessen Anhänger. Plektruds junger Enkel erlitt eine schwere Niederlage und konnte nur knapp entkommen. Danach verschwindet er weitgehend aus den Quellen; sein weiteres Schicksal bleibt ungewiss.

Die Sieger erhoben Raganfrid zu ihrem Hausmeier. Nach dem Tod Dagoberts III. unterstützten sie mit Chilperich II. einen neuen merowingischen König. Damit besaßen die Neustrier sowohl einen König als auch einen eigenen militärischen Anführer.

Chilperich war in diesem Konflikt eine zentrale Figur. Seine merowingische Herkunft verlieh dem Aufstand eine Legitimation, die ein Hausmeier allein schwer beanspruchen konnte. Urkunden wurden in seinem Namen ausgestellt, und seine Anwesenheit band Adelige an die neustrische Sache.

Nach Karls Flucht standen drei fränkische Machtgruppen gegeneinander: Plektrud verteidigte in Köln die Ansprüche ihrer Enkel, Chilperich und Raganfrid beherrschten Neustrien, und Karl sammelte unter den Austrasiern eine eigene Gefolgschaft.

Zugleich griffen Sachsen fränkische Gebiete am Rhein an. Der friesische Herrscher Radbod nutzte die Krise ebenfalls. Pippins Tod hatte an mehreren Grenzen Kräfte freigesetzt, die er zuvor militärisch oder durch Bündnisse zurückgedrängt hatte.

Karls Niederlage vor Köln

Nach seiner Flucht fand Karl Unterstützer unter den Austrasiern. Wer diese Männer waren und weshalb sie sich gerade ihm anschlossen, verraten die Quellen kaum. Wahrscheinlich zählten persönliche Bindungen an Pippin, die Aussicht auf Belohnungen und die Ablehnung von Plektruds Herrschaft zu den wichtigsten Gründen.

Karl musste sich zunächst gegen Radbod wenden. Im Jahr 716 rückten die Friesen in Richtung Köln vor. Bei einem ersten Zusammenstoß erlitt Karl eine Niederlage. Für einen Mann, der später fast ausschließlich als siegreicher Feldherr erinnert wurde, begann der Aufstieg mit einem militärischen Fehlschlag.

Nach Karls Niederlage zogen Chilperich und Raganfrid aus Neustrien bis nach Köln. Dort hielt Plektrud den verbliebenen Schatz Pippins. Karl und Plektrud blieben Rivalen; Plektrud musste ihre Kölner Stellung daher mit ihren eigenen Anhängern verteidigen.

Gleichzeitig marschierten Chilperich und Raganfrid aus Neustrien heran. Plektrud saß mit Pippins verbliebenem Schatz in Köln, während ihre Gegner aus mehreren Richtungen auf die Stadt vorrückten.

Die Neustrier zwangen Plektrud, einen beträchtlichen Teil ihrer Schätze herauszugeben. Möglicherweise befanden sich darunter auch Bestände, die ursprünglich zum merowingischen Königsschatz gehört hatten. Eine sichere Trennung zwischen königlichem Besitz, Pippins Vermögen und Plektruds Eigentum ist kaum möglich.

Der Verlust traf Plektrud empfindlich. Mit einem solchen Schatz ließen sich Kämpfer belohnen, Gefolgsleute gewinnen und politische Beziehungen pflegen. Wer darüber verfügte, konnte Unterstützung in greifbare Vorteile verwandeln.

Doch auch für Chilperich und Raganfrid war der Zug nach Köln noch kein endgültiger Sieg.

Der Angriff bei Amel

Auf ihrem Rückweg wurden die Neustrier von Karl angegriffen. Die Schlacht wird gewöhnlich bei Amel verortet. Über ihren genauen Verlauf berichten die Quellen nur knapp. Spätere Darstellungen schreiben Karl einen überraschenden Angriff und geschickte Täuschungsmanöver zu, doch die Einzelheiten lassen sich nicht zuverlässig überprüfen.

Der Ausgang steht fest: Karl besiegte das neustrische Heer.

Damit hatte er bewiesen, dass er trotz seiner vorherigen Niederlage eine schlagkräftige Gefolgschaft zusammenstellen konnte. Der Erfolg brachte ihm Beute und stärkte seine Stellung unter den Austrasiern. Männer, die zuvor gezögert hatten, konnten nun erwarten, dass Karl eine reale Aussicht auf den Sieg besaß.

Die Gegner blieben jedoch handlungsfähig. Chilperich und Raganfrid beherrschten weiterhin Neustrien. Plektrud saß noch immer in Köln. Karl verfügte weder über das gesamte Familienvermögen noch über eine allgemein anerkannte Stellung als Hausmeier.

Die nächste Entscheidung fiel im Frühjahr des darauffolgenden Jahres.

Der Sieg bei Vincy

Am 21. März 717 trafen Karls Anhänger bei Vincy in der Nähe von Cambrai erneut auf das Heer Chilperichs und Raganfrids. Diesmal errang Karl einen deutlichen Sieg. Die Neustrier zogen sich in Richtung Paris zurück.

Plektrud, romanische Grabplatte (um 1160)

Karl folgte ihnen zunächst, wandte sich dann aber wieder nach Osten. Bevor er dauerhaft über Neustrien herrschen konnte, musste er seinen Rückhalt in Austrasien sichern. Solange Plektrud Köln und den verbliebenen Schatz kontrollierte, war seine Stellung innerhalb der eigenen Familie ungeklärt.

Nach dem Sieg bei Vincy zog Karl gegen Köln. Plektrud musste ihm die restlichen Schätze Pippins aushändigen und seinen Herrschaftsanspruch anerkennen. Danach verschwindet sie fast vollständig aus den politischen Berichten. Sie blieb wahrscheinlich in Köln.

Mit Plektruds Anerkennung und dem verbliebenen Schatz gewann Karl einen wesentlichen Teil der materiellen Grundlage, auf der Pippins Herrschaft beruht hatte. Er konnte nun Gefolgsleute entlohnen und seine Stellung als führender Mann Austrasiens festigen.

Das Erbe, das Pippin ihm nicht übertragen hatte, war in Karls Hand gelangt.

Zwei Könige im Frankenreich

Der Besitz des Schatzes und mehrere militärische Siege machten Karl noch nicht zum rechtmäßigen Hausmeier des gesamten Reichs. Chilperich II. blieb König und stand weiterhin auf der Seite Raganfrids. Karl brauchte deshalb einen eigenen Merowinger.

Spätestens zu Beginn des Jahres 718 ließ er Chlothar IV. zum König in Austrasien erheben. Über dessen Herkunft wissen wir fast nichts. Seine Zugehörigkeit zur merowingischen Familie scheint jedoch anerkannt worden zu sein. Chlothar konnte Karl förmlich als Hausmeier einsetzen und seinen Entscheidungen königliches Gewicht verleihen.

Damit standen sich zwei merowingische Könige gegenüber. Chilperich stützte Raganfrid in Neustrien, Chlothar bestätigte Karls Stellung in Austrasien. Der Kampf zwischen den Hausmeiern wurde mit Hilfe derselben Dynastie ausgetragen.

Gerade darin zeigt sich, wie wichtig das Königtum weiterhin war. Karl beseitigte die Merowinger nicht. Er nutzte ihren Anspruch auf den Thron, um seine eigene Herrschaft abzusichern.

Die Entscheidung bei Soissons

Chilperich und Raganfrid suchten nach der Niederlage von Vincy einen neuen Verbündeten. Sie fanden ihn in Eudo, dem Herzog von Aquitanien. Eudo beherrschte den Südwesten Galliens weitgehend selbstständig und hatte wenig Interesse an einem übermächtigen Hausmeier im Norden.

Im Jahr 718 oder 719 kam es bei Soissons zur nächsten großen Schlacht. Die genaue Datierung ist umstritten. Karl siegte erneut. Eudo zog sich mit Chilperich nach Süden zurück, während Raganfrid seine Machtbasis in Neustrien verlor.

Karl konnte seinen Erfolg dennoch nicht allein durch weitere Kämpfe vollenden. Eudo blieb in Aquitanien stark, und Chilperich besaß weiterhin den Königstitel. Schließlich kam es zu einer Verständigung: Eudo lieferte Chilperich samt dessen Schatz aus und bewahrte im Gegenzug seine Stellung in Aquitanien.

Nachdem Chlothar IV. um 719 gestorben war, erkannte Karl Chilperich als König an. Der bisherige Gegner wurde nun zum Herrscher, in dessen Namen Karl als Hausmeier handeln konnte. Diese Entscheidung ersparte ihm die Suche nach einem weiteren merowingischen Kandidaten und erleichterte die Anerkennung seiner Macht in Neustrien.

Raganfrid zog sich in das Gebiet von Angers zurück. Dort konnte er sich noch jahrelang halten, ohne Karls führende Stellung ernsthaft zu gefährden. Vollständig endeten die Kämpfe erst später.

Ein Erbe wird neu geschaffen

Als Chilperich II. 721 starb, ließ Karl Theuderich IV., einen weiteren Merowinger, zum König erheben. Karl selbst blieb Hausmeier. Seine Macht reichte inzwischen über Austrasien hinaus, beruhte aber weiterhin auf militärischem Erfolg, dem Besitz seiner Familie und der Unterstützung regionaler Großer.

Auch innerhalb der Familie waren noch Rivalen vorhanden. Zwei Söhne seines verstorbenen Halbbruders Drogo konnten eigene Ansprüche erheben. Karl ließ sie 723 gefangen setzen. Erst damit war der Nachfolgekampf, der nach Pippins Tod begonnen hatte, weitgehend beendet.

Der Sieger trug zu dieser Zeit noch keinen Beinamen. „Martell“, der Hammer, wurde ihm erst von späteren Generationen zugeschrieben. Auch die Bezeichnung seiner Familie als Karolinger setzte sich wesentlich später durch. Für seine Zeitgenossen war er schlicht Karl, der Sohn Pippins und Hausmeier der merowingischen Könige.

Karl musste sich seinen Aufstieg gegen mehrere Rivalen erkämpfen und konnte dabei auf kein gesichertes Erbe bauen. Pippin hatte ihn übergangen, Plektrud hatte ihn einsperren lassen, und sein erster Feldzug gegen die Friesen war gescheitert. Karl setzte sich durch, weil er nach jeder Niederlage neue Anhänger sammeln und seine militärischen Erfolge in dauerhaften politischen Rückhalt verwandeln konnte.

Erst nachdem er den Kampf um Pippins Hinterlassenschaft gewonnen hatte, konnte er sich den Gegnern an den Grenzen des Frankenreichs zuwenden. Der Mann, der 732 bei Tours und Poitiers kämpfen sollte, hatte seine entscheidende Bewährungsprobe bereits zwischen Köln, Vincy und Soissons bestanden.


Stammtafel der Karolinger

Zum Weiterlesen

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Jussen, B. (2024): Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur.*

Rudolf Schieffer (2024): Die Karolinger.*

Karl Ubl (2024): Die Karolinger: Herrscher und Reich.*

Scholz, S. (2015): Die Merowinger.*

Bildnachweis

Titel: Schlacht zwischen Chilperich und Karl Martell, Grandes Chroniques de France, 14. Jhdt.

Grabplatte Plektruds: Wikimedia Commons, HOWA. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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