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Der rote Kautschuk – Gewalt und Geschäft in Leopolds Kongo

Im Mai 1904 fotografiert die britische Missionarin Alice Seeley Harris einen Mann auf der Veranda ihres Hauses in Baringa. Er heißt Nsala und stammt aus dem Dorf Wala. Vor ihm liegen eine abgetrennte Hand und ein Fuß seiner etwa fünfjährigen Tochter Boali. Nach seinem Bericht haben bewaffnete Wächter der Kautschukgesellschaft Abir das Mädchen und seine Frau getötet. Die Männer seien drei Tage vor dem vereinbarten Liefertermin ins Dorf gekommen und hätten geschossen sowie Gefangene gemacht.

Nsala bringt die Überreste seines Kindes nach Baringa, um die Tat anzuzeigen. Die Aufnahme wird später in Europa und Nordamerika verbreitet. Sie zeigt das Leid einer Familie aus einer Region, in der eine Handelsgesellschaft ihren Anspruch auf Kautschuk mit Waffengewalt durchsetzt. Hinter den Lieferungen, die von dort nach Antwerpen gelangen, stehen Menschen, deren Arbeitszeit und Leben die Käufer der Ware kaum kennen.

Soldaten und Schienen – Der König setzt seine Ansprüche durch

Leopold II., zwischen 1891 und 1891

Seit 1885 regiert Leopold II. den Kongo-Freistaat von Brüssel aus. Die internationale Anerkennung verschafft ihm ein riesiges Territorium auf der Landkarte. Um daraus Einnahmen zu beziehen, müssen seine Beauftragten jedoch zunächst vor Ort Macht ausüben. Sie errichten weitere Stationen, schließen Bündnisse und schicken bewaffnete Expeditionen gegen diejenigen, die sich ihren Forderungen widersetzen.

Der König lässt dafür die Force Publique aufbauen. Diese Truppe übernimmt Aufgaben einer Armee und einer Polizei. Europäische Offiziere führen afrikanische Soldaten; zunächst kommen viele Rekruten aus anderen Teilen des Kontinents, später zunehmend aus dem Kongo selbst. Die Besetzung gelingt häufig mithilfe örtlicher Verbündeter, die mit den Neuankömmlingen gegen eigene Gegner vorgehen.

In Katanga endet 1891 die Herrschaft Msiris, der sich Leopolds Vertretern bisher entzogen hat. Am 19. Dezember lässt der Expeditionsleiter William Grant Stairs ohne dessen Zustimmung die Flagge des Freistaats in Bunkeya hissen. Am folgenden Tag erschießt der belgische Offizier Omer Bodson den Herrscher, als er ihn festnehmen soll. Über den Ablauf der Begegnung widersprechen sich die Berichte. Andere Gebiete bleiben noch lange umkämpft.

Auch der Transport soll sich verändern. Zwischen Matadi und Léopoldville versperren Stromschnellen den durchgehenden Schiffsverkehr. Träger müssen schwere Lasten über Land befördern. 1890 beginnt der Bau einer Eisenbahn entlang dieser Strecke; 1898 wird sie eröffnet. Zahlreiche Arbeiter sterben während der Bauarbeiten. Die Verbindung erleichtert anschließend den Warenverkehr zwischen Küste und Landesinnerem. Abseits der Bahn und der schiffbaren Flüsse setzt die Verwaltung weiterhin Träger ein.

Der Zugriff auf den Wald – Landrecht schafft ein Monopol

Die wirtschaftliche Grundlage von Leopolds Herrschaft entsteht durch eine Reihe von Verordnungen. Bereits im Juli 1885 erklärt die Verwaltung sogenanntes herrenloses Land zum Staatseigentum. Was darunter fällt, entscheiden die Kolonialbehörden. Wälder, in denen Dorfgemeinschaften jagen oder sammeln, können dadurch als verfügbar gelten, obwohl sie seit Generationen genutzt werden.

1891 weist Leopold seine Beamten an, die Erzeugnisse der Staatsdomäne, besonders Elfenbein und Kautschuk, für den Freistaat zu sichern. In mehreren Bezirken dürfen Afrikaner diese Produkte fortan nur an dessen Vertreter abliefern. Andere Händler verlieren den Zugang. Der König hatte den europäischen Mächten freien Handel zugesagt; nun beansprucht seine Verwaltung große Teile des Geschäfts für sich.

Daneben vergibt sie weitreichende Konzessionen. Solche Verträge erlauben einer Gesellschaft, die Waldprodukte eines bestimmten Gebiets exklusiv auszubeuten. Eine der wichtigsten Firmen ist die 1892 gegründete Anglo-Belgian India Rubber and Exploration Company, kurz ABIR. Ihre Niederlassungen liegen im Einzugsgebiet der Flüsse Maringa und Lopori. Aus dem Unternehmen wird 1898 die Abir Congo Company, inzwischen mit ausschließlich belgischem Kapital.

Der Freistaat ist an bedeutenden Konzessionsgesellschaften selbst beteiligt und erhält einen Teil ihrer Gewinne. In anderen Regionen betreiben Beamte die Sammlung unmittelbar. Über die Einnahmen einer besonderen Krondomäne verfügt Leopold. Auf mehreren Wegen fließt damit Geld an denselben Herrscher, der über die Gesetze und ihre Durchsetzung entscheidet.

Kautschuk als Abgabe – Arbeit für den Weltmarkt

In den 1890er Jahren wächst die internationale Nachfrage nach Naturkautschuk. Die Industrie braucht ihn unter anderem für Reifen und technische Bauteile. Im Kongobecken lässt sich der begehrte Rohstoff vor allem aus wild wachsenden Lianen gewinnen. Die nötige Arbeit sollen die Bewohner der Waldgebiete leisten.

Männer schneiden die Pflanzen an oder zerlegen ganze Ranken, um den Milchsaft zu gewinnen. Daraus entsteht durch Gerinnung Rohkautschuk. Die Verfahren unterscheiden sich regional, doch intensive Ernte erschöpft die Bestände. Wo die erreichbaren Pflanzen verschwinden, müssen die Sammler immer weiter in den Wald ziehen. Sie bleiben tagelang von ihren Dörfern und der eigenen Arbeit fern.

Die verlangten Mengen gelten als Abgabe. Wer in einem entsprechenden Gebiet lebt, muss regelmäßig Kautschuk liefern. Kleine Gegenleistungen in Waren ändern wenig daran, dass die Betroffenen weder den Käufer noch den Umfang ihrer Verpflichtung frei bestimmen können.

Wie das praktisch aussieht, beobachtet der britische Konsul Roger Casement 1903 in Bongandanga. Bewaffnete Abir-Wächter begleiten Männer zur Firmenstation. Jeder soll drei Kilogramm gereinigten Kautschuk bringen. Ein Agent wiegt die Ladung. Ein Mann, dessen Lieferung nicht genügt, wird festgehalten und von einem Wächter blutig geschlagen. Casement findet bei einem späteren Besuch Gefangene, die für die Station arbeiten müssen, um Fehlmengen abzugelten.

Für europäische Beschäftigte können höhere Erträge zusätzliche Vergütungen bedeuten. Der Druck geht damit von den Geschäftsleitungen über die Agenten bis zu den Sammlern. In deren Dörfern zählt dagegen, ob zwischen zwei Lieferterminen noch genug Zeit bleibt, Nahrung zu beschaffen.

Geiseln und Patronen – Die Mittel des Lieferzwangs

Die Konzessionsgesellschaften verfügen über eigene bewaffnete Wächter. Diese gehören zur Firmenorganisation und sind von der staatlichen Force Publique zu unterscheiden. Der Freistaat räumt Unternehmen allerdings Polizeibefugnisse ein. So erhalten kommerzielle Forderungen Rückhalt durch die koloniale Staatsgewalt.

Kautschuk-Sammler im Wald von Lusambo, 1905

Eine verbreitete Methode ist die Geiselnahme. Wächter halten Frauen und Kinder fest, damit die Männer eines Dorfes die geforderte Ware bringen. Auch lokale Oberhäupter geraten in Haft. Wer Widerstand leistet oder mit seiner Lieferung zurückbleibt, muss mit Misshandlungen rechnen. Strafexpeditionen verwüsten Siedlungen und zerstören Vorräte. Die Chicotte, eine schwere Peitsche, gehört zu den gebräuchlichen Instrumenten körperlicher Bestrafung.

Die abgetrennten Hände, die später zum bekanntesten Bild der Kongogräuel werden, haben dabei unterschiedliche Zusammenhänge. In dokumentierten Fällen müssen Soldaten für jede verschossene Patrone die rechte Hand eines Getöteten vorlegen. Ihre Vorgesetzten wollen so verhindern, dass Munition für die Jagd verbraucht wird. Casement nimmt einen Bericht auf, wonach auch Lebenden Hände abgehackt werden, um anderweitig verbrauchte Patronen zu rechtfertigen.

Die Lieferforderungen und die Aussicht auf Prämien treiben die Gewalt an. Bewaffnete Aufseher verfügen über Gefangene, während Geschädigte nur schwer Zugang zu Gerichten finden. Der Staat verdient an einem Geschäft, für dessen Durchsetzung seine Beamten und die Firmen Gewalt einsetzen.

Dörfer wehren sich – Flucht und zerstörte Lebensgrundlagen

Die Bewohner der Kautschukgebiete versuchen, sich den Forderungen zu entziehen. Sie verlassen ihre Siedlungen, verstecken sich im Wald oder leisten bewaffneten Widerstand. Ende 1905 brennen Aufständische den Abir-Posten Sungamboyo nieder. Solche Gegenwehr macht den Firmen deutlich, dass ihre Herrschaft trotz der Gewehre unsicher bleibt.

Auch Nsalas Angehörige suchen Schutz im Wald. Seine Brüder berichten den Missionaren nach dem Überfall, von vierzehn Tagen zwischen den Lieferungen hätten sie zehn mit dem Sammeln verbracht. Damit lässt sich ermessen, wie weit die Verpflichtung in den Alltag eingreift. Der Wald bietet ihnen einen Zufluchtsort und ist zugleich der Arbeitsplatz, zu dem die Wächter sie zwingen.

Die Folgen reichen über die unmittelbar Ermordeten hinaus. Lange Abwesenheit erschwert die Versorgung der Familien. Geiseln können ihre Felder nicht bestellen; Flucht trennt Menschen von ihren Vorräten und gewohnten Lebensgrundlagen. Unterernährung und Erschöpfung erhöhen die Anfälligkeit für Krankheiten. Epidemien, darunter die Schlafkrankheit, treffen vielerorts bereits geschwächte Gemeinschaften.

Für die Zahl der Toten im gesamten Freistaat fehlen verlässliche Grundlagen. Zu Beginn von Leopolds Herrschaft existiert keine belastbare Zählung der Bevölkerung. Spätere Angaben beruhen auf lückenhaften Erhebungen und Rückrechnungen. Die oft genannte Zahl von zehn Millionen ist daher keine gesicherte Opferzahl. Auch ein geschätzter Bevölkerungsrückgang lässt sich nicht vollständig in zusätzliche Todesfälle übersetzen: Flucht und sinkende Geburtenzahlen verändern die Bilanz ebenfalls. Gut belegt sind dagegen schwere Verluste in besonders ausgebeuteten Regionen, wo Zwangsarbeit und Gewalt es den Familien erschweren, ausreichend Nahrung zu beschaffen.

Die Berichte verlassen den Kongo – Aus Zeugenaussagen wird Protest

Kritik an Leopolds Herrschaft beginnt schon vor dem Höhepunkt des Kautschukbooms. Der afroamerikanische Journalist und Jurist George Washington Williams reist 1890 in den Freistaat. In einem offenen Brief an den König erhebt er schwere Vorwürfe, unter anderem wegen gewaltsamer Übergriffe und der Behandlung afrikanischer Arbeitskräfte. Er verlangt eine internationale Untersuchung. Leopolds öffentlich verkündete Menschenfreundlichkeit hält einer Prüfung vor Ort aus seiner Sicht nicht stand.

An der Wende zum neuen Jahrhundert findet die Kritik einen besonders beharrlichen Organisator. Edmund Dene Morel arbeitet für die britische Reederei Elder Dempster, die Schiffe im Kongohandel einsetzt. Er vergleicht die Ausfuhren aus Afrika mit den Ladungen in die Gegenrichtung. Große Mengen Kautschuk und Elfenbein stehen auffällig geringen Lieferungen gegenüber, die als Bezahlung der Produzenten infrage kommen. Waffen und Munition spielen dagegen eine wichtige Rolle. Morel schließt daraus, dass die Ware mit Zwang beschafft wird.

Er verlässt die Reederei und macht die Zustände im Kongo zum Schwerpunkt seiner journalistischen Arbeit. Missionare senden ihm Beobachtungen und Aussagen von Betroffenen. Daraus entstehen Artikel und Bücher, die wirtschaftliche Angaben mit Berichten über Übergriffe verbinden.

Casements Reise von 1903 gibt der Kampagne weiteres Gewicht. Der Konsul hört Menschen an, untersucht Verletzungen und beschreibt seine eigenen Beobachtungen. Sein 1904 veröffentlichter Bericht macht die Vorwürfe zu einer Angelegenheit zwischen Regierungen. Im selben Jahr gründet Morel mit Unterstützung Casements die Congo Reform Association.

Die Fotografien von Alice Seeley Harris erreichen nun ein großes Publikum. Bei Lichtbildvorträgen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten werden Aufnahmen aus den Kautschukgebieten projiziert. Das Bild Nsalas gehört zu dieser Kampagne. Die Namen einzelner Betroffener, zuvor weit außerhalb der europäischen Öffentlichkeit, stehen plötzlich neben den Handelsstatistiken des Freistaats.

Die Bewegung fordert Reformen und den Schutz der Kongolesen. Viele ihrer Unterstützer halten jedoch weiterhin an europäischer Kolonialherrschaft fest. Auch britische Handelsinteressen spielen eine Rolle im Streit um die Monopole. Der Protest gegen Leopold entwickelt sich deshalb noch nicht zu einer breiten Forderung nach kongolesischer Selbstbestimmung.

Belgien übernimmt – Das Ende der persönlichen Herrschaft

Unter wachsendem Druck setzt Leopold 1904 eine Untersuchungskommission ein. Ihre Mitglieder reisen in den Kongo und nehmen Zeugenaussagen auf. Der 1905 veröffentlichte Bericht bestätigt schwere Missstände, obwohl er die koloniale Herrschaft grundsätzlich verteidigt. Die Befunde stammen jetzt aus einer Untersuchung, die der König selbst veranlasst hat. Das schwächt seine Versuche, die Vorwürfe als feindselige Erfindungen abzutun.

Zugleich gerät das Kautschukgeschäft mancherorts wirtschaftlich in Schwierigkeiten. Im Abir-Gebiet sinken die Ernten. Die Bestände sind erschöpft, Bewohner geflohen oder gestorben; Aufstände erschweren die Sammlung. 1906 übernimmt der Freistaat dort die unmittelbare Verwaltung. Der Zusammenbruch des Geschäfts und die öffentliche Kritik greifen ineinander.

In Belgien wächst die Bereitschaft, die Kontrolle über den Kongo zu übernehmen. Die Verhandlungen mit Leopold ziehen sich hin. Eine Zusatzvereinbarung von 1908 sichert dem König einen Fonds von 50 Millionen Franken zu, den die Kolonie in fünfzehn jährlichen Raten finanzieren soll. Offiziell sind die Mittel für Vorhaben zugunsten des Kongo und zur Unterstützung verdienter Europäer vorgesehen; über ihre Verwendung entscheidet Leopold. Für die Vollendung seiner Bauprojekte in Belgien sieht derselbe Vertrag einen gesonderten Fonds von 45 Millionen Franken vor.

Am 15. November 1908 wird der Kongo-Freistaat zur belgischen Kolonie. Leopolds persönliche Herrschaft endet. Regierung und Parlament in Brüssel tragen nun unmittelbar Verantwortung für das Gebiet und seine Verwaltung.

Die Force Publique bleibt bestehen, ebenso zahlreiche Firmen und ihre Ansprüche. Zwangsarbeit bleibt nach der Übergabe Teil des Alltags. Belgien verspricht Reformen und baut seine Verwaltung aus. Während der Kautschuk an Bedeutung verliert, bereiten Unternehmen in Katanga den groß angelegten Kupferabbau vor. Für die Gruben und ihre Verkehrswege werden erneut Arbeitskräfte gebraucht – und die neuen Kolonialbeamten sollen sie beschaffen.


Zum Weiterlesen

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Vanthemsche, G. (2012): Belgium and the Congo, 1885–1980.* Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Belgien und dem Kongo.

Wesseling, H. L. (1996): Divide and Rule. The Partition of Africa, 1880–1914.* Gesamtdarstellung der europäischen Aufteilung Afrikas und ihrer diplomatischen Voraussetzungen.

Bildnachweis

Titel: Nsala mit den Körperteilen seiner Tochter, 1904.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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