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Wladimir wird Christ – Die Taufe der Rus 988

Perun

Wladimir ließ die Götterbilder zerstören.

Perun, dessen hölzerne Statue Wladimir noch selbst wenige Jahre zuvor auf einem Hügel in Kiew hatte aufstellen lassen, wurde an ein Pferd gebunden, geschlagen und zum Dnjepr geschleift. Anschließend befahl der Fürst den Einwohnern Kiews, zum Fluss zu kommen und sich taufen zu lassen.

So erzählt die Nestorchronik die Christianisierung der Rus. Sie setzt das Ereignis in das Jahr 988.

Der Wechsel zum Christentum ist sicher. Wie Wladimir zu seiner Entscheidung kam, ist erheblich komplizierter.

Die Suche nach der richtigen Religion

Die Chronik macht aus Wladimirs Entscheidung einen regelrechten Wettbewerb der Religionen. Vertreter der muslimischen Wolgabulgaren erscheinen in Kiew, danach westliche Christen, Juden und schließlich ein griechischer Geistlicher.

Wladimir schickt eigene Gesandte aus. Besonders beeindruckt kehren jene zurück, die in Konstantinopel einen Gottesdienst erlebt haben. Sie berichten von einer solchen Pracht, dass sie nicht mehr gewusst hätten, ob sie sich im Himmel oder auf der Erde befänden.

Die Erzählung ist zu kunstvoll, um sie als Protokoll einer realen Religionsprüfung zu lesen. Aber zumindest ist es sehr wahrscheinlich, dass Wladimir in den neunhundertachtziger Jahren tatsächlich Kontakte zu mehreren Religionsgemeinschaften auslotete. In Kiew selbst lebten vermutlich bereits Christen, Juden und Muslime. Der Fürst kannte deren Glauben daher wohl schon durch die Händler und Bewohner seiner eigenen Hauptstadt.

Den Ausschlag für das byzantinische Christentum gab wahrscheinlich weniger ein beeindruckender Gottesdienst als eine politische Krise in Konstantinopel.

Ein Kaiser braucht Soldaten

Kaiser Basileios II. geriet 987 in ernste Schwierigkeiten. Der Feldherr Bardas Phokas rebellierte und kontrollierte große Teile Kleinasiens. Basileios benötigte Truppen.

Wladimir konnte sie liefern.

Die Quellen lassen erkennen, dass er dem Kaiser mehrere Tausend Krieger zur Verfügung stellte. Im Gegenzug sollte Wladimir die Kaiserschwester Anna heiraten. Eine solche Verbindung war außergewöhnlich: Byzantinische Prinzessinnen wurden nur selten mit auswärtigen Herrschern verheiratet. Für den Fürsten von Kiew bedeutete die Ehe einen erheblichen Prestigegewinn. Zu den Bedingungen gehörte seine Annahme des Christentums.

Die Krieger aus der Rus halfen Basileios, den Aufstand niederzuschlagen. Was anschließend geschah, lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren.

Chersones

Sicher ist, dass Wladimir die byzantinische Stadt Chersones auf der Krim einnahm und Anna heiratete. Unklar bleibt die Reihenfolge der Ereignisse.

Die Nestorchronik lässt Wladimir zunächst Chersones erobern. Danach verlangt er Anna zur Frau und erklärt sich zur Taufe bereit. Andere Rekonstruktionen gehen davon aus, dass die Vereinbarung mit Basileios schon vorher geschlossen worden war und Wladimir Chersones angriff, weil die Byzantiner die versprochene Heirat verzögerten. Selbst der Ort seiner Taufe war bereits um 1100 umstritten: Die Chronik erwähnt ausdrücklich verschiedene Überlieferungen und entscheidet sich selbst für Chersones.

Das traditionelle Jahr 988 bezeichnet deshalb eher den entscheidenden Zeitraum der Christianisierung als ein genaues Datum, an dem sich alle Ereignisse sicher festmachen lassen. Chersones wurde wahrscheinlich 989 erobert.

Wladimir kehrte schließlich mit Anna nach Kiew zurück. Dort begann er mit der Taufe der Bevölkerung.

Damit wurde die Rus Teil der christlichen Welt, deren mächtigstes Zentrum im Osten Konstantinopel war. Bis das Christentum auch im Alltag der Menschen verankert war, sollte jedoch noch viel Zeit vergehen. Kirchen mussten gebaut und Geistliche ausgebildet werden; christliche Praktiken mussten sich erst verbreiten.

Diese Aufgabe fiel vor allem der nächsten Generation zu.


„Die Taufe des Fürsten Wladimir“ und „Die Taufe der Rus“ von W. M. Wasnezow., 1890. Entwurf für die Ausmalung der St.-Wladimir-Kathedrale in Kiew (1885–1896)

Zum Weiterlesen

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Franklin, S.; Shepard, J. (1996): The Emergence of Rus 750–1200.* Ausführliche Untersuchung von Wladimirs Herrschaft und der Christianisierung der Rus.

Martin, J. (2007): Medieval Russia, 980–1584.* Überblick über die politischen Hintergründe von Wladimirs Taufe und seiner Verbindung mit Byzanz.

Cross, S. H.; Sherbowitz-Wetzor, O. P. (Hrsg.) (2012): The Russian Primary Chronicle. Laurentian Text.* Edition und englische Übersetzung der wichtigsten erzählenden Quelle zur Taufe Wladimirs.

Bildnachweis

Titel: Massentaufe im Dnepr, Gemälde von Klawdi Lebedew, um 1900.

Perun: Wikimedia Commons, Max presnyakov. CC BY-SA 3.0.

„Die Taufe des Fürsten Wladimir“ und „Die Taufe der Rus“: Wikipedia / Shakko (Sofia Bagdasarova). CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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