Die Rufe der Aufseher hallen durch die staubigen Hallen der Großspinnerei Birley & Co, während das monotone Summen der Selfaktoren – der automatischen Spinnmaschinen – jede Unterhaltung im Keim erstickt. Inmitten dieses Lärms kriecht der neunjährige John unter eine laufende Maschine, um lose Baumwollfasern aufzusammeln. Ein falscher Griff könnte ihn ein Gliedmaß oder das Leben kosten. Es ist das Jahr 1835 in Manchester. Was Ökonomen als Effizienzwunder feiern, bedeutet für Zehntausende Menschen einen täglichen Kampf gegen den Hunger.
Das System der Schornsteine
Manchester stieg im frühen 19. Jahrhundert zum Herz der Industrialisierung auf. Die Stadt bot ideale Bedingungen: Das feuchte Klima verhinderte, dass die Baumwollfäden rissen, und der nahe Hafen von Liverpool sicherte den Nachschub an Rohstoffen. Hier trieben die Fabrikherren den Profit mit einer bisher unbekannten Härte voran. Staatliche Regeln galten ihnen als lästige Hindernisse. Diese Haltung, die als Manchesterkapitalismus bekannt wurde, setzte radikal auf den freien Handel und die Eigenverantwortung des Einzelnen – ohne Rücksicht auf soziale Folgen.
In den dunklen Gassen wuchsen derweil die Spannungen. In Elendsvierteln wie „Little Ireland“ drängten sich Familien in feuchten Kellern ohne sauberes Trinkwasser. Diese Enge bot den Nährboden für Krankheiten wie Cholera. Die Macht der Unternehmer erlaubte es, die Löhne fast nach Belieben zu drücken, sodass oft erst das Einkommen der gesamten Familie das Überleben sicherte. Bevor Gesetze die Not linderten, waren Schichten von 14 Stunden und Arbeit während der Nacht der Normalzustand.
Der Beobachter aus Barmen
Friedrich Engels sezierte diesen Mechanismus mit der Präzision eines Chirurgen. Als Sohn eines wohlhabenden Textilfabrikanten kam er 1842 aus dem Rheinland nach England, um im väterlichen Betrieb Ermen & Engels zu arbeiten. Die Not, die er dort sah, erschütterte seine bisherigen Überzeugungen. In seinem Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England hielt er fest, wie der Dienst an den Maschinen Kinderkörper verformte und die Monotonie den Geist der Menschen abstumpfte.
Seine Kritik traf die industrielle Ordnung an ihrer empfindlichsten Stelle, da er die Missstände als Insider beschrieb. Er zeigte auf, was passierte, wenn soziale Absicherungen fehlten: Wer an den Maschinen verstümmelt wurde, landete ohne Entschädigung auf der Straße.
Widerstand und Reformen

Die Belegschaften organisierten bald ihren Widerstand gegen diese Willkür. Am 16. August 1819 forderten rund 60.000 Menschen auf dem St. Peter’s Field mehr politisches Mitspracherecht. Die Kundgebung endete blutig als „Peterloo-Massaker“. Die Kavallerie ritt mit gezogenen Säbeln in die Menge. Mindestens 18 Menschen starben im Tumult, über 400 erlitten teils schwere Verletzungen.
Trotz dieser Gewalt erzwang der öffentliche Druck erste Regeln im Parlament. Mit dem Factory Act von 1833 begann der Staat, die totale Freiheit der Fabrikherren einzuschränken. Das Gesetz verbot die Arbeit von Kindern unter neun Jahren konsequent. Für Kinder zwischen 9 und 13 Jahren wurde die Arbeitszeit auf maximal neun Stunden begrenzt, während Jugendliche bis 18 Jahre höchstens 12 Stunden täglich arbeiten durften. Zudem wurde die Nachtarbeit für Minderjährige untersagt.
Entscheidend war die Einführung von vier staatlichen Fabrikinspektoren, die landesweit die Einhaltung der Regeln und die tägliche Schulpflicht von zwei Stunden überwachen sollten. Da jedoch nur vier Beamte für tausende Fabriken zuständig waren, blieb die Durchsetzung in den ersten Jahren lückenhaft. Erst der Ten Hours Act von 1847 verkürzte die Belastung für Frauen und Jugendliche später verlässlich auf zehn Stunden.
Ein Erbe der Ambivalenz
Die Entwicklung in Manchester zeigt die Zerrissenheit der Moderne. Auf der einen Seite standen technischer Aufstieg und der enorme Reichtum Großbritanniens, auf der anderen eine bittere Armut, die Denker und Kirchenmänner in ganz Europa wachrüttelte. Historiker streiten bis heute darüber, ob erst die Gesetze oder eher das allgemeine Wirtschaftswachstum das Elend beendeten. Das Bild von Manchester bleibt jedoch das Mahnmal für eine Epoche, in der Profit oft schwerer wog als ein Menschenleben.
Zum Weiterlesen
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Sven Beckert (2011): Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution.*
Bildnachweis
Titel: Arbeiterinnen in einer Baumwollfabrik in Manchester, ca. 1830.
Alle Bilder gemeinfrei.


