Im Sommer 1934 ließ Hitler innerhalb weniger Tage zahlreiche Männer erschießen. Unter den Opfern waren führende SA-Leute und frühere Gegner. Trotzdem löste die Mordaktion in großen Teilen der Bevölkerung keinen Bruch mit dem Regime aus. Viele Deutsche sahen Hitler anschließend sogar positiver. Er erschien ihnen als der Mann, der gegen eigenmächtige Parteifunktionäre durchgriff.
Genau darin lag eine wichtige Stütze seiner Herrschaft. Kritik an der NSDAP bedeutete keineswegs automatisch Kritik an Hitler. Zustimmung, Anpassung und Ablehnung konnten im Alltag vieler Deutscher paradoxerweise eng nebeneinander bestehen.
Hitler und die kleinen Machthaber
Nach 1933 begegneten die Menschen der NSDAP nicht nur auf Kundgebungen. Parteifunktionäre saßen in Gemeinden und Betrieben. Sie entschieden über Stellen oder verlangten Teilnahme an Veranstaltungen. Wer mit ihnen in Konflikt geriet, konnte schnell den Eindruck gewinnen, dass sich Männer mit Parteibuch persönliche Vorteile verschafften.
Kershaw beschreibt die wachsende Kluft zwischen Hitlers Ansehen und dem Ruf solcher örtlichen Funktionäre. Beschwerden über die kleinen Machthaber stärkten paradoxerweise häufig den Glauben an den Mann an der Spitze. Wenn Hitler nur wüsste, was unten geschehe, so die verbreitete Vorstellung, würde er eingreifen.
Die Propaganda förderte dieses Bild. Hitler sollte über persönlichen Interessen stehen und allein dem Wohl Deutschlands verpflichtet sein. Er erschien als Schiedsrichter, der korrigieren konnte, was andere verdarben. Misserfolge ließen sich dadurch Untergebenen zuschreiben, Erfolge dagegen Hitler persönlich.
Dieser Mechanismus wirkte besonders stark, solange sich die Lebensbedingungen verbesserten. Die sinkende Erwerbslosigkeit half dem Regime. Außenpolitische Erfolge stärkten Hitlers Ansehen zusätzlich. Auch Menschen, die der NSDAP 1933 skeptisch gegenübergestanden hatten, konnten deshalb einzelne Leistungen anerkennen und sich mit der neuen Herrschaft arrangieren.
Mitmachen aus unterschiedlichen Gründen
Millionen Deutsche traten der Partei oder einer ihrer Gliederungen bei. Andere engagierten sich im Winterhilfswerk oder in örtlichen Vereinen, die inzwischen unter nationalsozialistischer Führung standen. Die tatsächlichen Motive der Menschen waren jedoch sehr unterschiedlich.
Manche unterstützten Hitler begeistert. Andere erhofften sich berufliche Vorteile. Für viele spielte der Alltag eine größere Rolle: Wer seine Stelle behalten wollte oder für seine Kinder keine Schwierigkeiten riskieren wollte, passte sich an Erwartungen an.
Der Zwang war dabei unterschiedlich stark. Ein verweigerter Hitlergruß konnte auffallen. Die Nichtteilnahme an einer Sammlung konnte Fragen auslösen. Wer bei einer öffentlichen Feier fernblieb, musste damit rechnen, dass Nachbarn oder Kollegen darüber sprachen.
Anpassung bedeutete deshalb häufig, nach außen das Erwartete zu tun. Was Menschen privat dachten, konnte davon erheblich abweichen.
Diese Trennung macht es deshalb schwierig, die Zustimmung zum Regime in Zahlen zu fassen. Freie Wahlen gab es nach 1933 nicht mehr. Öffentliche Meinungsumfragen konnten unter einer Diktatur kaum zuverlässig sein. Berichte von Behörden zeigen Unzufriedenheit, erfassten aber gerade das, was als problematisch galt.
Trotz dieser Grenzen ergibt sich ein klares Bild: Hitler besaß über Jahre beträchtliche Zustimmung. Gleichzeitig war die Begeisterung für die Partei wesentlich geringer und schwankte stark.
Die Gestapo hörte nicht alles

Zur Herrschaft gehörte die Angst vor Verfolgung. Wer offen gegen das Regime auftrat, riskierte seine Freiheit. Trotzdem war die Gestapo kein Apparat, der jeden Deutschen ständig überwachen konnte.
Forschungen zu erhaltenen Gestapoakten aus Städten wie Düsseldorf und Würzburg haben gezeigt, wie stark die politische Polizei auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen war. Die Dienststellen verfügten über weit weniger Personal, als das spätere Bild eines allgegenwärtigen Überwachungsapparates vermuten lässt.
Viele Ermittlungen begannen mit einer Anzeige. Menschen meldeten Kollegen oder Bekannte. Hinter solchen Hinweisen konnten nationalsozialistische Überzeugungen stehen. Ebenso konnten persönliche Streitigkeiten eine Rolle spielen.
Damit bekam staatliche Verfolgung eine gesellschaftliche Seite. Die Gestapo musste nicht in jedem Haus einen Spitzel beschäftigen, wenn Bürger selbst Informationen lieferten.
Ihre tatsächliche Macht war dennoch enorm: Wer in ihre Hände geriet, konnte verhört und misshandelt werden. Schutzhaft ermöglichte Haft ohne reguläres Gerichtsverfahren. Die bekannte Brutalität der politischen Polizei wirkte weit über die Zahl ihrer Beamten hinaus.
Viele Menschen disziplinierten sich deshalb selbst. Gespräche wurden vorsichtiger, sobald ein Unbekannter am Tisch saß. Kritik blieb im Familienkreis oder unter vertrauten Kollegen. Die Vorstellung, eine falsche Bemerkung könne weitergetragen werden, genügte oft.
Murren war noch kein Widerstand
Unzufriedenheit gab es während der gesamten NS-Herrschaft. Arbeiter beschwerten sich über Löhne oder steigenden Arbeitsdruck. Gläubige protestierten gegen Eingriffe in kirchliche Angelegenheiten. Andere ärgerten sich über Parteifunktionäre.
Solche Beschwerden waren für das Regime lästig, gefährdeten seine Herrschaft aber meist nicht. Ein Arbeiter konnte über seinen Lohn schimpfen und Hitler weiterhin unterstützen. Ein Katholik konnte die Schließung eines Vereins ablehnen und gleichzeitig den außenpolitischen Kurs begrüßen.
Aus diesem Grund ist Vorsicht mit dem Begriff Widerstand nötig. Der Historiker Kißener verweist auf die lange Forschungsdebatte darüber, welche Handlungen darunter gefasst werden können. Zwischen privater Ablehnung und dem Versuch, Hitler zu stürzen, lag ein weiter Weg.
Ein verweigerter Gruß konnte Mut verlangen. Wer verbotene Flugblätter verteilte, ging deutlich weiter. Die Grenze hing auch davon ab, welches Risiko jemand bewusst auf sich nahm und welches Ziel er verfolgte.
Die alten Arbeiterparteien verschwinden nicht vollständig
Die SPD und die KPD waren 1933 zerschlagen worden. Funktionäre wurden verhaftet oder gingen ins Exil. Dennoch verschwanden ihre früheren Anhänger nicht aus den Städten und Arbeitervierteln.
Kleine Gruppen hielten Kontakte aufrecht. Sie tauschten Nachrichten aus oder verbreiteten illegale Schriften. Sozialdemokratische Exilorganisationen versuchten, Informationen aus Deutschland zu erhalten. Kommunistische Gruppen bauten immer wieder neue Verbindungen auf, nachdem die Gestapo bestehende Netze zerstört hatte.
Diese Arbeit war gefährlich. Illegale Gruppen konnten durch einzelne Festnahmen rasch auffliegen. Die Gestapo konzentrierte ihre Kräfte besonders in den ersten Jahren stark auf Gegner aus der Arbeiterbewegung.
Ein neuer Massenwiderstand entstand daraus nicht. Viele frühere SPD- oder KPD-Wähler zogen sich ins Privatleben zurück. Andere arrangierten sich mit den veränderten Verhältnissen. Die Treue zum alten politischen Umfeld konnte fortbestehen, ohne dass daraus aktive Opposition folgte.
Eingeschränkte Zustimmung
Wer widersprach, widersprach oft nur an einem Punkt.
Dieses Muster der teilweisen Zustimmung zeigte sich nicht nur im Alltag der Arbeiter, sondern auch auf institutioneller Ebene. So stellte sich Martin Niemöller gegen Eingriffe in die evangelische Kirche, hatte Hitlers Regierungsübernahme zunächst jedoch begrüßt. Katholische Geistliche konnten gegen die Einschränkung kirchlicher Arbeit auftreten und zugleich den Antikommunismus des Regimes teilen.
Auch konservative Kritiker wandten sich häufig erst gegen Hitler, als sie konkrete Entscheidungen für gefährlich hielten. Vor allem die Aussicht auf einen großen Krieg ließ seit 1938 einzelne Offiziere und Beamte über einen Sturz des Diktators nachdenken.
Opposition entstand daher selten aus einer vollständigen Ablehnung des Nationalsozialismus von Anfang an. Menschen konnten Teile der Politik unterstützen und an anderer Stelle eine Grenze ziehen.
Diese Grenzen verschoben sich. Was 1933 noch hingenommen wurde, konnte später Ablehnung hervorrufen. Umgekehrt konnte ein Erfolg Hitlers frühere Skeptiker für eine Zeit wieder für das Regime gewinnen.

Eine Gesellschaft unter der Diktatur
Die deutsche Gesellschaft der 1930er Jahre bestand damit weder aus überzeugten Nationalsozialisten noch aus einer eingeschüchterten Bevölkerung, die ausschließlich durch Terror zum Gehorsam gezwungen wurde. Beide Bilder greifen zu kurz.
Das Regime konnte auf echte Zustimmung bauen. Es profitierte zugleich von Menschen, die sich aus persönlichen Gründen anpassten. Wer sich entzog, tat dies häufig nur in einem begrenzten Bereich.
Der Terror blieb dabei stets im Hintergrund verfügbar. Er traf politische Gegner mit voller Härte und erinnerte alle anderen daran, welche Folgen offene Gegnerschaft haben konnte. Gleichzeitig brauchte die Diktatur die Mitarbeit gewöhnlicher Bürger. Anzeigen bei der Gestapo zeigen besonders deutlich, wie staatliche Verfolgung und Verhalten im Alltag ineinandergriffen.
Bis zum Ende der 1930er Jahre hatte Hitler dadurch eine Stellung erreicht, die weit über die überzeugten Nationalsozialisten hinausreichte. Doch diese Unterstützung war an Erwartungen gebunden. Vor allem als seine Außenpolitik Deutschland immer näher an einen Krieg führte, zeigte sich, dass viele Menschen bereit waren, Erfolge zu feiern, einen neuen europäischen Krieg jedoch fürchteten. Diese Spannung sollte bald wesentlich wichtiger werden.
Zum Weiterlesen
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- Ian Kershaw (2009): Hitler 1889–1945 – Standardwerk zur frühen Biographie und zur ideologischen Formierung Hitlers.*
- Volker Ullrich (2013): Hitler. Aufstieg 1889–1939 – gut lesbare Gesamtdarstellung mit starkem biographischem Zugriff.*
- Sebastian Haffner (1981): Anmerkungen zu Hitler – Klassiker.*
- Reichsgesetzblatt II von 1933 – Reichskonkordat (PDF)
Bildnachweis
Titel: Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg, 1934. Bundesarchiv, Bild 183-2008-1016-502 / CC-BY-SA 3.0.
Gebäude GeStaPo: Bundesarchiv, Bild 183-R97512 / Unknown author / CC-BY-SA 3.0.
Erntedanktag: Bundesarchiv, Bild 183-1987-0313-503 / CC-BY-SA 3.0.




