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Haitianische Revolution – Wie Versklavte ihre Freiheit erkämpften

In der Nacht vom 22. zum 23. August 1791 brennen auf der nördlichen Ebene von Saint-Domingue Plantagen. Versklavte Menschen greifen Besitzer und Aufseher an und formieren sich zu bewaffneten Gruppen. In der französischen Kolonie im Westen der Karibikinsel Hispaniola beginnt ein Aufstand, den die Kolonialtruppen nicht mehr niederschlagen können. Bis zur Unabhängigkeit Haitis vergehen dennoch zwölf Jahre.

Hispaniola, 1723

Saint-Domingue: Reichtum durch Zwangsarbeit

Saint-Domingues Plantagen liefern am Ende des 18. Jahrhunderts gewaltige Mengen Zucker und Kaffee nach Europa. Den Reichtum erwirtschaften etwa eine halbe Million Versklavte. Viele sind in Afrika geboren. Weil Krankheiten und Zwangsarbeit so viele Menschen töten, kaufen die Besitzer ständig weitere Gefangene.

Neben einigen Zehntausend Weißen leben rund 30.000 freie Schwarze und Menschen gemischter Herkunft in der Kolonie, die als gens de couleur libres bezeichnet werden. Einige besitzen selbst Plantagen und halten Menschen in Sklaverei. Ihr Vermögen schützt sie jedoch nicht vor Benachteiligung: Weiße Kolonisten verwehren ihnen politische Gleichberechtigung.

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 verschärft den Konflikt. Weiße Pflanzer verlangen mehr Einfluss gegenüber Paris, wollen aber ihre Gewalt über die Versklavten behalten. Freie Männer afrikanischer Herkunft berufen sich auf das Versprechen gleicher Rechte.

Im Oktober 1790 kehrt der Kaufmann Vincent Ogé aus Frankreich zurück. Mit Jean-Baptiste Chavannes sammelt er einige Hundert bewaffnete Männer und fordert politische Rechte für die freie nichtweiße Bevölkerung. Den Aufstand beschränkt er auf freie Männer. Kolonialtruppen schlagen seine Streitmacht. Im Februar 1791 werden Ogé und Chavannes in Cap-Français durch das Rädern hingerichtet. Auf den Plantagen bereiten Versklavte unterdessen einen eigenen Aufstand vor.

Der Aufstand: Die Macht der Pflanzer zerbricht

Zu den frühen Anführern gehört Dutty Boukman. Der Aufstand vom August 1791 erfasst rasch große Teile der Nordebene. Rebellen töten weiße Bewohner; Kolonialtruppen und Milizen antworten mit Hinrichtungen und Vergeltungsaktionen. Viele Menschen fliehen nach Cap-Français, dem heutigen Cap-Haïtien. Die Stadt bleibt zunächst in der Hand der Kolonisten.

Die Rebellen verfolgen anfangs keine gemeinsame Strategie für einen unabhängigen Staat. Manche Anführer verhandeln über begrenzte Zugeständnisse. Doch ihre bewaffneten Gruppen entziehen bereits Tausende dem Zugriff der Plantagenbesitzer.

Das Gesetz vom 4. April 1792 gewährt freien Männern unabhängig von ihrer Hautfarbe gleiche politische Rechte. Die Versklavten bleiben ausgeschlossen. Die Regierung schickt die Zivilkommissare Léger-Félicité Sonthonax und Étienne Polverel mit Soldaten in die Kolonie, um ihre Herrschaft zu sichern und das Gesetz durchzusetzen.

Sonthonax: Freiheit wird zum Kriegsziel

1793 führt Frankreich Krieg gegen Spanien und Großbritannien. Spanische Behörden im Osten Hispaniolas unterstützen schwarze Aufständische gegen die Franzosen. Britische Truppen besetzen Teile der Kolonie, unterstützt von Pflanzern, die sich den Fortbestand der Sklaverei erhoffen.

Auch in Cap-Français kämpfen französische Gegner gegeneinander. Im Juni ruft Sonthonax schwarze Kämpfer zu Hilfe und verspricht denjenigen Freiheit, die ihn unterstützen. Ohne sie droht ihm der Verlust der Stadt. Am 29. August 1793 verkündet er die Abschaffung der Sklaverei in der Nordprovinz. Polverel setzt die Befreiung in den übrigen Provinzen durch. Die Kommissare erkennen die Freiheit von Menschen an, auf deren bewaffnete Hilfe sie angewiesen sind.

Am 4. Februar 1794 beschließt der Nationalkonvent in Paris die Abschaffung der Sklaverei in sämtlichen französischen Kolonien. Für Toussaint Louverture eröffnet das eine neue Möglichkeit. Der ehemalige Versklavte, der schon vor der Revolution freigelassen worden war, hat sich als militärischer Anführer durchgesetzt und zunächst für Spanien gekämpft. Im Mai 1794 wechselt er mit seinen Truppen zur französischen Republik. Nun verteidigt er unter französischer Flagge eine Freiheit, die Frankreich gesetzlich anerkannt hat.

Toussaint Louverture: Freiheit unter militärischem Zwang

General Toussaint Louverture, 19. Jhdt.

Louverture drängt französische Amtsträger beiseite. Die britischen Besatzer ziehen 1798 nach verlustreichen Feldzügen und Verhandlungen ab. Anschließend besiegt er im Bürgerkrieg von 1799 bis 1800 André Rigaud, den mächtigen Anführer im Süden. Sein General Jean-Jacques Dessalines trägt entscheidend zum Sieg bei.

Louverture lässt ehemalige Versklavte unter militärischer Aufsicht auf den Plantagen arbeiten, um die Ausfuhr von Zucker und Kaffee wieder anzukurbeln. Sie erhalten einen Anteil an den Erträgen, dürfen ihre Arbeitsplätze aber nicht einfach verlassen. Louvertures Offiziere bestimmen weiterhin über ihren Arbeitseinsatz.

1801 setzt Louverture eine Verfassung in Kraft. Sie verbietet die Sklaverei dauerhaft und bestätigt ihn als Gouverneur auf Lebenszeit. Saint-Domingue bleibt Teil Frankreichs, erhält jedoch eigene Gesetze. Napoleon Bonaparte, seit 1799 Erster Konsul in Paris, will Louvertures weitgehende Eigenständigkeit beenden. Eine Verständigung mit Großbritannien ermöglicht ihm, ein Expeditionsheer über den Atlantik zu schicken.

Napoleons Expedition: Die bedrohte Freiheit

Im Februar 1802 landen französische Truppen unter Napoleons Schwager Charles Leclerc. Louvertures Soldaten leisten Widerstand und brennen Städte nieder, um den Angreifern die Versorgung zu erschweren. Im Frühjahr unterwerfen sich wichtige Generäle Leclerc; im Mai beendet auch Louverture seinen Widerstand. Die Franzosen versprechen, die Freiheit der Bevölkerung zu achten. Dessalines dient vorübergehend unter ihrem Kommando.

Louverture zieht sich zurück, wird aber im Juni verhaftet und nach Frankreich gebracht. Am 7. April 1803 stirbt er im Fort de Joux im französischen Jura.

Unterdessen erreichen Saint-Domingue Nachrichten aus Guadeloupe: Dort führt die französische Regierung nach der Niederwerfung des Widerstands die Sklaverei wieder ein. Das Gesetz vom 20. Mai 1802 hält sie zudem in Kolonien aufrecht, in denen die Abschaffung von 1794 nicht umgesetzt worden war. Die ehemaligen Versklavten Saint-Domingues müssen fürchten, ebenfalls ihre Freiheit zu verlieren.

Der Widerstand flammt wieder auf. Im Herbst 1802 schließen sich Dessalines und weitere Generäle den Aufständischen an. Zugleich schwächt Gelbfieber das französische Heer. Leclerc stirbt im November. Sein Nachfolger Donatien de Rochambeau lässt Gefangene töten und versucht, den Widerstand mit massiver Gewalt zu brechen. Die Aufständischen kämpfen nun dafür, Frankreich dauerhaft aus der Kolonie zu vertreiben.

Haiti: Unabhängigkeit mit schweren Folgen

1803 bringt der erneute Krieg zwischen Frankreich und Großbritannien eine britische Seeblockade. Nachschub erreicht die französischen Garnisonen kaum noch. Dessalines vereint große Teile der aufständischen Truppen. Am 18. November besiegen sie die Franzosen bei Vertières nahe Cap-Français. Rochambeau muss die Stadt räumen.

Jean-Jacques Dessalines, 1806

Am 1. Januar 1804 verkündet Dessalines in Gonaïves die Unabhängigkeit. Der Name des neuen Staates, Haiti, knüpft an die indigene Vergangenheit der Insel an. Ehemals Versklavte haben einen Staat gegründet, in dem die Sklaverei abgeschafft bleibt.

Die Gewalt geht weiter: 1804 lässt Dessalines einen großen Teil der verbliebenen französischen Bevölkerung töten, darunter Frauen und Kinder. Wenig später erhebt er sich zum Kaiser. 1806 ermorden ihn Gegner aus den eigenen Reihen; Haiti zerfällt anschließend in rivalisierende Herrschaftsgebiete.

1825 macht König Karl X. die französische Anerkennung der Unabhängigkeit von einer Zahlung über 150 Millionen Francs abhängig. Kriegsschiffe verleihen der Forderung Nachdruck. Das Geld soll ehemalige Kolonisten für ihre verlorenen Besitzansprüche entschädigen. Für die erste Rate nimmt Haiti einen Kredit in Frankreich auf. Die Menschen, deren Vorgänger sich aus der Sklaverei befreit haben, müssen nun über Steuern die Entschädigung ihrer früheren Besitzer finanzieren.


Zum Weiterlesen

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Dubois, L. (2004): Avengers of the New World: The Story of the Haitian Revolution.* Umfassende Darstellung der Revolution und ihrer kolonialen Vorgeschichte.

Popkin, J. D. (2012): A Concise History of the Haitian Revolution. Kompakter Überblick über die wechselnden Bündnisse und den Weg zur Unabhängigkeit.

Girard, P. R. (2024): The Slaves Who Defeated Napoléon: Toussaint Louverture and the Haitian War of Independence, 1801–1804. Untersuchung der französischen Expedition und des Unabhängigkeitskrieges.

Bildnachweis

Titel: Sklavenaufstand 1791. Wikimedia Commons,  Aaron Martinet (1762-1841), dessinateur. Alphonse-Charles Masson (1814-1898), graveur. CC BY-SA 4.0.

Dessalines: Wikimedia Commons, NobelsaTorak. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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