Kardinal Giovanni de’ Medici geriet im April 1512 nach der Schlacht bei Ravenna in französische Gefangenschaft. Er hatte sich als päpstlicher Legat bei dem Heer befunden, das gegen Frankreich kämpfte. Ausgerechnet die Verbindung, von der sich seine Familie eine Rückkehr nach Florenz versprach, brachte ihn vorübergehend in die Gewalt ihrer Gegner.
Seit der Vertreibung der Medici waren fast achtzehn Jahre vergangen. In Florenz hatte Giovanni keine Regierungsgewalt. Als Kardinal besaß er jedoch weiterhin einen Rang und Handlungsmöglichkeiten, die ihm das städtische Verbannungsurteil nicht nehmen konnte. Seine Laufbahn macht sichtbar, weshalb die Niederlage von 1494 das Haus schwer traf, ohne seine politische Zukunft endgültig zu beenden.
Ein Familienoberhaupt ohne Stadt
Nach der Flucht aus Florenz versuchte Giovannis älterer Bruder Piero mehrfach, die verlorene Stellung zurückzugewinnen. Ende April 1497 zog er mit Unterstützung Sienas gegen die Stadt. Dort stand mit Bernardo del Nero ein Anhänger der Medici an der Spitze der Signoria. Doch die Regierung erfuhr rechtzeitig vom Anmarsch und verstärkte die Verteidigung. Piero musste abbrechen.
Für die Helfer im Inneren blieb das Unternehmen gefährlich. Im August wurden fünf Anhänger der Medici wegen Hochverrats hingerichtet, unter ihnen del Nero. Ein verbundener Amtsträger und Soldaten vor der Stadt hatten nicht genügt, die Republik zu stürzen.
Die republikanische Führung konnte deshalb Gegenkräfte mobilisieren, auch wenn sie selbst unter Rivalitäten litt. Kritik an der Regierung bedeutete nicht automatisch den Wunsch nach einer Rückkehr Pieros. Führende Familien wollten ihre eigenen Ansprüche durchsetzen; im Großen Rat verteidigten weitere Bürger eine politische Beteiligung, die unter den Medici stark begrenzt worden war.
Piero blieb auf die wechselnden Bündnisse der italienischen Kriege angewiesen. 1503 kam er im Zusammenhang mit den Kämpfen am Garigliano ums Leben. Sein Tod entfernte den Mann, der 1492 die unmittelbare Nachfolge Lorenzos übernommen hatte. Für die weitere Politik des Hauses gewann nun sein Bruder Giovanni besonderes Gewicht.
Der Kardinalstitel blieb erhalten
Giovanni hatte seine Würde bereits vor dem Sturz der Familie erhalten. Sie war das Ergebnis von Lorenzos Verbindung zu Papst Innozenz VIII. und gehörte nicht zu den Ämtern, die die Florentiner Republik vergeben konnte. Diese Unterscheidung war im Exil entscheidend.
Ein vertriebener Florentiner Amtsträger verlor mit dem Zugang zu seiner Stadt häufig auch den Ort seiner wichtigsten Beziehungen. Als Kardinal bezog Giovanni kirchliche Einkünfte und gehörte zu den Männern, die den Papst wählten. Seine Verbindungen an der Kurie blieben dadurch auch ohne Florentiner Amt wirksam. Auch er benötigte Geld und verlässliche Verbündete; seine politische Berechtigung musste er aber nicht durch eine Florentiner Ämterprüfung zurückgewinnen.
Der römische Mittelpunkt der Familie bot Unterstützern deshalb eine Alternative. Wer den Medici verbunden blieb, konnte außerhalb der Heimat Gelegenheiten zur Förderung suchen. Kirchliche Laufbahnen und Dienste im Haushalt eines Kardinals ermöglichten Bindungen, die nicht mit einer Ernennung durch die Signoria begannen.
Überleben hieß auch Geld beschaffen
Die Medici verfügten im Exil nicht über die unbeschränkten Mittel, die ihr berühmter Name vermuten ließ. Florentiner Besitz war politisch gefährdet, und die Bank hatte schon vor 1494 an Ertragskraft verloren. Ein standesgemäßer Haushalt kostete weiterhin Geld, gerade wenn er als sichtbarer Mittelpunkt der Familie dienen sollte.
Teile des Bankgeschäfts bestanden gleichwohl unter Tarnadressen weiter. Die Tätigkeit außerhalb von Florenz und die Mitwirkung von Partnern verhinderten, dass alle Möglichkeiten mit einem einzigen städtischen Beschluss verschwanden. Von einem unveränderten Fortbestand der früheren Großbank kann dennoch nicht die Rede sein.
Die Familie musste auf Ressourcen zurückgreifen, die an verschiedenen Orten und bei unterschiedlichen Personen lagen. Damit wurden Verwandte und bewährte Mitarbeiter besonders wichtig. Ihre Dienste ließen sich nicht durch eine allgemeine Verfügung zurückholen. Man musste sie weiter an das Haus binden, obwohl die großen Florentiner Belohnungen vorerst ausblieben.
Die lange Dauer des Exils zeigt die Grenze bloßen Abwartens. 1498 starb Savonarola, doch daraus entstand kein erfolgreicher Rückruf der Medici. Die Republik entwickelte ihre eigene politische Praxis. Selbst ihre heftigen inneren Konflikte reichten nicht aus, um das Haus aus eigener Kraft wieder an die Spitze zu tragen.
Zwischen konkurrierenden Päpsten und Familien

In Rom pflegte Giovanni Beziehungen zu zwei verfeindeten Männern. Kardinal Giuliano della Rovere, ein Neffe Sixtus’ IV., stand Cesare Borgia gegenüber, dem Sohn des neuen Papstes Alexander VI. Cesare wollte in der Romagna ein eigenes Fürstentum schaffen. Giovanni hielt zu beiden Seiten Verbindung. So besaß die vertriebene Familie an der Kurie Fürsprecher, während sie in Florenz ihre früheren Ämter nicht mehr vergeben konnte.
Diese Vermittlungsarbeit war keine Garantie für spätere Unterstützung. Ein Papst verfolgte eigene territoriale Ziele, und ein Bündnis konnte sich ändern. Für Giovanni war es jedoch vorteilhaft, als ansprechbarer und nützlicher Partner zu gelten. Seine Familie besaß damit eine politisch tätige Vertretung, während die Erinnerung an ihre Herrschaft in Florenz umstritten blieb.
Der Aufstieg Giuliano della Roveres zu Papst Julius II. 1503 eröffnete neue Möglichkeiten. Der Papst wollte die französische Stellung in Italien zurückdrängen. Für Florenz, dessen Außenpolitik eng mit Frankreich verbunden blieb, konnte diese Ausrichtung gefährlich werden. Für die Medici bot sie eine Gelegenheit, ihren eigenen Rückkehrwunsch mit einem größeren Krieg zu verknüpfen.
Ravenna entschied die Zukunft noch nicht
Bei Ravenna trafen 1512 französische Truppen auf die Streitkräfte der päpstlich-spanischen Seite. Die Franzosen gewannen die Schlacht, erlitten aber schwere Verluste. Giovanni geriet als päpstlicher Legat in Gefangenschaft. Sein persönlicher Rückschlag fiel damit in einen militärischen Erfolg der Seite, die die Republik Florenz stützte.
Aus dem Schlachtergebnis folgte dennoch keine dauerhafte Sicherung französischer Macht in Italien. Weitere militärische Entwicklungen zwangen die Franzosen zum Rückzug. Giovanni entkam seiner Gefangenschaft und konnte wieder handeln. Eine einzige gewonnene Schlacht hatte das gegnerische Bündnis nicht aufgelöst.
Für die Medici war dieser Unterschied wesentlich. Ihr Schicksal hing inzwischen davon ab, welche auswärtige Macht Truppen nach Toskana führen konnte. Die Familie hatte einen Platz in diesem Bündnis gewonnen, verfügte jedoch weiterhin nicht allein über dessen Ziele und Mittel.
Giovanni stand nun als Kardinal und päpstlicher Beauftragter in einer anderen Lage als sein Bruder Piero bei dessen früheren Rückkehrversuchen. Er musste nicht erst hoffen, irgendeinen Herrscher für eine private Unternehmung zu gewinnen. Sein päpstlicher Auftrag verband die Interessen der Familie mit einem Krieg gegen die französische Schutzmacht von Florenz.
Zum Weiterlesen
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Reinhardt, V. (2009): Geld und Freunde. Wie die Medici die Macht in Florenz eroberten.* Darstellung der politischen Verfahren und persönlichen Verbindungen im Florenz des frühen 15. Jahrhunderts.
Reinhardt, V. (2022): Die Medici. Florenz im Zeitalter der Renaissance.* Überblick über die Familie und die politische Gesellschaft der Stadt.
Bildnachweise
Titelbild: Florenz in der Pianta della Catena; Faksimile von 1887. Faksimile von 1887 nach der Pianta della Catena. gemeinfrei. Bildquelle.
Papst Julius II., Porträt von Raffael. Raphael. gemeinfrei. Bildquelle.



