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Der Sturz

Innenhof des Palazzo Medici Riccardi.

Piero de’ Medici trat im Herbst 1494 dem französischen König Karl VIII. entgegen. Das Heer des Königs bewegte sich durch Italien, sein Ziel war Neapel. Florenz lag an einem wichtigen Abschnitt des Weges. Piero wollte die Gefahr durch eine persönliche Verständigung abwenden und begab sich ohne Auftrag der Signoria, der Stadtregierung, zu Karl.

Er sagte die Übergabe von Sarzana und Sarzanello zu; auch Pietrasanta sollte an Karl fallen. Mit Pisa und Livorno betrafen seine Zusagen zudem die Verbindungen der Republik zur Küste. Damit wollte er einen Angriff auf Florenz verhindern. Zu Hause erschienen diese Vereinbarungen jedoch als Preisgabe von Rechten und Sicherheiten, über die ein einzelner Bürger nicht eigenmächtig verfügen durfte. Die Reise, die seine Stellung retten sollte, entzog ihr den verbliebenen Rückhalt.

Ein Heer brauchte den Weg nach Süden

Karl beanspruchte das Königreich Neapel aufgrund französischer Erbrechte. Sein Feldzug veränderte die Auseinandersetzungen der italienischen Mächte, die sich bislang untereinander um Einfluss und Gebiete gestritten hatten. Nun bewegte sich ein auswärtiger König mit einem großen Heer durch ihre Herrschaftsräume.

Karl VIII. von Frankreich, Porträt des 16. Jahrhunderts.
Karl VIII. von Frankreich, Porträt des 16. Jahrhunderts.

Für Florenz ging es nicht nur um eine diplomatische Stellungnahme. Befestigte Orte konnten Straßen und Versorgungswege sperren. Pisa und der Zugang zur Küste waren für die Republik wirtschaftlich wie militärisch wichtig. Wer diese Positionen dem König überließ, verschaffte ihm Möglichkeiten, auch nach dem unmittelbaren Durchzug Druck auszuüben.

Eine Verweigerung barg ebenfalls erhebliche Risiken. Die französischen Truppen besaßen eine starke Artillerie und hatten ihre Entschlossenheit bereits gezeigt. Piero stand deshalb vor einer schwierigen Entscheidung. Er gab diese Sicherheiten preis, ohne dass die zuständigen Organe der Republik ihn dazu ermächtigt hatten. Für führende Bürger ging es damit zugleich um die Verteidigung des Gebiets und um ihr Recht, darüber mitzuentscheiden.

Die Verbündeten wandten sich ab

Die Medici hatten über Jahrzehnte auf die Mitwirkung führender Familien gebaut. Piero hatte diese Männer durch die Bevorzugung eigener Vertrauter bereits verärgert. Die Nachrichten über seine Verhandlungen gaben ihnen nun einen konkreten Anlass, sich gegen ihn zu stellen.

Auch die Signoria ließ sich nicht mehr als verlässliches Instrument behandeln, obwohl die Medici an ihrer Auswahl mitgewirkt hatten. Ein Amtsträger konnte der Familie verpflichtet sein und dennoch fürchten, mit Pieros Entscheidungen die Sicherheit seines eigenen Haushalts zu gefährden. Die Aussicht auf den Einmarsch eines fremden Heeres veränderte die Rechnung persönlicher Loyalität.

Anfang November kehrte Piero nach Florenz zurück. Im Verlauf der Unruhen um den 9. November verlor er den Zugang zur politischen Führung und verließ die Stadt. Seine Brüder Giovanni und Giuliano mussten ebenfalls fliehen. Der Versuch, Unterstützung auf der Straße zu mobilisieren, rettete die Stellung des Hauses nicht.

Mit dem Namen der Medici verschwanden allerdings nicht sämtliche Männer, die zuvor mit ihnen regiert hatten. Viele blieben in Florenz und wirkten nun an einer neuen Ordnung mit. Der Sturz traf den Mittelpunkt des bisherigen Gefüges; über die künftige Verteilung politischer Rechte war damit noch nicht entschieden.

Pisa ergriff die Gelegenheit

Der Feldzug löste zugleich die Herrschaft über einen zentralen Teil des Florentiner Gebiets. In Pisa nutzten Einwohner die französische Anwesenheit, um sich von Florenz zu lösen. Der Verlust ließ sich durch Pieros Vertreibung nicht rückgängig machen. Er belastete die Republik noch lange mit militärischen Aufgaben und hohen Kosten.

Florenz in der Pianta della Catena; Faksimile von 1887.
Florenz in der Pianta della Catena; Faksimile von 1887.

Damit hatte die Krise eine räumliche Dimension, die über den Medici-Palast hinausging. Ein Machtwechsel in Florenz brachte nicht automatisch die Untertanenstädte wieder unter Kontrolle. Deren Bewohner verfolgten eigene Interessen und konnten einen auswärtigen Eroberer als Gelegenheit wahrnehmen, eine ältere Abhängigkeit abzuwerfen.

Für die neue Führung stellte sich deshalb eine doppelte Aufgabe. Sie musste im Inneren ein tragfähiges Verfahren zur Regierung finden und nach außen ihre verbliebenen Positionen sichern. Die öffentliche Abkehr von Piero beseitigte die französische Armee vor den Toren nicht.

Der König wohnte im Medici-Palast

Karl VIII. zog am 17. November in Florenz ein. Er nahm im Palazzo Medici Quartier. Das Haus der vertriebenen Familie wurde damit zum Aufenthaltsort eines fremden Königs, mit dem die Stadt ihre Bedingungen neu aushandeln musste.

Die Anwesenheit bewaffneter Truppen machte die Verhandlungen gefährlich. Karl verlangte Geld und militärische Sicherheiten für seinen Weiterzug. Florenz wollte eine Plünderung und eine dauerhafte Besetzung verhindern.

Piero Capponi gehörte zu den vier Florentinern, die die Bedingungen aushandelten. Er wies die französischen Forderungen mit der überlieferten Drohung zurück, auf die Trompeten des Königs mit den Glocken der Stadt zu antworten. Sie konnten die Einwohner zum Widerstand rufen. Karl lenkte ein: Ein Kampf in den Straßen hätte auch seinen eigenen Weiterzug gefährdet.

Auch Savonarola, der Prior von San Marco, trat dem König gegenüber. Seine Predigten hatten eine schwere Prüfung Italiens angekündigt. Vielen Zuhörern erschien der französische Feldzug nun als Bestätigung dieser Warnungen. Der Dominikaner gewann dadurch eine Autorität, die über ein kirchliches Amt hinausreichte.

Der Ausgleich kam zustande. Am 28. November verließ Karl die Stadt und setzte seinen Zug nach Neapel fort. Florenz blieb von einer Plünderung verschont.

Wer sollte die freie Stadt regieren?

Nach dem Abzug ließ sich die Frage der neuen Regierung nicht länger aufschieben. Manche führenden Familien wollten die Herrschaft in einem engen Kreis halten. Andere Bürger verlangten einen breiteren Zugang, nachdem die Verfahren unter den Medici immer stärker eingeengt worden waren.

Savonarola unterstützte die Forderung nach einer größeren politischen Beteiligung. Seine religiöse Botschaft verband sich mit einer sehr weltlichen Auseinandersetzung: Würde der Sturz eines dominierenden Hauses lediglich dessen Verbündete stärken, oder sollten mehr Bürger über Wahlen und Gesetze mitentscheiden?

Die Entscheidung fiel nicht schon mit Pieros Flucht. Sie entstand in den anschließenden Beratungen und im Streit über neue Einrichtungen. Der Palazzo della Signoria blieb der Ort amtlicher Regierung. In der Stadt stand nun aber eine Kanzel, deren Worte die Auswahl möglicher Lösungen erheblich beeinflussten.


Zum Weiterlesen

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Reinhardt, V. (2009): Geld und Freunde. Wie die Medici die Macht in Florenz eroberten.* Darstellung der politischen Verfahren und persönlichen Verbindungen im Florenz des frühen 15. Jahrhunderts.

Reinhardt, V. (2022): Die Medici. Florenz im Zeitalter der Renaissance.* Überblick über die Familie und die politische Gesellschaft der Stadt.

Bildnachweise

Titelbild: Innenhof des Palazzo Medici Riccardi. John Samuel. CC BY-SA 4.0. Bildquelle.

Karl VIII. von Frankreich, Porträt des 16. Jahrhunderts. After Jean Perréal. gemeinfrei. Bildquelle.

Florenz in der Pianta della Catena; Faksimile von 1887. Faksimile von 1887 nach der Pianta della Catena. gemeinfrei. Bildquelle.

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