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Atlantik trifft Pazifik – Die Geschichte des Panama Kanals

An Bord des kleinen Frachters Cristobal herrscht am 3. August 1914 geschäftige Stille. Der dampfgetriebene Frachter gleitet als erstes Schiff in voller Länge durch eine künstliche Wasserstraße, die die Geografie des Welthandels für immer verändern wird. Während in Europa die Mobilmachung für den Ersten Weltkrieg anläuft, vollenden Ingenieure in den Tropen Mittelamerikas ein Projekt, das zuvor Imperien an den Rand des Ruins getrieben hat. Der Panamakanal verbindet nun den Atlantik mit dem Pazifik und erspart der Seefahrt – je nach Route – bis zu 15.000 Kilometer der gefahrvollen Reise um das Kap Hoorn.

Karte Panamakanal, aus der Illustrierten „Gartenlaube“, 1881.

Das französische Desaster

Die Vision eines Kanals ist alt, doch die Umsetzung scheitert zunächst spektakulär. Inspiriert vom Erfolg des Suezkanals, gründet Ferdinand de Lesseps 1879 die französische Panamakanal-Gesellschaft. Sein Plan ist kühn: ein schleusenloser Kanal auf Meeresniveau. Doch de Lesseps unterschätzt die Geologie der Landenge und die tödlichen Gefahren des Dschungels.

Bauarbeiten, 1888

Zwischen 1881 und 1889 sterben 22.000 Arbeiter an Gelbfieber und Malaria. Die medizinische Unwissenheit jener Zeit ist fatal: Um die Betten vor Ameisen zu schützen, stellen die Arbeiter die Pfosten in Wassereimer und schaffen so ideale Brutstätten für Malariamücken. Als die Gesellschaft 1888 zahlungsunfähig wird, bricht in Paris ein Finanzskandal aus, der hunderte Abgeordnete der Bestechung überführt und das Vertrauen in die Republik erschüttert.

Amerikanische Logistik und Tropenmedizin

Bauarbeiten, 1907

Erst unter US-Präsident Theodore Roosevelt nimmt das Projekt wieder Fahrt auf. Nachdem Kolumbien einen Kanal-Vertrag abgelehnt hatte, unterstützten die USA 1903 eine Sezession: Panama spaltete sich ab, und die Vereinigten Staaten sicherten sich im Gegenzug die Kontrolle über eine zehn Meilen breite Kanalzone. Der leitende Ingenieur John Frank Stevens erkennt, dass der wahre Feind nicht im Berg, sondern im Sumpf lauert: die Moskitos. Er lässt Sümpfe trockenlegen und Siedlungen sanieren, bevor die eigentlichen Bauarbeiten beginnen.

Sein Nachfolger, Generalmajor George Washington Goethals, führt das Werk ab 1907 militärisch effizient fort. Statt eines Kanals auf Meeresniveau setzen die Amerikaner auf ein System aus Schleusen und einen riesigen künstlichen See. Der Gatunsee entsteht durch die Aufstauung des Río Chagres und dient als Reservoir, das die Schiffe 26 Meter über den Meeresspiegel hebt. Dieser logistische Kraftakt verlangt nach ingenieurtechnischer Präzision im Detail.

Giganten in der Kammer

Das Schlachtschiff „Missouri“ in der Schleuse, 1945

Das Herzstück des Betriebs sind die Schleusenanlagen. In den ursprünglichen Schleusen von Gatún, Pedro Miguel und Miraflores werden die Schiffe zentimetergenau positioniert. Hier kommen die sogenannten „Mulis“ zum Einsatz: kraftvolle Treidellokomotiven, die ihren Namen den störrischen Maultieren verdanken, die sie ersetzten. Auf Zahnradbahnen beidseitig der Kammern stabilisieren sie die Ozeanriesen mit Drahtseilen, damit diese die Betonwände nicht berühren, während 100 Öffnungen im Boden das Wasser allein durch Schwerkraft ein- und ausströmen lassen.

Trotz der offiziellen Freigabe im Jahr 1914 werden die großen Feierlichkeiten wegen des Krieges in Europa verschoben. Erst am 12. Juli 1920 gibt US-Präsident Woodrow Wilson die Wasserstraße offiziell frei.

Souveränität und Erbe

Die Jahrzehnte nach der Fertigstellung waren geprägt von amerikanischer Militärkontrolle über die Kanalzone, was wiederholt zu Spannungen führte. Erst die Torrijos-Carter-Verträge von 1977 ebneten den Weg zur Unabhängigkeit: Mit der Übergabe am 31. Dezember 1999 ging der Kanal vollständig in panamaische Hände über.

Heute bilden der Kanal und die zugehörigen Logistikdienste das wirtschaftliche Fundament des Landes und steuern rund 8 % zum Bruttoinlandsprodukt bei. Doch die Zukunft dieses Jahrhundertbauwerks steht und fällt mit dem Wasser des Gatunsees. Jede Schleusung verbraucht riesige Mengen Süßwasser, das ungenutzt ins Meer abfließt. Da extreme Dürren infolge des Klimawandels den Seespiegel sinken lassen und gleichzeitig der Trinkwasserbedarf der Bevölkerung steigt, gerät das System an seine physikalischen Grenzen. Ob alternative Routen durch Nicaragua oder neue Schienenverbindungen in Mexiko dem Kanal den Rang ablaufen, bleibt eine offene Frage für das 21. Jahrhundert.


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Howarth, D. (1989): Panama-Kanal. Entdecker, Piraten, Techniker.*

Bildnachweis

Titel: Passagierschiff Kroonland im Panamakanal, 1915.

Alle Bilder gemeinfrei.

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