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Ludwig Erhard und der westdeutsche Wiederaufbau

Am 12. November 1948 legen in der britischen und amerikanischen Besatzungszone rund neun Millionen Beschäftigte die Arbeit nieder. Die Gewerkschaften haben zu einer vierundzwanzigstündigen Arbeitsruhe aufgerufen. Ihr Protest richtet sich gegen steigende Preise und gegen eine Wirtschaftspolitik, die nach ihrer Auffassung die Lasten des Neubeginns ungleich verteilt.

Knapp fünf Monate zuvor war die D-Mark eingeführt worden. Seither gibt es wieder mehr Waren in den Geschäften. Doch viele Menschen können sich davon wenig leisten. Die Preise sind den Löhnen davongelaufen. Wer vor einem gefüllten Schaufenster steht, erlebt deshalb nicht zwangsläufig einen persönlichen Aufschwung.

Für den neuen Kurs steht Ludwig Erhard, der Direktor der Verwaltung für Wirtschaft in der britisch-amerikanischen Bizone. Später wird sein Name eng mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder verbunden sein. Im Herbst 1948 muss er jedoch um seine Stellung kämpfen. Ob seine Politik den Menschen zu einem besseren Leben verhilft, ist heftig umstritten.

Geld allein bringt die Wirtschaft kaum in Gang

Die Schwierigkeiten, die Erhard überwinden wollte, hatten sich über Jahre aufgebaut. Während des Krieges war immer mehr Geld in Umlauf gekommen, während Güter für den privaten Verbrauch knapper wurden. Staatliche Vorschriften hielten Preise fest und teilten Waren zu. Nach Kriegsende setzten die Besatzungsmächte diese Bewirtschaftung in weiten Bereichen fort.

Eine Lebensmittelkarte berechtigte zum Kauf bestimmter Rationen. Ob diese tatsächlich verfügbar waren, hing von Ernten und Lieferungen ab. Die Reichsmark hatte dagegen viel von ihrem Wert als Zahlungsmittel verloren. Für begehrte Waren verlangten Verkäufer häufig etwas, das sie selbst gebrauchen konnten. Auf dem Schwarzmarkt wurden Lebensmittel gegen Zigaretten oder andere Sachwerte getauscht.

Eine neue Währung sollte wieder Vertrauen in das Geld schaffen. Die Westmächte bereiteten die Reform vor und führten die D-Mark am 20. Juni 1948 in ihren drei Besatzungszonen ein. Deutsche Fachleute hatten an den Vorarbeiten mitgewirkt; die Entscheidung lag bei den Militärregierungen.

Erhard setzte auf einen weiteren Schritt. Er wollte die Vorschriften abbauen, die bestimmten, wer welche Güter erhalten durfte und zu welchen Preisen sie verkauft werden mussten. Unternehmen sollten wieder einen Grund haben, mehr herzustellen und ihre Waren im regulären Handel anzubieten. Das neue Geld und die Freigabe vieler Preise sollten gemeinsam wirken.

Erhard nutzt die Vollmachten des Wirtschaftsrats

Im März 1948 hatte der Wirtschaftsrat der Bizone Erhard zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft gewählt. Der Rat bestand aus Abgeordneten, die von den Landtagen entsandt worden waren. Er konnte für das gemeinsame Wirtschaftsgebiet der britischen und amerikanischen Zone Gesetze beschließen. Die Besatzungsmächte behielten die letzte Entscheidungsgewalt.

Im Juni verabschiedete der Wirtschaftsrat Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform. Sie gaben Erhard die Grundlage, zahlreiche Beschränkungen aufzuheben. Die Freigabe sollte grundsätzlich Vorrang vor der Fortsetzung staatlicher Zuteilung und Preisfestsetzung haben.

Erhard nutzte diese Vollmachten entschlossen. Im Zusammenhang mit der Währungsreform wurden viele gewerbliche Waren aus der Bewirtschaftung entlassen und ihre Preise freigegeben. Der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay stützte den Kurs. Diese Unterstützung war entscheidend, denn eine deutsche Wirtschaftsverwaltung konnte unter Besatzungsherrschaft nur innerhalb des von den Alliierten zugelassenen Spielraums handeln.

Die Öffnung hatte klare Grenzen. Grundnahrungsmittel blieben zunächst rationiert, für sie und für Mieten galten weiterhin feste Preise. Auch wichtige industrielle Güter wie Kohle und Stahl unterlagen besonderen Vorschriften. Die Unternehmen mussten ihre Produktion deshalb noch lange mit staatlich geregelten Lieferungen und Preisen vereinbaren.

In den Geschäften wurde der Wandel rasch sichtbar. Händler boten Vorräte an, die sie zuvor zurückgehalten hatten. Mit der D-Mark konnten sie selbst wieder Waren einkaufen; der Verkauf gegen Geld wurde lohnender. Auch Hersteller und Bauern hatten stärkere Anreize, ihre Erzeugnisse über die gewöhnlichen Handelswege abzusetzen.

Die plötzlich reicheren Auslagen zeigten zunächst vor allem, dass vorhandene Waren wieder verkauft wurden. Zusätzliche Produktion brauchte länger. Dafür mussten Rohstoffe eintreffen, Maschinen arbeiten und Lieferungen ihr Ziel erreichen.

Frankfurter Börse: Erster Tagungsort des Wirtschaftsrats der Bizone

Die Preise steigen, die Zustimmung sinkt

Die Freigabe traf auf einen großen Nachholbedarf. Kleidung war verschlissen, Wohnungen waren zerstört, viele Familien hatten Hausrat verloren. Wer etwas kaufen konnte, wollte lange aufgeschobene Anschaffungen endlich erledigen. Die Nachfrage stieg, während das Angebot noch begrenzt war. Zahlreiche Preise gingen nach oben.

Für Menschen, die von ihrem Lohn lebten, wurde der neue Kurs dadurch zur Belastungsprobe. Ihre Einkommen hielten mit der Teuerung zunächst kaum Schritt. Eigentümer von Betrieben und Sachwerten hatten bessere Ausgangsbedingungen als Menschen, deren Ersparnisse durch die Währungsreform weitgehend entwertet worden waren. Die Reform schuf sehr unterschiedliche Chancen, am Wiederaufbau teilzunehmen.

Erhard erwartete, dass steigende Produktion und Wettbewerb die Preise wieder unter Druck setzen würden. Wenn mehrere Unternehmen dieselben Kunden gewinnen wollten, mussten sie günstiger anbieten oder bessere Waren liefern. Dafür nahm er die Schwierigkeiten des Übergangs in Kauf.

Die SPD und die Gewerkschaften hielten dagegen, dass die Bevölkerung diesen Übergang bezahlen müsse. Ihre Kritik richtete sich besonders gegen die Geschwindigkeit der Freigabe und die Verteilung ihrer Folgen. Sie verlangten eine stärkere Lenkung der Wirtschaft und mehr Einfluss der Arbeitnehmer. Die Gewerkschaften forderten unter anderem Preiskontrollen und eine gezielte Versorgung mit Rohstoffen und Energie.

Im August und im November 1948 beantragte die SPD im Wirtschaftsrat Erhards Abberufung. Beide Anträge scheiterten. Auch innerhalb des bürgerlichen Lagers war seine Politik umstritten. Der Generalstreik vom 12. November machte sichtbar, wie viele Menschen die Aussicht auf mehr Waren mit der Sorge vor unerschwinglichen Preisen verbanden.

Was an der Marktwirtschaft sozial sein soll

Der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ versprach, wirtschaftliche Freiheit mit sozialer Sicherheit zu verbinden. Geprägt hatte ihn der Wirtschaftswissenschaftler Alfred Müller-Armack. Erhard machte das Konzept zu seinem politischen Programm. Im Juli 1949 bekannte sich die CDU in ihren Düsseldorfer Leitsätzen zu diesem Kurs.

Unternehmen sollten selbst entscheiden, was sie produzierten. Die Käufer sollten durch ihre Nachfrage beeinflussen, welche Angebote Erfolg hatten. Gewinne sollten zu Investitionen anregen. Wer neue Maschinen anschaffte oder seine Produktion verbesserte, konnte mehr herstellen und zusätzliche Beschäftigte einstellen.

Der Staat sollte dafür verbindliche Regeln schaffen. Besonders wichtig war der Schutz des Wettbewerbs. Wenn Unternehmen Preise untereinander absprachen oder mächtige Anbieter Konkurrenten verdrängten, konnten Käufer ihre Interessen nur eingeschränkt durchsetzen. Eine Kartellvereinbarung, mit der mehrere Firmen den Preis festlegten, widersprach deshalb dem Anspruch, dass Wettbewerb günstige Angebote hervorbringen sollte.

Daneben mussten Menschen abgesichert werden, die ihren Lebensunterhalt zeitweise oder dauerhaft kaum selbst verdienen konnten. Die bestehenden Sozialversicherungen blieben dafür wichtig. Auch die Unterstützung von Kriegsopfern und der Ausgleich für Menschen, die ihren Besitz verloren hatten, gehörten zu den Aufgaben des neuen Staates.

Erhard setzte dabei besonders auf die soziale Wirkung des Wachstums. Steigende Produktion sollte Waren erschwinglicher machen und Arbeitsplätze schaffen. Mit einem ausreichenden eigenen Einkommen sollten möglichst viele Menschen selbst über ihr Leben entscheiden können. Einen weit ausgebauten Versorgungsstaat lehnte er dagegen ab.

Wie viel staatliche Hilfe nötig war und wie stark der Staat in die Wirtschaft eingreifen sollte, blieb umstritten. Wohnungsbau und Lastenausgleich erhielten eigene gesetzliche Grundlagen. Die konkrete Ausgestaltung der Sozialen Marktwirtschaft entstand aus politischen Auseinandersetzungen und Kompromissen.

Der Wirtschaftsminister hat zwei Millionen Arbeitslose

Im September 1949 wurde Erhard Wirtschaftsminister in Konrad Adenauers erster Bundesregierung. Sein Kurs war damit zur Leitlinie der Regierung geworden. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Anfangszeit bestanden jedoch fort.

Nach dem ersten Schub der Währungsreform verlangsamte sich die Entwicklung. Die Zahl der Arbeitslosen stieg. Im Februar 1950 waren rund zwei Millionen Menschen ohne Arbeit. Gerade für Flüchtlinge und Vertriebene war es schwer, an den Orten ihrer Unterbringung eine passende Beschäftigung zu finden. Wo Arbeitskräfte lebten, gab es oft zu wenige Betriebe; wo Betriebe Personal brauchten, fehlten Wohnungen.

Die Bundesregierung geriet unter Druck. Auch die westlichen Besatzungsmächte verlangten Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit. Erhard stimmte Arbeitsbeschaffungsprogrammen nur zögernd zu. Er vertraute darauf, dass Unternehmen bei günstigeren Bedingungen investieren und zusätzliche Menschen beschäftigen würden.

Zugleich unterstützte der Staat den Wohnungsbau. Das half Familien, die in überfüllten Räumen oder Behelfsunterkünften lebten. Bauaufträge schufen außerdem Beschäftigung und steigerten die Nachfrage nach Baustoffen. Öffentliche Förderung wirkte damit unmittelbar auf die wirtschaftliche Entwicklung ein.

Der Koreakrieg bringt Aufträge und Engpässe

Am 25. Juni 1950 begann der Koreakrieg. Seine wirtschaftlichen Folgen reichten bis in die Bundesrepublik. In den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Ländern wurden Rüstungsanstrengungen verstärkt. Die Nachfrage nach Rohstoffen und industriellen Erzeugnissen nahm weltweit zu.

Westdeutsche Unternehmen konnten zusätzliche Aufträge übernehmen. Sie verfügten über industrielle Erfahrung und Produktionsmöglichkeiten, die noch nicht vollständig ausgelastet waren. Für ausländische Käufer wurden deutsche Maschinen und andere Fertigwaren wieder interessant. Der Export gab dem Aufschwung einen kräftigen Anstoß.

Doch die höhere Nachfrage verteuerte auch die Rohstoffe, die deutsche Betriebe selbst brauchten. Kohle, Stahl und elektrischer Strom wurden zu Engpässen. Wenn Kraftwerke zu wenig lieferten oder Stahl fehlte, konnten andere Unternehmen ihre Produktion kaum im gewünschten Tempo erhöhen. Für Einfuhren wurden außerdem Devisen benötigt, die zunächst nur begrenzt verfügbar waren.

Im Winter 1950/51 geriet Erhard erneut unter politischen Druck. Forderungen nach Preiskontrollen und einer stärkeren staatlichen Zuteilung wurden laut. Auch Teile der Union zweifelten daran, dass sich die Probleme mit seinem Kurs bewältigen ließen.

Die Lösung erforderte gezielte Investitionen. Kraftwerke, Bergwerke und Stahlbetriebe mussten ihre Leistungsfähigkeit erweitern. Das Investitionshilfegesetz von 1952 verpflichtete andere Bereiche der gewerblichen Wirtschaft, Mittel für diese Grundstoffindustrien aufzubringen. Wirtschaftliche Verbände waren an der Vorbereitung beteiligt. So floss Kapital dorthin, wo Engpässe den Aufschwung vieler weiterer Betriebe bremsten.

Damit beruhte die Bewältigung der Krise auch auf gemeinsam organisierten Hilfen und staatlichen Entscheidungen. Besonders in Bereichen mit geregelten Preisen konnten Unternehmen die nötigen Investitionen schwer aus eigener Kraft finanzieren.

Der Wiederaufbau hat viele Voraussetzungen

Die wirtschaftliche Erholung konnte auf Fähigkeiten und Anlagen zurückgreifen, die den Krieg überstanden hatten. Trotz schwerer Zerstörungen waren zahlreiche Maschinen und Fabriken erhalten geblieben. Facharbeiter verfügten über berufliche Kenntnisse. Unternehmen konnten wieder mehr herstellen, sobald Transport und Versorgung funktionierten.

Bereits vor der Währungsreform hatte die Produktion in der Bizone begonnen, sich zu erholen. Reparierte Bahnstrecken und Brücken erleichterten Lieferungen. Mehr Kohle half den Betrieben, ihre Anlagen zu betreiben. Die Reform von 1948 beschleunigte diesen Prozess und veränderte die Bedingungen, unter denen gearbeitet und verkauft wurde.

Hinzu kam die amerikanische Hilfe. Der Marshallplan ermöglichte Einfuhren, für die sonst Dollar gefehlt hätten. Aus den Zahlungen der deutschen Empfänger für diese Lieferungen entstanden D-Mark-Mittel, die wiederum für Investitionskredite verwendet wurden. Davon profitierten unter anderem die Energieversorgung und die Industrie.

Die allmähliche Öffnung des internationalen Handels verschaffte westdeutschen Unternehmen neue Absatzmöglichkeiten. Gleichzeitig begünstigten steuerliche Regeln, dass Firmen Gewinne im Betrieb behielten und für neue Anlagen verwendeten. Der Wiederaufbau wurde durch das Zusammenwirken dieser Bedingungen getragen.

Auch Flüchtlinge und Vertriebene trugen zur Ausweitung der Produktion bei. Viele mussten zunächst Tätigkeiten annehmen, die unter ihrer früheren beruflichen Stellung lagen. Ihre Arbeitskraft und ihre Kenntnisse halfen der Wirtschaft zu wachsen, während sie selbst einen Platz in der westdeutschen Gesellschaft suchten.

Der Aufschwung festigt Erhards Stellung

Seit 1952 entspannte sich die Versorgung mit Energie, und die Preise beruhigten sich. Die Wirtschaft trat in eine neue Wachstumsphase ein. Unternehmen investierten, der Außenhandel expandierte und die Arbeitslosigkeit ging zurück. Steigende Löhne ließen nun auch mehr Beschäftigte am Aufschwung teilhaben.

Erhard wurde zum bekanntesten Vertreter dieser Entwicklung. Seine Beharrlichkeit in den Krisen von 1948 und 1950/51 ließ sich nun als Vertrauen in einen erfolgreichen Kurs darstellen. Für die Union war die Soziale Marktwirtschaft ein wichtiges Argument bei Wahlen. Das bessere Auskommen vieler Familien stärkte zugleich die Zustimmung zur jungen Bundesrepublik.

Der Anspruch auf freien Wettbewerb musste dennoch politisch durchgesetzt werden. 1952 legte die Bundesregierung den Entwurf eines Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen vor. Unternehmerische Interessen machten die Beratungen schwierig. Gerade Firmen, die Erhards Marktpolitik unterstützten, wollten auf eingespielte Absprachen häufig weiterhin zurückgreifen.

Für die Beschäftigten hatte das Wachstum einen sehr konkreten Preis. 1955 wurde in der Industrie durchschnittlich etwa 49 Stunden an sechs Wochentagen gearbeitet. Das höhere Einkommen entstand auch durch lange Arbeitstage und Überstunden. Mehr Waren kaufen zu können und mehr freie Zeit zu haben, waren zwei verschiedene Fortschritte.


Ludwig-Erhard-Platz in Bonn

Zum Weiterlesen

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Benz, W. (1984): Die Gründung der Bundesrepublik. Von der Bizone zum souveränen Staat.*

Kleßmann, C. (1991): Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955.*

Bildnachweis

Titel: Plakat des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum Streik am 12. November 1948.

Ludwig-Erhard-Platz: Wikimedia Commons, Axel Kirch. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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