Im Januar 1129 will Rudolf, Abt des Benediktinerklosters St. Trond, über den Großen St. Bernhard nach Norden zurückkehren. In Saint-Rhémy auf der italienischen Seite des Passes sitzen zahlreiche Reisende fest. Vor ihnen liegt der Anstieg durch den Schnee.
Einheimische Bergführer, sogenannte marones, sollen den Weg spuren. Dann löst sich an den Hängen eine Lawine. Zehn dieser Männer werden verschüttet.
Rudolf selbst kommt mit dem Leben davon. Die Episode zeigt, warum Reisende beim Aufbruch über die winterlichen Alpen mit dem Tod rechneten. Für das 12. Jahrhundert ist überliefert, dass manche vor dem ersten Anstieg zur Beichte gingen.
Ein Haus auf mehr als zweitausend Metern

Schon Jahrzehnte vor Rudolfs Reise war auf dem Pass ein Zufluchtsort entstanden. Um 1050 wurde dort ein Hospiz gegründet. Die Überlieferung verbindet die Gründung mit Bernhard, dem Archidiakon von Aosta, nach dem der Pass später seinen Namen erhielt.
Der Standort lag mehr als zweitausend Meter über dem Meer. Für Jahrhunderte gehörte das Hospiz zu den höchstgelegenen dauerhaft bewohnten Plätzen Europas.
Trotz der extremen Lage befand es sich an einer viel genutzten alpinen Route. Der Pass verband das Aostatal mit dem Gebiet nördlich der Alpen und wurde von Menschen genutzt, die zwischen Italien und den Regionen jenseits des Gebirges unterwegs waren.
Gerade im Winter konnte schon die nächste Etappe gefährlich werden.
Männer, die den Weg kannten
Die marones, die 1129 vor Rudolf aufstiegen, erfüllten deshalb eine entscheidende Aufgabe. Ortskenntnis konnte darüber bestimmen, ob eine Reisegruppe die sichere Route fand. Bei starkem Schneefall mussten die Führer den Pfad erst wieder kenntlich machen.
Ihre Erfahrung bot jedoch keinen sicheren Schutz gegen Lawinen.
Das Unglück bei Saint-Rhémy traf ausgerechnet jene Männer, die anderen den Aufstieg ermöglichen sollten. Die Klosterchronik bewahrte die Nachricht, weil Abt Rudolf Zeuge des Geschehens wurde. Von vielen ähnlichen Unglücken, bei denen keine hochgestellte Person anwesend war, blieb vermutlich keine schriftliche Spur.
Schutz für Reisende

Das Hospiz stand Reisenden unabhängig von ihrer Herkunft offen. Auf der Höhe fanden sie Unterkunft und Menschen, die mit den Bedingungen des Passes vertraut waren.
Damit reagierte die Gemeinschaft auf ein sehr konkretes Problem. Der Verkehr über die Alpen nahm zu, während Wetter und Gelände jede Überquerung unberechenbar machten. Wer den Aufstieg geschafft hatte, konnte hinter den Mauern des Hospizes die nächste Etappe abwarten.
Lawinen und Schneefall blieben eine ständige Bedrohung. Doch zwischen Saint-Rhémy und dem Abstieg nach Norden gab es nun einen dauerhaft besetzten Zufluchtsort.
Das Unglück von 1129 zeigt, wie nötig er war. Noch bevor Rudolf überhaupt die Passhöhe erreichte, wurden zehn Männer verschüttet, deren Aufgabe gerade darin bestand, anderen den Weg dorthin zu öffnen.
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Schubert, E. (2025): Alltag im Mittelalter*. Quellennaher Überblick zu Naturerfahrung und Lebensbedingungen im Mittelalter.
Bildnachweis
Titel: Hospiz Grand St-Bernard, 2004. Wikimedia Commons, Roland Zumbühl, Arlesheim. CC BY-SA 3.0.
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