Im März 1938 mussten jüdische Männer und Frauen in Wien auf den Knien über das Pflaster rutschen. Unter den Augen von Zuschauern schrubbten sie politische Parolen von den Straßen. SA-Männer und andere Nationalsozialisten trieben sie an. Geschäfte wurden geplündert, Wohnungen durchsucht. Wer konnte, suchte nach einem Weg aus Österreich.
Der sogenannte Anschluss hatte innerhalb weniger Tage gezeigt, wie weit die Verfolgung gehen konnte, wenn örtliche Nationalsozialisten kaum noch Rücksicht nehmen mussten. Was in Deutschland seit 1933 schrittweise durch Gesetze und wirtschaftlichen Druck vorangetrieben worden war, brach in Wien offen hervor.
Die offene Gewalt weitete sich bald auch auf das übrige Reich aus. Im Laufe des Jahres 1938 beschleunigte sich dort die Verdrängung der jüdischen Bevölkerung. Nun ging es immer stärker um Eigentum und die erzwungene Auswanderung.
Nach den Olympischen Spielen endet die Zurückhaltung
Während der Olympischen Spiele 1936 hatte die Regierung besonders auffällige antisemitische Aktionen zeitweise eingeschränkt. Ausländische Besucher sollten ein möglichst günstiges Bild von Deutschland erhalten.
Die Nürnberger Gesetze galten jedoch uneingeschränkt weiter. Jüdische Deutsche hatten ihre politischen Rechte verloren. Eheschließungen mit sogenannten Deutschblütigen waren verboten. Behörden verlangten zunehmend Nachweise über die Abstammung.
Nach den Spielen entfiel ein wichtiger Grund für öffentliche Zurückhaltung. In Städten und Gemeinden nahm der Druck wieder zu. Jüdische Geschäftsleute verloren Kunden. Berufsverbände schlossen Mitglieder aus oder behinderten ihre Tätigkeit. Kommunale Behörden konnten Genehmigungen verweigern.
Die Verfolgung bestand dabei häufig aus vielen einzelnen Eingriffen. Jeder für sich konnte wie eine Verwaltungsentscheidung wirken. Zusammengenommen engten sie die Möglichkeiten jüdischer Familien immer weiter ein.
Der Anschluss bringt eine neue Eskalation

Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich am 12. März 1938 änderte sich die Lage für die dortigen etwa 185.000 Juden sofort. Einen Tag später verkündete Hitler den Anschluss an das Deutsche Reich.
Besonders in Wien kam es zu öffentlichen Demütigungen und Misshandlungen. Nationalsozialisten drangen in Wohnungen ein und beschlagnahmten Besitz. Geschäftsinhaber wurden unter Druck gesetzt, ihre Unternehmen abzugeben.
Die Geschwindigkeit der Gewalt beeindruckte auch Funktionäre aus dem bisherigen Reich. Österreich zeigte ihnen, wie rasch sich jüdisches Eigentum übertragen und die Auswanderung erzwingen ließ.
Adolf Eichmann wurde nach Wien geschickt. Dort arbeitete er daran, die Ausreise jüdischer Menschen bürokratisch zu beschleunigen. Im August entstand die Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Wer Österreich verlassen wollte, musste verschiedene Behörden durchlaufen und Abgaben entrichten. Die Zentralstelle bündelte diese Schritte und setzte die Betroffenen unter Druck, das Land möglichst schnell zu verlassen.
Auswanderung war damit kaum noch eine freie Entscheidung. Der Staat wollte Juden aus dem Land drängen und zugleich möglichst viel von ihrem Vermögen zurückhalten.
Das Vermögen wird erfasst
Am 26. April 1938 ordnete die Regierung an, dass Juden mit einem Vermögen von mehr als 5.000 Reichsmark ihren Besitz anmelden mussten.
Sie hatten nun gegenüber den Behörden offenzulegen, was ihnen gehörte. Unternehmen und Wertpapiere wurden ebenso erfasst wie anderer größerer Besitz.
Die Registrierung schuf eine wichtige Voraussetzung für die weitere Enteignung. Der Staat wusste nun genauer, auf welches jüdische Vermögen er zugreifen konnte.
Parallel nahm die sogenannte Arisierung zu. Mit diesem Begriff bezeichneten die Nationalsozialisten die Übertragung jüdischer Unternehmen und Geschäfte an nichtjüdische Eigentümer. Die Verkäufer konnten den Preis unter den Bedingungen der Verfolgung kaum frei aushandeln. Häufig mussten sie ihre Unternehmen weit unter ihrem tatsächlichen Wert abgeben.
Davon profitierten nicht nur der Staat und große Unternehmen. Auch private Käufer konnten Geschäfte erwerben, deren Eigentümer zunehmend unter Druck standen.
Ende 1932 gab es in Deutschland mehr als 50.000 jüdische Einzelhandelsgeschäfte. Im Juli 1938 befanden sich davon nur noch etwa 9.000 in jüdischer Hand.

Ein Geschäft verschwindet
Für die Besitzer konnte der Vorgang äußerlich unspektakulär aussehen. Ein Kaufvertrag wurde unterschrieben. Ein neuer Name erschien über der Tür. Der Betrieb öffnete am nächsten Morgen wieder.
Hinter diesem scheinbar gewöhnlichen Eigentümerwechsel stand jedoch staatlicher Zwang. Jüdische Geschäftsleute hatten immer weniger Möglichkeiten, ihre Unternehmen weiterzuführen. Lieferanten konnten abspringen, Kunden fernbleiben. Behörden konnten zusätzliche Hindernisse schaffen.
Wer auswandern wollte, brauchte zudem Geld. Gerade dieser Wunsch erhöhte den Druck, schnell zu verkaufen.
So wechselten Geschäfte den Besitzer, ohne dass SA-Männer dafür jedes Mal Schaufenster einschlagen mussten. Die wirtschaftliche Verdrängung funktionierte zunehmend über Verträge und Behördenentscheidungen.
Die Synagoge in München wird abgerissen
Am 7. Juni 1938 besuchte Hitler das Deutsche Künstlerhaus in München. Anschließend ordnete er den Abriss der nahe gelegenen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße an.
Am folgenden Tag wurde die Israelitische Kultusgemeinde über die Entscheidung informiert. Bereits am 9. Juni begannen die Abbrucharbeiten.
Die jüdische Gemeinde musste das Gebäude kurzfristig räumen und die Kosten für die Abbrucharbeiten selbst tragen. Offiziell wurde später mit Verkehrs- und städtebaulichen Gründen argumentiert.
Der Vorgang zeigte, wie wenig Schutz Eigentumsrechte jüdischer Gemeinden inzwischen boten. Ein Befehl Hitlers genügte, um eine große Synagoge aus dem Stadtbild zu entfernen.
Auch andernorts wurden im Sommer 1938 Synagogen und jüdische Friedhöfe angegriffen. Die offene Gewalt kehrte damit neben die bürokratische Ausgrenzung zurück.
Ärzte verlieren ihre Patienten
Im Juli 1938 griff die Regierung weiter in die berufliche Existenz jüdischer Ärzte ein. Ihre Approbationen sollten Ende September erlöschen. Nur einige erhielten anschließend die Erlaubnis, jüdische Patienten weiter zu behandeln.
Das Regime bezeichnete sie fortan nur noch als sogenannte Krankenbehandler.
Auch jüdische Rechtsanwälte wurden im Herbst mit weiteren Berufsverboten konfrontiert. Die Entwicklung folgte demselben Muster wie bei den Unternehmen: Aus einer schrittweisen Behinderung wurde der weitgehende Ausschluss aus dem Beruf.
Für die Betroffenen schrumpfte damit die Möglichkeit, in Deutschland noch ein eigenes Einkommen zu erzielen. Gleichzeitig wurde eine Auswanderung immer teurer.
Der Staat drängte Menschen zur Flucht und entzog ihnen zugleich die wirtschaftlichen Mittel, die sie dafür benötigten.
Israel und Sara
Am 17. August 1938 folgte eine weitere Vorschrift. Jüdische Männer mussten künftig zusätzlich den Vornamen „Israel“ führen, jüdische Frauen „Sara“, sofern ihr bisheriger Vorname nach nationalsozialistischen Vorgaben nicht ohnehin als jüdisch galt.
Von Januar 1939 an mussten die zusätzlichen Namen im amtlichen Verkehr benutzt werden.

Im Oktober 1938 kam eine Kennzeichnung der Reisepässe hinzu. Pässe jüdischer Deutscher wurden ungültig, sofern sie nicht von einer Behörde wieder zugelassen und mit einem großen „J“ versehen worden waren.
Die Verfolgung war damit zunehmend schon auf den ersten Blick in amtlichen Dokumenten erkennbar. Ein Beamter musste nicht mehr lange in Familienunterlagen suchen. Name oder Pass konnten die Person unmittelbar als jüdisch kennzeichnen.
Dies erleichterte Kontrolle und weitere Benachteiligungen.
Tausende werden an die polnische Grenze gebracht
Ende Oktober 1938 erreichte die Radikalisierung eine weitere Stufe. Polen hatte angekündigt, die Pässe länger im Ausland lebender polnischer Staatsbürger unter bestimmten Bedingungen für ungültig zu erklären. Die deutsche Führung befürchtete, danach auf Tausenden polnischen Juden sitzenzubleiben, die sie loswerden wollte.

Am 27. und 28. Oktober verhafteten deutsche Behörden im Reich lebende Juden polnischer Staatsangehörigkeit. Rund 17.000 Menschen wurden aus ihren Wohnungen geholt und mit Zügen an die polnische Grenze gebracht.
Viele hatten seit Jahren oder Jahrzehnten in Deutschland gelebt.
An der Grenze entstand eine chaotische Situation. Polen ließ zahlreiche Abgeschobene zunächst nicht einreisen. Tausende saßen bei Zbąszyń unter schlechten Bedingungen fest.
Unter ihnen befanden sich die Eltern und Geschwister des siebzehnjährigen Herschel Grynszpan. Er lebte in Paris.
Ein Schuss in Paris

Grynszpan erfuhr von der Abschiebung seiner Familie. Am 7. November 1938 ging er zur deutschen Botschaft in Paris und schoss auf den Diplomaten Ernst vom Rath.
Vom Rath wurde schwer verletzt.
Für die nationalsozialistische Führung bot das Attentat einen willkommenen Anlass, die seit Monaten eskalierende Verfolgung noch einmal zu verschärfen. Die Propaganda stellte die Tat eines einzelnen jungen Mannes als Angriff des gesamten Judentums auf Deutschland dar.
Zwei Tage später starb Ernst vom Rath.
Zu diesem Zeitpunkt befanden sich führende Nationalsozialisten in München. Dort gedachten sie wie jedes Jahr des gescheiterten Putschversuchs von 1923. Am Abend des 9. November erreichte sie die Nachricht vom Tod des Diplomaten.
Noch in derselben Nacht begannen im Deutschen Reich Synagogen zu brennen.
Zum Weiterlesen
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- Ian Kershaw (2009): Hitler 1889–1945 – Standardwerk zur frühen Biographie und zur ideologischen Formierung Hitlers.*
- Volker Ullrich (2013): Hitler. Aufstieg 1889–1939 – gut lesbare Gesamtdarstellung mit starkem biographischem Zugriff.*
- Sebastian Haffner (1981): Anmerkungen zu Hitler – Klassiker.*
Bildnachweis
Titel: Hitler hält eine Rede auf der Wiener Hofburg, 1938. Bundesarchiv, Bild 183-1987-0922-500 / CC-BY-SA 3.0.
Hitler überquert die Grenze: Wikimedia Commons, An album in the private collection of H. Blair Howell. CC BY-SA 4.0.
Ausweisung polnischer Juden: Bundesarchiv, Bild 146-1982-174-27 / Großberger, H. / CC-BY-SA 3.0.
Herschel Grynzpan: Bundesarchiv, Bild 146-1988-078-07 / CC-BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




