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Die Novemberpogrome 1938 – Eine Nacht organisierter Gewalt

Gegen zehn Uhr abends trat Joseph Goebbels am 9. November 1938 im Alten Rathaus von München vor führende Funktionäre der NSDAP. Wenige Stunden zuvor war der deutsche Diplomat Ernst vom Rath in Paris seinen Schussverletzungen erlegen. Goebbels berichtete von bereits laufenden Angriffen auf Juden und gab seinen Zuhörern zu verstehen, dass die Partei weitere Aktionen nicht verhindern solle.

Die Wirkung setzte unmittelbar ein. Funktionäre verließen den Saal und griffen zum Telefon. In Städten im ganzen Reich erhielten SA-Stellen und örtliche Parteiführer den Auftrag, gegen Synagogen und jüdisches Eigentum vorzugehen. Die Gewalt sollte zugleich aussehen wie ein spontaner Ausbruch des Volkszorns.

Noch in derselben Nacht brannten Synagogen. Schaufenster zerbarsten, Wohnungen wurden verwüstet. Tausende jüdische Männer wurden verhaftet.

Parteifunktionäre organisierten den Pogrom mit Billigung Hitlers – er war kein spontaner Ausbruch der Bevölkerung.

Die Gewalt hatte schon begonnen

Die Schüsse Herschel Grynszpans auf Ernst vom Rath am 7. November lieferten den Nationalsozialisten den Anlass für eine Eskalation, die sich längst vorbereitet hatte.

Bereits am folgenden Abend kam es in Hessen und anderen Regionen zu Angriffen. Synagogen brannten, jüdische Geschäfte wurden beschädigt. Örtliche Parteiführer trieben die Aktionen voran, ohne auf einen zentralen Befehl aus Berlin zu warten.

Goebbels verfolgte die Nachrichten aufmerksam. In seinem Tagebuch begrüßte er die Ausschreitungen und wünschte sich, der Zorn könne nun im ganzen Reich entfesselt werden.

Am Nachmittag des 9. November starb vom Rath. Gleichzeitig versammelte sich die Führung der NSDAP in München zur jährlichen Erinnerung an Hitlers gescheiterten Putsch von 1923. Für Goebbels trafen Anlass und Gelegenheit zusammen.

Während des Empfangs im Alten Rathaus sprach er mit Hitler. Das Gespräch selbst ist nicht überliefert. Goebbels hielt danach jedoch in seinem Tagebuch fest, Hitler habe entschieden, die Demonstrationen weiterlaufen zu lassen und die Polizei zurückzuhalten.

Hitler verließ den Empfang anschließend. Goebbels übernahm die sichtbare Rolle.

Goebbels gibt das Signal

Goebbels verzichtete in seiner Rede auf einen ausdrücklichen Befehl, doch seine Zuhörer verstanden sofort, was von ihnen erwartet wurde.

Kurz darauf liefen die Anweisungen durch die Parteiorganisation.

SA-Männer wurden aus ihren Unterkünften oder von den örtlichen Feiern zum 9. November zusammengerufen. Viele erhielten den Auftrag, Synagogen anzuzünden und jüdische Geschäfte zu zerstören. Häufig arbeiteten die Gruppen in Zivilkleidung, damit die Angriffe weniger eindeutig als Parteieinsatz erschienen.

In München zog der Stoßtrupp Hitler durch die Straßen. Die noch vorhandene Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße wurde zerstört. Goebbels ließ nach Berlin telefonieren und verlangte auch dort weitere Aktionen.

Was als spontaner Volkszorn dargestellt werden sollte, lief über die Kommunikationswege der NSDAP.

Die Polizei soll zusehen

Razzia in der jüdischen Gemeinde, Wien, 1938

Die Führung von SS und Polizei erfuhr erst nach Beginn der Aktionen von der geplanten Eskalation. Reinhard Heydrich erhielt gegen 23.20 Uhr Nachricht aus München und fragte bei Heinrich Himmler nach, wie die Polizei reagieren solle.

Kurz nach Mitternacht folgten konkrete Weisungen.

Polizisten sollten das Niederbrennen von Synagogen nicht verhindern, solange benachbarte Gebäude nicht gefährdet wurden. Feuerwehren schützten deshalb vielerorts angrenzende Häuser, während die Synagogen selbst brannten.

Gleichzeitig bereitete die Gestapo Massenverhaftungen vor.

Heydrich befahl in der Nacht, möglichst viele männliche Juden festzunehmen. Besonders wohlhabende Männer sollten erfasst werden. Bereits vor Mitternacht war innerhalb der Gestapo von 20.000 bis 30.000 Verhaftungen die Rede.

Damit verband sich die Zerstörung auf der Straße von Beginn an mit staatlicher Verfolgung.

Synagogen brennen

In zahlreichen Orten begannen die Angriffe noch vor Mitternacht. SA-Männer brachen Türen auf und verwüsteten Innenräume. Torarollen wurden zerstört. Anschließend setzten die Täter die Gebäude in Brand.

Frankfurter Börnerplatz Synagoge

Die Feuer waren weithin sichtbar. Zuschauer versammelten sich auf den Straßen. Manche beteiligten sich an Plünderungen. Andere standen schweigend daneben oder reagierten mit Abscheu.

Auch jüdische Wohnungen wurden zum Ziel. Möbel wurden zertrümmert und persönliche Gegenstände zerstört. Bewohner wurden geschlagen oder aus ihren Häusern gezerrt.

Über 7.500 jüdische Geschäfte wurden zerstört oder geplündert. Nach aktuellem Forschungsstand wurden 1.406 Synagogen und Betstuben zerstört oder schwer beschädigt.

Auch die Zahl der Todesopfer lag weit höher als lange angenommen. Die nationalsozialistischen Behörden meldeten zunächst 91 Tote. Neuere Forschungen kommen bei Einbeziehung der unmittelbaren und späteren Folgen auf etwa 1.300 bis über 1.500 Todesopfer.

Die Bezeichnung „Reichskristallnacht“, die sich später verbreitete, lenkte den Blick auf die zerbrochenen Schaufenster. Sie verdeckte, dass hinter dem Glas Menschen misshandelt und Häuser verwüstet worden waren. Treffender ist deshalb die Bezeichnung Novemberpogrome.

Die Bevölkerung reagiert unterschiedlich

Die Propaganda behauptete, die Gewalt sei aus der Bevölkerung selbst gekommen. Selbst innerhalb der NSDAP glaubte das kaum jemand.

Wenn in derselben Nacht im ganzen Reich Synagogen brannten, musste die Aktion organisiert worden sein. Das räumte später sogar das Parteigericht der NSDAP ein.

Teile der Bevölkerung beteiligten sich. Menschen plünderten Geschäfte oder eigneten sich Waren an. Andere nutzten die Gelegenheit, persönliche Rechnungen zu begleichen.

Zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg

Viele Deutsche reagierten jedoch ablehnend auf die sichtbare Zerstörung. Einige empfanden Mitgefühl mit den Opfern und halfen ihnen. Häufig richtete sich die Empörung allerdings gegen die Verwüstung von Eigentum oder gegen den Eindruck, den die Ausschreitungen im Ausland hinterlassen würden.

Eine grundsätzliche Ablehnung der antisemitischen Politik folgte daraus selten.

Auch die großen Kirchen erhoben keinen gemeinsamen öffentlichen Protest gegen den Pogrom.

30.000 Männer werden verschleppt

Während die Scherben noch auf den Straßen lagen, lief die Verhaftungsaktion weiter.

Rund 30.000 jüdische Männer wurden festgenommen und in Konzentrationslager gebracht. Viele kamen nach Dachau oder Buchenwald. Die SS behandelte sie dort mit besonderer Brutalität.

Die Haft sollte vor allem eines erzwingen: Auswanderung.

Wer nachweisen konnte, dass er Deutschland bald verlassen würde, hatte bessere Chancen auf Freilassung. Familien mussten deshalb innerhalb kürzester Zeit Visa beschaffen oder Besitz verkaufen.

Die Konzentrationslager erhielten damit im November 1938 eine neue Funktion innerhalb der Judenverfolgung. Terror im Lager sollte Menschen dazu bringen, das Land zu verlassen und dabei möglichst viel Eigentum zurückzulassen.

Göring rechnet die Schäden zusammen

Reichskristallnacht: Zerstörungen beim Kaufhaus Uhlfelder

Hermann Göring ärgerte sich vor allem über den massiven wirtschaftlichen Schaden der Zerstörungen.

Glasscheiben und Waren waren vernichtet worden, obwohl Deutschland für seine Aufrüstung Rohstoffe sparen sollte. Versicherungen mussten mit hohen Forderungen rechnen.

Am 12. November leitete Göring im Reichsluftfahrtministerium eine große Besprechung über die Folgen des Pogroms. Mehr als hundert Vertreter von Ministerien und Behörden nahmen teil.

Göring machte deutlich, dass die Juden selbst für die Schäden aufkommen sollten.

Der Staat verhängte über die jüdische Bevölkerung eine sogenannte Sühneleistung von einer Milliarde Reichsmark. Versicherungszahlungen für zerstörtes jüdisches Eigentum flossen direkt an das Reich.

Die Opfer mussten also für die Verwüstung bezahlen, die das Regime organisiert hatte.

Die Enteignung wird beschleunigt

Die Besprechung vom 12. November ging weit über die unmittelbaren Schäden hinaus.

Göring ordnete an, jüdische Unternehmer bis zum 1. Januar 1939 aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen. Noch verbliebene Geschäfte sollten verkauft oder geschlossen werden. Damit erhielt die bereits laufende „Arisierung“ einen neuen Schub.

Goebbels verlangte weitere Einschränkungen des Alltags. Juden sollten aus Theatern oder anderen öffentlichen Einrichtungen ausgeschlossen werden. In den folgenden Wochen folgten zahlreiche neue Verbote.

Der Pogrom markierte damit mehr als eine einzelne Nacht der Gewalt. Vor dem 9. November hatten Partei und Behörden jüdische Menschen bereits systematisch aus Berufen und aus wirtschaftlichen Positionen gedrängt. Danach setzte die Führung darauf, diesen Prozess möglichst schnell abzuschließen.

Die Gewalt hatte den Weg freigeräumt.

Flucht unter immer schlechteren Bedingungen

Für viele jüdische Familien zerstörte der November 1938 die letzte Hoffnung, in Deutschland noch eine Zukunft zu besitzen.

Nun wollten weit mehr Menschen ausreisen. Doch mögliche Zufluchtsländer hielten ihre Einwanderungsbeschränkungen weitgehend aufrecht. Bereits im Juli hatte die internationale Konferenz von Évian gezeigt, wie gering die Bereitschaft vieler Staaten war, deutlich mehr jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.

Wer ein Visum erhielt, musste zugleich versuchen, sein Eigentum zu verkaufen und die deutschen Abgaben für die Ausreise aufzubringen.

Trotz dieser Hindernisse gelang bis zum Kriegsbeginn noch Zehntausenden die Flucht.

Für diejenigen, die zurückblieben, wurde der Handlungsspielraum enger. Der Staat hatte ihre politische Zugehörigkeit beseitigt und ihre wirtschaftliche Existenz angegriffen. Im November 1938 zeigte er nun, dass er auch offene Massengewalt einsetzen konnte.


Zum Weiterlesen

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Bildnachweis

Titel: Alte Synagoge Ohel Jakob in München nach der Progromnacht. Bundesarchiv, Bild 146-1971-099-63 / CC-BY-SA 3.0.

Frankfurter Synagoge: www.alemannia-judaica.de, via Dodis (Diplomatic Documents of Switzerland) Die Novemberpogrome. CC BY-SA 4.0.

Zerstörung Kaufhaus Uhlfelder: Bundesarchiv, Bild 119-2671-06 / CC-BY-SA 3.0.

Razzia: Bundesarchiv, Bild 152-64-40 / CC-BY-SA 3.0.

Zerstörtes Geschäft in Magdeburg: Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-44 / Friedrich, H. / CC-BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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