Im Jahr 1358 packen deutsche Kaufleute in Brügge ihre Bücher und verschließen ihre Warenkisten. Sie lassen Ballen zum Zwin bringen, über den die Stadt mit der Nordsee verbunden ist. Ihr Ziel liegt gut hundert Kilometer weiter nordöstlich: Dordrecht in der Grafschaft Holland.
Die Händler reisen gemeinsam ab. Ihre leeren Herbergen sollen Brügge zum Einlenken zwingen.
Der Markt des Nordens
Der Auszug ist ein drastischer Schritt, denn Brügge gehört zu den wichtigsten Handelsplätzen Europas. Kaufleute aus dem Mittelmeerraum treffen hier auf Händler aus England und dem Ostseeraum. Aus Flandern kommen hochwertige Tuche, während die deutschen Kaufleute Pelze und Wachs anbieten. Auch Getreide erreicht den Markt auf ihren Schiffen.
Das hansische Kontor besteht in Brügge vor allem aus einer Gemeinschaft von Kaufleuten. Die Händler wohnen in verschiedenen Herbergen und nutzen die Speicher ihrer Wirte. Gewählte Ältermänner vertreten sie gegenüber dem Stadtrat und dem flandrischen Grafen.
Die Wirte vermitteln Geschäfte, stellen Lagerräume bereit und bürgen teilweise für ihre Gäste. Dadurch verdienen viele Einwohner an den auswärtigen Händlern, selbst wenn sie keine eigenen Waren besitzen. Auch Träger und Schiffer leben von den eintreffenden Ladungen.
Streit um alte Rechte
Die deutschen Kaufleute berufen sich auf Vorrechte, die ihnen frühere Herrscher zugesichert haben. Sie verlangen verlässliche Zölle und Schutz vor willkürlichen Beschlagnahmungen. Streitfälle sollen zügig behandelt werden, damit eine Ladung nicht monatelang im Speicher liegt.
In der Mitte des 14. Jahrhunderts häufen sich die Beschwerden. Den Ausschlag für den Boykott gibt 1358 ein Bündel ungelöster Streitpunkte: Forderungen nach Entschädigung bleiben offen, während Brügge und der flandrische Graf einzelne Vorrechte bestreiten. Für einen Händler kann schon eine zusätzliche Abgabe darüber entscheiden, ob sich eine Reise lohnt.
Gesandte mehrerer Städte versuchen zunächst, den Konflikt durch Verhandlungen zu lösen. Schließlich beschließen sie, den Handelsplatz gemeinsam zu verlassen. Die beteiligten Räte untersagen ihren Bürgern die Fahrt nach Flandern und drohen bei Verstößen mit Strafen.
Eine solche Sperre verlangt Disziplin. Wer heimlich weiter nach Brügge liefert, kann wegen der sinkenden Konkurrenz hohe Gewinne erzielen. Zugleich schwächt er den Druck, den die übrigen Städte aufgebaut haben.
Dordrecht übernimmt die Gäste
Dordrecht liegt günstig an den Flusswegen zwischen Rhein und Nordsee. Die Stadt nimmt die abziehenden Kaufleute auf und stellt ihnen Handelsplätze zur Verfügung. Schiffe aus dem Ostseeraum können ihre Waren nun dort löschen.
Der Flandernhandel läuft in kleinerem Rahmen weiter. Tuche bleiben begehrt, und flandrische Verkäufer suchen weiterhin Abnehmer. Viele Geschäfte verlagern sich jedoch aus Brügge. Wer mit den deutschen Kaufleuten handeln will, muss ihnen folgen oder Zwischenhändler einschalten.
In Brügge fehlen unterdessen die Waren aus dem Norden und Osten. Herbergswirte verlieren Gäste, während am Hafen weniger Ladungen umgeschlagen werden. Auch dem Grafen entgehen Einnahmen aus Zöllen. Je länger der Boykott dauert, desto größer wird der Kreis der Betroffenen.
Die Rückkehr
Nach zwei Jahren führen neue Verhandlungen zu einem Vergleich. Die flandrische Seite bestätigt die Rechte der deutschen Kaufleute und sagt Entschädigungen für erlittene Verluste zu. Damit endet die Sperre.
Im Jahr 1360 kehren die Händler nach Brügge zurück. In den Herbergen werden die verschlossenen Räume wieder geöffnet, und am Zwin treffen erneut Schiffe mit Waren aus dem Ostseeraum ein.

Zum Weiterlesen
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Hammel-Kiesow, R. (2025): Die Hanse.*
Wubs-Mrozewicz, J.; Jenks, S. (Hrsg.) (2013): The Hanse in Medieval and Early Modern Europe.*
Bildnachweis
Titel: Zwin. Wikimedia Commons, I, Sylfred1977. CC BY-SA 3.0.


