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Frankreichs im Sommer 1789 – Der Angriff auf die alten Rechte

Ende Juli 1789 erreichen beunruhigende Nachrichten französische Dörfer. Reisende berichten von bewaffneten Banden. Andere erzählen, Adlige hätten Männer angeworben, um die Bauern für ihren Widerstand gegen alte Abgaben zu bestrafen. Vieles davon ist Gerücht. Doch nach den Ereignissen in Paris erscheint selbst Unwahrscheinliches plötzlich möglich.

In zahlreichen Gemeinden läuten die Glocken. Männer greifen nach Gewehren oder Werkzeugen und stellen Wachen auf. Zunächst wollen sie ihre Dörfer gegen vermeintliche Angreifer verteidigen. Bald richtet sich die Aufmerksamkeit jedoch auf die Herrenhäuser in der Umgebung. Dort liegen Urkunden, in denen Abgaben und Dienste festgehalten sind, die Bauern seit Generationen leisten müssen.

Gerüchte werden zu Aufständen

Die Große Furcht, wie diese Welle später genannt wird, erfasst ab der zweiten Julihälfte verschiedene Regionen Frankreichs. Sie bricht spontan und unkoordiniert an vielen Orten innerhalb weniger Tage aus. Gerüchte wandern von Markt zu Markt und von Dorf zu Dorf. Häufig verändert sich ihr Inhalt unterwegs.

Viele Bauern fürchten, dass Grundherren auf die Revolution in Paris mit Gewalt reagieren könnten. Zugleich bietet die unsichere Lage eine Gelegenheit, alte Forderungen selbst durchzusetzen. Gruppen ziehen zu Schlössern und Herrensitzen. Sie verlangen die Herausgabe der alten Urkunden und verbrennen sie mancherorts. Die Angriffe zielen meist direkt auf die Dokumente ab, seltener auf Personen. Doch es kommt auch zu Plünderungen und Gewalt.

In einigen Gegenden fliehen Adlige aus ihren Häusern. Andere versuchen, mit den Gemeinden zu verhandeln.

Versailles erfährt von der Gewalt

Die Abgeordneten der Nationalversammlung erhalten laufend Nachrichten aus den Provinzen. Für sie entsteht ein akutes Problem. Sie wollen eine Verfassung ausarbeiten und die königliche Macht begrenzen. Gleichzeitig droht auf dem Land eine Entwicklung, die sich ihrer Kontrolle entzieht.

Besonders die Abgeordneten mit Grundbesitz wissen, was die Angriffe bedeuten. Die Bauern stellen nicht nur einzelne Missstände infrage. Sie greifen Rechte an, auf denen Einkünfte und gesellschaftliche Vorrangstellungen beruhen.

In Versailles wächst deshalb der Druck, zu handeln. Eine militärische Niederschlagung wäre nach dem 14. Juli riskant. Zugleich reicht es nicht mehr, die Bauern lediglich zur Ruhe aufzurufen.

Die Nacht des 4. August

Büste von Louis Marie Antoine de Noailles

Am Abend des 4. August 1789 tritt die Nationalversammlung zusammen. Die Sitzung entwickelt eine unerwartete Dynamik. Mehrere adlige Abgeordnete erklären sich bereit, auf traditionelle Vorrechte zu verzichten. Andere schließen sich an.

Der Vicomte de Noailles fordert, persönliche Abhängigkeiten der Bauern zu beseitigen und Abgaben neu zu regeln. Der Herzog von Aiguillon unterstützt den Vorstoß. Bald geraten weitere Privilegien in die Debatte.

Im Verlauf der Nacht beschließt die Versammlung, zahlreiche ständische Vorrechte abzuschaffen. Frondienste und persönliche Abhängigkeiten sollen verschwinden. Auch steuerliche Privilegien geraten unter Druck. Die Abgeordneten leiten damit einen weitreichenden Umbau der französischen Gesellschaft ein.

Doch die Beschlüsse sind komplizierter, als es die nächtliche Begeisterung vermuten lässt. Viele Abgaben bleiben zunächst bestehen. Manche grundherrlichen Ansprüche sollen gegen Entschädigung abgelöst werden. Für Bauern, die diese Zahlungen aufbringen müssten, bleibt deshalb offen, was sich tatsächlich ändert. Faktisch weigern sich viele jedoch schlicht zu zahlen, bis die verbliebenen feudalen Abgaben 1793 entschädigungslos abgeschafft werden.

Vom Aufstand zum Gesetz

Die Bauern schufen vollendete Tatsachen, bevor die Abgeordneten entschieden. Gerade deshalb steht die Nacht des 4. August in direktem Zusammenhang mit den Unruhen auf dem Land.

Die Nationalversammlung versucht, dem Aufstand nachträglich einen gesetzlichen Rahmen zu geben. Sie beseitigt einen Teil jener Vorrechte, gegen die sich die Angriffe richten, und beansprucht zugleich wieder die Führung über die Ereignisse.

Damit verändert sich auch die Revolution selbst. Im Juni hatten Abgeordnete in Versailles darum gestritten, wer Frankreich vertreten dürfe. Im Juli hatten Pariser die Bastille angegriffen. Nun zwingen Bauern in den Provinzen die Nationalversammlung, sich mit den konkreten Rechten der Grundherren zu befassen.

Noch sind diese Rechte nicht vollständig verschwunden. Noch ist offen, wie die Beschlüsse umgesetzt werden. Doch am Morgen nach dem 4. August steht fest, dass die alte Ständegesellschaft nicht einfach fortbestehen kann.

Wenige Wochen später versucht die Nationalversammlung, diesen Bruch in allgemeine Grundsätze zu fassen. Am 26. August verabschiedet sie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.


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Bildnachweis

Titel: Bauernaufstand, August 1789. Kupferstich Philippe Joseph Maillart, zwischen 1795 und 1799.

Alle Bilder gemeinfrei.

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