Am Morgen des 18. April 1791 steht die Kutsche der königlichen Familie vor den Tuilerien bereit. Ludwig XVI. möchte Paris verlassen und einige Tage im Schloss Saint-Cloud verbringen. Dort will er die Ostermesse von einem Priester feiern lassen, der den Eid auf die neue Kirchenordnung verweigert hat.
Nationalgardisten und eine Menschenmenge versperren den Weg. Stundenlang sitzt die königliche Familie in der Kutsche. Lafayette versucht vergeblich, die Abfahrt durchzusetzen. Schließlich kehrt Ludwig in den Palast zurück.
Für den König ist der Vorgang mehr als eine Demütigung. Seit Oktober 1789 lebt er in Paris. Nun erlebt er, dass er die Hauptstadt selbst für einen kurzen Aufenthalt nicht verlassen kann. Zugleich arbeitet die Nationalversammlung an einer Verfassung, die seine Macht dauerhaft begrenzen soll. Der Versuch, Monarchie und Revolution miteinander zu verbinden, gerät immer stärker unter Druck.
Der König bekommt eine neue Rolle
Die Nationalversammlung will das Königtum zunächst erhalten. Ludwig XVI. soll an der Spitze des Staates bleiben, künftig jedoch nach einer geschriebenen Verfassung regieren.
Die Abgeordneten nehmen ihm deshalb einen großen Teil jener Möglichkeiten, mit denen französische Könige bisher regiert haben. Gesetze werden von der Nationalversammlung beschlossen. Der König erhält ein aufschiebendes Veto. Er kann ein Gesetz verzögern, aber nicht dauerhaft verhindern.
Auch die Verwaltung des Landes wird neu geordnet. Die alten Provinzen werden durch Départements ersetzt. Viele Ämter werden gewählt. Gerichte arbeiten nach neuen Regeln. Schritt für Schritt entsteht damit ein Staat, in dem die Entscheidungen des Königs an Gesetze und gewählte Körperschaften gebunden sind.
Ludwig XVI. akzeptiert viele dieser Veränderungen öffentlich. Doch sein Verhältnis zur Revolution bleibt widersprüchlich. Er bestätigt Beschlüsse, die seine eigene Stellung schwächen, und sucht zugleich nach Möglichkeiten, verlorenen Einfluss zurückzugewinnen.
Der Streit um die Kirche
Besonders tief greift die Nationalversammlung in die katholische Kirche ein. Bereits am 2. November 1789 hat sie beschlossen, den umfangreichen Grundbesitz der Kirche der Nation zur Verfügung zu stellen. Der Verkauf dieser Ländereien soll dem hoch verschuldeten Staat Geld verschaffen.
Im Juli 1790 folgt die Zivilverfassung des Klerus. Die Zahl der Bistümer wird an die neuen Verwaltungsgrenzen angepasst. Bischöfe und Pfarrer sollen gewählt werden. Der Staat übernimmt ihre Bezahlung.
Für viele Abgeordnete ist das eine folgerichtige Neuordnung. Für zahlreiche Geistliche geht die Versammlung damit jedoch zu weit. Besonders umstritten ist, dass Rom bei der Ernennung französischer Bischöfe weitgehend ausgeschaltet wird.
Der Konflikt verschärft sich Ende 1790. Geistliche müssen einen Eid auf die neue Verfassung leisten. Viele Pfarrer schwören, andere verweigern sich. Unter den Bischöfen lehnt fast die gesamte alte Hierarchie den Eid ab.

Damit erreicht der Streit die Gemeinden. Ein Pfarrer, der jahrelang Taufen vorgenommen und Beerdigungen begleitet hat, kann plötzlich sein Amt verlieren. An seine Stelle tritt möglicherweise ein Geistlicher, den ein Teil des Dorfes ablehnt. Die Entscheidung für oder gegen den Eid trennt Gemeinden und manchmal auch Familien.
Papst Pius VI. verurteilt die Kirchenpolitik der Revolution im Frühjahr 1791 öffentlich. Für viele eidverweigernde Geistliche bestätigt dies ihre Haltung.
Ludwig XVI. trifft der Konflikt persönlich. Er ist ein gläubiger Katholik und zweifelt daran, ob er die Eingriffe in die Kirche mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Die Revolution betrifft für ihn damit nicht mehr nur die Grenzen seiner politischen Macht.
Ein König sucht Hilfe
Während der König öffentlich mit der Nationalversammlung zusammenarbeitet, hält der Hof Kontakt zu Verwandten und anderen europäischen Herrscherhäusern. Besonders Marie Antoinette schreibt an ihren Bruder Leopold II., den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.
Ludwig hofft auf Unterstützung, die ihm wieder größeren Handlungsspielraum verschaffen könnte. Ein unmittelbarer ausländischer Einmarsch ist zu diesem Zeitpunkt jedoch keine einfache Lösung. Die europäischen Monarchen verfolgen die Ereignisse aufmerksam, handeln aber vorsichtig.
Auch innerhalb Frankreichs wächst das Misstrauen gegen den Hof. Emigrierte Adlige sammeln sich jenseits der Grenzen und sprechen offen über eine Wiederherstellung der alten Verhältnisse. Jede Nachricht über solche Aktivitäten verstärkt in Paris den Verdacht, der König könne mit ihnen gemeinsame Sache machen.
Die Ereignisse vom 18. April verschärfen diese Lage. Nachdem die Menge seine Fahrt nach Saint-Cloud verhindert hat, scheint Ludwig zu dem Schluss zu kommen, dass er in Paris kaum noch frei handeln kann.
Die Flucht
In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 verlässt die königliche Familie heimlich die Tuilerien. Ludwig trägt einfache Kleidung und gibt sich als Diener aus. Marie Antoinette reist mit den Kindern und weiteren Begleitern. Eine große Kutsche soll die Familie nach Osten bringen.
Das Ziel liegt in der Nähe der Grenze. In Montmédy stehen Truppen unter dem Kommando des Marquis de Bouillé, dem der König vertraut. Von dort aus will Ludwig unter günstigeren Bedingungen mit der Nationalversammlung verhandeln. Ob er Frankreich endgültig verlassen will, ist in der Forschung umstritten. Sicher ist, dass er sich dem unmittelbaren Zugriff von Paris entziehen möchte.
Der Plan ist aufwendig und riskant. Die schwere Kutsche kommt langsam voran. An verschiedenen Stationen entstehen Verzögerungen. Soldaten, die entlang der Route bereitstehen sollen, fallen auf und wecken Verdacht.
Zudem hat Ludwig vor seiner Abreise eine Erklärung hinterlassen. Darin beklagt er den Verlust seiner Macht und kritisiert wesentliche Entscheidungen der Revolution. Das Schreiben macht es später schwer, die Flucht als bloße private Reise darzustellen.
Varennes
Am Abend des 21. Juni erreicht die Kutsche Varennes. Dort endet die Flucht.
Der Postmeister Jean-Baptiste Drouet hat den König unterwegs erkannt. Er reitet voraus und warnt die Behörden in Varennes. Einwohner versperren die Weiterfahrt. Ludwig versucht zunächst, seine Identität zu verbergen, kann die Anwesenden jedoch nicht überzeugen.
Wenig später treffen Befehle aus Paris ein. Die königliche Familie muss zurückkehren.
Die Fahrt nach Paris verläuft unter Bewachung. An den Straßen stehen Menschen, doch vielerorts bleibt es auffallend still. Die Nationalversammlung hat angeordnet, dem König weder Beifall zu spenden noch ihn zu beleidigen.
Am 25. Juni erreicht die Kutsche die Hauptstadt.

Nach der Rückkehr
Die Flucht verändert das Bild Ludwigs XVI. grundlegend. Bis dahin konnten viele Anhänger der Revolution noch davon ausgehen, dass der König die neue Verfassung zwar widerwillig, aber letztlich loyal mittragen werde. Seine heimliche Abreise und die zurückgelassene Erklärung machen diese Hoffnung schwerer aufrechtzuerhalten.
Trotzdem hält die Mehrheit der Nationalversammlung am Königtum fest. Die Abgeordneten erklären zunächst, Ludwig sei entführt worden. Damit können sie vermeiden, sofort über die Abschaffung der Monarchie entscheiden zu müssen.
Außerhalb der Versammlung wächst jedoch die Forderung, den König abzusetzen. Republikanische Stimmen, die 1789 kaum Gewicht hatten, werden lauter. Im Juli versammeln sich Gegner des Königs auf dem Marsfeld in Paris und verlangen seine Absetzung.
Die konstitutionelle Monarchie besteht weiter. Im September 1791 nimmt Ludwig XVI. die neue Verfassung an. Doch seit Varennes steht eine Frage im Raum, die sich durch keinen Verfassungstext beseitigen lässt: Kann ein König an der Spitze der Revolution stehen, wenn er selbst versucht hat, sich ihrem Zugriff zu entziehen?
Zum Weiterlesen
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- Thamer, H. U. (2023): Die Französische Revolution.*
- Willms, J. (2025): Tugend und Terror: Geschichte der Französischen Revolution.*
Bildnachweis
Titel: Ludwig XIV.
Alle Bilder gemeinfrei.




