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Germanicus bei den Ubiern – Köln zwischen Heerlager und Kaiseraltar

Soldaten zeigen ihrem Oberbefehlshaber die Spuren ihres Dienstes. Sie entblößen Narben und die Striemen von Schlägen. Veteranen verlangen ihre Entlassung; manche haben bereits dreißig Jahre oder länger im Heer verbracht. Germanicus steht im Jahr 14 n. Chr. vor aufständischen Legionären am Rhein. Sie fordern bessere Bedingungen und greifen ihre Vorgesetzten an.

Der römische Historiker Tacitus schildert diese Begegnung rund ein Jahrhundert später in seinen Annalen. Seine Erzählung führt zunächst in ein Sommerlager im Gebiet der Ubier. Von dort erreichen die Unruhen auch ihren Hauptort, das oppidum Ubiorum, aus dem Köln hervorgeht. Hier liegen römische Truppen, hier hält sich Germanicus auf. Ein Altar verbindet den Ort zudem mit der Verehrung des Kaisers.

Der Altar der Ubier – Ein Heiligtum bindet führende Germanen an Rom

Die Ubier leben inzwischen auf der linken Rheinseite unter römischer Herrschaft. Ihr Hauptort wächst, während Augustus seine Macht auch jenseits des Flusses ausdehnen lässt. Zur frühen Siedlung gehört die ara Ubiorum, der Altar der Ubier. Das Heiligtum dient dem Kaiserkult: Die Verehrung des Herrschers macht die Bindung an Rom öffentlich sichtbar.

Ein Priester dieses Altars ist namentlich bekannt. Segimundus stammt aus einer führenden Familie der Cherusker, die rechts des Rheins leben. Sein Vater Segestes hält zu Rom. Das Priesteramt zeigt, wie auch Angehörige rechtsrheinischer Gemeinschaften in die römische Herrschaft eingebunden werden sollen.

Im Jahr 9 n. Chr. zerbricht diese Verbindung für Segimundus. Ein von Arminius geführter Aufstand endet mit der Vernichtung von drei Legionen des Statthalters Varus. Nach Tacitus reißt Segimundus seine Priesterbinden ab und flieht zu den Aufständischen. Der Mann, der am Ubieraltar Rom gedient hat, schließt sich dessen Gegnern an.

Augustus stirbt – Germanicus hält zu seinem Nachfolger

Fünf Jahre später erschüttert ein Herrscherwechsel die römischen Truppen. Im August 14 n. Chr. stirbt Augustus. Tiberius übernimmt die Herrschaft. Germanicus, sein Neffe und Adoptivsohn, führt den Oberbefehl über die Rheinheere.

Auch seine Ehe verbindet ihn eng mit dem Kaiserhaus. Seine Frau Agrippina, die zur Unterscheidung von ihrer gleichnamigen Tochter „die Ältere“ genannt wird, ist eine Enkelin des Augustus und eine Tochter Agrippas. Mit ihren Kindern hält sie sich ebenfalls am Rhein auf.

Ein Teil der aufständischen Soldaten setzt auf Germanicus als möglichen Herrscher. Sie bieten ihm Unterstützung an, falls er nach der höchsten Macht greifen will. Damit bedrohen die Unruhen auch die Nachfolge des Augustus. Germanicus weist das Angebot zurück und tritt für Tiberius ein.

Sold und Dienstzeit – Die Legionäre erzwingen Zugeständnisse

Am Niederrhein stehen vier Legionen unter dem unmittelbaren Kommando des Aulus Caecina. Die fünfte und die einundzwanzigste beginnen den Aufstand; die erste und die zwanzigste schließen sich an. Alle vier befinden sich zu diesem Zeitpunkt in einem gemeinsamen Sommerlager im Gebiet der Ubier.

Schwert des Tiberius, um 15 n. Chr.

Ihre Beschwerden betreffen den Alltag des Heeres. Der Sold reicht ihnen kaum, während sie für Erleichterungen im Dienst zahlen müssen. Vor allem die Härte der Vorgesetzten bringt sie auf. Soldaten misshandeln ihre Centurionen, die Offiziere, die den täglichen Dienst beaufsichtigen. Einige werden getötet.

Germanicus versucht, die Truppen mit Zugeständnissen zu beruhigen. Männer mit zwanzig Dienstjahren sollen entlassen werden. Nach sechzehn Jahren sollen sie von den gewöhnlichen Pflichten befreit werden, aber für die Abwehr eines Feindes verfügbar bleiben. Hinzu kommen Geldzahlungen. Die Soldaten drängen auf sofortige Erfüllung; Germanicus und sein Gefolge müssen dafür eigene Mittel bereitstellen.

Anschließend ziehen die erste und die zwanzigste Legion zum Hauptort der Ubier. Tacitus nennt ihre Winterquartiere „beim Altar der Ubier“. Diese Ortsangabe verankert die folgenden Ereignisse am Standort Kölns, auch wenn sich die genaue Lage sämtlicher Unterkünfte archäologisch bislang nicht fassen lässt.

Gesandte in Gefahr – Der Aufstand erreicht den Ubieraltar

Eine Gesandtschaft des römischen Senats trifft im oppidum Ubiorum auf Germanicus. Die Soldaten fürchten, die Männer aus Rom könnten die gerade erzwungenen Zugeständnisse zurücknehmen. Besonders ihr Leiter Munatius Plancus gerät ins Visier.

In der Nacht bedrohen die Aufständischen die Gesandten. Plancus sucht Schutz bei den Feldzeichen der ersten Legion. Ein Adlerträger bewahrt ihn vor dem Tod. Am folgenden Morgen stellt Germanicus ihn vor die versammelten Soldaten und wirft ihnen den Angriff auf die Vertreter des Senats vor. Die Gesandtschaft erhält schließlich eine berittene Eskorte für ihre Abreise.

Auch Germanicus’ Familie ist gefährdet. Er bewegt die schwangere Agrippina dazu, mit ihrem kleinen Sohn Gaius das Lager zu verlassen. Ziel ist das Gebiet der Treverer, deren Hauptort das heutige Trier ist.

Gaius ist bei den Soldaten bekannt. Sie nennen ihn Caligula, „Stiefelchen“, nach den kleinen Soldatenstiefeln, die er trägt. Tacitus schildert, wie der Aufbruch der Familie die Legionäre beschämt: Frau und Kind ihres Befehlshabers müssen bei anderen Schutz suchen. Soldaten bitten um ihre Rückkehr und wenden sich wieder Germanicus zu.

Kameraden richten Kameraden – Die Ruhe kehrt mit Gewalt zurück

Die erneute Unterwerfung führt zu blutigen Abrechnungen. Soldaten ergreifen Männer, die sie als Anführer des Aufstands ansehen, und bringen sie vor den Legionskommandeur. Die versammelten Truppen entscheiden durch Zurufe über ihre Schuld. Verurteilte werden auf der Stelle getötet. Germanicus lässt dieses Vorgehen geschehen.

Bei der fünften und der einundzwanzigsten Legion in Vetera, nahe dem heutigen Xanten, dauert die Meuterei an. Germanicus droht mit einem bewaffneten Eingreifen. Daraufhin organisieren verlässliche Soldaten einen Angriff auf die Aufständischen im eigenen Lager. Auch Männer, die sich am Aufstand nicht beteiligt haben, kommen im Kampf ums Leben.

Noch im Herbst führt Germanicus Truppen über den Rhein gegen die Marser. Tacitus verbindet den Vorstoß mit dem Wunsch der Soldaten, die Schande der Meuterei durch einen Feldzug zu tilgen. Die Gewalt trifft nun die Menschen jenseits des Flusses.

Die Römer überfallen Siedlungen während eines Festes. Sie töten auch Frauen und Kinder und zerstören das Heiligtum der Tanfana. Auf dem Rückweg müssen sie sich gegen Angriffe benachbarter Gemeinschaften behaupten. Danach beziehen die Truppen wieder ihre Winterquartiere.

Feldzüge und Rückkehr – Köln bleibt mit dem Kaiserhaus verbunden

Im Jahr 15 n. Chr. setzt Germanicus die Angriffe fort. Seine Truppen erreichen das Gebiet der Varusniederlage und bestatten die dort liegenden Gebeine. Auch Segimundus begegnet ihm wieder. Der frühere Priester des Ubieraltars kommt als Gesandter seines bedrängten Vaters Segestes. Germanicus nimmt ihn freundlich auf und lässt ihn unter Bewachung auf die linke Rheinseite bringen.

Im folgenden Jahr führen die Römer erneut große Heeresverbände nach Germanien. Sie kämpfen an der Weser und erringen Siege. Doch die Rückfahrt eines Teils des Heeres über die Nordsee endet in einem schweren Sturm. Schiffe gehen verloren, Soldaten ertrinken oder stranden an entfernten Küsten.

Tiberius beendet die Feldzüge. Germanicus bittet um ein weiteres Jahr, um den Krieg abzuschließen; der Kaiser besteht auf seiner Rückkehr. Er verweist auf die bisherigen Erfolge und die schweren Verluste. Die dauerhafte Unterwerfung der Gebiete bis zur Elbe bleibt aus.

Am 26. Mai 17 n. Chr. feiert Germanicus in Rom einen Triumph. Beute und Gefangene werden durch die Stadt geführt. Seine Kinder begleiten ihn auf dem Triumphwagen.

Eine seiner Töchter ist während des Aufenthalts der Familie im Hauptort der Ubier geboren worden, vermutlich im Jahr 15 n. Chr. Sie trägt den Namen ihrer Mutter: Agrippina. Jahrzehnte später wird diese jüngere Agrippina als Frau des Kaisers Claudius die Erhebung ihres Geburtsortes zur römischen Kolonie veranlassen. Ihr Name bleibt in der Stadt am Rhein erhalten.


Agrippina und Germanicus, Peter Paul Rubens, 1614

Zum Weiterlesen

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Jehne, M. (2024): Caesar.*

Eck, W. (2004): Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum. Geschichte der Stadt Köln, Band 1.*

Bildnachweis

Titel: Germanicus besänftigt den Aufruhr in seinem Lager. Gemälde von 1768.

Schwert: Wikimedia Commons, Caeciliusinhorto. CC BY-SA 4.0.

Alle Bilder gemeinfrei.

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