Ein goldener Siegelring gab dem Toten seinen Namen. CHILDERICI REGIS stand auf der Platte: „des Königs Childerich“. Arbeiter hatten das Grab am 27. Mai 1653 beim Ausheben eines Hausfundaments in Tournai entdeckt. Auf dem Friedhof unweit der Kirche Saint-Brice stießen sie in gut zwei Metern Tiefe auf Waffen und Schmuck. Von einem langen Schwert blieb der goldene Griff erhalten, während die eiserne Klinge bereits zerfallen war. Der Ring verband diese Ausstattung mit einem Herrscher, den Gregor von Tours als Vater Chlodwigs kannte.
Zu dem Fund gehörten rund hundert Goldmünzen und etwa zweihundert Silbermünzen. Goldene Beschläge trugen rote Granateinlagen. Zwischen den kostbaren Stücken lagen kleine goldene Insekten, die später als Childerichs Bienen berühmt wurden. Die Hinterbliebenen hatten Waffen und Reichtum bei dem König niedergelegt, statt sie vollständig unter seinen Nachfolgern zu verteilen.
Childerich starb wahrscheinlich 481 oder 482. In Gallien zerfiel damals der Machtbereich der weströmischen Regierung. Militärische Befehlshaber gewannen eigene Stellungen, konnten aber weiterhin auf römische Rangzeichen und Beziehungen zurückgreifen. Wie Childerich in dieser Welt auftreten wollte, lässt sich an einem Gegenstand besonders genau ablesen.
Ein König in römischer Rüstung
Auf dem Ring erschien Childerich von vorn, mit langem Haar und einer Lanze. Dazu trug er den Brustpanzer und den Mantel eines römischen Heerführers. Die Inschrift nannte ihn König. Wer einen Abdruck dieses Siegels erhielt, begegnete einem Mann, der seinen fränkischen Rang in der vertrauten Ausstattung römischer Militärmacht vorführte.

Ein Siegelabdruck konnte ein Schriftstück oder einen Verschluss beglaubigen. Der Ring gehörte damit zu einem Umgang mit Schrift, in dem der Auftrag eines Herrschers auch über seine unmittelbare Anwesenheit hinaus erkennbar sein sollte. Welches römische Amt Childerich förmlich bekleidete, verrät das Bild nicht. Es zeigt, mit welchen Zeichen er seine Stellung gegenüber anderen ausdrückte.
Gregor von Tours schrieb erst im späten 6. Jahrhundert über Childerich. Seine Nachrichten führen den fränkischen König in Kämpfe an der Loire, in denen auch römische Befehlshaber auftraten. Dort handelten fränkische Krieger innerhalb einer Welt, deren Städte und militärische Aufgaben lange zum Römischen Reich gehört hatten. Der Brustpanzer auf dem Ring passt zu diesen Verbindungen. Der Königstitel und das lange Haar heben innerhalb derselben Darstellung einen eigenen Rang hervor.
Die Münzen reichen weiter zurück als der Tote
Unter den Goldstücken befanden sich Prägungen oströmischer Kaiser. Die jüngsten werden der Regierung Zenos zugeordnet, der seit 474 herrschte. Ein Teil der Silbermünzen war dagegen bei der Beisetzung schon mehrere Jahrhunderte alt. Römisches Geld unterschiedlichen Alters lag nun gemeinsam im Grab eines Königs in Tournai.
Goldmünzen konnten als Bezahlung und als Geschenk zwischen Heerführern zirkulieren. Beim einzelnen Stück lässt sich der Weg nach Tournai kaum noch verfolgen. Dass römisches Gold Childerichs Umgebung erreichte, belegen die Münzen selbst. Ein bestimmter Soldvertrag oder ein persönliches Geschenk des Kaisers wäre erst durch weitere Nachrichten nachzuweisen.
Die jüngste Prägung setzt der Bestattung eine zeitliche Untergrenze: Die Münze musste hergestellt sein, bevor sie ins Grab kam. Für die Identifizierung des Toten ist dagegen der Ring entscheidend. Sein Name führt den Fund aus der großen Zahl reich ausgestatteter Gräber heraus.
Waffen mit rotem Granat
Der lange Schwertgriff bestand aus Goldblech. An der Scheide saßen weitere goldene Teile mit Granateinlagen. Die Handwerker fassten die roten Steine in kleine Zellen aus Metallstegen ein. Solche Arbeiten verlangten Material und Können; ihr Wert lag auch darin, dass Waffen auf diese Weise schon beim Tragen den Rang ihres Besitzers erkennen ließen.
Zur Ausstattung gehörten außerdem eine kürzere Klinge und eine Axt. Im Grab wurden diese Gegenstände zusammen mit Münzen und Schmuck zu Teilen eines aufwendigen Königsbegräbnisses. Welche Waffen Childerich zuvor selbst getragen hatte und welche eigens für die Beisetzung ausgewählt wurden, ist im Einzelnen offen. Die Auswahl trafen die Menschen, die ihn bestatteten und seinen Rang über den Tod hinaus sichtbar machten.
Erst viel spätere Untersuchungen erschlossen den größeren Bestattungsplatz. Archäologen fanden in der Umgebung Gruben mit Pferderesten. Die Beisetzung hatte damit über den Raum hinausgegriffen, in dem der Körper und die kostbaren Beigaben lagen. Auch Pferde waren bei dem Königsgrab bestattet worden. Der genaue Ablauf dieser Zeremonie bleibt unbekannt; die Gruben bezeugen den zusätzlichen Aufwand.
Vom Königsgrab in die Bibliothek
Der Gelehrte Jean-Jacques Chiflet ließ die Gegenstände bald nach ihrer Entdeckung untersuchen und abbilden. Der Schatz gelangte zunächst an die Habsburger in Wien und später als Geschenk an Ludwig XIV. nach Paris. Dort kam er in die königliche Bibliothek. Ein Grabfund aus dem frühen Frankenreich war zum Besitz einer viel späteren Monarchie geworden.
Auch die goldenen Bienen erhielten einen neuen Platz in der Darstellung von Herrschaft. Napoleon wählte sie zu einem Zeichen seines Kaiserreichs. Er konnte damit auf einen frühen König zurückgreifen, dessen Schmuck älter war als das Lilienzeichen der Bourbonen. Diese Verwendung sagt viel über die Suche nach dynastischen Vorbildern im 19. Jahrhundert; die Bedeutung der Insekten im Begräbnis Childerichs erklärt sie noch nicht.
In der Nacht vom 5. auf den 6. November 1831 stahlen Diebe einen großen Teil des Schatzes aus der Pariser Bibliothek. Vieles wurde eingeschmolzen. Der originale Siegelring ging verloren. Zwei der Bienen wurden später aus einem Versteck in der Seine geborgen. Chiflets frühe Abbildungen bewahrten nun Einzelheiten von Stücken, die kein Besucher mehr am Original prüfen konnte.
Von dem Ring waren außerdem Abdrücke erhalten geblieben. Ein im 19. Jahrhundert wieder aufgefundener Wachsabdruck diente zur Herstellung des Faksimiles, das die Bibliothèque nationale de France heute bewahrt. Auf der Nachbildung trägt Childerich weiterhin sein langes Haar und den römischen Brustpanzer; um sein Bild steht der Königstitel, der dem Grab 1653 seinen Namen zurückgegeben hatte.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Jussen, B. (2024): Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur.*
Rudolf Schieffer (2024): Die Karolinger.*
Karl Ubl (2024): Die Karolinger: Herrscher und Reich.*
Scholz, S. (2015): Die Merowinger.*
Bildnachweise
Bild 1: Wikimedia Commons, Adam Cli. CC BY-SA 4.0. Unbeschnittene JPEG-Anzeigekopie, höchstens 2400 Pixel lange Kante.
Bild 2: Wikimedia Commons, PHGCOM. Public domain. Unbeschnittene JPEG-Anzeigekopie, höchstens 2400 Pixel lange Kante.




