Startseite » Der Fall des Syagrius – Chlodwig erobert Soissons

Der Fall des Syagrius – Chlodwig erobert Soissons

Chlodwig mit Krone, Zepter, Schwert und rotem Mantel in einem Herrscherporträt des 19. Jahrhunderts.

Syagrius floh nach Toulouse. Sein Heer hatte gegen Chlodwig verloren, und nun suchte er Schutz beim Westgotenkönig Alarich II. Nach Gregor von Tours ließ der Sieger ausrichten, Alarich müsse den Flüchtling herausgeben; andernfalls drohe Krieg. Der Westgotenkönig lieferte Syagrius aus. Chlodwig ließ ihn zunächst bewachen und erst töten, nachdem er dessen Herrschaftsgebiet übernommen hatte.

Diese Abfolge ist aufschlussreich. Der Sieg auf dem Schlachtfeld und die Beseitigung des besiegten Herrschers waren verschiedene Schritte. Dazwischen musste Chlodwig dafür sorgen, dass ihm auch die Menschen und Machtmittel des Gegners zufielen. Das geschah um 486 im nördlichen Gallien, in einer Landschaft, deren römische Vergangenheit weiterhin den Alltag bestimmte.

Ein römischer Befehlshaber ohne Kaiser im Westen

Syagrius war der Sohn des Heerführers Aegidius. Dieser hatte im Namen römischer Kaiser in Gallien kommandiert und während der Machtkämpfe des 5. Jahrhunderts eine weitgehend selbstständige Stellung gewonnen. Sein Sohn hielt sich in Soissons, einer römischen Stadt nordöstlich von Paris. Gregor bezeichnet ihn als „König der Römer“.

Karte Galliens um 475 mit den Machtbereichen der Franken, Syagrius, Westgoten und Burgunder; Soissons und Toulouse sind eingezeichnet.
Gallien vor Chlodwigs Sieg: moderne Übersicht für das Jahr 475. Die eingezeichneten Grenzen sind schematisch; Syagrius’ genaues Herrschaftsgebiet ist nicht überliefert.

Gregor schrieb mehrere Jahrzehnte später. Sein Ausdruck erklärt, wie er den Gegner Chlodwigs einordnete; einen förmlichen Königstitel des Syagrius beweist er nicht. Auch die Grenzen des häufig so genannten „Reiches von Soissons“ kennen wir nur unzureichend. Eine sauber abgegrenzte letzte römische Provinz mit lückenlos fortbestehender Verwaltung lässt sich aus der knappen Überlieferung nicht zeichnen.

Die Verbindung zur römischen Welt war dennoch wesentlich. Syagrius verfügte über die Stellung, die seine Familie durch militärisches Kommando gewonnen hatte. Im Westen gab es seit 476 keinen eigenen Kaiser mehr. Wer im nördlichen Gallien Befehle durchsetzen wollte, musste dafür selbst Soldaten und Verbündete gewinnen. Die Erinnerung an ein römisches Amt konnte dabei helfen, ersetzte aber diese Unterstützung kaum.

Chlodwig greift an

Chlodwig hatte die Nachfolge seines Vaters Childerich angetreten. Er war einer von mehreren fränkischen Königen. Gregor berichtet ausdrücklich, dass Ragnachar, ein weiterer fränkischer Herrscher und Verwandter Chlodwigs, am Angriff auf Syagrius beteiligt war. Der Feldzug lässt sich deshalb zunächst als Bündnis konkreter Könige verstehen. Ein einheitlicher fränkischer Staat, der geschlossen gegen sämtliche Römer vorging, stand dahinter noch nicht.

Über die Schlacht selbst erfahren wir wenig. Gregor nennt den Kampf und die Niederlage des Syagrius, beschreibt aber weder eine verlässliche Heeresgröße noch den Ablauf einzelner Angriffe. Das gebräuchliche Jahr 486 ergibt sich aus seiner Einordnung in Chlodwigs Regierungszeit. Einen genauen Tag und einen sicher bestimmten Kampfplatz bietet die Nachricht nicht.

Syagrius verlor mit seinem Heer die Möglichkeit, seinen Machtbereich selbst zu verteidigen. Die Flucht zu Alarich eröffnete eine letzte Alternative. Der Westgotenkönig herrschte über große Teile des südlichen Gallien und über Gebiete auf der Iberischen Halbinsel. Hätte er den Flüchtling geschützt, hätte Chlodwig sich mit einem weiteren mächtigen Gegner auseinandersetzen müssen.

Der Flüchtling wird zum Verhandlungsgegenstand

Alarich übergab Syagrius an Chlodwigs Gesandte. Gregor deutet das als Zeichen westgotischer Furcht. Ob diese knappe Erklärung sämtliche Gründe Alarichs erfasst, bleibt offen. Für den Ausgang war entscheidend, dass Syagrius keinen Schutz erhielt, von dem aus er hätte zurückkehren können.

Chlodwig ließ den Gefangenen erst nach der Besitzergreifung töten. Ein am Leben gehaltener ehemaliger Herrscher konnte für seine bisherigen Anhänger weiterhin ein Bezugspunkt sein. Gregors Nachricht über die Reihenfolge macht zumindest deutlich, dass Chlodwig den militärischen Erfolg und die Übernahme des Landes voneinander unterschied. Wie die Unterwerfung an den einzelnen Orten ablief, schildert der Bischof kaum.

Kirchen im eroberten Gebiet

Etwas anschaulicher wird die Begegnung zwischen Chlodwigs Kriegern und den Bewohnern in Gregors Erzählung vom Krug von Soissons. Bei einer Plünderung war ein kostbares kirchliches Gefäß erbeutet worden. Ein Bischof bat um seine Rückgabe. Chlodwig wollte das Stück bei der Verteilung der Beute erhalten, stieß aber auf den Widerspruch eines Kriegers.

Spätmittelalterliche Miniatur der Kruggeschichte: Chlodwig und bewaffnete Männer bei einem Gefäß zwischen Beutestücken.
Die von Gregor erzählte Auseinandersetzung um den Krug in einer spätmittelalterlichen Miniatur der Grandes Chroniques de France.

Der Krieger schlug nach Gregor mit seiner Axt auf das Gefäß. Er bestand darauf, dass der König nur erhalten dürfe, was ihm das Los zuteile. Chlodwig nahm den Krug trotzdem an sich und gab ihn dem Boten zurück. Seinen Zorn hielt er zunächst zurück. Bei einer späteren Heerschau beanstandete er dann die Waffen des Mannes und tötete ihn, als er sich bückte.

So erzählt Gregor, wie Chlodwig den Widerspruch bei der Beuteverteilung in einen Verstoß gegen die königliche Heeresordnung verwandelte. Die dramatischen Einzelheiten entziehen sich einer unabhängigen Kontrolle. In der Erzählung treffen aber zwei konkrete Ansprüche aufeinander: Ein Krieger verlangt seinen Anteil am gemeinsam Erbeuteten; ein Bischof fordert Besitz seiner Kirche zurück. Chlodwig entscheidet zugunsten der Kirche und lässt den widersprechenden Gefolgsmann später seine Gewalt spüren.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Jussen, B. (2024): Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur.*

Rudolf Schieffer (2024): Die Karolinger.*

Karl Ubl (2024): Die Karolinger: Herrscher und Reich.*

Scholz, S. (2015): Die Merowinger.*

Bildnachweis

Titel: Chlodwig, Gemälde von 1837. Wikimedia Commons, François-Louis Dejuinne. Public domain.

Karte: Gallien um 475. Wikimedia Commons, Aavitus. CC BY-SA 4.0.

Kruggeschichte: Miniatur aus den Grandes Chroniques de France. Wikimedia Commons, Unbekannter Buchmaler; Bibliothèque nationale de France, Français 2610. Public domain.

Schreibe einen Kommentar